Bücher verbrennen – und was derlei lehrt

In Dresden wurde am letzten Sonntag der Bücherverbrennung vor 82 Jahren gedacht. Unter dem Titel „Lasst uns das Erinnern nicht vergessen“ hatte die SPD ins Kabarett Breschke & Schuch am Wettiner Platz eingeladen – gelegen an genau jenem Ort, wo Nationalsozialisten am 8. März 1933 ihnen verhasste Literatur öffentlich verbrannt hatten. Organisiert hatte die Veranstaltung die langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Marlies Volkmer. Jene Gedenkrede, die ich dort hielt, findet sich – in leicht überarbeiteter Form – nachstehend dokumentiert.

 

Werner J. Patzelt

Warum man Bücher verbrennt – und was daraus zu lernen ist

 

 I. Was verbrennt, wer Bücher verbrennt?

Was verbrennt man eigentlich, wenn man Bücher verbrennt? – Man verbrennt Gedanken, Einsichten, Erinnerungen – Dinge also, die im Geist von Menschen entstanden sind und in einem Buch gleichsam eine Heimstatt gefunden haben. Kurzum: Man verbrennt das, was von einem Menschen selbst dann noch bleiben mag, wenn er nicht mehr lebt. Man verbrennt seine Spuren in der Welt. Man verbrennt also genau das, was die körperliche Existenz eines Menschen übersteigt. Im Grunde: Man verbrennt genau das Menschliche.

Geht es aber nicht auch eine Nummer kleiner? Was ist denn so schlimm am Verbrennen von nichts als Büchern? Verdient denn wirklich jeder Gedanke, jede Einsicht, jede Erinnerung aufbewahrt zu werden? Lohnt wirklich alles, was der menschliche Geist je hervorgebracht hat, auch das Erinnertwerden?

Das ist wohl nicht so. Wie schön wäre es etwa, wenn sich das Wissen um die Herstellung von Atomwaffen wieder verlöre – oder der Gedanke, Menschen wäre von Natur aus unterschiedlich viel wert, was man an ihrem Aussehen oder an ihrer Hautfarbe ablesen könne.

 

II. Warum verbrennt man Bücher?

Es liegen die Dinge also nicht so einfach. Zunächst einmal verstehen wir sehr wohl, was ein wichtiges Anliegen hinter dem Verbrennen von Büchern sein kann – und warum ihm dann auch das Ermorden von Menschen folgen mag. Man verbrennt erst Bücher und dann Menschen, weil man nicht nur das nicht mag, wofür diese Menschen stehen – sondern auch sie selbst nicht; und man mag sie deshalb nicht, weil sie ein Teil von etwas Falschem und Gefährlichen sind, oder immerhin die Überträger jener schlimmen, bazillengleich ansteckenden Ideen, die sich in jenen zuallererst zu verbrennenden Büchern finden. Gleichsam gilt: „Alles muss raus, alles muss weg!“

Indem wir nun aber verstanden haben, was denn zum Verbrennen – und allgemein: zum Ausgrenzen – der Träger von abzulehnenden Gedanken treiben mag, indem wir also angefangen haben, den Sinn jenes Tuns zu begreifen, das sich im Bücher- und Menschenverbrennen äußert, indem wir also den Sinn des Handelns von Tätern mit gutem Gewissen verstehen, von willigen Helfern, von gebannten Zuschauern: Indem wir das alles vor Augen haben, da merken wir auch schon, dass da etwas nicht stimmt mit jener Haltung, die da lautet: „Das muss weg!“ – oder: „Der muss weg!“

Denn warum muss eigentlich ein Gedanke, eine Einsicht, eine Erinnerung weg? Was tut sie uns? Reicht rechtfertigend zum Bekämpfen unsere Empfindung, dass da ein Gedanke – oder ein Mensch – anders ist als man selbst? Wieso aber sollten wir Andersartigkeit nicht aushalten können? Oder nicht aushalten wollen sollen? Gibt es denn keine guten Grunde für eine Forderung dahingehend, dass man Andersartigkeit auch aushalten muss?

