Ein Vorbild journalistischer Achtsamkeit: das Redaktionsnetzwerk Deutschland

Ein Vorbild journalistischer Achtsamkeit: das Redaktionsnetzwerk Deutschland

Immer wieder gibt es Gelegenheit, Amüsantes über die Lust des deutschen Journalismus mitzuteilen, von Politischem auf bestmöglicher Informationsgrundlage zu berichten. 

Gestern spätnachmittags erhielt ich, beispielsweise, eine E-Mail von einer Mitarbeiterin des Redaktionsnetzwerks Deutschland mit dem folgenden Inhalt:

Man sei auf der Suche nach einem Interviewpartner, der sich mit Ungarn auskenne. Inhaltlich solle es um den anstehenden Besuch des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu in Ungarn gehen, desgleichen um dessen Beziehung zum ungarischen Ministerpräsidenten. Da dieser Besuch schon am Mittwoch anstehe und „sehr viele angefragte Ansprechpartner“ abgesprungen seien, wäre es schön, wenn wir gleich am Folgetag morgens etwa eine halbe Stunde lang sprechen könnten. Alternativ hülfe auch schon eine knappere Einschätzung meinerseits für einen Vorbericht statt eines umfassenden Interviews.

Weil ich mich mit diesem Thema auskenne, sagte ich umgehend zu, gerade auch in Anbetracht der Verpflichtung Ungarns zur Verhaftung und Auslieferung Netanjahus im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs. Keine Viertelstunde später erhielt ich eine E-Mail der gleichen Journalistin: Man sei jetzt doch von der Idee eines Wortlautinterviews abgerückt; sie hätte aber dennoch einige Fragen zu stellen. Ich schlug vor, heute Morgen gleich um 9:00 Uhr zu telefonieren.

Kurz vor neun erhielt ich den Anruf jener Journalistin. Sie teilte mir mit, ihre Vorgesetzten hätten sie zurückgepfiffen: Weil dieser Patzelt Ungarn gegenüber doch unkritisch eingestellt sei, wolle man kein Gespräch mit ihm führen und sich deshalb nach einem anderen Gesprächspartner umsehen. Ich wünschte dafür gutes Gelingen und ansonsten noch einen schönen Tag.

Aus diesem Vorgang lässt sich einerseits lernen, dass den Tonangebenden beim Redaktionsnetzwerk vor allem das als anhörenswert gilt, was sie gerne hören. Andernteils lässt sich einmal mehr das Ausmaß der Lust dieses Netzwerks am Recherchieren einschätzen.

Als sachkundig über Ungarn gelte ich deshalb, weil ich 2023 – als Ergebnis eines mehrmonatigen Studienaufenthalts in Budapest – ein 470-Seiten-Buch über Ungarns Geschichte, Regierungssystem und Politik veröffentlicht habe (Ungarn verstehen. Geschichte, Staat, Politik, München, Langen Müller Verlag, 2023). Es wurde ein Jahr später mit dem Buchpreis der Internationalen Tourismusbörse Berlin in der Kategorie LÄNDERWISSEN AKTUELL ausgezeichnet. 

Bei Rezensenten im SPIEGEL und in der FAZ fand dieses Buch allerdings kein Wohlgefallen (siehe dazu auch https://wjpatzelt.de/2024/02/25/zu-kritiken-meines-ungarn-buches/).

Beide konzentrierten sich auf jeweils wenige Seiten des Kapitels 5 mit dem Titel „Orbán-Land“. Dort referiere ich unter der Überschrift „Orbán-Land!“ auf S. 405-425 alle Kritik, die am heutigen Ungarn geübt wird, und zwar unter Verwendung der schärfstmöglichen Formulierungen. Dann gebe ich unter dem Titel „Orbán-Land?“ auf S. 426-455 – unter wiederum ziemlicher Worttreue – wieder, wie Ungarns Fidesz-Regierung sich selbst und ihre Politik versteht. Und unter der Überschrift „Zweierlei Wahrheit?“ biete ich dann auf S. 456-467 dem Leser nicht weniger als acht „Deutungsschlüssel“ an, mit denen er sich ein eigenes Urteil über Ungarn und seine derzeitige Regierung erarbeiten kann. Dieses Vorgehen entspricht genau dem – von mir seit Jahrzehnten befolgten – Grundsatz der politischen Bildungsarbeit, dasjenige, was in Politik und Wissenschaft umstritten ist, auch in eben dieser Widersprüchlichkeit darzustellen.

Damit dieser Grundsatz politisch-bildnerisch wirksam wird, müssen die Leser dann aber schon auch ihrerseits mehr zur Kenntnis nehmen wollen als das, was sie zum Zweck eigener Begeisterung oder Empörung am liebsten bestätigt bekommen möchten. Tatsächlich haben sich etliche Leser bei mir wütend beschwert, ich sei ein blindwütiger Ungarn-Kritiker und in keiner Weise um Objektivität bemüht. Die haben halt nur den Abschnitt über „Orbán-Land!“ wahrgenommen. Andere, wie die Kritiker von FAZ und SPIEGEL, schrieben mir – vom Redaktionsnetzwerk Deutschland gerade so auch unkritisch geglaubt – „regierungsfreundliche PR“ zu, also „Orbán-Propaganda“. Die haben halt nur das Kapitel „Orbán-Land?“ zur Kenntnis genommen. 

Mein Fazit, und zwar unter besonderer Berücksichtigung des heutigen Datums, nämlich des ersten April: 

Man darf Deutschlands Medien und Redaktionsnetzwerken bei der Berichterstattung gerade über umstrittene Themen uneingeschränkt vertrauen, denn sie bemühen sich nachweislich voller Sorgfalt und Umsicht, die Wirklichkeit aus so vielen Perspektiven wie nur möglich zu betrachten. Anschließend stellen sie das dank bestmöglicher Information Erkannte dem Leser ohne jegliche Bevormundung dar. Schon gar nicht lassen sie sich jemals durch eigene Voreingenommenheit an weiteren Lernprozessen hindern. Würde sich doch nur jeder im Lande so vorbildlich verhalten wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland!

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