Wie schlimm ist Patriotismus?

In den letzten Wochen hatte ich mehrfach Gelegenheit, mich öffentlich zum Patriotismus in Deutschland zu äußern. Zwei zusammengehörende Texte finden sich nachstehend. Der erste ist eine meiner – abwechselnd mit Michael Bittner geschriebenen – Kolumnen aus der „Sächsischen Zeitung“, dort erschienen am 27. Mai 2016 unter dem ironischen Titel „Die Gnade der deutschen Geburt“. Der andere ist ein am 8. Juni in der „Leipziger Volkszeitung“ erschienenes Interview, das Andreas Debski mit mir führte. Hier nun mache ich beide Texte leicht zugänglich:

 

I. Kolumne „Die Gnade der deutschen Geburt“
in: Sächsische Zeitung v. 27. Mai 2016, S. 17

Den Bürger Bittner macht besorgt, dass manche Deutsche ihr Vaterland lieben wollen. Patriotismus führe nämlich rasch zum Nationalismus – und der zum wechselseitigen Umbringen. Das kann man so sehen. Aber auch anders.

Warum wohl soll man jene Frau, von der man zufällig geboren wurde, mehr lieben als andere Frauen ähnlichen Alters? Und kann man eigentlich auf seine Mutter oder auf seinen Vater stolz sein? Immerhin hat man zu deren Leistungen nichts beigetragen. Umgekehrt: Warum eigentlich schämt man sich manchmal für Leute aus seiner Familie und für deren Verhalten? Dafür kann man selbst doch nichts! Ebenso wenig wie der Bürger Bittner für Hitlerei und Holocaust.

Womöglich gibt es eben doch Zusammengehörigkeit, die nicht einfach dahinschwindet, bloß weil die Zauberformel von „Individualität und Humanität“ erklingt. Oder weil man sie einfach nicht mag.

Wie weit oder wohin hätten wohl Bittner und ich es gebracht, wäre unser Land von Bürgerkriegen zerrissen wie Somalia oder Libyen? Was für kultivierte Zeitgenossen wären wir wohl, wenn wir weiterhin in jenen Trümmerstädten leben müssten, die der an seine Ausgangsstätte heimgekehrte Krieg in Deutschland geschaffen hat? Oder in einer brasilianischen Favela?

Wem das Glück gegönnt war, in einem guten Land wie dem unseren aufzuwachsen, der mag schon leichthin sagen, so etwas wie Dankbarkeit – die mit Zuneigung, ja Liebe gar nicht wenig zu tun hat – wäre für diesen schlichten biographischen Zufall durchaus nicht angebracht. Doch wird sich ein Flüchtling nicht wundern, wenn er – unter Gefahren nach Deutschland gelangt – bald erfährt, dass gerade den dort Einheimischen das Land seiner eigenen Hoffnung nicht wirklich viel bedeutet?

Mich wundert seit langem, dass gerade jene sich bei der Bekundung eines rein geschäftsmäßigen Verhältnisses zum eigenen Land so oft so toll vorkommen, die sonst nicht müde werden, Empathie und Sensibilität, Zuneigung und Solidarität zu loben. Die auch gar nicht merken, dass Stolz nichts anderes ist als Dankbarkeit dafür, einer Gruppe tüchtiger Leute angehören zu dürfen – verbunden mit der Bereitschaft, dieser Gruppe etwas von dem zurückzugeben, was man ihr verdankt. Und vermischt auch mit Freude am Sehenlassen dessen, wie gerne man sich so verhält.

 

II. Interview in der „Leipziger Volkszeitung“ v. 8. Juni 2016
geführt, übertitelt und eingeleitet von Alexander Debski

Patriotismus-Debatte. Politikforscher Patzelt: „Mehr Schwarz-Rot-Gold würde uns gut tun“

Der Dresdner Politikprofessor Werner J. Patzelt schaltet sich in die Patriotismus-Debatte ein. Er sagt, die Deutschen haben es aufgrund ihrer Geschichte viel schwerer als andere Nationen, die Liebe zum Vaterland leben zu können.

Nachdem Sachsens Landtagspräsident Matthias Rößler (61, CDU) im LVZ-Interview eine neue Patriotismus-Debatte angestoßen hat, meldet sich jetzt der Dresdner Politikprofessor Werner J. Patzelt (63) zu Wort. Sein Credo lautet: Wir brauchen mehr Schwarz-Rot-Gold im Alltag.

Die Reaktionen auf den Patriotismus-Vorstoß von Matthias Rößler sind gespalten – haben die Deutschen ein Problem damit, patriotisch zu sein?