Das mag schon so sein, und das wird ein jeder auch so fühlen. Doch unter welchen Umständen muss man Andersartigkeit von Gedanken, Empfindungen, Erinnerungen, ja auch von Handlungsaufforderungen aushalten? In welchen Fällen muss man das tun, ja sollte man Andersartigkeit vielleicht sogar wertschätzen? Und wo liegen die Grenzen?

 

III. Reichen „moralische Intuitionen“ aus?

Wer bis hierher gefolgt ist, der wird erkannt haben: Einesteils ist es leicht, das Verbrennen von Büchern abscheulich zu finden, und die – in schlimmen Fällen bis zur Ermordung reichende – Ausgrenzung von deren Verfassern oder Lesern erst recht. Und wir alle empfinden es gewiss auch als „moralisch evident“, dass man derlei Verbrennen von Büchern ablehnen muss – selbst dann, wenn wir bei der verstandesmäßigen Begründung dieser Empfindung auf Paradoxien der Art stoßen sollten, dass uns das Verbrennen des einen Buches schon viel weniger gegen den Strich geht als die Vernichtung eines anderen Buches.

Andernteils verstehen wir schon auch, warum wir wirklich gute Gründe dafür haben, die Schriften der Nazipropaganda oder rassistischer Anti-Juden-Hetze nicht in öffentlichen Bibliotheken haben zu wollen, oder dort gar frei zugänglich aufzustellen – und warum wir deren begeisterte Nutzer weder auf der Straße sehen möchten noch in öffentlichen Ämtern. Und vermutlich hätten gar nicht so viele wirklich etwas dagegen, wenn bei einem Unglück alles Material solcher Art einfach verbrennen würde – und unsere Kultur damit gleichsam entgiftet wäre.

Obendrein empfinden wir wohl ebenfalls, dass die „moralische Intuition“ hinter derartiger Freude über das auch rein physische Verschwinden von schlechten Ideen und von bösen Empfindungen uns durchaus nicht trügt – sondern dass diese Intuition uns mit einem inneren Kompass gerade dort ausstattet, wo unser Verstand mit dem Auffinden stimmiger Begründungen dieser moralischen Intuition seine Schwierigkeiten hat.

Wenn wir aber beides verstehen und begreifen, dann merken wir wohl außerdem: Moralische Appelle allein, die sich nicht auch auf verallgemeinerbare, stimmige Argumente stützen können, werden uns allenfalls dabei helfen, aus einer jeweiligen Zeitsituation heraus eine Haltung zum Verbrennen von Büchern und von Menschen einzunehmen. Doch vermutlich sollten wir wir einen zeitgeistunabhängigen Kompass besitzen.

 

IV. Der Zeitgeist und sein Reiz

Blicken wir von heute aus zurück auf schlimme Zeiten wie das Nazi-Reich, so hoffen wir in der Regel (und schreiben uns das auch meist selbstbewusst zu), dass wir damals selbst schon auf der Seite des Richtigen und der Richtigen gestanden hätten – und dies, gut wie wir sind, gewiss auch jetzt und fortan so halten würden. Wir können uns dann gar nicht mehr vorstellen, dass und warum – wie 1933 – gerade Intellektuelle, Akademiker, Hochschullehrer, Studierende – und eben nicht einfach ein „bildungsferner Mob“ – sich mit Begeisterung daran machten, „geistigen Schmutz zu bekämpfen“, die Bibliotheken und Buchhandlungen zu „säubern“, ja sich – gerade im Namen einer „sittlichen Erneuerung“ und des nötigen Kampfes gegen einen „Ungeist“ – ans Errichten von „Schandpfählen“ mit den Namen von Volksschädlingen zu machen. Und alsbald ans Verbrennen von Büchern – und wieder eine Weile später ans Exilieren oder Ermorden von deren Autoren und von vielen ihrer Leser. Gerade so war es aber auch bei uns in Dresden, an unserer damaligen Technischen Hochschule, und zwar mit dem stolzen Gefühl der aktiv Beteiligten, auf der Seite des Guten und Richtigen, des Wahren und des Schönen zu stehen.

