Der Politikanalytiker als Fußballreporter
Anbei verlinke ich mein Interview vom 20. Juli 2026 mit Apollo-News: https://youtu.be/9jXXTU08jlg?is=UZjtzB7zFWEBNLCC. Es behandelt – vor allem – die politischen Dimensionen des Rücktritts von Jens Spahn vom Amt des Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Dessen Anlass war breite Empörung angesichts der Beschäftigung einer Leihmutter zum Zweck der Weiterentwicklung eines gleichgeschlechtlichen Männerpaars hin zu einer Familie.
Zentraler Inhalt dieses Interviews war also gerade nicht die Diskussion um eine ethische Vertretbarkeit von Leihmutterschaft oder über Besonderheiten gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Also gibt es auch keine differenzierte Befassung mit beiden Themen, obwohl sie mir bei einem anders gelagerten Interviewzweck gewiss möglich wäre. Ein solches Interview werde ich in einigen Tagen hochladen. Hier aber geht es, an einem konkreten Beispiel, allein um jene politische Sprengkraft, die das Verhalten zu solchen Themen sehr rasch entfalten kann.
Vielleicht hilft eine Parallele zur Fußballwelt beim Nachvollziehen meiner üblichen und also auch in diesem Interview eingenommenen Position.
Ein Politikanalytiker wie ich ist kein Fußballspieler (*), der sich auf dem Feld für oder gegen eine Mannschaft einsetzt. Er ist auch kein Trainer (**), der – je nach Vertrag – die eine oder andere Mannschaft zum Sieg führen will. Ebenso wenig ist er ein Schiedsrichter, der das sich entfaltende Spiel gemäß dessen Spielregeln zu leiten hat. Seine Rolle ist vielmehr die eines Fußballreporters, der die Leitgedanken und eine gelingende, schöne Praxis des Fußballspiels mag, der auch viele Vereine und Spiele mit wechselnden Trainern, Schiedsrichtern und Spielern mitsamt ihren Stärken sowie Schwächen gesehen hat. Also kann er seinen Lesern oder Zuhörern ziemlich gut erklären, wie jener Eisberg wohl aussieht und sich bewegt, dessen bloße Spitze bei einem konkreten Spiel sichtbar wird (***).
Deshalb können seine Analysen sogar für jene erhellend sein, die den Eisberg oder einen an ihm ausgerichteten Kurs gar nicht mögen. Also macht genau die Unparteilichkeit eines solchen Reporters seine Kommentare nützlich, und zwar auch dann, wenn sie jene verärgern, die den Reporter lieber Partei für oder gegen eine Mannschaft ergreifen sähen. Doch Partei ergreift er eben nur für die Geltungssicherung jener Regeln, die ein gelingendes und möglichst schönes Spiel ermöglichen.
Wer aber nur die Spitze des „Eisbergs“ der Welt des Fußballs oder der Politik sieht oder sehen will, also nicht mit dem rechnet, was einem an der Oberfläche haftenden Blick verborgen bleibt, der gleicht im schlimmsten Fall dem Kapitän der „Titanic“: Er kann durch Ignoranz schuldig werden am Untergang seines Schiffs und mitschuldig am Tod von vielen Passagieren. Also wäre es besser, wenn er sich nicht gerade dann gegen die Einsichten eines Fußball- oder Politikanalytikers sträubte, wenn sie seinem eigenen Fühlen und Denken in die Quere geraten.
(*) Als „politischer Fußballspieler“ betätigte ich mich nur vor einigen Jahren, als ich 2019 einige Monate lang als Ko-Vorsitzender der Wahlprogrammkommisson der sächsischen CDU fungierte; siehe https://wjpatzelt.de/2019/01/09/landtagswahlkampf-in-sachsen-folge-1/
(**) Als „politischer Trainer“ betätigte ich mich jahrelang, wann immer mich CDU-Gremien zu Beratungszwecken einluden. Nachdem die AfD in den Sächsischen Landtag eingezogen war, bat auch sie mich um Rat dazu, wie sie sich auf dem politischen Spielfeld verhalten sollte. Also betätigte ich mich auch hier mehrfach als „politischer Trainer“; siehe https://wjpatzelt.de/2019/01/15/patzelt-und-die-afd-gutachten-vortraege-publikationen/. Ein ausführliches Gutachten, in dem ich das meiner Ansicht nach richtige Verhalten der sächsischen AfD-Landtagsfraktion beschrieb, findet sich unter https://wjpatzelt.de/2020/02/01/patzelt-geheimgutachten-fuer-die-afd/
(***) Hierzu siehe etwa meine folgenden Bücher: „CDU, AfD und noch mehr politische Torheiten. Neue Analysen, Interviews und Kommentare 2019-2024“, Sargans/Schweiz (Weltbuch) 2024, 594 S.; „Deutschlands Blaues Wunder. Die AfD und der Populismus“, München (Langen Müller), 2025, 1. und 2. Aufl., 320 S.; „Die politische Linke. Auf der hellen Seite der Macht?, Berlin / Heidelberg (Springer) 2026, im Erscheinen sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch.