Populismus, Religion, Islam. Antwort auf einige Kritiker

Es freut mich, dass mein Interview mit dem Kölner Domradio zum Umgang der Kirchen mit rechtspopulistischen Bewegungen (siehe http://wjpatzelt.de/?p=1188) eine Diskussion auf meiner Facebook-Seite ausgelöst hat, die so viele Themen berührt und obendrein in sehr fruchtbarer Weise kontrovers ist. Weil nämlich die eingegangenen Beiträge vieles wirklich Wichtige betreffen und obendrein eine Art Puzzle mit klarem Gesamtbild ergeben, will ich auf sie nicht in Form von „Kommentaren zu Kommentaren“ eingehen, sondern recht systematisch.

Natürlich wird in meinen knappen Erwiderungen das ganze von den Debattenteilnehmern durchreiste Gebiet nur thesenartig behandelt, nämlich zugespitzt, holzschnittartig, unterkomplex. Also sind weitere Diskussionen willkommen und wohl manche Klarstellungen weiterhin nötig. Doch das alles vorzunehmen ist ja eben der Sinn einer Diskussion.

Folgendes scheinen mir die wichtigsten vorgebrachten Themen zu sein. Zu jedem gebe ich eine knappe Kommentierung.

 

1. Welchen Beigeschmack hat es, wenn eine Position, Person oder Gruppierung als „rechts“ eingeordnet wird?

Die Bewertungsabsicht ist eindeutig: „Rechts“ ist schlecht, „links“ ist gut. Warum sich das in unserer deutschen politischen Kultur so ergeben hat, findet sich in meinem Beitrag „Links ist gut, rechts ist schlecht. Doch warum?“ (http://wjpatzelt.de/?p=515).

Die Folgen dieses Umgangs mit „links“ und „rechts“ sind überwiegend schlecht. Denn erstens darf man nun nicht „weiter rechts“ als allenfalls „mittig“ sein, wenn man als akzeptabler Mitmensch gelten will. Das führt zur Praxis politischer Heuchelei oder zu „falschem Bewusstsein“. Und zweitens haben Leute, die sich klar als „rechts“ empfinden, den völlig begründeten Eindruck, sie würden von der mittigen und linken Mehrheit der Bürgerschaft als Menschen minderen politisch-moralischen Niveaus behandelt. Das kränkt nicht nur, sondern führt auch zu klarer Gegnerschaft zur tonangebenden politisch-medialen oder kulturellen Elite. Eben das beobachten wir derzeit in Deutschland. Meinerseits halte ich das für keine unserem Gemeinwesen dienliche Entwicklung.

 

2. Warum schwingt man die „Populismuskeule“?

Die „Populismuskeule“ schwingt, wer den Begriff des Populismus als Schimpfwort für politisches Reden, Denken und Handeln verwendet, um auf diese Weise andere herabzusetzen. Dabei wird als „populistisch“ an politischem Denken, Reden und Handeln alles das bezeichnet, was grob vereinfachend, simplistisch, polemisch, demagogisch einherkommt und sich dabei zuschreibt, ganz einfach im Recht zu sein. So über Politik zu reden, ist tatsächlich nicht gut und deshalb kritikwürdig. Typischerweise wird der dies alles zusammenfassende, herabsetzende Begriff „Populismus“ aber nur auf politische Gegner angewendet – und eigentlich nie auf eigene Gesinnungsgenossen. Genau in dieser parteiischen Schimpfwortverwendung besteht die „Keule“.

Nicht die „Populismuskeule“ schwingt, wer – wie ich – „Populismus“ grundsätzlich als analytischen Begriff verwendet, also ganz ohne jegliche Herabsetzung einer Person oder Gruppe, die sich am politischen Streit beteiligt. Dieser Begriff meint genau das folgende: Populismus ist die Reaktion besorgter oder empörter Bürger auf entstandene und von der politischen Klasse bisher nicht geschlossene „Repräsentationslücken“. Die Brücke zwischen diesen beiden, sehr unterschiedlichen Populismusbegriffen  besteht darin, dass empörte Bürger sowie deren Führer sich eben oft grob vereinfachend, simplistisch, polemisch oder demagogisch äußern und dabei zu erkennen geben, das sie sich als im Recht befindlich sehen. Und dem auf das alles von außen blickenden Beobachter fällt sehr wohl auf, dass ich in der Regel auch die Gegner von Populisten (hier: im analytischen Sinn) als Populisten (hier: im Schimpfwortsinn) aufführen.

 

3. Trennung von Kirche und Staat, Religion und Politik

Das Verhältnis von Religion und Politik ist ein wirklich sehr komplexes. Worum es dabei geht und wie tief es reicht, habe ich vor einiger Zeit im Einleitungskapitel eines Sammelbandes über das Verhältnis von Religion und Politik ausführlich dargestellt (siehe http://wjpatzelt.de/?p=1192). Wer über dieses Thema wirklich gut Bescheid wissen will, der möge diesen Beitrag lesen.

Dann erkennt man erstens, warum es gar nicht leicht ist, überhaupt Politisches von Religiösem zu trennen, u.a. deshalb, weil politische Ideologie – ihrerseits eine überfixierte Form politischen Denkens – selbst eine Art Religion ist. Zweitens kann man Kirche und Staat nur dort trennen, wo Religion überhaupt in Form von Kirche organisiert ist, d.h. in Gestalt einer eigenständigen Organisation. Das ist zwar typisch für das Christentum, wo „Kirche“ im Wortsinn die „Volksversammlung um Gott“ bedeutet und in verflachter Bedeutung die Ämterstruktur der „Beamten“ dieser „Volksversammlung“ meint. Doch im sunnitischen Islam gibt es nun einmal keine Kirche, und im schiitischen Islam allenfalls ansatzweise. Wo aber Staat und „Kirche“ mangels einer die Religion „verwaltenden“ Kirche nicht getrennt werden können, lässt sich eine Grenze zwischen Politik und Religion besonders schwer ziehen.

Drittens sei auf folgende Grundmöglichkeiten des Verhältnisses von Staat und Kirche bzw. Politik und Religion hingewiesen:

  • Laizismus: völlige Trennung beider Bereiche. So praktiziert in Frankreich.
  • „partnerschaftliches Verhältnis“: wechselseitige Unabhängigkeit von Staat und Kirche, doch unverkrampfte Zusammenarbeit überall, wo man das wechselseitig als nützlich erachtet. So praktiziert in Deutschland.
  • „Staatskirche“: Staatsspitze und Kirchenleitung sind identisch, was – je nach Säkularisierungsgrad einer Gesellschaft – im Alltagsleben den Staat auch für Religiöses wichtig macht (oder eben nicht). So praktiziert in England hinsichtlich der Englischen Hochkirche („Anglikaner“, mit dem König / der Königin als Kirchenoberhaupt)
  • Trennung von Staat und Religion in einer hochreligiösen Gesellschaft. So praktiziert in den USA.
  • Verbindung von Staat und Religion in einer hochreligiösen Gesellschaft. So praktiziert etwa in Saudi-Arabien.

Alle diese Formen des Verhältnisses von Staat und Kirche bzw. Staat und Religion haben je besondere Vor- und Nachteile, die differenziert zu kennen und abzuwägen sehr lohnt.

 

4. Wie ist das Staat/Kirche-Verhältnis in Deutschland?

Seit der Weimarer Republik, zumal seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland gibt es ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Zuvor gab es in den protestantischen Gebieten Deutschlands mehr oder minder ein Staatskirchenwesen, in den katholischen Gebieten eine enge Verbindung von Staat und Religion bei überwiegend religiösen Gesellschaften.

Der wesentliche Einschnitt im Staat/Kirche-Verhältnis war in Deutschland die mit dem Ende des Alten Reiches („Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“) einhergehende „Säkularisation“ nach 1803, d.h. die Einziehung des Kirchenvermögens durch die deutschen Staaten (reichend von ganzen bislang unabhängig gewesenen geistlichen Fürstentümern bis hin zu Klöstern und ihren Ländereien). Weil die Kirche ihre Amtsträger und Einrichtungen ohne das fortan enteignete Betriebskapital nicht mehr aufrechterhalten konnte, die Staaten aber auf den kirchlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität nicht verzichten wollten, wurden die sogenannten „Staatsleistungen“ eingeführt, d.h. die Bezahlung kirchlicher Amtsträger durch den Staat, desgleichen staatliche Geldleistungen an die Kirchen. Ferner wurden Zwangsabgaben von Kirchenmitgliedern für ihre Kirchen eingeführt, nämlich die sogenannte „Kirchensteuer“. Um auf den Aufbau einer eigenen steuereinziehenden kirchlichen Bürokratie verzichten zu können, kam man überein, zur Einziehung der Kirchensteuer die staatlichen Finanzämter zu verwenden. Für deren Verwaltungsaufwand erhält der Staat bis heute eine Entschädigung, und zwar aus dem Kirchensteueraufkommen. Durch dessen kaufmännische Nutzung sind die Kirchen inzwischen wieder zu beträchtlichem Vermögen gekommen, woraus sie u.a. einen beträchtlichen Teil des deutschen Krankenversorgungs- Pflegewesens finanzieren.