Und nicht anders war es wohl, als vor einem halben Jahrtausend in Florenz der Mönch Savonarola „unsittliche“ Bücher und Bilder den Flammen übergab, als 1800 Jahre vorher der erste chinesische Kaiser die Schriften der Konfuzianer verbrennen ließ, oder als in den letzten Wochen und Monaten islamistische Glaubenskrieger alte Texte aus den Bibliotheken von Timbuktu und Mossul vernichteten.

Wir freilich würden bei derlei niemals mitmachen. Wie schön von uns, wie gut für uns.

Aber es brannten nun einmal Bücherberge im gebildeten Dresden. Sie brannten im kultivierten Deutschland. Und es fühlte sich gar mancher sehr erbaut und innerlich erhoben, wenn er „Feuersprüche“ wie die folgenden vernahm:

  • „Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat!“
  • „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall!“
  • „Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten!“
  • „Gegen Frechheit und Anmaßung!“
  • und auch: „Gegen volksfremden Journalismus!“

Nie hätte unsereiner zu alledem gejohlt – allenfalls betreten geschwiegen und, sich fremdschämend, die anderen eben machen lassen. Gerade so, wie es 1933 gar nicht wenige unserer Landsleute hielten, auch hier in Dresden. Und viele andere ebenso zu anderen Zeiten und in anderen Kulturen.

Allzu leicht und gern scheinen wir zu übersehen, dass wir alle stets Kinder unserer Zeit sind, also geprägt wurden von ihren Selbstverständlichkeiten – und dass es uns nicht wirklich vor dem Tun des Falschen schützt, wenn wir einfach mitschwimmen entlang der politischen und moralischen Selbstverständlichkeiten der eigenen Lebenszeit. Allzu hochmütig schreiben wir es uns vor allem als eigenes Verdienst zu, wenn wir beim Mitschwimmen und beim Mitlaufen in solchen Zeiten, da die Mehrheit der Anderen das wirklich Richtige will, eben auch selbst das Richtige tun.

Ehrlicher aber wären wir zu uns selbst (und wohl auch zu anderen, die nicht das Glück eines – wie Vaclav Havel einst formulierte – „Lebens in Wahrheit“ hatten), wenn wir uns eingestünden, dass unsere eigene Fähigkeit zum Erkennen des Falschen, auch zum Verweigern falschen Mitmachens, durchaus an Grenzen kommen kann – und zwar vor allem dann, wenn die Mehrheit der Anderen mit der großen Wucht einer großen Masse einen ganz anderen Kurs einschlüge, als man ihn jetzt läuft und mitläuft.

 

V. Auf der Suche nach einem Kompass

Was machen wir nun mit so einer Einsicht? Beruhigen wir uns einfach damit, dass sich gegen den Geist einer Zeit eben nichts ausrichten lässt – falls man nicht zum Märtyrer geboren ist oder einen die eigene Lebensgeschichte ohnehin zum ewigen Außenseiter und Quertreiber gemacht hat? Liegt dann nicht der entlastende Gedanke nahe, dass zwar objektiv Unrecht gewesen sein kann, was wir gestern als richtig empfunden haben, dass dergleichen aber doch wohl nicht mehr war als … ein durch die Umstände entschuldbarer biographischer Betriebsunfall?

Besser wäre es wohl, wir ließen uns nicht auf eine solche, so leicht selbstentschuldende, so bequeme Haltung ein.

