Patriotismus in der Einwanderungs-gesellschaft

Vortrag, gehalten am 27. Mai 2015 an der HTWK
(Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig) in Leipzig

 

I. Vom Wert einer Einwanderungsgesellschaft – gerade in Deutschland

Eine Einwanderungsgesellschaft muss weltoffen sein, ja „nach Buntheit streben“.

  • Eben das macht auch ihren Reiz aus – wie das Leben in internationalen Städten wie Montreal, doch auch Berlin aufs Deutlichste zeigt.
  • Buntheit und Vielfalt bieten im Übrigen Chancen auf jenes Ausprobieren von Neuem, ohne das eine Gesellschaft sich nicht modernisieren, sondern erstarren wird.
  • Und auch der Blick in die Geschichte zeigt, dass blühende Städte weltoffen waren, ja gerade von ihrer Weltoffenheit profitierten: Cordoba im muslimischen Spanien, Xian im China der Tang-Dynastie, New York im 20. Jh.

Fazit: Eine Einwanderungsgesellschaft bietet sehr viele Chancen. Besser, als über ihre Risiken zu klagen, wäre es deshalb, sich um gute Voraussetzungen für die Nutzung ihrer Chancen zu kümmern.

Im Übrigen gilt für Deutschland Folgendes:

  • Aufgrund unserer demographischen Entwicklung brauchen wir Einwanderung, wenn wir unsere gewerbliche Wirtschaft, unseren Dienstleistungssektor und insbesondere unsere Sozialstandards aufrechterhalten wollen. Unser Aufenthaltsrecht erlaubt im Grunde – nicht immer in der Praxis! – solche Einwanderung in unser Wirtschafts- und Gesellschaftsleben recht leicht.
  • Im Rahmen der EU besteht ohnehin Freizügigkeit für alle EU-Bürger – und im Rahmen des Schengen-Raums obendrein faktische Freizügigkeit für alle, die aufs Gebiet der EU gelangt sind.
  • Aufgrund der von der großen Mehrheit der Deutschen gewünschten Weltoffenheit und Hilfsbereitschaft unseres Landes haben wir einen großen Zustrom an Asylbewerbern und Bürgerkriegsflüchtlingen. Nach allen Erfahrungen verbleiben die weitaus meisten von ihnen in Deutschland und stellen somit den Hauptteil der Einwanderer dar.
  • Gerade wenn wir – wie das wünschenswert ist – eine aufrichtige Willkommenskultur praktizieren und für rasche Integration von Bürgerkriegsflüchtlingen und Asylbewerbern sorgen, werden diese im Land bleiben. Und weil Kinder dieses Personenkreises natürlich schulpflichtig sind, die Schule aber eine sehr wirkungsvolle Integrationsstätte sein kann, wird es alsbald inhuman, solche Leute aus Deutschland ausweisen zu wollen, die zwar nicht mit dem festen Ziel gekommen sein mögen, hierher einzuwandern, die aber faktisch zu neuen Mitbewohnern geworden sind. Und ihre – nach acht Jahren legalen Aufenthalts – in Deutschland geborenen Kinder sind ohnehin Deutsche.

Aus allen diesen Gründen folgt: Es ist nicht damit getan, für Einwanderung offen zu sein sowie für eine aufrichtige Willkommenskultur zu sorgen, sondern wir müssen unserer immer mehr Einwanderer aufnehmende Gesellschaft auch zusammenhalten – trotz aller Spannungen, die zwischen schon Ansässigen und Einwanderern sowie zwischen unterschiedlichen Einwanderergruppen bestehen oder sich entwickeln.

Wir brauchen also eine gut überlegte Integrationspolitik, letztere zu verstehen nicht als Assimilationspolitik, sondern als Politik für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

II. Was ist „Patriotismus“?

Und genau an dieser Stelle kommt der Patriotismus ins Spiel. Das wundert zunächst. Denn nach weit verbreiteter Wahrnehmung ist es so, dass der Patriotismus nur ein „Nationalismus“ light wäre, als solcher die Vorstufe zum Chauvinismus – und überhaupt eine Erscheinungsform von Rassismus. Patriotismus als „schließt ab“ und „engt ein“.

