Heimat, Heimatliebe und deutscher Patriotismus  

Vortrag, gehalten im Rahmen einer Ringvorlesung
an der Universität Mainz am 23. Januar 2017

(vgl. auch meinen Leipziger Vortrag vom 27. Mai 2015,
zugänglich unter http://wjpatzelt.de/?p=604)

 

I. Heimat und Patriotismus

Heimat ist für die meisten, wo man aufwuchs, Wurzeln schlug, sich immer noch irgendwie zugehörig fühlt. Heimat ist für viele auch, wo man – freiwillig oder auf der Flucht – einst hinzog, später Wurzeln schlug, sich seither zugehörig fühlt. Heimat ist also etwas alltagspraktisch-Selbstverständliches. Von derlei macht man nicht viel Aufhebens: Man hat Heimat – und muss sich ihrer nicht erst kommunikativ versichern.

Zu etwas Unselbstverständlichem und dann erst wieder diskursiv zu Klärendem, wird Heimat vor allem unter den folgenden Umständen: Man ist von seinem Herkunftsort weggezogen und will sich an einem neuen Ort beheimaten; man besitzt oder empfindet, warum auch immer, selbst nicht das, was andere offensichtlich als ihre Heimat erleben oder immerhin imaginieren, und reflektiert dann über die empfundene Differenz; man spielt sich und anderen Heimat vor, woraus dann touristenbezogener Folklore entstehen mag; oder man erlebt, dass sich die eigene Heimat schneller wandelt, als man das möchte – sei es durch technischen, architektonischen und kulturellen Wandel, sei es durch Zuwanderung, die auf beides Einfluss nehmen kann.

Wer – wie ambivalent auch immer – eine innerlich angenommene Heimat besitzt, der möchte dort meist auch ein gutes Gemeinwesen bestehen sehen. Man freut sich, solange diese Erwartung erfüllt wird, und klagt andernfalls. Nicht selten will man sogar selbst zum Gedeihen eines solchen heimatlichen Gemeinwesens beitragen. Das ist dann schon mehr als bloße „Heimatliebe“, die ja auch reines Gefühl bleiben kann, aus dem gar kein Handeln folgt. Doch Heimatliebe mitsamt von ihr getragenem Handeln, oder wenigstens mit aktualisierbarer Handlungsbereitschaft im Dienst dessen, was man für das Gemeinwohl hält: Das ist durchaus mehr als bloße Liebe zur Heimat und verdient einen eigenen Begriff. Es ist plausibel, derlei praktizierte Heimatliebe Patriotismus zu nennen.

Dieser Begriff entfaltet dann aber gleich große Dynamik. Es gibt ja neben der eigenen Heimat immer auch die Heimaten der Anderen. Mit diesen und deren Heimaten muss aber gerade der zusammenwirken, welcher seiner eigenen Heimat ein gutes Gemeinwesen errichten und aufrechterhalten will, also Patriotismus praktiziert. Auf genau diese Weise eröffnet der Begriff des Patriotismus von vornherein einen viel weiteren räumlichen Horizont, als das der Begriff der Heimat oder Heimatliebe vermag. Er umfasst nämlich die Heimaten vieler. Die gilt es dann aber auch so zusammenzuhalten, dass aus vielerlei je gesonderter Heimatliebe ein gut zusammenwirkendes größeres Handlungsgefüge wird.

Hat Patriotismus, der jeweils eigene Heimat kommunikativ und handelnd auf die Heimaten Anderer hin übersteigt, wohl überhaupt eine Grenze? Durchaus kann die Dynamik von Patriotismus alle jeweils nächsten Grenzen überschreiten: der Patriotismus eines Vogtländers kann sich zu dem eines Sachsen, der eines Sachsen zu dem eines Deutschen, der eines Deutschen zu dem eines Europäers, der eines Europäers zum dem des Mitbewohners unseres so außergewöhnlichen „Blauen Planeten“ weiten. Doch in der Praxis macht Patriotismus immer dort Halt, wo eine Grenze als sinnvoll empfunden wird. Das ist in der Regel, wo man für alle praktischen Zwecke aufhört, sich als Teil eines größeren Ganzen zu empfinden. Die Gründe solchen Empfindens können verschieden sein, auch verschieden gut und verschieden vernünftig. Meist speisen sie sich aus einem kommunikativ in der eigenen (Groß-)Gruppe in Geltung gehaltenen Gefühl für sprachliche, kulturelle, kurz: geschichtliche gewordene Unterschiede.

