Die politisch Anständigen und der Kitsch

Die politisch Anständigen und der Kitsch

Am 23. Mai 2021 erschien auf „Hallo Meinung“ mein nachstehender Text. Ich glaube, dass er in Tiefenschichten unserer politischen Kommunikationsprobleme hineinführt. Und je mehr Leute verstehen, was sich in jenen Tiefenschichten vollzieht, um so besser werden die Chance stehen, dass wir in ein, zwei Jahren wieder zu einer halbwegs vernunftgeleiteten politischen Gesprächskultur kommen.

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Lange schon gilt bei politischen Debatten nicht mehr das als interessant, was genau jemand sagt, und ob das, was da gesagt wird, auch mit den Tatsachen übereinstimmt. Beklagt da beispielsweise jemand, dass die CDU Platz für die AfD gemacht hat – oder wird einfach ein Rechtsruck der CDU verlangt? Ist es vielleicht wirklich so, dass die AfD ehemalige CDU-Wähler anzieht – und man sich deshalb überlegen könnte, wie dem zu wehren sei? Egal, wir wollen so etwas ohnehin nicht hören; und darüber politisch nachdenken wollen wir schon gleich gar nicht! Sonst müssten wir vielleicht gar Schlussfolgerungen ziehen, die wir eigentlich ablehnen. 

Viel wichtiger ist bei politischen Debatten seit langer Zeit, dass auch „anschlussfähig“ ist, was da gesagt wird – und zwar anschlussfähig an das, was zu denken und zu sagen sich gehört. Weil es sich aber anscheinend nicht gehört, dass irgend eine vernünftige Partei für Leute rechts von der rechten Mitte da ist, ist die Forderung eben auch nicht „anschlussfähig“, die CDU solle Leute, die sich als rechts verstehen, lieber an sich binden, als sie einer Partei zuzutreiben, die sich klar als rechts empfindet.

Doch woran erkennt man, dass sich Gedanken oder Aussagen „gehören“? Klar doch: daran, dass alle, die als anständig gelten, derlei Dinge wenn schon nicht selbst denken, so doch zumindest sagen ! Deshalb ist es auch wichtig, wer sonst noch etwas sagt. Wenn beispielsweise die anständige Angela Merkel erklärte, die CDU sollte auch ihre konservative Wurzel pflegen, dann wäre die Forderung durchaus anständig, die CDU solle auch für Konservative da sein. Wenn das aber jemand vom unanständigen Krebsgeschwür namens WerteUnion sagt, dann ist eine solche Forderung gewiss unanständig.

Und woran erkennt man, wer politisch anständig ist? Daran, dass andere Anständige mit ihm Umgang pflegen! Wer etwa zu den Gesprächsrunden der Damen Will und Maischberger für eine andere Rolle eingeladen wird als die des Krokodils, das im Kaspertheater zum Gaudium des Publikums verprügelt wird, der – oder die – ist anständig. Wer in der TAZ oder im Spiegel schreibt, der – oder die – ist anständig. Wer von den Damen Baerbock und Neubauer gelobt wird, der – oder die – ist anständig. Und auf wen etwas von alledem nicht zutrifft, der – oder die – möge bitte erst einmal nachweisen, dass er – oder sie – vielleicht trotzdem soweit anständig wäre, dass er – oder sie – das Gehörtwerden oder das Gelesenwerden vielleicht doch verdient.

In den Sozial- und Geisteswissenschaften formuliert man die gleichen Zusammenhänge seit vielen Jahren so: Weil alles Wissen nur eine Konstruktion sei, die auch anders ausfallen könnte, ließe sich von Tatsachen gar nicht mehr sinnvoll sprechen. Das einzige, was es gäbe, wären Erzählungen (feierlich „Narrative“ genannt), die es sinnvoll machten, etwas wie eine Tatsache oder wie eine Nicht-Tatsache zu behandeln. Womit man sich wirklich auseinandersetzen müsse, wären also nicht Tatsachen – und schon gar nicht so triviale wie das Vorkommen oder womögliche Nichtvorkommen von Hetzjagden einst in Chemnitz, oder wie der außergewöhnlich hohe oder womöglich unterdurchschnittliche Bildungsstand der meisten Migrantinnen und Migranten, die Deutschland im Jahr 2015 aufgenommen hat. Fragen danach führten bloß in die Irre, denn es gehe gar nicht um sogenannte „Tatsachen“. Deren Vorliegen oder Nichtvorliegen könne doch ein jeder behaupten. Also gehe es notwendigerweise um jene Erzählungen oder „Narrative“, in deren Rahmen etwas plausiblerweise als eine Tatsache gelten könne.

Und also muss man nun auch „anständige“ Erzählungen von „unanständigen“ Erzählungen unterscheiden. Anständig ist die Erzählung, wie sich – gottlob – bei Berichten über Chemnitzer Hetzjagden die Anständigen gegen die Unanständigen durchgesetzt haben. Und anständig ist die Erzählung, dass Deutschland im Jahr 2015 Grenzkontrollen weder technisch durchführen konnte noch rechtlich durchführen durfte noch moralisch überhaupt in Erwägung zu ziehen hatte. 

Doch woher weiß man, dass genau diese Erzählungen anständig sind? Erstens: Anständige Erzählungen sind anschlussfähig an das, was die Kanzlerin und die Grünen sagen; was aber an das anschlussfähig ist, was man bei PEGIDA und der AfD hört, das ist unanständig. Und zweitens: Anständig ist, was im Fernsehen oder im SPIEGEL oder in der TAZ verbreitet wird; unanständig ist hingegen, was man im Compact Magazin oder bei Tichys Einblick liest.

Deutscher Meister beim Ringen um anständige Großerzählungen war übrigens der einstige SPIEGEL-Journalist Claas Relotius. Der bekam jahrelang wohldotierte Aufträge für anständige Geschichten, für die er sich dann die passenden Tatsachenbehauptungen zusammensuchte – oder diese eben erfand. Gerade dieses Verfahren erzeugte die allerwohligsten Resonanzen zwischen den Texten von Relotius und jenen Anständigen im Lande, die gerne Anständiges lesen sowie anderen Anständigen weitererzählen. Also erhielt Relotius einen Preis nach dem anderen. Und als ein Journalistenkollege misstrauisch wurde, hätte sein Nachbohren zunächst fast ihn die weitere Karriere gekostet, nicht aber Relotius. Denn wie kann man nur so unanständig sein, einen Anständigen für Texte mit anständigem Inhalt anzugreifen!

Entlang solcher Anstandsregeln sind wir inzwischen in eine Welt voll von politischem Kitsch gelangt. Und woran erkennt man Kitsch? Am gleichen Merkmal, das Madonnenbilder aus dem 19. Jh. von solchen aus dem Mittelalter unterscheidet. Das ist die penetrante Frömmigkeit im Gesichtsausdruck, das 150-Prozentige bei der Überhöhung des Guten, Wahren und Schönen. So verstanden, lässt sich als Hauptmerkmal von Kitsch festhalten: Klischees werden als die Wirklichkeit ausgegeben und gerade so für die Wirklichkeit selbst genommen, als ließe sich ein Klischee gar nicht als ein solches erkennen oder hinterfragen – und als dürfe anständiger Kitsch schon gleich gar nicht kritisiert oder für lächerlich befunden werden. 

Mir scheint: Mit vielen unserer moralisch aufgeladenen und rhetorisch aufgeheizten Debatten verhält es sich gerade so wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Dort sah zwar ein jeder, dass diese – bei einem Festzug vorgeführt – reine Einbildung waren, dass also der gute Mann inmitten seines Hofstaats in grotesker Nacktheit daherkam. Doch keiner traute sich, wie jenes Kind zu sein, das da einfach laut fragte: „Macht es eigentlich gar nichts, wenn der Kaiser nichts anhat?“ Im Märchen erkannten dann wenigstens die Umstehenden jenen kollektiven Schwindel, bei dem sie mitgewirkt hatten. Doch der Kaiser mit seinen Hofschranzen entschied, diese Lage müsse man einfach aushalten – und setzte den Festzug so fort, als würde dadurch der Schein auch schon zur Wirklichkeit. 