Das gilt es nun näher zu betrachten.

  • Viele Deutsche pflegen ziemlich verstört zu sein, sobald die Rede auf Patriotismus kommt. Der Debatte um ihn liegt nämlich eine Hintergrundannahme zugrunde, die zwar meist unausgesprochen bleibt, von deren trotzdem unterstellter Vernünftigkeit aber die ganze Plausibilität der Diskussion abhängt. Die sie tragende Vermutung geht dahin, dass in Deutschland, und eigentlich vor allem, ja nur in Deutschland, Patriotismus etwas potentiell Gefährliches sei, sozusagen ein wildes Tier, das man besser schlafen lasse. Im Grunde gäbe man diesem wilden Tier mit ‚Patriotismus’ auch den falschen Namen: Um Nationalismus gehe es im Grunde, der – vom Schlafe aufgewacht – sich hierzulande recht unwiderstehlich zunächst in Chauvinismus verwandele und dann in Rassismus.
  • Diesbezüglich gebrannte Kinder wie die Deutschen sollten nun aber das Feuer scheuen – und darum denn doch, anders als andere Nationen, sich ernsthaft die Frage stellen, ob es ohne Patriotismus nicht auch gehen könne. Der Hintergrunddiskurs kreist also um die Frage, ob die Deutschen ihre Nation nicht besser loswerden sollten, um anschließend, gewissermaßen wie vor dem Sündenfall von Bismarcks Reichseinigung, einesteils wieder Bayern und Sachsen, Pfälzer oder Hanseaten zu sein – und andernteils, auf der nächsten wichtigen politischen Integrationsstufe, eben Europäer. Dergestalt streiften die Deutschen im sich einigenden Europa ihre unglückliche Nation und schlimme Nationalität wieder ab, falls sie sich nur ehrlich genug auf den Weg in die postnationale Republik machten.
  • Es braucht nicht viel vergleichende Bemühungen, um sich das phantastisch Einzigartige eines solchen Sonderweges klarzumachen. Ist Frankreich, ist Italien auf dem Weg in eine postnationale Zukunft? Und wie antworteten wohl die intellektuellen Eliten Tschechiens, Polens oder gar der wieder entstandenen baltischen Staaten auf die Frage, wozu es im Rahmen der Europäischen Union denn Nationen überhaupt, und zumal die ihre, fortan geben müsse? Doch bestimmt mit der Gegenfrage, ob man noch bei Trost wäre!

Und kann man denn wohl gar keine positive Bestimmung dessen finden, worum es beim Patriotismus geht? – Eigentlich gelingt das sehr leicht, nämlich so:

  • Patriotismus kommt vom lateinischen Wort ‚patria’. Es bezeichnet das Vaterland, die Heimat. Dort wächst man auf, schlägt Wurzeln, fühlt sich zugehörig.
  • Oder dort zog man einst hin, schlug dann Wurzeln und fühlt sich seither zugehörig.
  • Wie auch immer die Beziehung zur „patria“ zustande kommt: Wer eine solche ‚patria’ besitzt, der möchte dort meist auch ein gutes Gemeinwesen bestehen sehen. Nicht selten will man selbst zu dessen Gedeihen beitragen.

Und genau das meint Patriotismus. Wir können also formulieren: Was uns wirklich, und gerade unter großen Zerrkräften, zusammenhalten wird, ist nichts anderes als Patriotismus. Und zum Patrioten kann jeder Einwanderer werden – denn beim Patriotismus kommt es nicht auf die Herkunft an, sondern auf die Zukunft.

Kurz: Patriot ist, wer mit anderen zusammen an einer möglichst guten, gemeinsamen Zukunft baut.