Jenes so abgegrenzte größere Ganze, an dessen Grenzen der eigene Patriotismus endet, kann die eigene Polis, kann die gemeinsame res publica sein, doch auch das eigene Volk – was immer der eine oder andere darunter verstehen mag. Als Staatsvolk kann sich ein Volk – wie eine „Nation“ im Wortsinn dieses von lat. nasci, d.h. geboren werden stammenden Begriffs – vor allem über gemeinsame Herkunft von anderen Völkern und deren Staaten abgrenzen. Die gleiche Wirkung hat es aber, wenn man sich über das gewollte Zusammenleben unter den gleichen Regeln von jenen anderen Staaten und deren Bevölkerungen abgrenzt, wo man nach anderen Regeln lebt. Jedenfalls reicht dieses größere Ganze, von alters her eine „patria“ genannt und auf Deutsch das „Vaterland“, weit über die Heimat hinaus.

Patrioten kümmern sich also auch um ihre Heimat. Doch sie blicken über sie hinaus und sehen es gerne, wenn sich auch andere um ihre Heimat kümmern. Vor allem freuen sie sich, wenn aus der praktizierten Heimatliebe von vielen ein blühender Verbund von Heimaten wird, ein guter Staat, ein gutes Staatsvolk – wobei es im besten Fall aufs gleiche hinausläuft, ob eine solche Bevölkerung sich als Abstammungs- oder als Willensnation versteht. Obendrein begreifen Patrioten, dass jedem seine Heimat besonders am Herzen liegt, dass aber dennoch nie die Heimat des einen „an sich“ wichtiger ist als die Heimat eines anderen, sondern man es am besten mit einem Interessenausgleich versucht: zunächst zwischen der Vielzahl der Heimaten, dann zwischen der Vielzahl der Staaten und ihrer Bevölkerungen.

 

II. Heimat, Patriotismus und Politik

So gefasst, ist Patriotismus eine zweifach politische Haltung. Erstens ist Patriotismus die Haltung eines Bürgers – und darin ausgerichtet auf eine politische Gemeinschaft, die eben viel größer ist als die Heimat. Und zweitens ist Patriotismus, so entfaltet, eine schon im Ansatz pluralistische Haltung, weil er sich eben auf eine Vielzahl von Heimaten bezieht. Auf eben diese zweifache Weise übersteigt der Patriotismus die Heimatliebe – und übersteigt der auf unseren ganzen Blauen Planeten bezogene Kosmopolitismus jeden nationalen Patriotismus. Das aber heißt: Zwar versteht man Heimat als das je Besondere am besten von innen heraus, also vom je individuellen sinnhaften Aufbau jener Lebenswelt her, die man als seine Heimat erlebt. Doch zur Gänze versteht man Heimat nur von dem her, was die jeweilige Heimat übersteigt und deren umbettenden Zusammenhang bildet. Das sind einesteils die vielen, die eigene Heimat umbettenden anderen Kulturvarianten, also die Heimaten der anderen. Und das sind andernteils jene sich aufschichtenden weiteren Handlungsebenen, in die Heimat und Heimatliebe eingebettet sind, also – oberhalb der Ebene von Gemeinden – die Ebenen von Staat, Kontinent und Globus.

Zwischen alledem bestehen ziemlich komplexe Loyalitätsbindungen. Gerade für patriotisches Handeln sind sie wichtig. Gemeinschaftsgefühl bzw. Gemeinsinn entstehen zwar leicht im engsten politisch wichtigen Nahbereich, also in der Heimat. Dort können Gemeinschaftsgefühl und Gemeinsinn auch ohne großen Aufwand praktiziert werden, nämlich in zivilgesellschaftlicher und kommunalpolitischer Tätigkeit. Am anderen Ende des Loyalitätskontinuums, beim Kosmopolitismus, verhält es sich leider recht anders: Weltbürgerlicher Gemeinsinn, der Loyalitätsbindungen zur ganzen Menschheit meint, bleibt oft eine Leerformel, weil ihm nichts an realen eigenen Handlungsmöglichkeiten entspricht.

Besondere institutionelle Ausgestaltung von Gemeinsinn und Gemeinschaftsgefühl lohnt sich deshalb zunächst einmal im Mittelbereich, d.h. auf der Ebene des Staates und seiner Bevölkerung. Auch dort kann Gemeinsinn beschränkt bleiben auf eine zwar aufrichtig empfundene, auch immer wieder das individuelle Handeln prägende Grundstimmung. Die aber bleibt kollektiv folgenlos, solange es – wie wohl noch lange auf globaler Ebene – keine Möglichkeiten zur wirksamen Teilhabe am Gemeinwesen gibt, also – oberhalb der Ebene des „Nationalstaats“ – noch keine gut funktionierende supranationale Demokratie. Doch im Rahmen eines begrenzten und kulturell gerade noch integrierbaren Staates kann man solche demokratischen Beteiligungsmöglichkeiten sehr wohl schaffen – und sie dann mit jenem Potential an Gemeinsinn fluten, das auf der Ebene der Heimat auch ohne sonderliches Zutun immer wieder neu entsteht. Also wird wichtige Grundlagen für eine bestandsfähige, zusammenhaltende und dennoch weltoffene politische Ordnung gerade der schaffen, welcher regionale Heimatliebe mit staatsbezogenem Patriotismus verbindet. Das aber verlangt nach politischem Tun in zwei Dimensionen.