Schon im frühen 19. Jh. wurde zwischen Staat(en) und Kirche(n)vereinbart, dass dieses System der Staatsleistungen abzulösen sei, etwa durch Rückgabe eines Teils der ehedem eingezogenen Kirchengüter an die Kirche, woraufhin die Kirche wieder aus selbst erwirtschafteten Mitteln ihre Aktivitäten finanzieren könne. Es kam bis heute nicht dazu, und zwar gerade auch deshalb, weil der Staat die damit für ihn verbundenen finanziellen Risiken scheute.

 

5. Ist Religion Opium für das Volk?

Das kann so sein und war auch nicht selten so. Es muss aber nicht so sein.

Der erste Prägefaktor ist, wie weit Religion sich auf Vernunft einlassen oder eher als deren Gegnerin auftreten will. Das Christentum ließ sich in seiner spätantiken Frühzeit sehr stark auf die zeitgenössische (griechische) Philosophie ein und erhebt seither den Anspruch, zumindest in seiner Theologie – sowie in einer aufgeklärten Glaubenspraxis – „Glauben“ und „Vernunft“ miteinander zu verbinden. In der Volksreligion ist das auch im Christentum seit jeher anders, und zwar auch deshalb, weil in der Volksreligion viele heidnische (in Europa: insbesondere heidnisch-germanische) Ideen und Praxen überlebt haben. Einen solchen Versuch, Glauben und Vernunft mittels Philosophie zu verbinden, gab es im Islam nur zeitweise und insgesamt selten. Das macht einen wichtigen Unterschied zwischen beiden Religionen aus.

Zweiter Prägefaktor ist der staatliche Umgang mit Religion. Dabei kann es sich auch um „politische Religion“, d.h. um Ideologie handeln. Zum Opium für das Volk wird Religion dort, wo sie vom Staat der Bevölkerung als alternativlos verordnet wird. Das war im Christentum zwischen Spätantike und 20. Jh. vielfach der Fall. Kein Opium für das Volk ist Religion dort, wo der Staat keine Religion vorschreibt, ja durch seine Rechtsordnung religiösen Pluralismus – samt dem Recht auf Religionsfreiheit – auch noch sichert. Das ist der jetzige Zustand Deutschlands. Es lohnt sich, ihn aufrechtzuerhalten.

 

6. Sind „geistliche Politiker“ die schlimmsten Politiker?

Wenn mit „geistlich“ gemeint ist, dass sie an Gott glauben und der Ansicht sind, nach dem Tode müssten sie sich vor Gott für ihr politisches Handeln rechtfertigen, brauchen sie keineswegs die „schlimmsten Politiker“ zu sein. Versuchen sie, religiösen Geboten zu folgen wie denen, dass man weder lügen noch stehlen noch töten soll, dann ist das Risiko sogar eher gering, dass sie zu schlimmen Politikern werden. Wenn mit „geistlich“ aber gemeint ist, dass Politiker glauben, einen ihnen vorgegeben „Willen Gottes“ auch gegen jeglichen Widerstand durchsetzen zu müssen, so entsteht ganz furchtbare Politik, mitunter auch jener schlimme Typ politischer Ordnung, den man „Totalitarismus“ nennt. Aufs gleiche läuft es hinaus, wenn ein Politiker nicht den Willen Gottes, sondern den „Willen der Geschichte“ oder einer „wissenschaftlichen Weltanschauung“ meint gegen alle Widerstände durchsetzen zu müssen.