 

III. Verklemmter Patriotismus

Nun haben aber nicht nur jene ein „gespanntes“ Verhältnis zum Patriotismus, denen „die ganze Richtung nicht passt“ – sondern nicht selten auch jene, die sich ohne jedes schlechte Gefühl als „deutsche Patrioten“ bezeichnen. Das zeigen etwa unsere letzten Umfragen unter Dresdner Pegida-Demonstranten. Wir fanden:

Wer (wie bis zu 82% der Befragten) sich stärker einen „deutschen Patrioten“ nennt, der …

  • steht politisch weiter rechts: r=-.21 (April: r=-.25; Januar: r=-.28)
  • meint eher, der Nationalsozialismus sei eine Diktatur wie jede andere gewesen: r=.24 (April: r=.02)
  • nahm häufiger an PEGIDA-Demonstrationen teil r=-.16 (April: r=-.26; Januar: r=-.23)
  • meint eher, die PEGIDA-Demonstrationen würden in Deutschland etwas zum Besseren ändern: r=.17 (April: r=.06; Januar: r=-.01)
  • nutzt häufiger die PEGIDA-Facebook-Seite r=.18 (April: r=.14; Januar: r=.03)
  • beteiligt sich im Internet etwas häufiger an politischen Diskussionen r=.11 (April: r=.11; Januar: r=.09)
  • meint eher, PEGIDA-Anhänger diskutierten im Internet sachlich und konstruktiv r=.13 (April: r=.11)
  • stimmt weniger der Aussage zu, er könne manche Ansichten und Vorwürfe von PEGIDA-Gegnern durchaus verstehen r=-.22 (April: r=-.22)
  • meint eher, man komme mit Kritikern von PEGIDA nicht ins Gespräch: r=.22 (April: r=.08; Januar: r=.00)
  • fühlt sich weniger durch Parteien und Politiker vertreten: r=-.17 (April: r -.08; Januar: r=-.01)
  • hält die Medienberichterstattung über PEGIDA für weniger ausgewogen: r=-.17 (April: r=-.06; Januar: -.04)
  • ist mit der in Deutschland funktionierenden Demokratie weniger zufrieden: r=-.21; April:
    r=-.05)
  • meint weniger, Deutschland solle weiterhin politisch verfolgte Asylbewerber und Bürgerkriegsflüchtlinge aufnehmen r=.03 (April: r=-.15; Januar: r=-.13)
  • meint stärker, Deutschland nähme zu viele Asylbewerber auf r=.24 (April: r=.14; Januar: r=.26)
  • meint stärker, es solle überhaupt weniger Ausländer in Deutschland geben r=.18 (April: r=.18)
  • meint stärker, niemand solle in einem Land leben, in das er nicht passt r=.14 (April: r=.19)
  • stimmt stärker der Aussage zu, wer Deutschland nicht mag, solle Deutschland verlassen r=.23 (April: r=.20)
  • meint stärker, wer in Deutschland Einfluss haben wolle, solle erst einmal etwas für das Land leisten r=.19 (April: r=.26)
  • meint weniger, ein friedlicher Islam gehöre zu Deutschland r=-.03 (April: r=-.15; Januar: -.06)
  • meint eher, Bachmann und das Organisationsteam leisteten gute Arbeit und brächten PEGIDA politisch voran r=.20 (April: r=.16)
  • hält es eher für gut, dass sich PEGIDA am Dresdner OB-Wahlkampf beteiligt: r=.17 (April: r=.06)

Bei den – vermutlich nicht nur Dresdner – PEGIDA-Anhängern zeigt sich also, dass ein Selbstverständnis als „deutscher Patriot“ eng mit Xenophobie verschwistert sein kann.

Was tun in dieser Lage? Sollte den Deutschen ihre Restbestände an Patriotismus austreiben, wer ihr in eine demographische Krise geratenes Land durch Einwanderung stark halten möchte? Kann das überhaupt gehen in einer EU, in welcher Renationalisierung das Zeichen der Zeit ist – und zwar nicht nur bei den Griechen und Briten, sondern auch bei den Ungarn und Polen?

Vermutlich wird anders herum anzusetzen sein: Gerade eine multikulturelle Gesellschaft braucht nämlich viel Kitt, um nicht auseinanderzufallen!

 

IV. Stärken und Schwächen von „Verfassungspatriotismus“

Als solcher Kitt steht einesteils jener „Verfassungspatriotismus“ zur Verfügung, den Dolf Sternberger einst vor aller Augen führte als Möglichkeit, in Deutschland zwar Patriot sein zu können, nicht aber auch (gerne) Deutscher sein zu müssen. Insofern bietet sich der Verfassungspatriotismus als erster Kandidat bei der Suche nach einem unsere Einwanderungsgesellschaft integrierenden Patriotismus an.