Erstens braucht es ein bewusst kultiviertes Hinausgehen über jede konkrete Heimat, weil nur das verschiedene Heimaten zu einem Staat, zu einem Staatsvolk, ja – auf der nächsthöheren Integrationsebene – zur globalen Gesellschaft zusammenbindet. Heimat in diesem Sinn ist offenkundig Teil eines recht komplexen dynamischen Sinngefüges, das freilich erst einmal aufgeschichtet und dann nutzbar gehalten werden muss. Das wiederum verlangt – über konkretes politisches Gestalten hinaus – nach dreierlei: nach Reflektieren, Praktizieren und Erzählen. Reflektieren meint Klären, was einen da mit anderen zusammenhält. Praktizieren meint kommunikatives und interaktives In-Geltung-Halten dessen, was da integriert. Und Erzählen meint die Verfertigung und Verbreitung von Narrationen über jene konkreten Inhalte und deren Geltungsgründe, die einen Einzelnen zum Teil eines je besonderen größeren Ganzen machen können.

Im Fall Deutschlands ist das, was uns zusammenhält, neben der gemeinsamen Sprache vor allem die freiheitliche demokratische Grundordnung. Reflektiert wird sie in den Diskursen über die minima politica unserer Einwanderungsgesellschaft. Praktiziert wird die freiheitliche demokratische Grundordnung sowohl in unserer Lebensweise als auch durch Ausgrenzung jener, die wir – zu Recht oder Unrecht – als Gegner unserer freiheitlichen Lebensweise ansehen. Und erzählend vor Augen geführt werden die Inhalte und Geltungsgründe der – unsere je individuellen Heimaten übersteigenden und integrierenden – freiheitlichen demokratischen Grundordnung anhand der Gründungsmythen unserer Republik (etwa ihrer Entstehung als „Gegengründung“ sowohl zum Nationalsozialismus als auch zum Kommunismus) sowie anhand ihrer Geltungsgeschichten (vom „Wirtschaftswunder“ über „1968“ bis zum erfolgreich praktizierten „europäischem Beruf“ unseres Landes), beides natürlich eingebettet in die Gesamtgeschichte Deutschlands und seiner Vorgängervölkerschaften.

Außerdem muss man, um Heimatliebe mit nachhaltigem Patriotismus zu verbinden, schon auch dafür sorgen, dass in der Heimat und im Staat wirklich ein gutes Gemeinwesen besteht. Zwar unterscheiden sich die Kriterien dafür, was ein gutes Gemeinwesen wäre, sehr wohl zwischen den Kulturen und im Lauf der Jahrhunderte. Freiheit, politische Partizipation und ein Mindestmaß an sozialer Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit sind etwa im heutigen Deutschland wichtige Kriterien für ein gutes Gemeinwesen, was sie im 13. oder 17. Jahrhundert durchaus noch nicht waren. Hingegen bemessen wir heute die praktische und ethische Qualität eines Gemeinwesens durchaus nicht mehr daran, ob eine legitime Dynastie regiert oder die politischen Regeln mit religiösen Gesetzen zusammenpassen – was ehedem in Europa, und bis heute in anderen Kulturen, wichtige Kriterien für ein gutes Gemeinwesen waren oder sind. Doch in der jeweiligen Gegenwart fällt selten ein Urteil wirklich schwer, ob ein bestehende Gemeinwesen im Grunde gut wäre und Unterstützung, ja Zuneigung verdiene; und besonders leicht fällt ein solches Urteil hinsichtlich des in der eigenen Heimat, des im eigenen Land bestehenden Gemeinwesens. Gerade dort gelingt die Herstellung eines nachhaltig als gut empfundenen Gemeinwesens ja nicht durch gefühlige Inszenierungen, sondern allein durch Beseitigung, oder wenigstens durch Minderung, der bestehenden oder neu erwachsenden Probleme. Die Lebenswelt wird hier zur gleichsam unbestechlichen Kontrollinstanz, vor der rein kommunikative oder ideologische Konstruktionen nicht bestehen können.