Dann aber brauchen wir schon mehr als nur einen inneren Kompass der Art, dass ihm einfach das Magnetfeld zeitgenössischer Selbstverständlichkeiten die anzuzeigende Richtung vorgibt. Vielmehr brauchen wir die Kunst der eigenen Unterscheidung. Das aber heißt: Wir brauchen klare Kriterien für die Unterscheidung zwischen dem, was an Vielfalt und Anderssein einfach zu akzeptieren ist – und dem, was wirklich mit guten Gründen ausgegrenzt und bekämpft werden kann, ja bekämpft werden soll und bekämpft werden muss.

 

VI. Der Wert von Pluralismus

Solche Kriterien der Unterscheidung bietet uns das, was in der Sprache meines Faches – der Politikwissenschaft – ganz schlicht „Pluralismus“ heißt. Es ist gut, dass auch unsere politische Alltagssprache diesen so wichtigen Begriff kennt und verwendet.

„Plures“ meint auf Lateinisch „mehrere“. Und Pluralismus als politische Lehre sagt zunächst ganz einfach: Es ist ganz in Ordnung, wenn Menschen unterschiedlich sind, wenn sie mannigfaltiges Aussehen haben, wenn sie verschiedene Überzeugungen hegen, wenn sie konkurrierenden Interessen nachgehen.

Doch Pluralismus meint noch viel mehr. Die mit ihm verbundene politische Lehre gibt nämlich auch Gründe an, warum wir solche Verschiedenheit von Menschen nicht einfach nur wie eine nicht veränderbare Tatsache hinnehmen müssen, sondern weshalb es angebracht ist, in solcher Vielfalt und Verschiedenheit auch etwas wirklich Gutes zu erkennen.

Es handelt sich dabei um mindestens zwei Gründe.

Erstens kann eine uns umgebende Verschiedenheit, Buntheit, auch Konkurrenz von Menschen, Meinungen und Interessen immer wieder dazu veranlassen, wechselseitig neugierig zu sein, dazulernen zu wollen, ja klüger zu werden als wir es sein könnten, umgäben uns immer nur Leute unseresgleichen und unserer Meinung. Doch damit aus solcher Verschiedenheit wirklich Lernen entsteht, braucht es schon auch den Willen, Buntheit als Quelle neuer Einsichten zu nutzen – und braucht es obendrein mancherlei kulturelle Voraussetzungen und durchaus nicht leicht aufrechtzuerhaltende Rahmenbedingungen für jene Diskurse, in denen aus wechselseitig akzeptierter Verschiedenheit gemeinsames Lernen erwächst.

Zu diesen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen gehören mindestens: die Neugier auf den Anderen; die Bereitschaft zum genauen Hinsehen sowie zum Zuhören; der Verzicht auf solche Gebote und Verbote des Sprechens und Denkens, die über bewährte Höflichkeitsregeln oder über die Respektierung von allgemeinen Menschenrechten hinausgehen; sowie Gewaltfreiheit – wobei die letztere nicht nur die Freiheit von physischer Gewalt einschließen muss, sondern ebenso die Freiheit von jener psychischen Gewalttätigkeit, die sich in mannigfachen Praktiken des Abratens und Einschüchterns auslebt.

Der zweite Vorteil von Pluralismus hat mit der Tatsache zu tun, dass sich die Welt um uns immer wieder verändert, dass also neue Herausforderungen Mal um Mal neue Antworten brauchen. Also benötigen wir Antrieb, benötigen wir auch eine Quelle für immer neue Sichtweisen, Denkweisen und Ideen. Eben solcher Nachschub an Neuem entsteht aber dort gerade nicht, wo wir gleichsam – wie auf dem Fußballplatz – für einen homogenen Rasen sorgen, also für Umstände, in denen alle Grashalme möglichst gleich beschaffen sind, gleich aussehen, gleich lang sind, ja wo sich an solcher kollektiver Uniformität selbst dann nichts ändert, wenn jeder Grashalm auf seine eigene Weise wächst. Nein – wir brauchen so etwas wie Blumenwiesen, wie Streuobstwiesen, wie naturbelassene Flussauen, wie sich selbst überlassene Flora- und Faunazonen.

