Der Atticus-Flop

Im Kino ist ein Flop ein erfolgloser Film. Beim Basketball versteht man unter einem Flop das Vortäuschen gegnerischen Foulspiels. Beim Streit um eine von mir verfasste Kolumne über das politische Glaubenwollen der Deutschen in der Sächsischen Zeitung vom 16. September 2016 produzierte Atticus e.V. in beiden Wortbedeutungen einen Flop.

Um den Gegenstand zu begreifen, an dem sich Atticus e.V. verrannte, mag es hilfreich sein, in die folgenden meiner zweiwöchentlichen Kolumnen in der „Sächsischen Zeitung“ zu blicken. Sie entfalten nämlich – aufeinander aufbauend – genau das Thema, um das es mir ging und weiterhin geht:

In völliger Verzeichnung dessen, was meine Position wirklich ist, sprang am 19. September 2016 Atticus e.V. mit einer breit gestreuten Pressemitteilung wie ein Tiger auf mich los. Man landete dann freilich als Bettvorleger, der sich obendrein um Unsichtbarkeit bemüht.

„Beschämendes für die ganze TU Dresden“, „grober Unfug“, ja das Überschreiten einer „roten Linie“ wurde von Atticus e.V. an meiner Kolumne vom 16. September denunziert, ganz offensichtlich in der Hoffnung auf großes Echo (siehe https://www.facebook.com/atticusdresden/photos/a.1134079956665142.1073741828.1102810633125408/1227743873965416/?type=3&theater). Das Motiv für jenen Skandalisierungsversuch legte bereits der erste Satz offen: „Die Äußerungen von Prof. Dr. Werner J. Patzelt von der TU Dresden missfallen uns schon lange“. Nun schien wohl der Zeitpunkt gekommen, die Quelle solchen Missvergnügens zum Versiegen zu bringen. Allerdings hat sich bei solchen Versuchen schon so mancher überschätzt und übernommen.

Anscheinend des eigenen argumentativen Könnens sowie der eigenen Anklageautorität ungewiss, hatte Atticus e.V. zwei Kollegen des Beschuldigten als Kronzeugen aufgeboten: Hajo Funke aus Berlin, Karl-Siegbert Rehberg aus Dresden. Deren moralischer und intellektueller Kredit sollte gleichsam auf die Attacke von Atticus e.V. übertragen werden. Die Pressemitteilung von Atticus e.V. bestand denn auch weithin aus Passagen, die den Stellungnahmen der Kollegen Funke und Rehberg entnommen waren. Tatsächlich dankte man beiden dort ausdrücklich „für die Unterstützung und Zitate“.

Hajo Funke schrieb seinem Dresdner Kollegen ein ethnozentrisch verrohtes, demagogisches Gemüt“ zu, Karl-Siegbert Rehberg eine „polemische Verzerrungsabsicht“ und „schiefe Vergleiche“. Ein Journalist des Deutschlandfunks, doch freilich der allein, war von solchen Tönen so beeindruckt, dass er gleich bundesweit vom – wieder einmal! – in Dresden zutage tretenden Unrat berichtete (http://www.deutschlandfunk.de/besorgte-buerger-politikwissenschaftler-patzelt-wegen.680.de.html?dram:article_id=366466).

Großspurig verkündete Atticus e.V. obendrein, man werde „einem öffentlichen Diskurs, wenn dies Prof. Patzelt wünscht, […] selbstverständlich nicht aus dem Weg gehen“. Irgendwie legte diese Formulierung nahe, der Beschuldigte könne einen solchen Diskurs – anscheinend wegen ‚allzu erdrückender Beweislast‘ – gar nicht wollen. Doch wieder einmal war da die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ich pflege ja Attacken nicht wegzulächeln, sondern mich ihnen zu stellen – und dann auch zu gewinnen.

Also eröffnete ich den angebotenen „öffentlichen Diskurs“ gleich am 20. September mit einem – außerdem über meine Facebook-Seite bekannt gemachten – Blogbeitrag mit dem Titel „Ein Skandal um Nazivergleiche?“ (siehe http://wjpatzelt.de/?p=965). Anschließend gab Atticus e.V. in dieser Sache keinen vernehmbaren Pieps mehr von sich. Diese wackeren Alarmisten verharrten auch dann im Schweigen, als ich in zwei weiteren Blogbeiträgen sie und ihre akademischen Belastungszeugen mit milder Ironie zu provozieren unternahm: „Atticus und seine Professoren“ (28. September, http://wjpatzelt.de/?p=986), sowie „Das Schweigen der Unschuldslämmer“ (vom 4. Oktober, http://wjpatzelt.de/?p=1023).

Damit reihen sich diese zunächst großmäuligen, dann verstummten Kritiker in eine inzwischen schon längere Reihe von Leuten ein, die mir mit Empörungslust weit oberhalb ihres tatsächlichen Debattierkönnens kamen:

Nur der Dresdner Kollege Gerd Schwerhoff sowie mein Kolumnenpartner Michael Bittner hatten je den Mumm, auf meine Repliken zu ihren Kritiken zu antworten; die einschlägigen Texte sind unschwer auf meinem Blog wjpatzelt.de aufzufinden. Ganz übereinkommen sind wir drei beim weiteren Meinungsaustausch zwar nicht. Doch das ist auch nicht das Wesentliche. Dieses besteht vielmehr darin, dass man vorgebrachte Behauptungen und Argumente wechselseitig prüft, dann Irrtümliches korrigiert und – idealerweise – sich von vornherein darauf einstellt, Aussagen erst gar nicht in die Welt zu setzen, zu denen man anschließend nicht mit guten Gründen stehen kann.