Auf lebensweltliche Bewährung müssen deshalb alle Ordnungsprinzipien und Geltungsansprüche eines guten Gemeinwesens ausgehen. Anders gewendet: Nur wo sie zum Praktizieren von Heimatliebe führt, kann konkrete politische Ordnung zum dauerhaften Bestand jenes Gemeinwesens beitragen, das die so unterschiedlichen Heimaten der Staatsbürger zum gemeinsamen Staat verbindet. Gerade die deutsche Erfahrung zeigt aber aufs schmerzlichste, dass praktizierte Heimatliebe und das Einbringen ihres Impulses ins größere Ganze überhaupt nicht garantieren, dass dem gemeinsamen Land eine schlechte Verfassungsordnung erspart bleibt oder es nicht einer vielleicht kommunikativ betörenden, beim Handeln aber verbrecherischen Führungsschicht anheimfällt.

 

III. Deutsche Sonderprobleme mit Heimat und Patriotismus

Der deutsche Fall ist für die Analyse der politisch wichtigen Wechselbeziehungen von Heimat und Staat, von Heimatliebe und Patriotismus, besonders aufschlussreich. Erstens ist – wie der Sprachvergleich zeigt – „Heimat“ ein sehr deutscher Begriff, ein sehr deutsches Gefühl und eine sehr deutsche Reflexionsfigur. Zwar ist das, worum es hier geht, auch in vielen anderen Ländern und Bevölkerungen von Belang – nur eben in anderer semantischer Codierung und vermutlich mit einem anderen „Sitz im Leben“. Denn es gibt, zweitens, gerade in Deutschland ein sehr gebrochenes Verhältnis zur Heimat. Einesteils gilt gerade den ihrer Bildung bewussten Deutschen „Heimattümelei“ als abstoßend, ein „Heimatabend“ als lächerlich. Andernteils gibt es mancherlei Versuche, sich vor dem gar noch unangenehmer berührenden Begriff des „Vaterlands“  zum viel gefühliger und unverbindlicher einherkommenden Begriff der „Heimat“ zu flüchten – um dann doch nichts anderes anzusprechen als das je besondere Verhältnis, das man zu einer bestimmten Region, zu bestimmten Leuten und zu einer bestimmten Kultur hat. Also werden am deutschen Fall nicht nur die Dimensionen, sondern auch die Untiefen des Redens von und über Heimat oder Patriotismus besonders deutlich.

Zwar verflüchtigen sich die meisten Sorgen, unter der Fahne des Patriotismus könne man in politisch inkorrekte Fahrwasser geraten, rasch dann, wenn man den Begriff des Patriotismus gerade so anlegt wie hier, nämlich als eine der freiheitlichen demokratischen Grundordnung verpflichtete und auf eine aktive Staatsbürgerrolle hin überschrittene Heimatliebe. So gefasst, ist Patriotismus sowohl dem Begriff als auch der Sache nach jeder Missbrauchbarkeit durch Rechtsradikale entzogen, und somit als Begriff und Sache für den Diskurs der Verteidiger freiheitlicher Demokratie zurückgewonnen.

Dann stellt sich im Grunde nur noch die folgende, einfache Frage: Gibt es denn überhaupt plausible Gründe dafür, freundschaftliche Loyalitätsbindungen zu einer Zwischeninstanz zwischen „eigener Heimat“ und „ganzer Menschheit“ zu entwickeln, nämlich zum eigenen Staat und zu dessen Bevölkerung, und von dieser Zwischeninstanz – nämlich dem Staat einer Bevölkerung – auch noch werbend zu sprechen? Doch sogar diese einfache Frage wirkt auf viele Deutsche immer noch recht befremdlich: Gehört man seinem Staatsvolk nicht einfach an, selbst gegen seinen Willen – und deshalb ohne allen Anlass, das auch noch für gut zu finden oder gar als willkommen zu bekunden?

Gewiss ist eine Nation auch ein Abstammungsverband, denn natürlich sind Kinder von US-Amerikanern ihrerseits US-Amerikaner, selbst wenn sie in Deutschland oder in Italien geboren wurden und – wie auch in Deutschland möglich – durch Geburt in einem anderen Land obendrein dessen Staatsangehörigkeit erhalten haben. Als gerade ein solcher Abstimmungsverband verstanden sich jahrhundertelang die in vieler Herren Ländern lebenden Deutschen und bildeten so das, was man eine „Kulturnation“ nennt. Allerdings kann ein Staatsvolk auch viel mehr sein als ein Abstammungsverband, nämlich eine kulturelle Gemeinschaft, der man nicht einfach durch Geburt, sondern auch kraft eigenen Wunsches angehören kann, solange man aus deren Traditionen für sich selbst Gutes zu gewinnen vermeint und sich auf deren einende Grundwerte einlässt. Franzosen und Nordamerikaner pflegen einen solchen Nationsbegriff, und Bundespräsident Gauck hat ihn in seiner Amtsantrittsrede auch den Deutschen empfohlen.