Nichts anderes als derlei biologische Vielfalt und soziokultureller Pluralismus ist es nämlich, was zu Biotopen und zu Soziotopen führt, die sich in Anpassung an ihre immer wieder sich wandelnde Umwelt entwickeln. Eben solche Bio- und Soziotope bescheren uns Biodiversität, Soziodiversität, kulturelle Vielfalt. Und von alledem hängt ab, ob unsere Gesellschaften und Kulturen sich in Sackgassen hinein entwickeln – oder ob sie neue Chancen nutzen und neue Herausforderungen bestehen können.

 

VII. Die Rolle von Minimalkonsens

Vielfalt und Verschiedenheit, gerne zugelassen und frei praktiziert, sorgen aber nicht alleine schon dafür, dass errungener Zusammenhalt fortbesteht und nicht von der Entwicklungsdynamik seiner Teile zersprengt wird. Vielfalt und Verschiedenheit allein garantieren keineswegs, dass Neues nicht bloß entsteht, sondern seinerseits fortbestehen lässt, was bereits da ist – und was, als Rahmen oder Gehäuse ablaufender Entwicklungen, oft auch weitergenutzt zu werden lohnt.

Anders gewendet: Pluralismus braucht zweierlei. Das eine ist Konsens über das Recht aufs Verschiedensein – und das andere ist Konsens über das, was auch noch im schärfsten Streit wechselseitig verbindet und besser nicht aufs Spiel gesetzt wird.

Die Politikwissenschaft nennt das, was der Pluralismus über die Freude an der Vielfalt hinaus braucht, den „pluralistischen Minimalkonsens“. An ihm ist dreierlei zu unterscheiden. Das erste ist der „Wertekonsens“. Seine Inhalte lassen sich etwa durch eine Auflistung der Grundrechte aus dem Grundgesetz umschreiben. Der zweite Bereich des Minimalkonsenses ist der „Verfahrenskonsens“. Dessen Mittelpunkt ist physische und psychische Gewaltfreiheit, und um diesen Mittelpunkt herum findet sich dann Konsens über die jeweilige „Geschäftsordnung“. Der dritte Bereich des pluralistischen Minimalkonsenses ist der „Ordnungskonsens“. Mit diesem Begriff bezeichnen wir das Einvernehmen über jene Foren und Arenen, auf denen der pluralistische Meinungs- und Interessenstreit auszutragen ist.

Fehlt es an solchem dreifachen Konsens, so wird am Ende streitiger Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse meist weiterhin Zerstrittenheit stehen. Im schlimmsten Fall wird aus Verschiedenheit und Anderssein ein Bürgerkrieg. Doch im besten Fall kommt es zu Entscheidungen, die als zu Recht getroffen gelten und die man deshalb sogar dann akzeptiert, wenn man sie inhaltlich für falsch hält.

Umgekehrt muss der Minimalkonsens schon ein wirklich minimaler Konsens sein. Andernfalls engt nämlich das, was als Minimalkonsens dem Streit entzogen ist, mehr und mehr den Bereich dessen ein, worüber gestritten werden darf. Dann kommt es zu immer mehr Geboten und Verboten politischer Korrektheit, zu vielerlei Tabus, greift Konformitätsdruck um sich – und werden einem Gemeinwesen ganz einfach, doch höchst wirkungsvoll, die Vorteile pluralistischen Streitens entzogen.