Gerade um dem vergifteten Zusammenhang von „Nation“ und „Patriotismus“ zu entgehen, ersann man in der Bundesrepublik Deutschland ja den Verfassungspatriotismus. Denn Patriot im guten Sinn des Wortes wollte man schon sein. Nur sollte die ‚patria’ nicht geographisch definiert werden, nicht bezogen sein auf ein bestimmtes Volk, auf dessen Siedlungsgebiet und auf seine kulturellen Besonderheiten. Sondern festlegen wollte man sich allenfalls auf gemeinsame politische und rechtliche Grundsätze, unter denen dann auf dem gleichen Gebiet zusammenleben sollte, wer immer sie zu akzeptieren bereit war.

Attraktiv war am westdeutschen Verfassungspatriotismus vor allem, dass er der Bonner Republik einen Bezugsrahmen neuen, besseren Typs zu geben versprach, als ihn die so unbestreitbare wie ungeliebte nationale Kontinuität zwischen dem Deutschem Reich und der Bundesrepublik Deutschland anbot. Obendrein stellte er in Aussicht, wirklich alle Volksgruppen, Minderheiten und Einwanderer zu einer postnationalen multikulturellen Bevölkerung zu integrieren. Denn als in der Bundesrepublik Deutschland wirklich angekommene Mitbürger wünschte man sich gleichsam nicht türkische Deutsche, sondern demokratisch gesinnte Türken mit Deutsch als gut beherrschter Zweitsprache.

Es zeigt sich aber mehr und mehr, und zwar eben nicht nur bei PEGIDA, dass dieser normative Bezugsrahmen von Patriotismus nicht mit jenem faktischen Bezugsrahmen von Patriotismus identisch ist, der sowohl von den lange schon Ansässigen als auch von den Einwanderern tatsächlich verwendet wird.

  • Zum einen lässt sich mit Verfassungspatriotismus, wie ihn die deutschen Bildungs- und Politikeliten verfechten, der alltagspraktische Patriotismus der meisten Deutschen ohnehin nicht beseitigen. Genau auf ihn treffen also die meisten Einwanderer.
  • Zum anderen wollen Einwanderer meist ebenfalls nicht nur die bundesdeutschen Verfassungsprinzipien und die deutsche Sprache zum Angelpunkt ihres kulturellen Selbstverständnisses machen. Mehr aber bekommen sie an verbindenden Gemeinsamkeiten von Verfassungspatrioten nicht angeboten. Und das läuft dann entweder auf eine Zurückweisung kultureller Integrationswünsche hinaus – oder auf die Hinnahme einer Multikulturalität, die von Parallelgesellschaftlichkeit nicht mehr zu unterscheiden ist.
  • Eine solche Parallelgesellschaftlichkeit wird von – vermutlich – den meisten Deutschen aber abgelehnt. Sie gleichwohl durch Gesetz und Verwaltung „aufzwingen“ zu wollen, wird zu Revolten überhaupt gegen die politische Klasse und unsere Demokratie führen, von denen PEGIDA nur ein Vorgeschmack ist. Derlei Risiken für unsere Demokratie sollten wir nicht wirklich wollen.

Nun ist gegen eine gemeinsame Sprache ebenso wenig einzuwenden wie gegen die wertvollen Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Bloß hat sich ein allein hierauf ausgerichteter Patriotismus klar vom Bezugsrahmen einer Nation gelöst. Dann muss allerdings nicht wundern, wenn derart verwaistes nationales Denken anschließend Wege nimmt, auf denen ihm der Verfassungspatriotismus nicht mehr folgen kann. Wünschenswert wäre das nicht: Verfassungspatriotismus hat sich als Patriotismus auch von Deutschen ja aufs engste mit der Idee freiheitlicher Demokratie verbunden, was einem großen Sprung unserer politischen Kultur hin zu neuen, zu besseren Zuständen gleichkommt.

Trotzdem ist die Integrationsleistung allein von Verfassungspatriotismus recht schwach:

  • Er ist zwar ethisch und intellektuell höchst attraktiv.
  • Doch seinem Empfindungsspektrum fehlt jene emotionale Bindung an die Leute im Land, die für zusammenhaltenden Gemeinsinn so wichtig ist.
  • Verfassungspatriotismus allein reicht deshalb weder aus, um Einwanderern mehr entgegenzubringen als an Vorbedingungen geknüpfte Toleranz, noch dafür, dass auch unter den Einwanderern eine innere Bindung an jene Mitbürger entsteht, in deren Mitte sie doch leben.
  • Und nachgerade zu einer Ausgrenzungsdoktrin wird Verfassungspatriotismus, wenn etliche seiner Prinzipien wichtigen Gruppen von Einwanderern als unvereinbar mit jener Kultur gelten, in der sie nun einmal den Kern ihrer Identität finden und von welcher sie auch im neuen Heimatland nicht lassen wollen. Das alles erleben wir derzeit und sehen vielerlei Multi-Kulti-Illusionen zusammenbrechen.

 

V. Warum in Deutschland einfacher Anschluss an „patriotische Traditionen“ nicht geht

„Nationalem Patriotismus“, als einer anderen Erscheinungsform von Patriotismus, steht in Deutschland allerdings eine traumatisierende Geschichte im Weg.

  • An einem Völkermord nicht – was schlimm genug wäre – als das Volk der Opfer, sondern gar als jenes der Täter beteiligt gewesen zu sein, ist eine seelische Last und schwere moralische Hypothek auch für die Nachgeborenen.
  • Nicht viel leichter ist die Bürde einer Nation, die in keinen vierzig Jahren zwei Niederlagen in zwei als Existenzkämpfen geführten Weltkriegen erlitten hat – und eine davon in einem Weltkrieg, der in Europa allein von der deutschen Regierung aus verbrecherischem Mutwillen angezettelt wurde und weit über Europa hinaus allergrößtes Unglück brachte.
  • Traumatisiert hat die Deutschen auch, was der nach Deutschland heimkehrende Krieg dem Volk auferlegte: Millionen von Kriegs- und Vertreibungsopfern; die Zerstörung seiner Städte und gleichsam eines Großteils seiner Seele; den endgültigen Verlust eines Viertels seines Siedlungsgebiets und der dort einst lebendigen deutschen Kultur; die jahrzehntelange Spaltung des Landes samt dem wirtschaftlichen Ruin seines östlichen Teils; die Verlängerung der Diktatur der Nationalsozialisten durch die der Kommunisten.
  • Obendrein beruhten die deutschen Verbrechen auch auf viel aufrichtigem Glaubenwollen und widerlich ausgenutzter Opferbereitschaft. Wenn nun aber das Ergebnis all dessen doch nur der Holocaust, der Ruin des Landes und die Zerstörung so vieler Ideale war: Wie sollte da nicht der Wunsch aufkommen nach einem Schlussstrich unter das 1871 begonnene Experiment deutscher Nationalstaatlichkeit? Wie nicht die Hoffnung, Europa werde die Deutschen von ihrer unglücksstiftenden Nation wieder erlösen – und unsere Nachbarn von einem überstarken Deutschland in Europas Mitte?

Tatsächlich wünschen sich bis heute gar nicht wenige unser Deutschland lieber als einen geographischen Namen denn als einen politischen und emotionalen Rahmen ihres Handelns. Und wessen Herz für ein eher geographisch denn national bestimmtes Deutschland schlägt, kann dafür auch gute Gründe vorbringen – zumal wenn er zweifelsfrei ein Demokrat ist. Denn das Kreuz mit dem deutschen Patriotismus begann so recht mit dem Misslingen einer Verbindung von Nation und Demokratie im 19. Jahrhundert.

Deutschlands Patriotismus war seither meist mit dem Obrigkeitsstaat verbunden, eine über den Nationalstaat hinausweisende internationale Orientierung hingegen oft mit dessen demokratischer Kritik. Es entstand der deutsche Nationalstaat ja nicht gemeinsam mit der Demokratie, sondern – seit dem Scheitern der Revolution von 1848/49 – gerade ohne sie. Also identifizierte sich der deutsche Patriot vor allem mit Volk, Fürst und Kaiser; von Demokraten hingegen fühlte er sein Land gefährdet und später, im Untergang des Kaiserreiches, gar verraten. Für die Weimarer Republik war das eine niederdrückende Erblast der mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg verbundenen Revolution von 1918.