 

7. Ist der Islam eine menschenverachtende, diktaturförderliche Ideologie?

Es gibt Ausprägungen des Islam, für die das voll zutrifft. Dazu gehört der in Saudi-Arabien, im Iran oder gar im Islamischen Staat politisch verordnete Islam. Großen Streit gibt es darüber, ob dies die „eigentliche“ Natur des Islam oder nur eine von dessen Ausprägungsmöglichkeiten wäre. Historisch steht außer Zweifel, dass der Islam vor allem in autoritären Regimen floriert hat und weiterhin verbreitet ist. Ob autoritäre Herrschaft die Folge des Islam oder nur eine seiner bis heute nachwirkenden Prägeformen war, ist in der Wissenschaft, vor allem aber in der Publizistik umstritten. Meine eigene Sichtweise habe ich schon vor langem ausführlich dargelegt in meinem Blogbeitrag „Islam, Muslime – und Deutschland“ (http://wjpatzelt.de/?p=339). Wer wissen will, wie ich über den Islam denke, findet alles Nötige in jenem Text.

 

8. Passt der Islam zur politischen Ordnung Deutschlands?

Jener Islam, der die geschichtlich wie gegenwärtig am meisten verbreitete Erscheinungsform des Islam ist, passt gewiss nicht zum modernen Deutschland. Schon gar nicht passt hierher der heutige Islam von Saudi-Arabien und dem Iran, oder der frühere des Osmanischen Reiches oder der südspanischen Kalifate. Jener Islam, den viele – nicht alle – der in Deutschland lebenden Muslime tatsächlich praktizieren, gibt zwar wenig Anlass zur Sorge, er könne derzeit nicht zu Deutschland passen. Doch ob dieser zu Deutschland passende Islam auch dann noch praktiziert würde, wenn der Anteil von Muslimen in Deutschland bei einem Drittel der Bevölkerung und mehr läge, ist durchaus umstritten. Falsch war jedenfalls der Satz des Bundespräsidenten Wulff, „der Islam“ gehöre zu Deutschland. Richtig ist hingegen die Feststellung seines Nachfolgers, Muslime gehörten zu Deutschland – und zwar umso besser, in je größerer Übereinstimmung mit den Grundsätzen unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung sie ihre Religion praktizieren.

 

9. Wie ist die wachsende Rolle des Islam („Islamisierung“) in Deutschland einzuschätzen?

In Deutschland leben etwa zwei Millionen Deutsche muslimischen Glaubens und weitere über zwei Millionen Muslime ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Diese Zahlen steigen, einesteils durch weitere Zuwanderung von Muslimen, andernteils durch – bislang – größere Kinderzahlen muslimischer Eltern, die in Deutschland leben.

Deshalb ist – erstens – abzusehen, dass die Rolle von Muslimen in Deutschland wachsen wird. Zweitens ist erkennbar, dass man zumal in der dritten Generation von in Deutschland lebenden Muslimen zur Radikalisierung neigt. Zudem radikalisieren sich mehr und mehr Deutsche (insgesamt freilich eine sehr kleine Minderheit) durch Konversion zum Islam bzw. nach dieser Konversion. Drittens treten für Muslime typische Bekleidungsweisen in immer mehr Kommunen unübersehbar hervor und werden so Gegenstand teils öffentlicher Debatten, teils der Alltagskultur. Viertens wissen wir derzeit nicht, ob – und wie schnell – es uns gelingen wird, wachsende Zahlen von ihre Religion immer wichtiger nehmenden Muslimen in die teils areligiöse, teils christlich geprägte deutsche Gesellschaft zu integrieren. Am besten schätzt man deshalb die wachsende Rolle des Islam in Deutschland mit Vorsicht und Aufmerksamkeit ein, idealerweise gekoppelt mit gutem Willen dazu, die Rahmenbedingungen für einen mit unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung vereinbaren Islam zu schaffen oder zu sichern.

