Dresden, 13. Februar

Der 13. Februar ist ein Tag zum Nachdenken – in Dresden, auch weit über Dresden hinaus. Meine Gedanken dazu habe ich vor drei Jahren in einer Rede auf der Gedenkveranstaltung der Evangelischen Kirche und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in der Feierhalle des Johannisfriedhofs knapp zusammengefügt. Vielleicht ist es gut, diesen Gedanken auch nachzusinnen. Deshalb dokumentiere ich diese Rede nachstehend.

 

Gedanken zum 13. Februar

Rede auf der Gedenkveranstaltung der Evangelischen Kirche und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.

am 13. Februar 2012

I.

Wozu sind wir hier? Wir wollen gedenken – jener Tausende von Menschen, die vor 67 Jahren die Bombenangriffe auf unsere Stadt nicht überlebten. Über Dreieinhalbtausend von ihnen liegen hier auf dem Johannisfriedhof, noch Tausende mehr auf dem Heidefriedhof. Es ist richtig, dass die Kirche im Gebet an sie erinnert – und uns daran, dass wir weniger fragen sollten, warum nicht Gott all dieses Leid verhindert hat, sondern danach, warum Menschen, ganz gegen seine Gebote, solches Leid einander angetan haben. Es ist auch gut, dass sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge des Gedenkens der Zerstörung unserer Stadt und ihrer Toten annimmt. Wichtiges an der Kultur, ja auch am Charakter eines Volkes erkennt man doch daran, wie es mit seinen Toten umgeht – zumal mit jenen, deren Tod weder friedlich noch das uns allen auferlegte Einzelschicksal war. Mit Dresdens Toten vom 13. und 14. Februar 1945 verhält es sich wahrlich anders. Noch leben Zeitzeugen, die sich jenes Abends, jener Nacht, des nächsten Vormittags, der folgenden Tage voller Verzweiflung und so oft vergeblicher Hoffnung erinnern. Und wir anderen kennen immerhin die schrecklichen Bilder: jene mit den Toten auf den Eisenbahnschienen, die auf dem Altmarkt verbrannt wurden; jene mit der Stadt in Rauch und Ruinen; jene mit den weidenden Schafen auf Wiesen, wo einst Dresdens Mitte war. Wen packt da nicht Mitleid, Trauer – und Zorn auf alles das, was zu diesem Elend führte.

Und das Elend ist ja größer noch als das Leid unserer Stadt. Hinter dem zerstörten Dresden sehen wir die Ruinen von Würzburg und Köln, von Pforzheim und Hamburg. Und gleich kommen uns auch die Ruinen, kommen uns die Toten von Coventry und Warschau in den Sinn – und rasch schon die Bilder aus der Schlucht von Babi Jar und von Auschwitz. Wer jetzt sein Herz nicht verhärtet, der sieht auch den langen Zug unserer gefangenen Soldaten, weg von Stalingrad in die eisigen Lager – und die winterlichen Trecks mit den Frauen und Kindern aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien. Und wen, das alles vor Augen, sein Mitleid nicht überwältigt und vom Wissenwollen fernhält, der blickt nun auf jene Frauen, die Deutschlands Führer verzückt zujubeln – und auf die vor Selbstbewusstsein strotzenden Männermassen auf dem Appellplatz der Nürnberger Reichsparteitage. Und er sieht die gläubigen Gesichter so vieler Jungen und Mädchen von damals.

 

II.

Was heißt es, all dessen zu gedenken? Gedenken beginnt mit Wissen – mit Wissen darüber, was war, wie es gekommen ist, und wie am Ende das eigene Tun mit dem eigenen Ergehen zusammenhing. Wer aber weiß, dass jene Zerstörungen, die unsere Stadt und unser Volk erlitten haben, einst von unserem Land ausgegangen sind, bei dem kann es gar nicht anders sein, als dass gedenkendes Wissen aufs Tiefste wehtut.

Sodann meint Gedenken Mitleid – und gewiss solches Mitleid, das nicht ausgrenzt und nicht aufrechnet. Es meint Mitleid mit jenen damals schon Älteren, denen kein Lebensabend voll dankbaren Rückblicks auf das Erreichte vergönnt war. Auf sie wartete, nach der schon durchlittenen Katastrophe des Ersten Weltkriegs und der anschließenden Wirren, auch noch der Verlust so vieler Lieben, ein schmerzvoller Tod oder ein armseliges Alter. Gedenken meint Mitleid mit jenen, die damals in der Lebensmitte waren und deren Tatkraft sich nicht im Schaffen von Schönem und Gutem entfalten konnte, sondern die Schlimmes zu tun oder zu ertragen hatten. Ihnen raubten Diktatur und Krieg das eigene Leben – ganz, oder immerhin wichtige Jahre. Und wer nicht zugrunde ging, der wurde doch gezeichnet und schleppte lebenslang Lasten, die er selbst sich niemals auferlegt hätte. Und Gedenken meint Mitleid mit jenen Kindern und Heranwachsenden, die sich weder ihre Lebenszeit im Lauf der Welt noch ihre Nation noch ihren Ort auf der Erde aussuchen konnten, sondern die einfach zu ertragen hatten, was Andere damals und dort mit ihnen und an ihnen taten. So viele verloren ihre Familien, so viele schon als Kinder und Heranwachsende ihr kaum begonnenes Leben; und ins Innere von Millionen drangen – oft wie Gift – die schlimmsten Gedanken, Empfindungen und Erfahrungen, die unser Erdteil seit Jahrhunderten kannte. Eine vergiftete Kindheit ist aber eine der schwersten Bürden, die es zu tragen gibt.