In diese misslungene Hülle der Haltung einesteils zur eigenen Nation, andernteils zur Demokratie trat dann der Nationalsozialismus. Er setzte gar eine Identifikation von Nation und Diktatur ins Werk. Seither klingt in Deutschland Patriotismus vielen nach zumindest potentiellem Faschismus, und soll demokratische Gesinnung oft genau das überwinden, was doch – nach allen bisherigen geschichtlichen Erfahrungen – der Demokratie allein ihren Gestaltungsrahmen gibt: nämlich den Nationalstaat als politische Organisation von Leuten, die sich selbst regieren wollen.

 

VI. Aufgeklärter Patriotismus

Was also tun? – Es wird wohl am besten sein, Inhalte und Ausdrucksformen eines aufgeklärten Patriotismus zu bestimmen und von ihm her auf ein positives Selbstbild einer Gesellschaft auszugehen, die mehr als friedliche Lebensumstände und materielles Wohlergehen in Aussicht zu stellen vermag: nämlich eine auch kulturelle Beheimatung für alle, die – erzwungen oder freiwillig – ihre frühere Heimat verlassen haben.

Und was wären die Inhalte eines solchen aufgeklärten Patriotismus?

  • Erstens muss er ein auf unsere freiheitliche demokratische Grundordnung bezogener Verfassungspatriotismus sein: eine offen bekundete und allem politischen Handeln zugrunde gelegte Zuneigung zu jener politischen Ordnungsform, die Deutschland unter allen Staatsformen, mit denen es unser Land je versucht hat, nun wirklich am besten bekommen ist. Verfassungspatriotismus ist somit kein ‚linkes Gegengift’ zu einem gleichsam rechten nationalen Patriotismus; er ist vielmehr des letzteren wesentlicher Mitbestandteil.
  • Zweitens äußert sich deutscher Patriotismus im politischen Handeln und Sprechen aus einem Gesamtverständnis der deutschen Geschichte und Kultur heraus. Es wird es fruchtbar sein, unser Geschichtsdenken aus der Fixierung auf den Nationalsozialismus zu lösen: Deutschlands Geschichte und deren Lehren umfassen einfach mehr als die zwölf Jahre des deutschen Faschismus. Sie umfassen ebenfalls mehr als die vierzig Jahre der SED-Diktatur.

Es wäre außerdem sehr merkwürdig, wenn wir von türkischen oder afghanischen Deutschen verlangten, sich in eine Art Erbschuld zu stellen, welche die Namen „Nationalsozialismus“, „Holocaust“ und „Kriegsverbrechen“ trägt. Das ist nämlich unsere Geschichte – nicht die von Türken oder Afghanen. Wir werden also schon viel erreicht haben, wenn unsere neuen Mitbürger aus anderen Teilen der Welt sich in die Tradition unserer Erbverantwortung dafür stellen, dass nie die Erinnerung an jene Verbrechen dahinschwindet – und nie der gute Wille, aus den damaligen Fehlern zu lernen.

Im Übrigen führt die Idee ins argumentative Nichts, nur „Biodeutsche“ müssten sich in die Traditionslinie deutscher Staatsverbrechen stellen, während „Passdeutsche“ von alledem ganz unbetroffen wären und auch unbetroffen bleiben könnten. Erstens sind die Kinder von „Passdeutschen“ in jeder Hinsicht Deutsche – und zweitens wäre es wirklich nichts anderes als Rassismus, auch in der zweiten Generation noch an irgendeiner sozial folgenreichen Unterscheidung zwischen sozusagen „Eingewanderten“ und „echten Deutschen“ zu unterscheiden.

  • Drittens gehört zum Patriotismus der Deutschen die Verbundenheit mit ihrer jeweiligen Heimatregion, die innere Bindung an deren Mundart, Landschaft und Bräuche. Unter den Einwanderern wird das auf lange Zeit die innere Bindung an ihre Herkunftsländer einschließen. Vor allem in solcher Heimatliebe, die unter Einwanderern hoffentlich mehr und mehr die neue Heimat einschließen wird, wurzelt jener alltagspraktische Patriotismus der einfachen Leute, denen der intellektuelle Zugang zum Patriotismus über Verfassungsprinzipien oder Lehren aus unserer Geschichte fremd und gesucht erscheint.

