Was ist Rassismus?

Aus gegebenem Anlass zitiere ich aus meinem demnächst erscheinenenden PEGIDA-Buch die von mir verwendete „Definition“ dessen, was Rassismus ist (siehe Werner J. Patzelt / Joachim Klose: PEGIDA. Warnsignale aus Dresden. Dresden: Thelem 2016, S. 654-657)

 

Kern und „primäres Merkmal“ von Rassismus ist es, einen Mitmenschen nicht als einzigartig und nach dessen selbstverantwortetem Handeln zu beurteilen, sondern ihn als „Exemplar“ eines „kollektiven Typs“ zu behandeln – ganz gleich, an welchen Merkmalen sich die „Typerkennung“ (in Wirklichkeit: die Zuschreibung eines Typs) orientiert. Gerade so gingen die Nazis mit Juden um, und zwar auch mit jenen, die sich durch vorbildliches Handeln ausgezeichnet oder Gutes für das gemeinsame Land geleistet hatten. Eben diese Vorordnung des zugeschrieben-Typischen vor dem erfahrbar-Individuellen ist das Inhumane und menschlich Empörende am Rassismus.

Natürlich ändert es nichts an der Tatsache der Zuschreibung eines „Typs“, wenn der zugeschriebene Typ rein imaginär sein sollte. Beispielsweise folgt aus dem Sachverhalt, dass es keine unterschiedlichen menschlichen Rassen gibt, durchaus nicht, dass Menschen nicht an die Existenz von menschlichen Rassen glauben könnten. Und sehr wohl können Menschen, diese falsche Vorstellung für wahr haltend, auf sie gegründete Typzuschreibungen vornehmen, an diesen ihr Handeln orientieren und solchermaßen Rassismus praktizieren. Die jüngere deutsche Geschichte zeugt davon.

Lange Zeit bezog sich solche Typzuschreibung auf das Aussehen bzw. die Abstammung eines Mitmenschen, oft – doch nicht immer – mit der ganz unübersehbaren Hautfarbe als zentralem Beurteilungsmerkmal. Auch an Schädel- oder Nasenformen trachtete man „verlässliche Typbestimmungen“ festzumachen. Typisiert man Menschen nach solchen angeborenen Merkmalen, so liegt oft „biologischer“ Rassismus vor. Seit sich die Vorstellung weitgehend verloren hat, es gäbe unterschiedliche menschliche Rassen, hat die verhaltensprägende Bedeutung von biologischem Rassismus anscheinend abgenommen.

Damit endete aber nicht die Praxis, das zugeschrieben-Typische an Mitmenschen dem erfahrbar-Individuellen vorzuordnen. Gerade in entstehenden multikulturellen Gesellschaften gewinnen kulturelle Prägungen – zu denen auch religiöse Prägungen gehören – für viele Leute eine herausragende Bedeutung. Dann werden Typzuschreibungen nicht nur – oder auch gar nicht – auf angeborene Aussehensmerkmale bzw. auf nachweisbare Abstammungsbeziehungen gegründet, sondern auf rein sozialisatorisch erworbene kulturelle Merkmale. Sitten oder Kleidung dienen dann als ebenso leicht erkennbare Merkmale für die Typzuschreibung wie früher – oder in anderen Kulturen – das Aussehen von Menschen. Typisiert man auf diese Weise Menschen nach ihren kulturellen Merkmalen, so liegt „kultureller“ bzw. „kulturalistischer“ Rassismus vor.

Beispiel: Wem für das Kennenlernen eines anderen sowie für die Ausgestaltung der eigenen Beziehungen zu ihm die Information ausreicht, dieser andere „sei ein Muslim“, der ordnet das zugeschrieben-Typische dem erfahrbar-Individuellen vor und praktiziert auf diese Weise kulturalistischen Rassismus.

Sofern es einen realen Zusammenhang zwischen der Kultur und der Herkunft eines Menschen gibt, welch letztere über dessen Aussehen erschlossen werden kann, mag kulturalistischer Rassismus durchaus entlang äußerlicher Merkmale aktiviert werden. Das vollzöge sich etwa dann, wenn jemand weiß, dass Araber besonders häufig Muslime sind, er dann einen am Aussehen erkannten Araber für einen Muslim nimmt – und ihn schließlich als Muslim ablehnt, während er ihn als agnostisch-humanistischen Araber vielleicht durchaus akzeptierte. Es können also biologischer und kulturalistischer Rassismus durchaus miteinander verkoppelt sein, obwohl sich das nicht zwingend so verhält.