Doch sogar die Vorstellung von einer so gearteten, ganz und gar nicht „volkstümelnden“  Nation als Klammer vieler, durchaus persönlich gemochter Heimaten ändert nichts an der Verstörung vieler Deutscher, sobald die Rede auf nationalen Patriotismus kommt. Der Debatte um ihn liegt nämlich eine Hintergrundannahme zugrunde, die zwar meist unausgesprochen bleibt, von deren  trotzdem unterstellter Vernünftigkeit aber die ganze Plausibilität der Diskussion um den Wert oder Unwert eines speziell deutschen Patriotismus abhängt. Die sie tragende Vermutung geht dahin, dass auf alle Fälle in Deutschland – und vielleicht auch anderswo – Patriotismus etwas potentiell Gefährliches sei, sozusagen ein wildes Tier, das man besser schlafen lasse. Um Nationalismus gehe es im Grunde, der – vom Schlafe erwacht – sich hierzulande recht unwiderstehlich zunächst in Chauvinismus verwandele und dann in Rassismus. Diesbezüglich gebrannte Kinder wie die Deutschen sollten nun aber das Feuer scheuen – und darum denn doch, anders als andere Nationen, sich ernsthaft die Frage stellen, ob es ohne Patriotismus nicht auch gehen könne – anders gewendet: ob man, wenn unsere politische Ordnung schon ein emotionales Fundament brauche, es sein Bewenden nicht einfach mit der Heimatliebe haben könne. Der Hintergrunddiskurs kreist also um die Frage, ob die Deutschen ihre Nation nicht besser loswerden sollten, um anschließend wieder, gewissermaßen wie vor dem Sündenfall von Bismarcks Reichseinigung, einesteils bloß noch Westfalen oder Brandenburger zu sein, die ganz einfach eine politisch nicht weiter belangvolle „Heimat“ hätten – und andernteils, auf der nächsten wichtigen politischen Integrationsstufe, eben Europäer. Dergestalt streiften die Deutschen im sich einigenden Europa ihre unglückliche Nation und ihre schlimme Nationalität wieder ab ­– falls sie sich nur ehrlich genug auf den Weg in die postnationale Republik machten und diese auf eine um alles „Tümelnde“ gereinigte Heimatliebe gründeten.

Es braucht nicht viel vergleichendes Bemühen, um sich das phantastisch Einzigartige eines solchen Weges klarzumachen. Ist Frankreich, ist Italien auf dem Weg in eine postnationale Zukunft? Und wie antworteten wohl die intellektuellen Eliten Tschechiens, Polens oder gar der wieder entstandenen baltischen Staaten auf die Frage, wozu es im Rahmen der Europäischen Union denn Nationen überhaupt, und zumal die ihre, fortan geben müsse? Doch bestimmt mit der Gegenfrage, ob man noch bei Trost wäre! So empfinden auch erhebliche Teile von Deutschlands Bevölkerung. Die fühlen sich von ihren Eliten oft dort im Stich gelassen, wo diese mit den ihnen möglichen Kommunikationsleistungen die folgende Aufgabe erfüllen könnten: Sie könnten die Inhalte und Geltungsansprüche der in unserem Land gelebten und die jeweiligen engeren Heimaten zum erlebten „Deutschland“ integrierenden Kultur verständlich formulieren, klar vor Augen führen und in redlicher Wertschätzung halten. In Wirklichkeit aber zerfällt deutsche Heimatliebe, zerfällt deutscher Patriotismus und ebenso der Diskurs über das alles sehr oft entlang der Milieuübergänge zwischen den „einfachen Leuten“ und den Gebildeten bzw. Intellektuellen dieses Landes. In den Tiefenschichten dieser „kulturellen Spaltung“ aber lagern die geschichtlichen Hypotheken des deutschen Patriotismus, liegt der Kriegs- und Zerstörungsschutt von Wilhelminismus und Nationalsozialismus, liegt auch der von den Nationalsozialisten verursachte Schuldkomplex von Angriffskrieg und Holocaust, finden sich die zutiefst erfahrenen – und leider größtenteils selbst verschuldeten – Traumata der deutschen Nation.

Diese Verwundungen wirken seit über 70 Jahren nach – oft noch seelisch, allenthalben diskursiv, und unübersehbar zumal dann, wenn man an Universitäten über das alles spricht. Faktisch wurde der Nationalsozialismus zu jenem tremendum, das – über regelmäßig eingefordertes Abwehr- und Abgrenzungsverhalten – im Mittelpunkt der speziell bundesdeutschen Zivilreligion steht. Mangels großer Rituale sinnlich schwer fassbar, doch aus schulischen Lehrplänen oder aus den in Talkshows vor einem Millionenpublikum immer wieder freiwillig vollzogenen staatsbürgerlichen Glaubensbekenntnissen leicht zu rekonstruieren, obendrein schon prä-reflexiv höchst wirksam, kanalisiert diese Zivilreligion ihrerseits, was an patriotischem Reden und Tun in Deutschland als schicklich gilt. Wer nun  Heimatliebe nicht von Patriotismus trennen und eben beides zur zivilgesellschaftlichen Selbstverständlichkeit machen will, der muss deshalb nicht nur jene Zusammenhänge in verständlicher Weise und mentalitätstherapeutischer Absicht reflexiv machen. Sondern er muss auch zeigen, in welche Denkfiguren eines aufgeklärten Patriotismus sich – überkommene oder neu entdeckte – Heimatliebe in Deutschland stellen kann.