Bis heute beobachten wir, wie solchem Schein verlässlich zu einer Wirklichkeitsgeltung verholfen werden kann, die er eigentlich gar nicht hat. Denn Tag für Tag machen uns anständige Leute vor, wie mit jemandem umzugehen ist, der den als schönen geltenden Schein in Frage stellt. Sie rufen nämlich: „Du bist naseweis, dreist, böswillig, ahnungslos, respektlos, schlicht unanständig!“ Und fällt die Zurechtweisung – alsbald auch die soziale Ächtung – dessen scharf genug aus, der da allseits wertgeschätzte Klischees nicht gelten lassen will, dann stehen die Chancen gut, dass auch andere nicht wieder auf die Idee kommen, Kitsch einfach Kitsch zu nennen und als solchen zu behandeln.

Ich habe den Eindruck, dass sich allzu viele in unserem Land teils naiv, teils ängstlich an der Erzeugung und Verbreitung von politischem Kitsch beteiligen. Mir scheint auch, dass vielen zwar schwant, es wäre so mancher Kaiser ziemlich nackt, dem wir da öffentlich huldigen. Und mir scheint auch, dass viele sehr wohl empfinden, andere sähen den Kaiser ebenso nackt, wie man selbst ihn erkennt. Doch es fassen, soweit ich sehe, nur vergleichsweise wenige Leute den Mut, solche allgemeinen Verblendungszusammenhänge ebenso einfach um ihre Wirkmacht zu bringen wie das Kind im Märchen mit der schlichten Frage, ob es denn wirklich gar nichts ausmache, wenn beobachtbare Tatsachen dem widersprächen, was man einander im wechselseitigen Einvernehmen so erzähle.

Stellen wir also – beispielsweise – die folgenden Fragen: Wie toll steht Deutschland, wie gut steht die CDU, nach 16 Jahren Kanzlerjahren Angela Merkels wirklich da? Wie viele Ärzte und Ingenieure waren tatsächlich unter den Migranten von 2015, und in welchem Verhältnis steht ihr Anteil zu jenen, die hier zwar einst guten Willens begrüßt wurden, anschließend aber besitzmäßig oder kämpferisch oder sexuell übergriffig geworden sind? Wie stehen die Chancen dafür, dass die neu ins Land Gekommenen durch ihre Steuern und Sozialabgaben unsere Sozial- und Rentenkassen eher füllen statt als Hartz IV-Empfänger leeren? Welcher Anteil am Antisemitismus in Deutschland quillt aus der länger schon im Land lebenden Gesellschaft auf – und welchen Anteil am Antisemitismus in Deutschland haben Zuwanderer aus dem Nahen und Mittleren Osten mitgebracht?

Mancherlei Entsetzen wurde neulich geäußert über jene stark migrantisch geprägten Protestaktionen, die nicht einfach nur anti-israelisch waren, sondern ganz klar auch anti-jüdisch und anti-semitisch. Dieses Entsetzen war anscheinend ehrlich. Das lässt hoffen, dass eines Tages vielleicht doch wieder Ernsthaftigkeit ins politische und politisch-mediale Gewerbe einzieht. Dass also irgendwann nicht mehr allein wichtig ist, wie man etwas zum eigenen Vorteil hinstellen kann. Dass mehr und mehr Bürgerinnen und Bürger, Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politiker lieber genau wissen wollen, was wirklich der Fall ist. Und dass immer öfter solches Wissen – statt eines bloßen Dafürhaltens oder Bewertens aufs Geratewohl – dann auch zur Grundlage solcher Debatten wird, bei denen man gutwillig aufs gemeinsame Lösen von Problemen ausgeht, die uns alle betreffen. 

Wie schön wäre es, wenn es allmählich so käme! Deshalb trage fortan jeder seinen eigenen Anteil dazu bei, dass der etablierte Handel mit politischem Kitsch bald wieder durch kritische Vernunft und durch einen nüchternen Tatsachenblick abgelöst wird. Daran mitzuwirken, wäre nämlich wirklich anständig.

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