Ganz ohne Zweifel. Die Deutschen haben ein Problem damit, patriotisch zu sein. Wir sind eine traumatisierte Nation, die nicht nur in zwei großen Kriegen besiegt wurde, sondern auch von den Nazis eine gewaltige moralische Last aufgeschultert bekam. Einen verlorenen Eroberungskrieg und den Holocaust steckt kein Land von einer Generation auf die andere weg. Hinzu kommt, ebenfalls traumatisierend, die Zerstörung so vieler deutscher Städte mit bis heute mahnenden Narben, ebenso die Wegnahme eines Viertels des Staatsgebiets, die innerlich als eine Art „Strafe für ein verbrecherisches Volk“ angenommen werden musste. Das alles bedrückt nicht nur die Erlebnisgeneration, sondern auch die historisch Sensiblen der Nachfolgegenerationen. Das macht es Deutschen viel schwerer als anderen Nationen, sich in ihre Traditionen zu stellen. Befreiend war allenfalls, dass man es nicht mit Verschweigen, sondern mit Aufarbeiten und Wiedergutmachen versuchte.

Viele Deutsche fordern mittlerweile, sich von dieser Last frei zu machen, das Vergangene vergangen sein zu lassen. Ist eine solche Historisierung überhaupt möglich?

Man kann die Zugehörigkeit zu einer Nation genauso wenig abstreifen wie die Zugehörigkeit zu einer Familie. Deshalb muss man sich zu den Folgen selbst solcher Verbrechen verhalten, für die man selbst nichts kann. Die richtige Verhaltensweise ist: Lehren aus der Geschichte ziehen – und ihnen gemäß handeln. Zu diesen Lehren gehört: Nie wieder ein Angriffskrieg, nie wieder Schweigen zum Rassismus.

Was meinen Sie als Politikwissenschaftler, jenseits der Parteipolitik: Brauchen wir einen neuen Patriotismus?

Das kommt darauf an, was man unter Patriotismus versteht. Dreimal am Tag ein „Hurra“ auf Deutschland auszubringen, das braucht kein Mensch. Folgenden Patriotismus aber braucht es: Sich verantwortlich fühlen für jenen Fleck der Erde, auf dem man zufällig geboren wurde; die Leute im Großen und Ganzen mögen, mit denen zusammen man dort lebt; Erreichtes dankbar annehmen und aufrechterhalten; sich einsetzen für das Gemeinwohl im Land; dankbar sein, wenn man es mit alledem gut getroffen hat; und solche Dankbarkeit auch zeigen – um nämlich viele andere zum Mitwirken am Gemeinwohl einzuladen Gerade eine Einwanderungsgesellschaft, die wir doch werden wollen, wird durch nichts anderes als durch solchen Patriotismus zusammengehalten. Denn beim Patriotismus kommt es nie auf die Herkunft an, sondern immer auf die gemeinsame Zukunft.

Es gibt zum einen die intellektuelle Debatte über Patriotismus und zum anderen den Nationalstolz, der auf die Straße getragen wird. Wie sehen Sie diese Diskrepanz?

Da liegt schon ein Problem. Für das Normalvolk ist nämlich recht klar: Deutschland ist ein gutes Land und weithin angesehen; toll ist unsere in alle Welt exportierte Technik, vorbildlich die von uns praktizierte Willkommenskultur; und also gibt es keinen Grund, sich zu genieren, ein Deutscher zu sein. Eliten hingegen denken eher an historische Erblasten, an die Brüche deutscher Geschichte und Kultur – und fragen sich besonders gern, ob es sich wohl überhaupt noch gehören könne, ein Patriot zu sein. Denn Weltbürger müsse man sein, Kosmopolit – so, als ob ein jeder zum internationalen Finanzadel oder akademischen Jetset gehören würde.

Sie beobachten Pegida, also die Menschen in Dresden auf der Straße, seit langem. Sind diese Demonstranten Patrioten?

Das bekunden sie. Viele von ihnen machen sich Sorgen um die Zukunft Deutschlands und die ihrer Kinder. Sie empören sich über eine Regierung, die – ihrer Meinung nach – eine Politik betreibt, die ihnen als gefährlich und für Deutschland vielleicht gar existenzgefährdend gilt. Ich selbst habe es immer schon für schlecht gehalten, dass es als unschicklich gilt, solche Sorgen ernstzunehmen – und dass die Standardreaktion so geht: Wer sich solche Sorgen macht, ist ein Rechter; also kann er nicht recht haben – und deshalb grenzen wir ihn am besten aus! Unterm Strich sind wir in die merkwürdige Lage geraten, dass unsere Regierung zwar sehr wohl patriotisch sein will, ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung aber den Eindruck hat, dass die Regierung gerade nicht das Wohl jenes Volks im Blick hat, dessen Nutzen zu mehren doch der Amtseid gebietet.

Wo liegt Ihrer Ansicht die Lösung?