 

IV. Was ist „aufgeklärter deutscher Patriotismus“?

Erstens muss aufgeklärter deutscher Patriotismus ein auf unsere freiheitliche demokratische Grundordnung bezogener Verfassungspatriotismus sein: eine offen bekundete und allem politischen Handeln zugrunde gelegte Zuneigung zu jener politischen Ordnungsform, die Deutschland unter allen Staatsformen, mit denen es unser Land je versucht hat, nun wirklich am besten bekommen ist. Verfassungspatriotismus ist somit kein „linkes Gegengift“ zu einer gleichsam „naiven Heimattümelei“ oder zu einem – unterstellterweise – immer „rechten  Nationalismus“. Er ist vielmehr wesentlicher Mitbestandteil eines fortan nachhaltigen deutschen Patriotismus.

Zweitens äußert sich deutscher Patriotismus im politischen Handeln und Sprechen aus einem Gesamtverständnis deutscher Geschichte und Kultur heraus. Es wird es fruchtbar sein, unser Geschichtsdenken aus der Engführung auf den Nationalsozialismus zu lösen. Zwar muss dieser, samt Angriffskrieg und Holocaust, weiterhin ein zentraler Angelpunkt deutschen Geschichtsdenkens sein. Die aus ihm zu ziehenden Lehren sind noch lange den jeweils nachrückenden Generationen weiterzugeben. Doch Deutschlands Geschichte und deren Lehren umfassen nun einmal viel mehr als die zwölf Jahre des Nationalsozialismus. Sie umfassen ebenfalls mehr als die vierzig Jahre der SED-Diktatur. Also ist es Zeit, wieder das Ganze in den Blick zu nehmen: das sich langsam entbarbarisierende sächsisch-salisch-staufische Deutschland ebenso wie das auf eine friedliche Streitbeilegung ausgerichtete System des „nachwestfälischen“ Reiches, den Kosmopolitismus der deutschen Klassik nicht minder als die Leistungskraft deutscher Wissenschaft und Technik seit dem Kaiserreich.

Und natürlich dürfen Deutsche auf das alles ebenso stolz sein wie Nachkommen auf die Lebensleistung tüchtiger Eltern und Großeltern. Stolz ist ja mehr – und ganz anderes – als Prahlerei mit echten oder mit angemaßten eigenen Leistungen. Stolz ist im Wesentlichen Dankbarkeit dafür, einer Gruppe oder Gemeinschaft mit guten Leistungen anzugehören, verbunden mit der Bereitschaft, sich nun auch selbst für diese Gruppe oder Gemeinschaft anzustrengen und zu deren Wohl beizutragen. Das heißt: Stolz, richtig kultiviert, mündet in Gemeinsinn.

Drittens gehört zum Patriotismus der Deutschen die Verbundenheit mit ihrer jeweiligen Heimatregion, die innere Bindung an deren Mundart, Landschaft und Bräuche. Unter den Zuwanderern wird das auf lange Zeit die innere Bindung an ihre Herkunftsländer und an deren Kulturen einschließen. Vor allem in solcher Heimatliebe, die unter Zuwanderern hoffentlich mehr und mehr auch die neue Heimat einschließt, wurzelt ohnehin jener alltagspraktische Patriotismus der einfachen Leute, denen der intellektuelle Zugang zum Patriotismus über Verfassungsprinzipien oder Lehren aus unserer Geschichte fremd und gesucht erscheint.

Viertens gehört zum Patriotismus eine nicht nur tatkräftig ins Werk gesetzte, sondern immer wieder auch in ganz selbstverständlicher Weise bekundete Zuneigung zum eigenen Land und zu dessen Leuten, zu Deutschlands Kultur und zu den – dem eigenen Land dann auch Maßstäbe setzenden – Geltungsansprüchen als einer freiheitlichen, demokratischen und friedliebenden Nation. Das heißt: Patriotismus, den es auch zu zeigen gilt, ist nicht nur Tun, sondern obendrein Kommunikation. Die hält, entlang der hier umrissenen Ansprüche, gerade eine Einwanderungsgesellschaft gut zusammen, weil ihr Gravitationszentrum eben nicht die Herkunft von Staatsbürgern aus unterschiedlichen Ländern ist, sondern die gemeinsame Zukunft im fortan gleichen Staat. Diese gesellschaftsintegrierende Kommunikation wiederum braucht auch Symbolisierungsleistungen wie gemeinsame Feiern, Flaggen und Hymnen, denn vor allem über sie wird in die so folgenreichen emotionalen Tiefenschichten von Menschen eingetragen, was sonst nur flaches Wortgeklingel bleibt.