Gedenken meint obendrein Trauer. Trauer ist freilich mehr und Anderes, als nur um Schreckliches zu wissen oder Schlimmes mitzufühlen. Oft empfindet man sie wie ein Dazwischen. Da ist eine Vergangenheit, die besser nicht so gewesen wäre, wie sie nun einmal war, die man aber nur noch beklagen, nicht mehr verändern kann. Da ist eine Gegenwart, die ganz anders, die viel besser sein könnte, wäre nur jene Vergangenheit nicht gewesen. Und da ist eine Zukunft, die sehr anders, die viel besser werden mag, falls man nur dem Vergangenen nicht weiter seine eigene Bewegung lässt, sondern von der Gegenwart her in jenes Geschehen eingreift, aus dem unweigerlich die Zukunft entsteht – und bestenfalls gar eine Zukunft, über die im Rückblick nicht mehr zu trauern ist, sondern die ihren Betrachter mit Dankbarkeit und Glück erfüllt. Solche Trauer kann den Trauernden gerade in der Gegenwart heilen, denn zu ihr gehört der Blick nach vorn, gehört der Entschluss, nach bitteren Erfahrungen umzudenken und neu zu beginnen.

Und wenn tatsächlich neu begonnen wurde, wenn aus redlich betrauerter Vergangenheit lange schon Gutes entstanden ist, wenn man vom jetzt wirklich Besseren auf das zurückliegende Schlimme blicken kann: Dann ist der mit dem Gedenken verbundenen Trauer auch schon Dankbarkeit beigemischt – Dankbarkeit dafür, dass es nun, dass es seit etlicher Zeit richtig weitergeht. Das befreit zwar nicht vom Schmerz um das vergangene Falsche, verwehrt aber dem Schmerz, die heutige Tatkraft zu lähmen. Neue Generationen müssen dann auch den Rückblick auf das Leid und die Schuld, auf die Schuld und das Leid ihres Landes nicht mehr erleben wie Fesseln der Schande, die abzustreifen zum tief empfundenen Anliegen werden mag. Vielmehr können sie solches Gedenken annehmen, selber tragen, einst ihren Nachkommen weitergeben – voll Dankbarkeit dafür, nicht selbst in schlimme Zeiten geboren zu sein, sondern von ihren Großeltern und Eltern ein gutes Land geerbt zu haben. Und das ist unser Deutschland heute. Es hat aus früheren Fehlern viel gelernt und wurde zu einer weltweit geachteten, ja gerade in der Weise ihres Umgangs mit schwerer Vergangenheit vorbildlichen Nation. Richtiges Gedenken muss einem die Vaterlandsliebe also nicht vergällen. Vielmehr schafft es tragfähige Grundlagen für aufgeklärten Patriotismus.

 

III.

Gedenken braucht Wissen, Mitleid und jene Trauer, aus der für Gegenwart und Zukunft Gutes folgt. Wie still aber kann solches Gedenken sein? – Blicken wir wieder in die gläubigen Gesichter, die uns so viele Bilder von Hitlerjungen und deutscher Mädel überliefern. Was wurde aus ihrem Glauben – auf den Schlachtfeldern und in den Lagern, in den Luftschutzkellern und beim Abtragen der Ruinen? Wollen wir zulassen, dass Idealismus je wieder so missbraucht wird? Denken wir auch daran, dass Hitler und Himmler, dass Eichmann und Mutschmann ebenso einst Kinder waren, die ihre Mutter umarmten, die an der Hand ihres Vaters gingen, die mit leuchtenden Augen auf die Welt blickten, die sich nach Liebe sehnten und an Großes glauben wollten. Was macht solche Kinder als Erwachsene zu Verführern und zum Verderben so vieler Anderer, handelnd zwischen der Banalität des Bösen und seinem Charisma? Welche Verantwortung für ihren Irrweg, der den Tod zum Meister aus Deutschland werden ließ, tragen jene Erwachsenen, von denen diese Kinder einst geprägt wurden, und was verursachten jene Zeitumstände, die sich auch diese Kinder nicht ausgesucht haben?