So aber halten es allzu wenige. Zur unrühmlichen Reihe derer, die nur aggressive Sprechblasen mit Heißluft füllen, anschließend aber jede inhaltliche Debatte meiden, gehören auch gar nicht wenige Kommentatoren auf meiner Facebook-Seite. Gerade jene, die mit den schärfsten Vorwürfen aufgetreten waren, ja auch noch forderten, der Rektor der TU Dresden möge mich von meinem Lehrstuhl entfernen, haben nämlich ihre Einträge inzwischen mitsamt meinen Antworten gelöscht. Einer von jenen Kritikern hatte sogar die Unverfrorenheit, mich durch einen Rechtsanwalt – seinerseits auch Spitzenpolitiker einer sächsischen Landtagspartei – zur Unterzeichnung einer Erklärung dahingehend aufzufordern, ich würde nie wieder aus Texten zitieren, welche dieser Kritiker auf meine Facebook-Seite gestellt hatte. Wie leichtfertig werden wohl Positionen bezogen, die in so wenig respektabler Weise vertreten werden?

Leichtfertigkeit fand sich wohl auch bei meinen Kollegen Funke und Rehberg, den von Atticus e.V. gegen mich aufgebotenen Kronzeugen. Ich habe beide unmittelbar nach Bekanntwerden ihrer Aussagen gebeten, mir die Gründe zu nennen, die sie zu ihren Einschätzungen führten. Es bedurfte dann schon hartnäckigen Nachhakens, um von ihnen überhaupt Antworten zu erlangen. Mit ausdrücklicher Autorisierung beider Kollegen dokumentiere ich an anderer Stelle (siehe http://wjpatzelt.de/?p=1045) den gesamten Schriftwechsel mit ihnen. An ihm ist dreierlei aufschlussreich.

  • Erstens ist das Bemühen unverkennbar, eine vernünftige kollegiale Beziehung aufrechtzuerhalten. So werde ich es auch meinerseits halten.
  • Zweitens fällt auf, wie sorgsam jede Auseinandersetzung mit jenen Argumenten vermieden wird, die ich meinerseits in den Gedankenaustausch eingebrachte. Hajo Funke gelangte immerhin zur Aussage, nun verstünde er mich besser; Karl-Siegbert Rehberg indessen meinte, „subtileren und vielschichtigeren Argumenten“ könne ich wohl nicht folgen. Letzteres lässt sich unter http://wjpatzelt.de/?p=1045 im ausführlich dokumentierten Schriftwechsel von jedermann leicht nachprüfen.
  • Drittens springt schon sehr die – wie auch immer bewirkte – Unfähigkeit beider Kollegen ins Auge, den folgenden Satz aus meiner Kolumne vom 16. September wie einen normalen deutschen Satz zu verstehen: „Gewiss war kein abscheulicher Krieg, sondern eine an menschlicher Schönheit schwer zu übertreffende Willkommenskultur, in was vor einem Jahr so viele hineingingen ‚wie in einen Gottesdienst‘“. Klar sagt dieser Satz einesteils, dass das eine ein „abscheulicher Krieg“, das andere hingegen eine „an menschlicher Schönheit schwer zu übertreffende Willkommenskultur“ war; und andernteils behauptet er ebenso klar, dass „Krieg“ und „Willkommenskultur“ zwei höchst verschiedene Dinge sind. Dass es sich auf der sachlichen Ebene anders verhalten könnte, dürfte jedem als ganz abwegig erscheinen. Umso mehr verwundert, dass ausgerechnet zwei Kollegen, die mich persönlich kennen, mir derart abwegige Aussagen zuschreiben und mich anschließend für ein solches Hirngespinst auch noch kritisieren. Denn die Deutung der Kollegen Funke und Rehberg, desgleichen die von Atticus e.V., ging schlicht dahin, ich hätte „Krieg“ und „Willkommenskultur“ gleichgesetzt sowie eben dadurch alle jene beleidigt, welche Willkommenskultur praktizierten. Was mag nur in einem Wissenschaftler vorgehen, der einen so klaren Satz wie den meinen in völlig sinnverdrehter Weise auffasst? Und was nur mag einem Kollegen fehlen, der sich auch mit einigem Abstand nicht zur Aussage durchringen kann, nicht ich hätte Falsches geschrieben, sondern er habe Falsches verstanden?

Immerhin haben sich die Kollegen Funke und Rehberg überhaupt auf einen Gedankenaustausch eingelassen. Atticus e.V. tat das hingegen nicht, obwohl seine Pressemitteilung überhaupt erst den ganzen Vorgang ausgelöst hatte. Doch leicht versteht man solches Kneifen: Es macht einfach keinen Spaß, die weiße Fahne zu hissen, nachdem man zuvor mit siegesfrohem Hurra in einen scheiternden Angriff geeilt ist.

Unterm Strich gilt auch für Atticus e.V., die im September 2016 meine kollektiven Kritiker waren, was ich schon über meine kollektiven Kritiker vom Februar 2015 gesagt hatte, nämlich anonyme Flugblattverfasser, den Fachschaftsrat der Philosophischen Fakultät sowie Mitarbeiter am Dresdner Institut für Politikwissenschaft: Sie verhielten sich „diskursiv schwach, intellektuell unfruchtbar, persönlich mutlos“. Damals schon hatte ich mir überlegt, ob es statt „mutlos“ nicht besser „feige“ heißen sollte. Und wirklich: Genau dies wäre das zutreffende Eigenschaftswort!

 

Bildquelle: http://roanereader.com/emory-river-rats-bellyflop-championship-2014/