Dem Zusammenhalt unserer Gesellschaft  und der Integrationsfähigkeit unseres Landes wäre vermutlich sehr geholfen, würde Patriotismus in allen umrissenen Zügen nicht nur empfunden, sondern auch immer wieder zum Ausdruck gebracht. Unsere jeweils persönliche Heimat hätte dann einen uns auch innerlich berührenden und von daher zur Anteilnahme an der res publica motivierenden politischen Ordnungsrahmen. Dann fühlten einesteils immer weniger Deutsche den Wunsch, ihr Deutschsein entweder in ihrer kleinen Heimat oder gleich im großen Ganzen Europas verschwinden zu lassen. Das aber wäre heilsam – denn verwirklichen lässt sich ein solcher Wunsch nach dem Verschwinden eigenen oder fremden Deutsch-Seins ohnehin nicht. Andernteils erübrigte sich dann jene wechselseitig so sehr verwundende und zugleich uns politisch wirklich nicht voranbringende Konfrontation zwischen den einen, die sich als „Patrioten“ ausgerechnet in unserem demokratischen Land „Volksverrätern“ mitsamt einer „Lügenpresse“ gegenübersehen – und den anderen, die da rufen „Nie wieder Deutschland!“ oder „Deutschland, du mieses Stück Scheiße!“. Aus solcher Konfrontation, im Internet, auf öffentlichen Plätzen und wohl auch in diesem Hörsaal immer wieder neu in Szene gesetzt, entsteht überhaupt nichts Gutes. Es wäre Zeit, derlei übles Gegeneinander zu überwinden.

 

V. Was tun?

Vieles bleibt dafür noch zu tun. Immer noch klingt Heimatliebe vielen nach Kitsch, Patriotismus nach Rechtsradikalismus. Also lassen sich viele mit beiden Empfindungen lieber nicht in Verbindung bringen. Das führt dann oft zu falschem Bewusstsein und zu verklemmtem oder aggressivem Auftreten. Doch gar nicht wenige der lange schon hier Ansässigen und der neu hinzugekommenen Bevölkerung mögen ja ihre hiesige Heimat und empfinden, ja handeln – selbst wenn sie das nicht so nennen wollen – sehr wohl patriotisch. Es klaffen da einfach Sein und Bewusstsein auseinander, was in einer traumatisierten Nation wie der unseren auch drei Generationen nach ihrem moralischen Ruin nicht verwunderlich ist.

Diesen Zustand aber andauern und fortschwären zu lassen, ist aus zwei Gründen wenig wünschenswert. Erstens überlässt man, wenn man sich nicht selbst um Heimatliebe und Patriotismus kümmert, beides sowohl dem Begriff als auch der Sache schlicht den Rechten, ja den Rechtsradikalen. Die eignen sich das alles wirklich gerne an, wie immer wieder die Wahlplakate der NPD oder die Aussagen weit rechtsstehenden AfD-Redner zeigen. Solche Besetzung guter Empfindungen durch Dummköpfe oder Demagogen zu sehen, tut aus gutem Grund sehr vielen intellektuell und emotional weh. Und insgesamt tut es unserem Land überhaupt nicht gut, so starke Empfindungen wie Heimatliebe und Patriotismus kampflos der politischen Rechten zu überlassen – welche sie ja schon einmal, nachwirkend bis heute, so umfassend diskreditiert hat.

Und zweitens braucht gerade ein Einwanderungsland, zu dem das unsere geworden ist, zusammenhaltende Bindekräfte, die über repressiv erzwungenen Gesetzesgehorsam klar hinausgehen. Es dürfte nun aber plausibel geworden sein, dass gerade Heimatliebe und aufgeklärter Patriotismus, beides bezogen auf eine klare Vorstellung von der uns verbindenden deutschen Rahmenkultur, unsere entstehende multiethnische und multikulturelle Gesellschaft besonders gut zusammenhalten könnten. Wen dieser Gedanke verstört, möge sich die folgende Frage vorlegen: Gibt es in Deutschland wohl wirklich keine uns verbindenden, von uns an unserer Heimat und an unserem Land geschätzten Eigenschaften, zur Teilhabe an denen man andere einfach deshalb einladen mag, weil man sie selbst als so gut und schön empfindet, dass man sie eben gerne mit anderen teilt?