Keinen Rassismus praktiziert hingegen, wer Menschen einfach nach Merkmalen gliedert, die für einen verfolgten Vergleichs- und Erkenntniszweck wichtig zu sein scheinen (etwa nach Mann und Frau, nach Europäer oder US-Amerikaner), und wer dann überprüft, ob die Vermutungen, die mit dieser Einteilung einhergehen, mit den Tatsachen übereinstimmen oder nicht. Es ist in keiner Weise sinnvoll, eine solche rein pragmatische und revidierbare Handhabung von Typzuschreibungen gleichzusetzen mit einem dogmatischen und ideologisch fixierten Umgang. Es gibt nun einmal Kollektivmerkmale wie „befolgte Verhaltensnormen“ (etwa in japanischen Firmenhierarchien) oder „Bekleidungstraditionen“ (etwa unter muslimischen Frauen), welcher man sich bei interkulturellen Begegnungen sogar bewusst sein muss, falls man anderen gerecht werden, sie also nicht verletzend behandeln will. Aus einem solchen bloß orientierungsstiftenden oder kulturwissenschaftliche Vergleichsstudien anleitenden Umgang mit Typzuweisungen auf Rassismus zu schließen, ist ganz abwegig.

Keinen Rassismus praktiziert ebenfalls, wer kulturell verfügbare Typisierungsmöglichkeiten zunächst einmal alltagspraktisch zur Orientierung benutzt, dann aber auf das konkrete Verhalten der so eingeordneten Mitmenschen achtet und stets bereit ist, eine vorläufige Typzuschreibung – bzw. die damit verbundenen Einschätzungen des anderen – im Licht tatsächlicher Erfahrungen zu verändern. Dann liegt es nämlich am Mitmenschen, durch sein eigenverantwortliches Handeln und seine individuell ausgestaltbare Selbstdarstellung jenen Eindruck zu prägen, den man von ihm erhält und vorab, mangels persönlicher Erfahrungen, ja alternativlos auf kulturell verfügbare Typisierungen gründen muss. Solchen wechselseitig flexiblen und lernbereiten Umgang mit unvermeidlichen Typisierungen zugleich zu erwarten und zu praktizieren, erlaubt authentische menschliche Begegnungen.

Konkretes Verhalten ist somit dem eigenverantwortlichen Handeln eines Einzelnen zuzuschreiben. Gerade darauf zu achten, bewahrt vor Rassismus. Hingegen konstituiert es Rassismus, wenn man einen anderen allein nach seinem angeborenen Aussehen oder der ihm durch Sozialisation aufgeprägten Kultur beurteilt. Für beide Merkmale seiner selbst ist nämlich keiner individuell verantwortlich. Allerdings kann man durch eigenes Verhalten über Probleme oder Schwachstellen der aufgeprägten Kultur hinausgelangen, weshalb sehr wohl persönlich zurechenbar ist, ob jemand solches unternimmt oder unterlässt. Dem angeborenen Aussehen kann man hingegen nicht entkommen, so dass es ungerecht und letztlich inhuman ist, jemanden darauf festzulegen.

Die Abwertung von kollektiv typisierten Menschengruppen ist – gegenüber dem praktizierten Vorrang des Typischen vor dem Individuellen – erst ein „sekundäres Merkmal“ von Rassismus. Aus verschiedenen Gründen ist es sogar falsch, in solcher „kollektiven Abwertung“ von typisierten Menschengruppen das zentrale Merkmal von Rassismus zu sehen.

Erstens besteht der nicht akzeptable Verstoß gegen die Menschenwürde bereits darin, jemanden nicht als Individuum, sondern als Exemplar eines Typs wahrzunehmen und zu behandeln. Auch ohne dass der andere abgewertet würde, ist er dann nämlich bereits seiner Individualität beraubt, weil er eben nicht als Individuum wahrgenommen und behandelt wird.