Zunächst einmal sollen wir diesen Wahrnehmungsunterschied zur Kenntnis nehmen und durch Wiederherstellung breiter Kommunikation zwischen Bevölkerung und politisch-intellektuellen Eliten überwinden. Insofern zeigten sich am Umgang mit Pegida Glanz und Elend von deutschem Patriotismus: Patriotisch wollen beide Streitparteien sein; doch man glaubt dem jeweils anderen dessen Patriotismus nicht, sondern verachtet einander und übt sich in Ausgrenzung Die einen sprechen von Volksverrätern und Lügenpresse, die anderen von Pack und Pegidioten. Besser wäre es, über die gemeinsamen Anliegen ins Gespräch zu kommen!

Patriotismus kann schnell in Deutschtümelei und Nationalismus münden, auch das ist bei Pegida der Fall.

Es gibt wenig, was sich nicht missbrauchen lässt. Also muss man gerade bei einem so wuchtigen Gefühl wie Patriotismus dafür sorgen, dass es nicht in Dienst falscher Ziele oder schlimmer Leute gerät. Gerade redliche, lernwillige, aufgeklärte, vernünftige Leute müssen Patrioten sein – damit man ihnen folgen kann und nicht, mangels Alternative, Rattenfängern folgt. Fatal endete jedenfalls der Versuch, sich um Patriotismus einfach nicht zu kümmern.

Pegida hat sich aus einer islamkritischen Haltung heraus gegründet, aus einer Abgrenzung heraus. Genügt das, um Patriot zu sein?

Identität bestimmt sich sehr wohl durch die Antwort auf die Frage: Was ist man nicht? Doch innerhalb dessen, was man sein will, etwa Pole oder Franzose, ist Patriotismus eine integrierende Haltung. Sie setzt auch andere nicht herab, denn wer Polen mag, muss ja deshalb nicht Frankreich verachten. Und ein patriotischer Deutscher wird sich darüber freuen, wenn tüchtige Vietnamesen oder Syrer Teil unseres Landes werden wollen.

Was ist Ihr Ratschlag als Wissenschaftler: Wie sollte die Politik mit den Themen Patriotismus und Nationalstolz umgehen?

Sie besetzen und – ganz im Wortsinn – kultivieren! Mir scheint, dass aufgeklärter Patriotismus, wie ihn Zivilgesellschaft und Staat pflegen sollten, vier Elemente einbeschließt. Erstens: Den auf die freiheitliche demokratische Grundordnung ausgerichteten Verfassungspatriotismus. Zweitens: Sich in die Gesamtheit der deutschen Geschichte stellen! Die aber umfasst viel mehr als die Jahre des Nationalsozialismus, seiner Vorbereitung und der schlimmen Nachwirkungen. Drittens: Die Liebe zum Regionalen und darin Bunten. Es war ja immer schon so, dass ein Deutscher zunächst einmal Sachse und Bayer und dann eben auch Deutscher war. Eben darin ist unsere Art des Patriotismus ein gutes Integrationsmittel einer Einwanderungsgesellschaft: ein türkischer oder syrischer Deutscher kann immer auch seine Wurzeln in der Türkei oder in Syrien pflegen und gleichzeitig ein guter Deutscher sein.

Patriotismus wird gern an Symbolen festgemacht. Braucht es diese Symbole tatsächlich?

Es geht, und das ist der vierte Punkt, schon auch um jene die Symbole, mit denen man Patriotismus zum Ausdruck oder zum Anklingen bringt. Mir wäre es deshalb sehr recht, wenn nicht nur auf CDU- und AfD-Parteitagen abschließend die Nationalhymne gesungen würde, oder wenn an öffentlichen Gebäuden ganz selbstverständlich stets die deutsche Trikolore wehte. Mehr Schwarz-Rot-Gold im Alltag, also nicht nur beim Public Viewing, würde uns gut tun – und manchen Skeptiker so entkrampfen, wie es 2006 beim schwarz-rot-goldenen Sommermärchen gelang.

Wie optimistisch sind Sie, dass wir einen gesellschaftlichen Konsens hinbekommen?

Nicht überbordend! Doch der Wandel Deutschlands zu einer Einwanderungsgesellschaft erlegt uns nun einmal die höchst praktische Frage auf, was uns dauerhaft zusammenhalten kann – und was Zuwanderer aus Eritrea wohl motivieren mag, bei uns nicht nur Zuflucht, sondern auch ihre neue Heimat zu suchen. Also ist die Pflege von Patriotismus allmählich keine Marotte von Ewiggestrigen mehr, sondern die bestmögliche Sicherung gesellschaftlichen Zusammenhalts in unserer konfliktbejahenden pluralistischen Demokratie. Und ich vermute, oder hoffe, dass mehr und mehr Deutsche das einsehen und entsprechend handeln werden.

 

Bildquelle: https://editionf.com/viel-party-patriotismus-darf