Wer demonstrierte bei PEGIDA?

Viele werden sich noch an die Diskussionen darüber erinnern, ob denn die Untersuchungen von Vorländer, Rucht, Walter und Patzelt über die PEGIDA-Demonstranten verlässliche Ergebnisse geliefert hätten. Allzu viele Befragte hätten die Antwort verweigert; und schon vom Auswahlverfahren her seien die Stichproben nicht repräsentativ.

Gewiss hatten alle diese Studien ihre methodischen Probleme. Doch wer die Befunde parallel betrachtete und einiges erfahrungsgestützte Gefühl für Verzerrungseffekte hatte, der erkannte von Anfang an, dass die wesentlichen Ergebnisse trotzdem ziemlich gut zusammenpassten.

Soeben ist eine Untersuchung von Karl-Heinz Reuband erschienen, welche unter dem Titel „Wer demonstriert in Dresden für Pegida? Ergebnisse empirischer Studien, methodische Grundlagen und offene Fragen“ (in: MIP 21, 2015, 133-143) deren methodischen Ansatz sowie die soziographischen und einstellungsbezogenen Befunde vergleicht, ja obendrein noch die wechselseitigen Abweichungen erörtert. Obendrein vergleicht Reuband – entlang einer Studie von Wolfgang Donsbach – Befunde zur „Fremdenfeindlichkeit der Dresdner“ mit bundesweiten Daten.

Reubands Studie ist mit Genehmigung des Verfassers herunterladbar unter:

http://www.docdroid.net/…/reuband-wer-demonstriert-in-dresd…

Auch Reuband fand heraus, dass es keinen Grund für Zweifel am in jenen Studien gezeichneten Bild von der sozialen Zusammensetzung und den Grundeinstellungen der PEGIDA-Demonstranten gibt. Gilt das aber für die mehrfach erhobenen Befunde, dann werden wohl auch die nicht mehrfach abgefragten Merkmale von Pegidianern im Großen und Ganzen ziemlich richtig getroffen sein – zumindest, falls sie ins insgesamt sich abzeichnende Bild passen.

Auch unter dem Eindruck solcher mit guten Argumenten nicht länger bestreitbaren Befunde differenziert sich inzwischen das Bild von PEGIDA – sofern in den Medien überhaupt noch eines gezeichnet wird. Unlängst behauptete sogar ein Vertreter von „Dresden nazifrei“ auf einer öffentlichen Veranstaltung, man habe eigentlich immer schon eine differenzierende Einschätzung von PEGIDA gehabt. Wohlan, weiter so!

Rückschauend lässt sich schwer der Eindruck vermeiden, dass vielerlei methodisch eingekleidete Kritik an den anfangs so überraschenden Ergebnissen von PEGIDA-Studien nicht viel anderes war als eine Bekundung von Unwillen darüber, dass die Forschung – leider, leider … – nicht jene Vorurteile bestätigen konnte, die sich so schnell über PEGIDA breitgemacht hatten. Tatsächlich war spätestens im Januar ein Klima entstanden, in dem allein schon die öffentlichkeitswirksame Beschreibung dessen, was es wirklich mit Dresdens PEGIDA auf sich hatte, als „Parteinahme für PEGIDA“ galt – und die kritische Zurückweisung populär gewordener Stereotypen als ein „Überschreiten der Trennlinie zwischen Wissenschaft und Politik“.

Aber Wissenschaft hat nun einmal nicht die Aufgabe, Leuten nach dem Mund zu reden – und zwar auch nicht „den Guten“ oder den „Wohlmeinenden“. Mich freut deshalb die wachsende Klarheit darüber, dass im Streit um PEGIDA sich nicht die Wissenschaft falsch verhalten hat, sondern ein Teil der Öffentlichkeit. Der aber wollte das einfach nicht wahrhaben und überzog deshalb die mit anderen Einschätzungen aufwartenden empirischen Beobachter mit Vorwürfen. Schlecht so. Und ob aus einem solchen Rückblick wohl für die Zukunft etwas gelernt wird?

 

Bildquelle: https://rhetorikseminar.org/umfrage-ist-argumentation-ein-thema-fuer-sie/