Zweitens ist es durchaus nicht verwerflich, typologisch abgrenzbare Menschengruppen dann abzuwerten, wenn sie tatsächlich gruppenspezifische unethische Handlungen begehen. Das verhält sich beispielsweise so bei einer Bande von Herstellern und Händlern von Kinderpornographie oder bei einer Gruppe von Terroristen. Die einen darf man sehr wohl gegenüber anständigen Erwachsenen, die anderen gegenüber normalen politischen Gegnern abwerten. Ursache ist, dass solche Gruppenmerkmale auf persönlich zu verantwortenden eigenen Handlungen beruhen – und gerade nicht auf einer kulturellen Prägung oder gar auf angeborenen Merkmalen, von denen man sich nicht emanzipieren könnte.

Drittens ist eine Abwertung anderer tatsächlich nur dann evident verwerflich, wenn sie sich auf das physische Aussehen bezieht, das – weil genetisch bedingt, und somit im Unterschied zur kulturellen Prägung nie wieder abzustreifen – allem ethisch zu verantwortenden und dann auch legitimerweise zu bewertenden individuellen Handeln vorausliegt.

Solange der Rassismusbegriff allein im Sinn des „biologischen Rassismus“ benutzt wurde, um – vor allem – die Abwertung von „Nicht-Weißen“ gegenüber „Weißen“ (oder von Juden gegenüber „Ariern“) zu bezeichnen, gab es keine Notwendigkeit, „Typisierung“ als Primärmerkmal von Rassismus und „Abwertung“ als Sekundärmerkmal von Rassismus voneinander zu trennen.

Nötig wurde das erst, seit der Begriff des Rassismus auf jegliche Art einer Unterscheidung und möglichen Abwertung von Menschen erweitert wurde. Denn nun gerät man bei unklarer Begriffsverwendung einesteils in die Gefahr, jegliche Abwertung von anderen für rassistisch zu erklären. Das würden PEGIDA-Gegner spätestens dann zurückweisen, wenn man den Begriff Rassismus auf ihre Gepflogenheit bezöge, Pegidianer als „Pegidioten“ abzuwerten. Andernteils gerät man in die Gefahr, jegliche Typenbildung schon für rassistisch zu erklären. Das würden PEGIDA-Gegner spätestens dann zurückweisen, wenn man den Begriff Rassismus auf ihre Gepflogenheit bezöge, Rechtsextremisten von Antifaschisten zu unterscheiden.

Beiden Problemen entgeht die Definition von Rassismus als „Vorordnung des zugeschrieben-Typischen vor dem erfahrbar-Individuellen“. Diese ist nämlich inhuman und abzulehnen ganz unabhängig davon, ob eine solche Typenzuschreibung mit einer Abwertung von anderen einhergeht oder nicht.

Unterlässt man eine präzise Begriffsklärung dieser Art, dann wandelt sich der Rassismusbegriff von einem analytischen Konzept zum bloßen Schimpfwort. So hält man es heute überall dort, wo „Rassismus“ einfach als „scharfes Synonym“ für Fremdenablehnung oder Ausländerfeindlichkeit verwendet wird. Derartige Begriffsverwendung mag in der Praxis einigen Gebrauchswert haben. Diesen zu nutzen, ist aber seinerseits rassistisch – zumindest dann, wenn man die Typzuschreibung „Du Rassist!“ für wichtiger nimmt als das, was man an einem anderen anhand von dessen tatsächlichem Denken, Reden und Handeln erkennen könnte.

 

 

Ich füge dem obigen eine – wie mir scheint – erhellende Diskurssequenz aus meiner Facebook-Seite vom 2. Juni bei:

Kommentator A.M.:

Ich habe zwei Fragen zu ihrer Definition von Rassismus. Ich würde mich über ihre Antwort darauf freuen.

1) Wäre es nicht besser den Begriff „Rassismus“ ganz aus dem öffentlichen Diskurs verschwinden zu lassen und ihn für diesen Zweck möglichst meiden, weil dieser Begriff so extrem relativ und beliebig definierbar ist und darüber hinaus auch noch ein linker Kampfbegriff.