 

10. Wo endet Toleranz?

Toleranz endet dort, wo die Voraussetzungen für deren Ausübung in Gefahr geraten. Konkret: In Deutschland hat Toleranz zu enden, wo regelmäßig gegen unsere Gesetze verstoßen wird oder man nachdrücklich die Leitideen unserer wertgebundenen, pluralistischen Demokratie verächtlich macht. Es ist nämlich abwegig, genau jene frei agieren zu lassen, deren Ziel die Beseitigung von Freiheit ist. Allerdings  darf man sehr wohl – wie auch das jüngste NPD-Urteil des Bundesverfassungsgerichts ausgeführt hat – geringen Herausforderungen unserer freiheitlichen Ordnungen toleranter gegenüberstehen Gefährdungen unserer pluralistischen Demokratie, die mit guten Gründen als realistisch anzusehen sind. Wo aber die erforderlichen Grenzen von Toleranz jeweils konkret liegen, muss immer wieder aufs neue in streitigen Diskursen geklärt werden.

 

11. Warum gibt es einen Schulterschluss zwischen vielen Christen und muslimischen Einwanderern?

Erstens verstehen Christen, die ihre Religion praktizieren, es besonders leicht, wenn auch Muslime ihre Religion praktizieren wollen. Zweitens sind Hilfsbereitschaft und Zuneigung zum Anderen („Nächstenliebe“, „Barmherzigkeit“ …) im Christentum besonders wichtige Werte. Drittens kommt ein beträchtlicher Teil der Gegner von Zuwanderungskritikern – aus den vorgenannten Gründen – aus dem christlichen Milieu. Ihnen ist es deshalb ein besonderes Anliegen, dem Abwehrverhalten von Zuwanderungsgegnern das genau gegenteilige Rollenmodell gegenüberzustellen, und im Grunde um fast jeden Preis. Viertens fassen die allermeisten Kirchenführer ihr „partnerschaftliches Verhältnis“ zum Staat dahingehend auf, dass sie eine von ihnen – warum auch immer – für richtig gehaltene Zuwanderungspolitik auch ganz demonstrativ als Kirchenleute unterstützen sollten. Im Übrigen treffen viele Gründe, warum in Deutschland Linkes für viel besser gehalten wird als Rechtes (siehe (http://wjpatzelt.de/?p=515), auf Kirchenleute und Kirchenführer in ganz besonderem Maße zu.

 

12. Wie sagt man Christen am besten, an welchen Grundsätzen sie sich beim Umgang mit abgelehnten Andersdenkenden orientieren sollten?

Am besten erklärt man es ihnen anhand von Beispielen („Gleichnissen“), die der Religionsstifter selbst verwendet hat (nämlich Jesus von Nazareth, in den Augen von Christen: der zum Menschen gewordene Teil Gottes), und die sich in der heiligen Schrift des Christentums finden, nämlich den Lebensbeschreibungen Jesu („Evangelien“, etwa von Lukas oder Matthäus). Viele dieser Gleichnisse und aus ihnen abgeleiteten Aufforderungen beziehen sich nämlich ganz unmittelbar auch auf das Verhalten von „Gutmenschen“ gegenüber dem „Pack“ und seinen Anführern. Weil aber viele, die auf dieser Seite mitlesen, jene Texte vermutlich nicht kennen, weshalb sie für Christen gut verständliche Anspielungen eben auch nicht nachvollziehen können), seien kurz drei solche Aussagen des Religionsstifters Jesus zitiert:

Lukas 15, 1-7: „Alle Zöllner und Sünder [= das Pack, der Pöbel] kamen zu ihm [= Jesus], um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten [= die Gutmenschen und kulturellen Eliten] empörten sich darüber und sagten: ‚Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen!‘ Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: ‚Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?  Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war.‘ Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren!“

Lukas 18, 9-14: „Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren [= den Gutmenschen] und die anderen [= das Pack] verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel: Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer [= ein Angehöriger der kulturellen Elite], der andere ein Zöllner [= ein betrügerischer Stinkstiefel]. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: ‚Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens‘. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: ‚Gott, sei mir Sünder gnädig!‘ Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter [= als einer, der sein inneres Leben in Ordnung gebracht hat] nach Hause zurück, der andere nicht.“

Matthäus 7, 1-3: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ 

Gerade das erste Gleichnis vor Augen, lässt sich die folgende, mir gestellte Frage leicht beantworten: Gehört es sich, Anhänger von AfD oder PEGIDA als „verirrte Schafe“ zu bezeichnen? Ja, wenn man Kirchenleuten in der ihnen bekannten Sprache klarmachen will, wie man mit Andersdenkenden umzugehen hat, die man auf einem völlig falschen Weg wähnt. Nein, falls man als Kontext nicht genau dieses Gleichnis mitdenkt. – Darf man also die Rede von den „verirrten Schafen“ verwenden, wenn man nicht sicher sein kann, dass ein jeder sie im gemeinten Sinn versteht? Warum eigentlich nicht, falls man Grund zur Hoffnung hat, Leser würden ihnen Unverständliches als Herausforderung zum Dazulernen nehmen?