Also muss man, der Freiheit und guten Regierens willen, stets für zweierlei sorgen: einesteils für Konsens – und andernteils für Vielfalt. Im Zweifelsfall wird es dabei klüger sein, auf Vielfalt zu setzen – und nicht auf einen Konsens, der das Minimale übersteigt. Und warum? Weil sich im Konsens immer nur bisherige Lernergebnisse niederschlagen, während Gesellschaft und Staat immer wieder neues Lernen brauchen, wenn sie die stabil durch Zeiten immer neuen Wandels gelangen wollen. Solches Lernen aber gelingt nicht ohne Vielfalt und ohne Streit.

 

VIII. Herausforderer, Gegner und Feinde

Jener Minimalkonsens, der friedlichen und uns alle klüger machenden Streit ermöglicht, ist nun aber nichts Selbstverständliches. Er ist vielmehr eine große, eine schwer zu schaffende und eine faktisch seltene kulturelle Errungenschaft. Wo es – wie in unserem Land – gelungen ist, einen Wert-, Verfahren- und Ordnungskonsens aufzubauen, der pluralistische Demokratie tragen kann, dort verdient es dieser Minimalkonsens, wider alle Anfechtungen und Herausforderungen verteidigt zu werden.

Wer aber bedroht ihn? Einesteils sind das böswillige oder dumme Ideologen. Sie setzen sich über Grundwerte hinweg oder tun so, als sei das bereits erworbene Wissen über konfliktordnende Verfahren und über friedenssichernde Ordnungsformen im Grunde nichts wert. Doch kaum minder bedrohlich sind andernteils jene Wohlmeinenden, die so konservativ sind, dass sie ziemlich alles am jeweils erreichten politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Zustand für das jeweils Bestmögliche halten – und den wechselseitig eingeforderten Minimalkonsens deshalb auf genau dessen Bewahrung ausdehnen wollen. Das aber verkleinert die Menge dessen, worüber man streiten darf und woraus sich Neues lernen lässt. Am Ende erstickt eine solchermaßen konservative Gesellschaft an sich selbst – oder provoziert eine Revolution.

Wo aber umgekehrt ein Minimalkonsens fehlt, wie in der Weimarer Republik oder heute in so vielen zerfallenden Staaten, dort lassen sich normale politische Gegner nicht mehr von grundsätzlichen Feinden einer politischen oder soziokulturellen Ordnung unterscheiden. Der Gegner in der Sache wirkt dann leicht wie ein Feind des Ganzen. Anderssein nimmt man dann nicht mehr wahr wie eine mögliche Alternative zum Eigenen oder wie jene Konkurrenz, die einen selbst vorantreibt. Sondern Anderssein sieht dann aus wie eine schlimme Gefahr für das Erreichte. Und während ein verbindender Minimalkonsens es ermöglicht, ganz gewöhnliche Gegnerschaft wechselseitig voneinander lernend auszuleben, erzeugt sein Fehlen sehr schnell eine grundsätzliche, nach Ausgrenzung und Vernichtung des Anderen verlangende Feindschaft.

Solche Feindschaft kann sich einerseits gegen konkrete Personen richten, gegen ihr Aussehen, ihr Fühlen, ihr Denken, ihr Tun. Doch konkrete Menschen braucht es für die Empfindung und Pflege solcher Feindschaft gar nicht. Es reicht, den Anderen als bloße Personalisierung eines überwölbenden Konfliktverhältnisses anzusehen, das mit ihm persönlich gar nichts zu tun hat – sehr wohl aber mit einem schlimmen größeren Ganzen, dessen Teil er ist. Auf diese Weise erkennt man dann „objektive“ Feinde. Die unterscheidet von „subjektiven“ Feinden, dass deren grundsätzliche Feindlichkeit und Gefährlichkeit gar nichts mit ihnen selbst zu tun hat – und deshalb auch ihr subjektiver guter Wille nichts daran ändern kann, dass man sie bekämpfen, ja vielleicht vernichten muss.