2) Ist ihre Rassismus-Definition nicht extrem „aufgebläht“?
Sie definieren „Rassismus“ so, dass Rassismus immer dann vorliegt, wenn ein Mensch „nicht als Individuum, sondern nur als „Exemplar eines Typs“ wahrgenommen wird“. Selbstverständlich sind Menschen immer auch Individuen, wer wollte das bestreiten. Aber das heißt doch nicht, dass Menschen – ihrer Individualität unbeschadet- nicht auch diversen Gruppen angehören, deren Mitglieder bestimmte Charaktereigenschaften, Vorstellungen oder andere Merkmale gemeinsam haben. Gruppen, deren Mitglieder logischerweise Exemplare dieser Gruppen sind, oder um ihre Wortwahl zu gebrauchen, eines „Typs“. (Ein anderes Wort für Gruppe in diesem Zusammenhang ist Typ.) Soll jeder, der Menschheit in Gruppen einteilt, ein Rassist sein. Soll nun ein jeder, der aufgrund der Gruppenzugehörigkeit bestimmte Rückschlüsse auf Individuen schließt, ihrer Meinung nach als Rassist zu bezeichnen sein?

PS: Selbst wenn sie diese zwei letztgenannten Fragen oben vereinen sollten, bedenken sie zumindest, dass sich ihre Rassismus-Definition dazu eignet, solche Tätigkeiten als Rassismus zu kategorisieren. Ich selbst bin mir ehrlich gesagt sehr unsicher, was sie mit ihrer Definition alles als Rassismus definiert sehen wollen und was nicht, obwohl ich sie nicht zum ersten Mal höre. Deshalb frage ich auch nach. Bedenken sie, dass nicht nur ich ihre Definition so möglicherweise (falsch) interpretieren könnte sondern auch andere, auch wenn es nicht in ihrem im Sinne ist.

 

Meine Antwort:

zu 1: Noch so gutes Zureden wird niemanden davon abhalten, den Rassismusbegriff zu verwenden bzw. als Kampfbegriff zu benutzen! Also gilt es, ein „Suchraster“ für den jeweils gemeinten bzw. – was etwas anderes ist – sinnvollerweise meinbaren Sinn von „Rassismus“ bereitzulegen. Eben das unternimmt mein Vorschlag zur Handhabung des Rassismusbegriffs.

zu 2: Ich gebe zu, dass mein Rassismus-Begriff halbwegs komplex ist: Er umfasst ein Primär- und ein Sekundärmerkmal von Rassismus und konzeptualisiert außerdem einen nahtlosen Übergang von der harmlosen alltagspraktischen Handhabung von für Weltorientierung und Kommunikation ganz unverzichtbaren Typisierungen hin zum unbelehrbaren Rassismus. Doch das zu erfassende Phänomen ist nun einmal so komplex und auch so reich an bruchlosen Übergängen zwischen Harmlosem und Fatalem. Deshalb wäre nichts gewonnen, wenn man sich durch Verwendung eines einfachen Begriffs schlicht die Welt einfacher zurechtdefinieren wollte, als sie nun einmal ist.

Zum PS:

Vor allem erlaubt mein Begriff eine präzise, nicht schimpfwortartige und somit auch zur redlichen (Selbst-) Kritik geeignete Erfassung eines Phänomens, das man „Latenzrassismus“ nennen kann. Gemeint ist damit: Man denkt und verhält sich rassistisch, ohne zu merken, was man da tut – wenn man nämlich beim Typisieren der Wirklichkeit stehen bleibt, typologische Hypothesen für fraglos gegebene Tatsachen nimmt und davon absieht, Menschen eine Chance zu geben, sich als ganz anders erweisen, also vorab hypothetisch unterstellt wurde. (In diesem Sinn sind nicht wenige Pegidianer hinsichtlich von Muslimen „latent rassistisch“ – und nicht wenige PEGIDA-Gegner hinsichtlich derer ebenfalls „latent rassistisch“, die sie als „Pegidioten“ typisieren. Und an dieser Stelle komme bitte keiner mit dem Argument, mit „Rassen“ habe das alles nichts zu tun; denn heutzutage ist ja nicht mehr der biologische Rassismus das zentrale Problem, sondern vor allem das was man „kulturalistischen Rassismus“ nennt).

 

Bildquelle: http://www.netz-gegen-nazis.de/files/styles/ngn_teaser/public/2015-04-22-rassismus.jpg

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