Deutsche Willkommenskultur: ein Sommermärchen

(ursprünglich veröffentlicht am 6. September 2015 auf meiner Facebookseite https://www.facebook.com/WJPatzelt/posts/1674292962800843)

 

Zwei widerstreitende Gefühle werden bei manchen aufkommen, wenn sie die Bilder von jenem Empfang sehen, den unsere Landsleute derzeit in vielen Städten den – etwa von Ungarn und Österreich – eintreffenden Migranten bereiten.

Es macht schon stolz auf unser Land, wenn es jene mit Willkommensschildern, Geschenken und wohlvorbereiteten Quartieren begrüßt, die mit Sehnsucht zu uns kommen – und wenn dies mit Zeichen aufrichtigen Glücks erwidert wird. Welch ein Wandel seit jenen Jahren, da es wahrlich niemanden in jenen Trümmerhaufen eines diskreditierten Volkes zog, der Deutschland damals war! Und welch ein Kompliment an unser Land, auch an jene, die es aufgebaut und ausgestaltet haben, dass so viele nicht mehr damit zufrieden sind, in so schöne Länder wie die Türkei, Griechenland oder Italien gelangt zu sein, dass sie sich auch nicht schon in Ungarn oder gar Österreich am Ziel ihrer Wünsche sehen, sondern wirklich erst in Deutschland – abgesehen von jenem eher kleinen Teil, der ins Vereinigte Königreich oder nach Schweden weiterstrebt. Und tatsächlich prägen jetzt nicht Neonazis (oder wie immer man sie nennen will) das vorherrschende Bild unseres Landes, auch nicht jene Schlägertrupps, die in Bahnhöfen oder sonst wo einfallen, sondern jene, die es mit Anderen aufrichtig gut meinen – und zumal mit jenen, die nicht das Glück hatten, in einem so friedlichen, so leicht ein gelingendes Leben ermöglichenden Land wie dem unseren geboren zu sein.

Das also ist das eine, das wirklich schöne Gefühl. Zum anderen Gefühl führt die Frage, was wohl werden wird, wenn die Migranten Folgendes zu erleben beginnen:

Deutschland ist keine Art Paradies, wo jedem nach seinen Bedürfnissen gegeben wird. Im allerbesten Fall winkt ein gelingendes Berufsleben, wie es so viele Deutsche haben. Doch im üblichen Fall wartet harte Arbeit ganz ohne sonderlichen Aufstieg, den erst die Kinder machen werden – falls sie sich nicht in Sonderkulturen eingekapselt, sondern in unser Land integriert haben. Und sehr viele der Migranten werden wohl auf Dauer nicht mehr als eine Existenz auf Hartz IV-Niveau führen können, weil sie es nicht schaffen werden, die für den ihnen zugänglichen Arbeitsmarkt nötigen Qualifikationen oder überhaupt die erforderlichen Sprachkenntnisse zu erwerben. Dann empfinden sie täglich aufs Neue, dass der Lohn ihrer schweren Reise eine Unterschichtenexistenz ist, die täglich demütigt.

Wird dann nicht bald schon Zorn auf dieses Land einsetzen, das einem gleichsam falsche Versprechungen gemacht hat? Das „bloß Zugewanderten“ offenbar geringere Chancen bietet als jenen, die lange schon da sind oder sich den Deutschen angeglichen haben? Und was werden die Früchte solchen Zorns sein? Vor allem: wenn sie sich mit religiösen Gefühlen verbinden?

Und mehr noch: Was wird geschehen, wenn die Lebensperspektiven jener Einwanderer, die halbwegs in diesem Land etabliert sind, durch Verteilungskonflikte mit den weiterhin eintreffenden Zuwanderern getrübt werden? Was mag geschehen, wenn die deutschen Behörden, um solchen Konfliktdruck zu mindern, einmal doch noch mit einer wirksamen Abschiebepraxis beginnen sollten? Wenn sie also „die eigenen Leute“ abzuschieben beginnen, damit Neuankömmlinge bleiben können? Und was, wenn aus Einzelfällen des Streites von Zuwanderern untereinander, oder von Auseinandersetzungen zwischen Migranten und Einheimischen, verfestigte ethnische Konflikte werden, bei denen sich soziale Konflikte unentwirrbar mit kulturellen Konflikten verbinden?

Man mag sich selbst oder anderen jetzt tröstend, vielleicht auch abwiegelnd sagen: So weit wird es schon nicht kommen! Es hängt doch ganz von uns ab, derlei zu verhindern! Nur Mut – und helfend zugepackt!

Letzteres ist schon richtig. Doch Hoffnung versetzt nicht jeden Berg. Idealismus kann an der Wirklichkeit auch zerschellen. Nicht alle Anstrengungen lassen sich durchhalten. Und wenig hat schlimmere Folgen als enttäuschter guter Wille. Wenn der besonders groß ist, wie derzeit bei den allermeisten Deutschen und bei so vielen Migranten, dann lässt das die Sorgen um die unbeabsichtigten oder leicht übersehenen Folgen all dessen erst recht wachsen.

Jüngere mögen sich in solchen Lagen gern von der Schönheit idealistischer Ausnahmezeiten tragen lassen. Erfahrene aber wissen, dass es auch Entwicklungen in Sackgassen gibt. In denen angekommen, versteht meist keiner mehr so recht, warum die Schrecknisse der Gegenwart sich nicht abwenden ließen, als mancher sie doch kommen sah. Zwar bestraft das Leben dann auch jene Trojaner, die das Hölzerne Pferd zuvor unbelehrbar-freudig in ihre Stadt gezogen haben. Kassandra aber war durchaus nicht glücklich, als ihre Warnungen sich als begründet erwiesen.

 

 

Bildquelle: http://bilder1.n-tv.de/img/incoming/crop15895456/9821324672-cImg_16_9-w1200/61332996.jpg