Gedanken zur gewalt in Deutschland

Was ist los mit unserem Land? Da will ein Deutscher an einem hohen jüdischen Feiertag in einer Synagoge ein Blutbad anrichten und zeigt, was dann geschah, im Internet. Da wird ein hoher Beamter erschossen – und zuvor eine Reihe ganz normal im Land lebender Leute. Da werden Fahrzeuge zu todbringenden Waffen. Und da hält man es schon für eine lobenswerte zivilisatorische Errungenschaft, wenn Gewalt „nur“ gegen Sachen eingesetzt und allein „für gute Zwecke“ gebilligt wird.

Was läuft da so furchtbar schief? Seitens von Rechten ist da sicher Rassismus im Spiel, Antisemitismus ebenfalls. Aber vielerlei Gewalttätigkeit, zumal die von Linken, ist eben durchaus nicht rassistisch oder antisemitisch – und trotzdem so geartet, wie es in unserem Land niemals zugehen sollte. Weiß man wohl nicht genug über jene schlimmen Folgen von Gewalttätigkeit, die einen dazu bringen müssten, von vornherein schon gegen jede Neigung zur Gewaltsamkeit anzukämpfen? Solche Ahnungslosigkeit gibt es aber schwerlich in einem Land, in dem die Verbrechen der Nazis allen vor Augen geführt werden, in dem viele Leute auch die Verbrechen des Staatskommunismus nicht verkennen – und wo so viele gerade unter dem Eindruck von Bürgerkriegen und politischer Verfolgung für eine sehr liberale Migrationspolitik eintreten.

Weshalb gibt es aber dennoch so viel mörderische Gewalttätigkeit – um von jener seelenvergiftenden Gewaltsamkeit gar nicht lange zu handeln, die sich unbemerkt von der Öffentlichkeit gegenüber Frauen, Kindern, auch Männern, und ansonsten Minderheiten aller Art vollzieht? Und was ließe sich auch dann gegen Gewaltneigung tun, falls man ihre Ursachen nicht wirklich – und schon gar nicht vollständig – kennt?

Erstens sollten wir alle begreifen, dass Mord nur das äußerste Ende einer lückenlosen Kette von Gewaltsamkeit ist, die mit verbaler Gewalt beginnt, sich in Rüpeleien fortsetzt und zu Sachbeschädigung und Körperverletzung verleitet, bevor auch der Tod des anderen zur eigenen Befriedigung führt.

Zweitens sollten wir einsehen, dass wir uns bereits dadurch auf den Weg zur Gewalt begeben, dass wir einen anderen nicht einfach als nach Aussehen und Lebensweise, Religion oder politischen Ansichten anders ansehen, ihn auch nicht länger als legitimen Rivalen um Anhänger oder Wählerstimmen betrachten, sondern ihn mehr und mehr als einen Feind einschätzen – und zwar nicht anhand vernünftiger Kriterien (so wie Russen die Nazi-Deutschen ganz zu Recht als ihre Feinde ansahen), sondern gefühlsgeleitet und allzu oft zum willkommenen Zweck, sich dem Feind gegenüber als „menschlich und moralisch überlegen“ darzustellen.

Drittens sollte jeder in seinem Umfeld auch schon dem unscheinbarsten Reden und Tun entgegentreten, das Mitmenschen abwertet, Gewalt gegen sie in Erwägung zieht, billigt oder gar plant. Nur umfassende, vom Verlangen nach Gewaltlosigkeit und allgemeiner Freiheit getragene soziale Kontrolle hat eine Chance, die so vielfältigen Reize selbsterhöhenden Gewaltverhaltens gerade nicht in praktizierte Gewaltsamkeit umsetzen zu lassen. Oft verlangt das Mut nicht gegenüber den Gegnern, sondern gerade vor seinen eigenen Freunden.

Viertens muss, ganz gemäß dem Subsidiaritätsprinzip, der Staat dort streng eingreifen, wo zivilgesellschaftliche Selbstkontrolle misslingt oder nicht ausreicht. Gewaltgeneigte Gruppierungen sind ohne politische Scheuklappen ausfindig zu machen und zu zerschlagen; Gewalttäter müssen tatkräftig ermittelt und festgenommen werden; ihnen sind faire, doch hinsichtlich staatlichen Durchsetzungswillens unmissverständliche Prozesse zu machen; und bei der Strafzumessung muss das Prinzip der Generalprävention wohl eine größere Rolle spielen als so manches Mal in der Vergangenheit – zumal dann, wenn es sich um jugendliche Gewalttäterinnen und Gewalttäter handelt.

Zwar beziehen sich diese vier Forderungen nur auf die Symptome, nicht schon auf die Ursachen jener erschreckenden Gewaltsamkeit, die inzwischen unsere Gesellschaft prägt. Doch solange man die Ursachen einer Krankheit nicht beseitigen kann, hilft es schon viel, wenigstens ihre Symptome in den Griff zu bekommen. Nur ist eben bloß ein Anfang – und keineswegs schon genug.