Diesen regionalen Patriotismus sollte man aber nie vom auf die Nation bezogenen Patriotismus abkoppeln lassen. Schließlich werden die Einwanderer in unser Land ja nicht zunächst einmal Schwaben oder Thüringer werden, sondern eben Deutsche. Das verlangt dann aber auch eine klare Vorstellung von dem, was es über den Besitz eines bundesdeutschen Passes hinaus bedeuten mag, ein Deutscher zu sein: Zugehörigkeit zu einer auch in kulturellen Gemeinsamkeiten lebenden Bevölkerung – oder nur Teilhabe am gemeinsamen Siedlungsrecht von einander fremd bleibenden Ethnien auf deutschem Staatsgebiet?

  • Viertens gehört zu deutschem Patriotismus eine nicht nur tatkräftig ins Werk gesetzte, sondern immer wieder auch in ganz selbstverständlicher Weise bekundete Zuneigung zum eigenen Land und zu dessen Leuten, zu Deutschlands Kultur und zu den Geltungsansprüchen dieses Landes als einer freiheitlichen, demokratischen und friedliebenden Nation. Dem Zusammenhalt unserer Gesellschaft wäre in der Tat viel geholfen, würde Patriotismus dieser Art nicht nur empfunden, sondern auch immer wieder zum Ausdruck gebracht – nämlich in den Symbolen unseres Landes. Und in dieser Hinsicht ist es ganz wunderbar, wenn man auf türkischen Lokalen sowohl die türkische als auch die deutsche Fahne sieht – und sonst wo auch; nämlich gerade so, wie sich die sächsische Fahne mit der deutschen verträgt, und beide gut zusammenpassen mit der Europaflagge.

Natürlich wird deutscher Patriotismus nie wieder so flach sein dürfen, wie er früher einmal war, oder wie der Patriotismus in anderen, selbst unzweifelhaft freiheitlichen Staaten heute noch zu sein pflegt. Er muss vielschichtig sein und Dinge umschließen, die sich nicht von allein zusammenfügen. Gerade einen aufgeklärten Patriotismus muss man somit – im wahrsten Wortsinn – „kultivieren“.

 

VII. Aufgeklärter Patriotismus in der Einwanderungsgesellschaft

Und wie steht es nun konkret mit unserer Einwanderungsgesellschaft? Kann uns Patriotismus wirklich bei der Lösung von deren Integrations- und Zusammenhaltsproblemen helfen?

Beginnen wir mit einer Gegenfrage: Sollte es denn tatsächlich keine Gemeinsamkeiten geben, zu denen man andere einfach deshalb einlädt, weil man sie selbst als so gut und schön empfindet, dass man sie gerne mit anderen teilt? Anscheinend glauben viele Deutsche wirklich, überhaupt nichts an ihrer Kultur sei liebenswert oder wenigstens so, dass andere es mögen, sich gar von ihm bereichert fühlen könnten. Vielleicht sind es auch genau diese Deutschen, welche Multikulturalität nur als Bereicherung des eigenen Landes, nicht aber auch als ein solches Reichermachen von Einwanderern begreifen können, das sich durch Mitteilen und Teilen unserer eigenen Kultur vollzieht.

Und vielleicht sind es ja wirklich in erster Linie Bildungsmängel, die so vielen die Rede von einer deutschen Kultur als ganz inhaltsleer erscheinen lassen. Denn wer jenseits alltagspraktischer Fertigkeiten und fachlichen Spezialwissens eben nichts von der deutschen Kultur weiß, wem also Großteile der deutschen Literatur, Musik, bildenden Künste, Gebräuche und Geschichte fremd sind, der mag tatsächlich vermuten, da gäbe es eben auch nichts. Er täuscht sich aber und merkt es nur nicht – obwohl ihn die seit Jahrhunderten so große Anziehungskraft deutscher Hoch- und Alltagskultur leicht eines Besseren belehren könnte.

