Was hält eine Gesellschaft zusammen?

Heute erschien bei der Bundeszentrale für politische Bildung unter dem Link http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/331454/was-haelt-eine-gesellschaft- zusammen mein nachstehender Beitrag, den ich auch hier zugänglich mache.

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Was hält Tausende, gar Millionen von Menschen zusammen, die weder miteinander verwandt sind noch einander überhaupt kennen, also: eine Gesellschaft? Entlang von drei Dimensionen, die ich in meinen Forschungsarbeiten [1] entwickelt und als „Kohäsionsdimension“, „Exklusionsdimension“ und „Prozessdimension“ bezeichnet habe, lässt sich diese Frage beantworten. Sie bilden einen dreidimensionalen Merkmalsraum, in dem sich Erscheinungsformen und Entwicklungsweisen gesellschaftlichen Zusammenhalts übersichtlich verorten lassen.

I. Die Kohäsionsdimension

Zur Kohäsionsdimension – der Dimension des inneren Zusammenhalts – gehören drei Unterbereiche:

(1) Sozioökonomische Kohäsion. Hier geht es darum, inwieweit die Zusammenlebenden die zwischen ihnen bestehende soziale und wirtschaftliche Ordnung als gerecht empfinden. Die plausible Umverteilung von Wohlstand innerhalb sozialstaatlicher Arrangements trägt dazu bei.

(2) Soziokulturelle Kohäsion. Hier geht es um „Gemeinsinn“, d.h. um die Gesamtheit von wechselseitig verbindenden Selbst- und Zukunftskonzepten sowie um die mit alledem einhergehende – oder eben fehlende – Solidaritätsbereitschaft. Fassbar wird derlei u.a. in Diskursen um Beheimatung und deren Wandel, um das Pro und Contra von (Verfassungs-)Patriotismus, um Geschichtsbilder und Geschichtserzählungen, um ethische oder alltagspraktische Prinzipien sowie um jene – religiösen oder areligiösen – Transzendenzvorstellungen, in welche diese Diskurse mitsamt ihren Inhalten eingebettet sind.

(3) Kommunikative Kohäsion. Hier geht es um die Folgen der in einer Gesellschaft praktizierten Mediennutzung, um das Ausmaß des Vertrauens in (einzelne) Medien sowie um das reale kommunikative Handeln von Einzelnen, Gruppen und Sozialaggregaten. Dabei sind gefühlte oder tatsächlich erlebte Gebote oder Verbote in Bezug auf gesellschaftliches Diskursverhalten von großer Bedeutung.

II. Die Exklusionsdimension

Bei der Exklusionsdimension geht es darum, welche Rolle verschiedene Formen des Ausschlusses von Menschen oder von Gruppen aus einer Gesellschaft für den Zusammenhalt dieser Gesellschaft spielen. Im Einzelnen geht es um …

(1) Fremdexklusion: Mittels welcher Narrative und Praxen grenzen welche Gruppen welche anderen Einzelnen oder Gruppen als Fremde, als politische Gegnerinnen und Gegner oder gar als Feinde aus? Und in welchem Umfang wird der innere Zusammenhalt welcher gesellschaftlichen Gruppen mittels der Ausgrenzung anderer Gruppen geschaffen?

(2) Selbstexklusion: In welchem Umfang und anhand welcher Selbst- oder Fremdbilder fühlen sich einzelne Bevölkerungsgruppen gesellschaftlich ausgegrenzt oder zu Opfern gemacht und verhalten sich entsprechend? Wer hat einer Gesellschaft, ihrem politischen System oder denen, die es repräsentieren, aus welchen Gründen „innerlich gekündigt“? Mittels welcher Formen der Selbstorganisation und Selbstdarstellung, sowie mit welchen Folgen, wird derlei zum Ausdruck gebracht?

III. Die Prozessdimension

Bei der Prozessdimension geht es darum, wie angesichts von Konflikten, ihrem Verlauf und im Vorgriff auf potentielle Konflikte der Zusammenhalt einer konfliktreichen, vielleicht sogar konfliktbejahenden Gesellschaft gesichert werden kann – etwa in einer pluralistischen Demokratie. Zu blicken ist deshalb auf die Geltung von und auf den Umgang mit kulturellen, gesellschaftlichen sowie politischen Spielregeln, insbesondere im Hinblick auf:

(1) eine konstruktive Handhabung von Konflikten,

(2) jene Sozialisations- und Kontrollprozesse, in denen die Bereitschaft zur Befolgung gesellschaftszusammenhaltender Spielregeln vermittelt bzw. über Sanktionen nahelegt wird.

