Lehren aus Trumps Sieg

Vieles ist zur Wahl des künftigen US-Präsidenten zu sagen. Die Medien sind voll davon. Nur auf drei Dinge will ich meinerseits die Aufmerksamkeit lenken.

Erstens: Eine Mehrheit hatte nicht damit gerechnet, dass so viele Amerikaner für Trump stimmen würden. Tatschlich erhielt Clinton Hunderttausende Stimmen mehr als Trump. Doch diese Stimmen waren so über die US-Staaten verteilt, dass Trump die weitaus meisten Staaten samt deren Wahlleuten für sich gewann.

Was uns in diesem Zusammenhang zu denken geben muss, ist unsere Neigung, das politisch Unerwünschte – „Trump gewinnt“ – auch als faktisch unwahrscheinlich anzusehen. Dieser Neigung erliegen wir immer wieder auf den unterschiedlichsten Politikfeldern – vom außenpolitischen Verhalten Russlands über die Finanzierbarkeit unseres Rentensystems bis hin zum Abstimmungsverhalten der Briten. Die US-Wahl sollte uns dazu anhalten, bei der Beschäftigung mit Politik stets der nüchternen Bestandsaufnahme von Tatsachen den Vorrang zu geben vor deren dahingehender Zurechtdeutung, dass sie zu unseren Wunschbildern passen. Denn erst dann, wenn wir unsere Wirklichkeitsbilder mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung gebracht haben, erlangen wir realistische Chancen darauf, die Wirklichkeit ein Stück weit auf unsere Wunschbilder hin zu verändern.

Zweitens: Dass mit Trump der Populismus auch in den USA gesiegt hat, nachdem er schon in so vielen europäischen Staaten auf dem Vormarsch war, sollte dazu anhalten, unsere Standardreaktionen auf den Populismus zu überdenken.

Der ist ja im Wesentlichen die Reaktion vieler Bürgerinnen und Bürger auf die Empfindung, die politischen – und meist auch: die medialen und zivilgesellschaftlichen – Eliten planten und vollzögen Politik an den in der Gesellschaft verbreiteten Interessen und Wertvorstellungen vorbei. Diese halten dann viele Bürgerinnen und Bürger für völlig klar, für fraglos „das Volk“ verbindend und für alledem überlegen, was die politisch-mediale Klasse über eine gute Zukunft und das Gemeinwohl zu sagen weiß. Populismus schließt also eine aufgerissene Lücke zwischen Regierenden und Regierten.

Die übliche Reaktion – in Deutschland bestens beim Umgang mit PEGIDA und AfD zu beobachten – besteht in der Ansage: Ihr Populisten seid dumm, selbstsüchtig, rassistisch, rechts, verachtenswert und somit auszugrenzen; wir hingegen haben Recht und somit Anspruch auf die kulturelle und politische Vorherrschaft. Es ist inzwischen aber ganz offensichtlich, dass eine solche Reaktion nicht wirklich geeignet ist, die Lücke zwischen Regierenden und Regierten zu schließen. Allenfalls kann man jene kleinhalten, die sich über eine solche Lücke empören.

Doch falls ein großer Teil der Regierten tatsächlich meint, die politisch-mediale Klasse wäre von ihnen abgehoben, bricht sich solche Empörung am Wahltag Bahn. Das geschah schon oft in Deutschland und Europa – und vollzog sich jetzt in den USA. Wer also Trump verhindern wollte: Hat der wohl politisch genug gekonnt, wenn er dessen Anhänger durch schlichtes Ächtungsverhalten von der Wahl Trumps abhalten wollte? Es wäre gut für unser Land, wenn wir gerade aus diesem Misserfolg von Trumps US-Gegnern lernen wollten!

Drittens: Wir können noch nicht wissen, ob überhaupt – und gegebenenfalls: wie weit – Donald Trump aus der Rolle eines erfolgreichen Wahlkämpfers in die Rolle eines Präsidenten hineinwachsen wird, der für sein Land und für den Rest der Welt wenig Schlechtes, ja womöglich gar Gutes bewirkt. Die angemessene Haltung für uns Zuschauer dürfte sorgfältiges Hinsehen, von Vorsicht begleitete Hoffnung sowie solche Reaktionsbereitschaft sein, die bestmöglich unsere eigenen Interessen schützt. Denn als Europäer und Deutsche sollten wir uns nicht länger darauf verlassen, dass Präsident Trump uns weiterhin wie seiner Obhut anempfohlene, nicht für sich selbst verantwortliche Schützlinge behandelt.

Also werden wir besser als in der Vergangenheit unsererseits klären müssen, was wir wirklich wollen und können. Und wir werden uns auch eigene Mittel für die Durchsetzung des von uns Gewollten verschaffen müssen. Zugespitzt: Wir Europäer – und gerade wir Deutschen – werden in der Auseinandersetzung oder Zusammenarbeit mit einem US-Präsidenten Trump außen- und sicherheitspolitisch erwachsen werden müssen.

Womöglich führt uns das zur Einsicht, dass Europas außen- und sicherheitspolitische Kraft gar nicht mehr zu einem Mitgestalten ausreicht, das die Grenzen der EU überschreitet. Dann aber sollten wir auch unsere politische Rhetorik auf jenes Maß zurücknehmen, das unseren realen Gestaltungsmöglichkeiten entspricht.

Verschließen wir uns solchen Ratschlägen, so wird die Kluft zwischen Europas Bevölkerungen und deren Eliten nur weiter wachsen. Das gäbe dem europäischen Populismus zusätzliche Schubkraft. Wer also aus dem Scheitern des Kampfs gegen eine Präsidentschaft Donald Trumps nicht lernen will, der wird fühlen – nämlich den weiteren Vormarsch des Populismus in Europa und in Deutschland.

 

Bildquelle: http://img.zeit.de/kultur/2016-08/populismus-emotionen-donald-trump/wide__1300x731