Anscheinend glauben viele Deutsche wirklich, überhaupt nichts an der uns verbindenden Kultur wäre liebenswert oder wenigstens so, dass andere es mögen, sich gar von ihm bereichert fühlen könnten – abgesehen vom Fehlen eines Bürgerkriegs sowie von den Segnungen eines verlässlichen Rechtsstaats und eines reichen Sozialstaats. Vielleicht sind es auch genau diese, das Bestehen einer guten deutschen Rahmenkultur bezweifelnden Mitbürgerinnen und Mitbürger, welche Multikulturalität nur als Bereicherung des eigenen Landes begreifen können, nicht aber auch als ein solches Reichermachen von Einwanderern, das sich eben durch Mitteilen und Teilen unserer eigenen Kultur vollzieht.

Und vielleicht sind es ja letztlich Bildungsmängel, die so vielen die Rede von einer deutschen Kultur als ganz inhaltsleer erscheinen lassen. Denn wer jenseits alltagspraktischer Fertigkeiten und fachlichen Spezialwissens eben nichts von der deutschen Kultur weiß, wem also Großteile der deutschen Literatur, Musik, bildenden Künste, Gebräuche und Geschichte fremd sind, der mag tatsächlich vermuten, da gäbe es eben auch nichts. Er täuscht sich aber und merkt es nur nicht – obwohl ihn die seit Jahrhunderten so große Anziehungskraft deutscher Hoch- und Alltagskultur leicht eines Besseren belehren könnte.

Wie anders könnte es auch sein! Kaum ein Bürger der US-amerikanischen Einwanderernation wird vermuten, Zweifel am Bestehen und am grundsätzlichen Wert der US-Kultur wären vernünftig, oder zurückhaltender Umgang mit der US-Kultur sei angebracht. Eher wird er sich darüber wundern, dass die Deutschen ihren Einwanderern materiell oft Ansehnliches bieten, doch ideell ihnen ein höchst dürftiges Angebot machen: Keinerlei besonderen Kulturinhalte werden aufgewiesen, mit deren Aneignung die Perspektive auf ein wirkliches und nicht nur formales Dazugehören zu den im Land geborenen Deutschen verbunden wäre – oder gar irgendwelche Hoffnungen auf ein Stolzseindürfen. Deutschsein wird stattdessen in Aussicht gestellt wie Zahnweh oder Mundgeruch.

Umgekehrt erkennt man leicht: Patriotismus genau der von mir vorgestellten Art kann die lange schon ansässige Bevölkerung unseres Landes mit den Zugewanderten und weiterhin Einwandernden zu einem solidarischen Staatsvolk vereinen. Solcher Patriotismus ist gerade keine auf Ausgrenzung ausgehende Haltung, sondern eine, die ganz im Gegenteil nichts anderes als Integration  und gesellschaftlichen Zusammenhalt anstrebt. Zugespitzt: Ein deutscher Patriot wird keine deutschen Türken von bundesrepublikanischen Deutschen fernhalten wollen, sondern wird zu erreichen versuchen, dass aus Einwanderern aus vielen Ländern türkische Deutsche werden, griechische Deutsche, italienische Deutsche, syrische Deutsche oder vietnamesische Deutsche. Das ist im Übrigen auch der sinnvolle Grundgedanke des vor rund zwei Jahrzehnten Jahren neu eingeführten Staatsbürgerschaftsrechts.

Man erkennt also: Schon vom Ansatz her kann der Einwand nicht überzeugen, mit der Pflege von deutschem Patriotismus betreibe man das Geschäft fremdenfeindlicher Rechtsextremisten. Es verhält sich genau anders herum: Wer deutschen Patriotismus nicht pflegt, lässt die mächtigen mit ihm verbundenen Gefühle in den Bannkreis der Rechten ziehen. Dort droht ihnen nur neuer Missbrauch – wie in der anfangs so populären Diktatur der Nationalsozialisten. Also wird es, solche Zusammenhänge vor Augen, eine zentrale Aufgabe aller deutschen Verfassungspatrioten sein, nie wieder auch nur den geringsten Teil von deutschem Patriotismus exklusiv den Rechtsradikalen zu überlassen. Vielmehr gehören die die Begriffe „Heimatliebe“ und „deutscher Patriotismus“ wieder fest in den Sprachgebrauch deutscher Demokraten. Nur dann werden wir nämlich die aus verbreiteter Engstirnigkeit und aus allem Rassismus befreiende Einsicht durchsetzen, dass Deutsche nicht nur weiß oder braun sein können, sondern – in aller Normalität – auch schwarz, rot oder gelb!

 

Bildquelle: https://www.welt.de/img/debatte/kommentare/mobile101309766/4442500917-ci102l-w1024/pmz-Flagge2-100703-DW-Politik-Berlin-jpg.jpg

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