 

13. Verstehen Religiöse die Rolle von Religion für Gesellschaft und Politik wirklich besser als Nicht-Religiöse?

Gegenfrage: Versteht wohl ein Musikalischer mehr von Musik als ein Unmusikalischer? Falls die Antwort auf Ja lautet: Welchen guten Grund gibt es dann für die Vermutung, ein Religiöser würde Religion nicht viel besser verstehen können als ein Unreligiöser? – Und Nachfrage: Kann sich denn wirklich kein Unmusikalischer ein für seine praktischen Zwecke ausreichendes Verständnis von Musik erarbeiten? Antwort: Warum denn nicht – falls er sich anstrengt?! Und ebenso verhält es sich mit Atheisten und dem Verstehen von Religion.

 

14. Kommt die Ablehnung des Islam und von Muslimen in Ostdeutschland wirklich vom dort stärker verbreiteten Atheismus?

Viele Gespräche und Lektüreeindrücke haben mich tatsächlich zum – wie mir scheint: gut begründeten – Eindruck gebracht, dass mit der Ablehnung des Islam häufig eine Ablehnung von Religion überhaupt einhergeht. Dann ist Islamkritik nur ein Sonderfall allgemeiner Religionskritik. Die trifft auch das Christentum immer dann, wenn es etwas anderes als richtig benennt, als das die religionsfreie Mehrheitsgesellschaft hören will. Und so gewiss Islamablehnung noch mehr Ursachen hat als „religiöse Unmusikalität“, so deutlich ist eben auch, dass die Ablehnung des Islam in den neuen Bundesländern merklich größer ist als in den alten Bundesländern. Weil dort wiederum der Anteil von Atheisten deutlich größer ist als im Westen, liegt die Vermutung nahe, dass der Atheistenanteil etwas mit dem Grad der Islamablehnung zu tun haben könnte. Und die anfangs dieses Absatzes mitgeteilten Gesprächs- und Lektüreeindrücke scheinen diese Vermutung ebenso zu bestätigen wie die im Punkt 11 notierten Beobachtungen.

 

15. Ist es in Ordnung, wenn sich die Politikwissenschaft mit Religion befasst?

Nachdem Religion ein politisch recht wichtiges Phänomen ist, was auch – doch nicht nur – der religiös motivierte Terrorismus belegt (insgesamt siehe meinen Blogbeitrag http://wjpatzelt.de/?p=1192), würde die Politikwissenschaft einen wichtigen Teil politischer Wirklichkeit und somit ihres Gegenstandes unerforscht lassen, wenn sie sich nicht gerade auch mit der (politischen) Religion und ihren politischen Wirkungen bzw. Voraussetzungen befasste.

 

16. Kann ein Wissenschaftler auch religiös sein?

Warum denn nicht? Der Glaube fängt ja erst dort an, wo das Wissenkönnen aufhört; und über die Kernfrage der meisten Religionen – „Gibt es Gott?“ – kann man ohnehin nichts wissen, sondern nur glauben. Atheist zu sein, beruht somit ebenso auf einer Glaubensentscheidung, wie religiös zu sein. Im Übrigen kann der Glaube niemals Fragen danach beantworten, ob eine Stichprobe repräsentativ, ein Indikator valide, ein statistisches Modell korrekt angewendet, ein Argument logisch korrekt ist. Also lautet das Fazit: Beim Wissenschafttreiben spielt der Glaube keinerlei Rolle, und beim Glauben ist die Wissenschaft ganz funktionslos.

Anzufügen ist freilich, dass nicht jede Religion sich selbst – so wie das Christentum – den Anspruch setzt, Glauben und Vernunft zu verbinden. Vermutlich liegt darin einer (nicht: der einzige) der Gründe, warum die moderne Wissenschaft in einer zutiefst christlich geprägten Kultur entstand – und beispielsweise nicht in China, das doch viel länger schon viel kulturhöher war als Europa.

 

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