Patzelt-Kritiker melden sich

Jemand von der Presse hat mir das nachstehende Flugblatt zukommen lassen, das – wohl an der TU verteilt – zu einigen meiner öffentlichen Aussagen Stellung nimmt und mich dadurch natürlichzur Diskussion über das Vorgebrachte einlädt. Ich werde dazu heute Abend auf dieser Seite eine ebenso gründliche Antwort schreiben, wie ich sie am 24. Januar zu anderen Fragen an mich vorgelegt habe.

Fürs erste verweise ích auf jene nachstehende Schnellantwort, die ich gerade einem Journalisten auf seine konkreten Fragen gegeben habe:
Frage 1: Kennen Sie das Flugblatt, wurde es Ihnen womöglich irgendwie zugespielt?

Ich kannte es vor Ihrer Email nicht. Gestern machte mich niemand darauf aufmerksam, und heute werde ich erst nachmittags in meinem Büro sein.

Frage 2: Was halten Sie von der Kritik im Allgemeinen?

Es ist sehr richtig, dass die Studierenden sich artikulieren – zumal dann, wenn es Stoff zum Streiten gibt. Beim ersten Durchlesen des Flugblattes fielen mir teils große Missverständnisse meiner Haltung auf, teils aber auch Vorhaltungen, über die man durchaus unterschiedlicher Ansicht sein kann und folglich sich austauschen sollte. Letzteres gehört einfach zum freien politischen Diskurs, wird so von mir den Politikwissenschaftsstudierenden auch gelehrt und ist somit in keiner Weise ein Problem, sondern nur ein willkommener Anlass zu vertiefender Kommunikation. Ich werde sie, auf einen intensiven Austausch hoffend, auf meiner offiziellen Facebook-Seite führen – und gerne auch im persönlichen Gespräch mit oder ohne Publikum.

Frage 3: Was erwidern Sie auf den Vorwurf, sie seien in der „gesamten Pegida-Debatte mehr politischer Akteur denn Wissenschaftler“?

Von Beginn des Wintersemesters, und somit fast von Beginn der Pegida-Demonstrationen an, haben Studierende aus meinem Methodenseminar über „Case Study Research“ die Demonstrationen als teilnehmende Beobachter besucht, haben Gespräche mit den Demonstranten geführt sowie die Pegida-Internetkommunikation verfolgt. Und seit dem Montagabend mit der Pegida-Demo an der Lingner-Allee und der Gegen-Demo am Rathaus war ich auch bei allen Pegida-Demonstrationen persönlich als Beobachter zugegen. Dabei habe ich mein Interesse natürlich auch auf die Interaktionen zwischen Pegida-Anhängern und Gegendemonstranten gerichtet.

Ich war also von Anfang an ziemlich detailliert, und meistens auch aus erster Hand, darüber informiert, was sich bei und um Pegida tut. Meine öffentlichen Kommentare und Einschätzungen habe ich auf genau jene Fakten gestützt. Insofern meine ich, dass ich meine Berufsrolle als diesmal qualitativ arbeitender empirischer Sozialforscher ordnungsgemäß ausgefüllt habe.

Weil ich mich dabei womöglich genauer, oder wenigstens in besonderem Maße um tiefgreifendes Verstehen des Geschehens bemüht, mit Pegida befasst habe, wurden meine öffentlichen Einschätzungen und Kommentare nicht nur von einer großen Zahl nicht zwischen Pegida und No-Pegida Partei ergreifender Personen, sondern auch von nachweislichen Pegida-Anhängern als differenziert, um analytischen Durchblick bemüht sowie als fair empfunden. So sollte es bei sachgerechter Sozialforschung ja auch sein.

Freilich hat mir das auch, wie ich aus einer Vielzahl von Kontaktaufnahmen von Pegida-Teilnehmern mit mir weiß, erhebliches Vertrauen seitens der Pegida-Demonstranten eingebracht. Vermutlich infolge solchen Vertrauens auf mein Bemühen um faire Einschätzungen haben dann Pegida-Leute wohl auch angefangen, auf das zu hören, was ich Pegida im Interesse des Gemeinwohls unseres Landes in verschiedenen Zeitungsartikeln usw. riet – vor allem, mit volksaufhetzerischen Reden bei den Demonstrationen aufzuhören, diskutierbare Forderungen zu formulieren und sich den Medien zu stellen.

Im Übrigen habe ich mich von Anfang an bei Politikern, die mir zuhören wollten, sowie bei Persönlichkeiten, die hierzulande für politische Bildung Verantwortung tragen, dafür eingesetzt, dass die Minderheit der Pegida-Anhänger nicht ausgegrenzt, sondern in die übliche – und das heißt: streitige – Auseinandersetzung pluralistischer Demokratie einbezogen wird. Tatsächlich tritt inzwischen an die Stelle grundsätzlicher Konfrontation jene Kommunikation, von der eine freiheitliche Demokratie nun einmal lebt. Dazu verhilft auch, dass die Medien inzwischen sehr viel differenzierter als ehedem über Pegida sowie die Tiefenströmungen dieses Phänomens berichten.

Das alles scheint das politische Klima hin zu einer Umgangsweise zu verändern, die ich für erstrebenswert halte. Einen Beitrag zu einer solchen Veränderung der Lage kann man sehr wohl als politisches Handeln bezeichnen. Und sollte ich selbst zu diesem Wandel ein wenig beigetragen haben, würde mich das nicht reuen, sondern freuen.

Durch Forschung über ein besseres Verständnis von sozialen und politischen Phänomenen hinaus zu deren konkreter Verbesserung beizutragen, ist übrigens nichts Neues oder Absonderliches. Es nennt sich, im Jargon der Sozialwissenschaften, ganz einfach „Aktionsforschung“ – und die galt, bis sie aus der Mode kam, als eine Domäne gerade der Linken. Lustig, wie sich die Zeiten und Denkhorizonte ändern …

Frage 4: Am Rand der letzten Pegida-Veranstaltung am Sonntag war zu erfahren, dass Ihr Lehrstuhl an einer Studie über die Pegida-Anhänger arbeitet. Wann werden die Ergebnisse veröffentlicht?

Ich werte gerade die Befunde aus und werde am Freitag mit meinen Studenten klären, wie wir mit ihnen konkret verfahren wollen. Und weil die Ergebnisse höchst aufschlussreich sind, werden wir sie gewiss – in welcher Form auch immer – veröffentlichen, und vermutlich gleich in der nächsten Woche.

 

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