Wenn wir nicht wollen, dass je wieder Kinder unseres Landes so geprägt werden, dass sie – groß geworden – die Kinder anderer Eltern, Völker und Länder um ihr Lebensglück bringen, wenn wir nicht wollen, dass sich aufs Neue Umstände verfestigen, die junge Leute verblenden, radikalisieren, gar zu Verbrechern mit gutem Gewissen machen: dann darf nicht ohne politische Folgen bleiben, was wir über falsche politische Ideen und über falsche Politik wissen. Dann dürfen wir uns auch nicht damit begnügen, Mitleid mit den Opfern schlechter Politik nur zu empfinden oder vor Gleichgesinnten zu bekunden. Und dann reicht ebenso wenig der persönliche Vorsatz, an einer verlässlich besseren Zukunft mitzuwirken. Sondern dann gilt es auch öffentlich zu zeigen, was die Grundwerte und Leitideen eines wirklich guten Deutschland sind ­– und dass wir gerade im Streit für sie stehen sowie allen neuen Verführern ihre Freiräume verstellen.

Wenn also friedlich und freiheitlich gesonnene Menschen einander an den Händen fassen und um den Kern unserer so geschlagenen und so glanzvoll wieder auflebenden Stadt eine Kette redlicher Einsicht, ein Band guten Willens legen: dann ist das schon die richtige Weise, von der Trauer zur Tat zu gelangen – über das Niederlegen von Kränzen und das gemeinsame Gebet hinaus, wenn auch gewiss nicht an deren statt. Und wir in Dresden haben doch eine besondere Verantwortung für die äußeren Formen unserer inneren Haltung, denn es gedenkt keine andere einst zerstörte Stadt so ausdauernd, so mitfühlend, so einladend, auch so beobachtet des Unheils, das einst über sie gekommen ist. Dieses Gedenken, einst still begonnen mit Kerzen an der Ruine der Frauenkirche, sollten wir uns gewiss nicht umformen lassen zur bloßen Demonstration gegen heutigen Radikalismus, der sich seine Anlässe zur Gewalttätigkeit doch nach Belieben sucht. Wenn nämlich Rechte und Linke auf mehr als symbolische Machtproben ausgehen, nämlich auf Straßenschlachten, so hat dies wenig zu tun mit der Zerstörung Dresdens, wenig mit dem Gedenken daran, sondern viel mit Mängeln politischer Kultur und dem Misslingen politischer Bildung – dem Misslingen einer Bildung des Herzens nicht minder als einer Bildung des Verstands.

 

IV.

Und muss mancherlei Entzweiung überhaupt in unser Gedenken eindringen? Muss sich denn Trauer über die Zerstörung Dresdens versagen, wer ein nazifreies Deutschland liebt? Muss hochfahrende Härte gegen unser Volk an den Tag legen, wer den Nationalsozialismus und seine Nachwirkungen hasst? Muss den Bombenkrieg gegen unsere Städte kleinreden, wer Deutschlands Kriegsgegnern für die befreiende Besiegung der Nazis, für die besiegende Befreiung unseres Landes dankbar ist? Muss denn ein deutscher Patriot überhaupt ein Rechter sein – und ein Feind von Rechtsextremismus ein Linker? Und kann man überhaupt gegen etwas trauern – statt um so viel vernichtete Schönheit, um so viele Tote, um so viele zerstörte Leben, um so viele vergiftete Seelen?

Wäre es um unser Volk und um unser Miteinander nicht viel besser bestellt, wenn wir gerade beim Gedenken mit Wärme und mit Zuneigung von unserem geschundenen Land sprächen – etwa so, wie es Bertolt Brecht schon 1933 ausdrückte, lange vor dem großen Töten:

O Deutschland, bleiche Mutter!
Wie haben deine Söhne dich zugerichtet
Daß du unter den Völkern sitzest
Ein Gespött oder eine Furcht!

Ein Gespött ist unser Land schon lange nicht mehr, und längst auch keine Furcht. Viele Wunden unseres Volkes sind vernarbt, und manche Narben schmerzen auch kaum mehr, solange man nicht an sie denkt. Heute blüht, endlich, unser Deutschland im Glanz des Glücks von Einigkeit und Recht und Freiheit. Doch wie ihre Söhne und Töchter diese Mutter einst zugerichtet haben: Das kann einem heute noch das Herz brechen – und nicht minder jenes Leid, das Deutschlands Söhne und Töchter ohne jeden Grund über andere Völker und Länder gebracht haben. All dessen gedenken wir heute – ausgehend vom Schicksal unserer Stadt und ihrer Bombenopfer, und fest entschlossen, unser Dresden, unser Deutschland, unsere Nachbarn nie wieder so zurichten zu lassen.

 

Bildquelle: http://bilder.bild.de/fotos-skaliert/viewtakenfromdresdenstownhallofth_43463933_mbqf-1423766812-39749848/3,w=985,c=0.bild.jpg

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