Wie anders könnte es auch sein! Kaum ein Bürger der US-amerikanischen Einwanderernation wird vermuten, Zweifel am Bestehen und am grundsätzlichen Wert der US-Kultur wären vernünftig, oder zurückhaltender Umgang mit der US-Kultur sei angebracht. Eher wird er sich darüber wundern, dass die Deutschen ihren Einwanderern materiell oft Ansehnliches bieten, doch ideell ihnen ein höchst dürftiges Angebot machen: Keinerlei Kulturinhalte werden aufgewiesen, mit deren Aneignung die Perspektive auf ein wirkliches und nicht nur formales Dazugehören zu den im Land geborenen Deutschen verbunden wäre – oder gar irgendwelche Hoffnungen auf ein Stolzseindürfen! Deutschsein wird statt dessen in Aussicht gestellt wie Zahnweh oder Mundgeruch.

Umgekehrt erkenn man leicht: Patriotismus genau der von mir vorgestellten Art kann die eingesessene Bevölkerung unseres Landes mit den Zugewanderten und Einwandernden zu einem solidarischen Volk vereinen. Solcher Patriotismus ist gerade keine auf Ausgrenzung ausgehende Haltung, sondern eine, die ganz im Gegenteil nichts anderes als Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt anstrebt. Zugespitzt: Ein deutscher Patriot wird keine deutschen Türken von bundesrepublikanischen Deutschen fernhalten wollen, sondern zu erreichen versuchen, dass aus Einwanderern aus vieler Herren Länder türkische Deutsche, griechische Deutsche, italienische Deutsche, syrische Deutsche oder – etwa in Sachsen und einst im Bundeswirtschaftsministerium – vietnamesische Deutsche werden. Das ist im Übrigen auch der sinnvolle Grundgedanke des vor knapp zwei Jahrzehnten Jahren neu eingeführten Staatsbürgerschaftsrechts.

Im Übrigen wird auch für unser Land gelten: Dass Deutsche nicht nur weiß oder braun, sondern ebenso schwarz, rot oder gelb sein können, wird erst dann zum gelebten Alltag werden, wenn den Deutschen – den lange schon ansässigen ebenso wie den vor kurzem zugewanderten – wieder in großer Selbstverständlichkeit das Bestehen einer vielgestaltigen, immer schon vieles Mitgebrachte verlässlich integrierenden deutschen Kultur bewusst und auch erwünscht sein wird, einer Kultur, die nicht nur die Verfassungsprinzipien, sondern auch das Alltagsleben umfasst und in die wirklich jeder eintreten kann, der ihre Werte und Praxen teilen und seine eigenen Traditionen mit den ihren verbinden will.

Man erkennt jetzt: Schon vom Ansatz her kann der Einwand nicht überzeugen, mit der Pflege von deutschem Patriotismus betreibe man das Geschäft fremdenfeindlicher Rechtsextremisten. Es verhält sich genau anders herum: Wer deutschen Patriotismus nicht pflegt, lässt die mächtigen mit ihm verbundenen Gefühle in den Bannkreis der Rechten ziehen. Dort droht ihnen nur neuer Missbrauch – wie in der anfangs so populären Diktatur der Nationalsozialisten. Müsste es, solche Zusammenhänge vor Augen, nicht eine zentrale Aufgabe aller deutschen Verfassungspatrioten sein, auch nicht den geringsten Teil von deutschem Patriotismus je wieder exklusiv den Rechtsradikalen zu überlassen?

Genau das ist unsere Aufgabe: Deutscher Patriotismus gehört fest in die Hand deutscher Demokraten! Bleiben wir also nicht länger in der Position von Beobachtern, die sich zu mehr nicht aufraffen als zur Forderung nach einer Debatte über deutschen Patriotismus. Sagen wir einfach, was da an Patriotismus sein sollte, gerade in unserer entstehenden Einwanderungsgesellschaft – und tun wird das Unsere dafür, dass er auch entstehen und uns alle gut zusammenhalten kann!

 

Bildquelle: http://www.cicero.de/sites/default/files/field/image/15382926.jpg

Die Kommentare sind geschlossen