Ferner geht es um die Einbettung dieser Regeln in soziokulturelle Gemeinsinns- und Transzendenzvorstellungen, die diesen Regeln überhaupt erst Sinn und Überzeugungskraft verschaffen. Solche Vorstellungen umschließen u.a. jene Werte, in deren Dienst man – ehrlich oder taktisch – das eigene Handeln oder auch die ganze Gesellschaft gestellt sehen will. Manche davon sind verankert in den Leitideen einer Verfassung, andere in den kulturellen Selbstverständlichkeiten einer Gesellschaft. In Deutschland gehört dazu etwa das dreifache „Nie wieder!“ zu Rassismus, Diktatur und Angriffskrieg als jenen drei Leitideen praktischer Politik, die Gesellschaften unausweichlich spalten und im nationalsozialistischen Deutschland sogar – mit schlimmsten Konsequenzen – gemeinsam befolgt wurden.

Ferner: Die Rolle gesellschaftlichen Wandels

Wie jeder Blick in das Schrifttum zur Vorgeschichte von Revolten und Revolutionen lehrt, ist der Wandel von Technik (etwa mit anschließenden Arbeitsplatzverlusten), von Kultur (etwa in der Popularisierung der Aufklärungsphilosophie) sowie der Bevölkerungszusammensetzung (von der Völkerwanderung am Ausgang der Antike bis zu den gegenwärtigen Fluchtbewegungen) samt den damit einhergehenden (gewaltsamen) Übergriffen eine ständige Herausforderung für die Sicherung gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Dabei kommt es zu Wechselwirkungen zwischen einerseits bestehenden sozioökonomischen Strukturen, die um soziokulturell etablierte Sinnvorstellungen und Werte aufgebaut sind, und andererseits neuen Sinnvorstellungen oder Werten, die in ein bestehendes Gesellschaftsgefüge eingebracht werden bzw. in ihm entstehen. Dieses Neue verändert dann bisherige Sinn- und Orientierungsstrukturen, was sich – meist aber erst nach Monaten, Jahren oder gar Jahrzehnten – auf die Stabilitätsbedingungen und Reproduktionsmöglichkeiten des bisher Bestehenden auswirkt.

Das Fortbestehen bisherigen gesellschaftlichen Zusammenhalts hängt dann davon ab, ob dessen Rechts-, Wert- und Gefühlsgrundlagen weiterhin tragfähig bleiben. Störungen des Zusammenhalts können etwa dann entstehen, wenn sich eine Gesellschaft technisch, kulturell oder demographisch schneller bzw. anders wandelt, als das vielen ihrer Mitglieder zuträglich erscheint. Solche Wahrnehmungen können außerdem Abwehrtendenzen hervorrufen, die sich in Empfindungen von Zukunftsskepsis, Kontroll- und Vertrauensverlust sowie Entfremdung widerspiegeln. Derlei lässt sich in drei Dimensionen ordnen:

(1) temporal: „Morgen wird vieles sehr anders sein als heute, und vermutlich schlechter!“ 

(2) räumlich: „Unser bisheriges Zusammenleben wird in größere räumlicheZusammenhänge gerückt, über die wir dann keine Kontrolle mehr haben werden!“

(3) vertikal: „Über das uns Vertraute lagert sich nun etwas ganz Anderes an Werten, Religiosität oder Ideologie, was eine uns unwillkommene Kultur hervorbringen wird!“.

Um der Sicherung gesellschaftlichen Zusammenhalts willen wäre es klug, solche Empfindungen als politisch folgenreiche Sachverhalte ernst zu nehmen. Sie können nämlich zu Populismus, Aufsässigkeit oder gar Revolten führen. Auch deshalb ist es ratsam, die Ursachen solcher Störungen gesellschaftlichen Zusammenhalts und Möglichkeiten der Abhilfe zu untersuchen.

Fußnoten

1. Siehe Werner J. Patzelt, Ressourcen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, in: Cathleen Bochmann / Helge Döring, Hrsg., Gesellschaftlichen Zusammenhalt gestalten, Wiesbaden (VS Springer) 2020, S. 11-26.

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Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Zuwanderung, Flucht und Asyl: Aktuelle Themen (http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/)

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by- nc-nd/3.0/de/ (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/)

Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Werner J. Patzelt für bpb.de

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