Sich mit ihnen inhaltlich auseinanderzusetzen, hat also keinen Sinn. Ihre Bücher verdienen nicht, gelesen zu werden; vielmehr hat man ihre Verbreitung zu unterbinden – sei es durch Zensur, sei es durch Verbrennen. Und wer sich an Letzteres macht, darf derlei Aggression mit der Empfindung ausleben, dass er etwas zutiefst Gutes tut. Was ein anderer mit Sorge, Zorn und Schrecken sieht, eben das begeistert ihn. Gerade so verhielten sich jene nationalsozialistischen Studierenden, jene nationalsozialistischen Hochschullehrer, jene SA-Kämpfer und so viele weitere Deutsche, die sich seit 1933 an der Verwandlung unseres Landes in eine Diktatur beteiligten – teils weil sie das wirklich wollten, und teils, weil ihnen jener innere Kompass fehlte, der ihnen auch unabhängig von den zeitgeistigen Mehrheitsstimmungen den richtigen Weg gewiesen hätte.


IX. Warum an Schlimmes erinnern?

An solche Verwirrungen und an ihre Ursachen müssen wir weiterhin erinnern. Sie sind nämlich keine Sache der Vergangenheit, sondern gehören unabtrennbar zu jenen Untiefen des menschlichen Geistes, die man mit Begriffen wie „Bosheit“ oder „Dummheit“ bezeichnen kann. Auch an die aus solchen Verwirrungen entspringenden Verirrungen müssen wir weiterhin erinnern, denn es gibt keine Garantie dafür, dass wir – bloß weil einige Jahrzehnte später lebend – nicht auch unsererseits auf solche Abwege geraten könnten. Zu ihnen verleitet einesteils jener gute Wille, der so oft ein Weggefährte politischer Dummheit ist. Und in die Irre leiten andernteils jene Mängel an Verstandes- oder Herzensbildung, deren kurzer Name „Bosheit“ lautet. Erst recht erinnern müssen wir an die vielen Verbrechen, die aus solchen Verwirrungen und Verirrungen entstanden sind: einesteils der Opfer willen, andernteils unserer selbst willen – damit es nämlich nie wieder zu dergleichen kommt.

Bücher dürfen jedenfalls nie wieder brennen – und Menschen schon gleich gar nicht. Bewahren müssen wir Freiheit und Vielfalt. Das aber verlangt nach der grundsätzlichen Fähigkeit zur Unterscheidung der einfach Andersartigen von den Feinden von Vielfalt und Freiheit. Sobald es dann um konkrete Politik geht, braucht es obendrein noch Augenmaß, praktische Vernunft und den Verzicht auf Selbstgerechtigkeit. Nur dann lässt sich nämlich sachgerecht die Kernfrage beantworten: Wen haben wir wie zu bekämpfen – und wo müssen wir Anderssein und Andersdenken einfach hinnehmen, sei es gerne oder mit zusammengebissenen Zähnen.

Erinnern wir uns deshalb vergangenen Übels mit Sorgfalt und Fleiß. Tun wir das aber nicht museal oder überheblich gegenüber jenen, deren Fehler wir heute so leicht erkennen. Erinnern wir uns vergangener Untaten ferner im Wissen, dass der Kampf gegen politische Bosheit und Dummheit ohnehin nie enden wird. Und gedenken wir schrecklicher Dinge auch in einer Haltung der Bescheidenheit. Denn zwar können wir wissen, ob wir uns heute redlich bemühen, das Richtige zu tun. Doch wie richtig unser Tun wirklich ist, das erkennen Spätere immer viel leichter als jene, die sich in der jeweiligen Gegenwart um das Richtige bemühen. Also macht uns der Blick in die Geschichte, macht uns das Erinnern an die Bücherverbrennungen von 1933, allenfalls weise für immer, wie das Jacob Burckhardt einst formulierte – doch nicht notwendigerweise klug für den heutigen Tag. Das beim historischen Erinnern einzusehen, lehrt wiederum politische Demut – und das ist auch gut so.

 

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3 Kommentare

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