Kronzeugen von Atticus im Gespräch mit dem Angeklagten

I. Der Vorgang

Im September 2016 unternahm die Dresdner Vereinigung Atticus e.V. mir gegenüber einen Skandalisierungsversuch, der mangels eines plausibel skandalisierbaren Sachverhalts sofort floppte. Den ganzen Vorgang habe ich auf meinem Blog wjpatzelt.de in den folgenden Texten dokumentiert:

Heute will ich diese Episode beenden. Ich tue das ebenfalls öffentlich, weil es sich um eine Episode handelt, nicht wegen des nebensächlichen Einzelfalls, sondern wegen des an ihm zum Ausdruck kommenden Grundmusters interessant ist. Wer nämlich Pathologien unserer öffentlichen Diskurse studieren will, findet hier aufschlussreiches Material vor.

Im Folgenden geht es nur um einen Teil all dessen, nämlich um die kollegiale Auseinandersetzung mit den Kollegen Hajo Funke und Karl-Siegbert Rehberg. Sie hatte Atticus e.V. zunächst voller Stolz als Kronzeugen seiner Angriffe aufgeboten. Dankenswerterweise haben beide mich autorisiert, ihren Anteil an unserem Schriftverkehr wörtlich zu zitieren.

Schnellfertig lieferten beide zunächst, was von Atticus e.V. erwünscht war, und dann auch mit Dank „für die Unterstützung und Zitate“ quittiert wurde (siehe https://www.facebook.com/atticusdresden/photos/a.1134079956665142.1073741828.1102810633125408/1227743873965416/?type=3&theater). Meinerseits bat ich gleich am 20. September in meinem ersten Blog-Beitrag zum Atticus-Flop (siehe http://wjpatzelt.de/?p=965; „Ein Skandal um Nazivergleiche?“, IV/6) die beiden Kollegen, die doch keinerlei Schwierigkeiten und Zeitprobleme mit einer raschen Antwort an Atticus e.V. gehabt hatten, auch um Antworten an mich, nämlich auf die folgenden Fragen:

„Vom Kollegen Rehberg interessierte mich zu erfahren, welcher meiner tatsächlich durchgeführten Vergleiche denn ‚schief‘ gewesen wäre. Oder meinte er – mir bloß unterstellte – Gleichsetzungen? Die sind nämlich allesamt schief, stammen aber nicht von mir. Und vom Kollegen Funke erführe ich gern, woran er denn halbwegs verlässlich erkennt, ausgerechnet mein ‚Gemüt‘ wäre ‚ethnozentrisch verroht‘ und ‚demagogisch‘. Oder wären derlei Aussagen nun ihrerseits von den Verfassern der Pressemitteilung aus dem Zusammenhang gerissen?“

Und ich fügte an:

„Falls ich von den beiden Kollegen – denen ich diese Replik ausdrücklich zur Kenntnis geben werde – nichts Näheres erfahre, muss ich wohl annehmen, […] sie vermöchten die Logik des Wegs von meiner Kolumne zur ihren Bewertungen nicht nachzuzeichnen. Beides ließe sie in meiner Achtung sinken. Geben sie aber präzise Gründe an, werde ich mich mit diesen sorgfältig – und öffentlich nachvollziehbar – auseinandersetzen; und vielleicht steht am Ende eines solchen Diskurses dann eine Klärung, die auch für andere hilfreich sein kann.“

Ebenfalls noch am 20. September schrieb ich den beiden Kollegen Emails, in denen ich auf meine o.a. Antwort auf Atticus aufmerksam machte sowie ausdrücklich um Antworten auf diese Fragen bat:

Sehr geehrte Kollegen,

Sie haben gestern einige Bemerkungen über mich zu einer Pressemitteilung von Atticus e.V. über meine letzte Kolumne in der Sächsischen Zeitung beigesteuert. Meine Antwort auf diese Pressemitteilung finden Sie auf http://wjpatzelt.de/?p=965. Insbesondere lenke ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Ziffer [6] meiner Bemerkungen zum Text von Atticus e.V.

Mit besten Grüßen

Werner J. Patzelt

 

Der Kollege Rehberg antwortete tags drauf mit der Feststellung, er sei noch zu sehr mit anderen Pflichten beschäftigt; eine Antwort aber werde noch kommen. Telefonisch stellte er mir dann eine Antwort Mitte Oktober in Aussicht. Sie kam dann auch und wird unten mitgeteilt.

 

II. Der Austausch mit dem Kollegen Funke

Der Kollege Funke antwortete zunächst gar nicht. Er tat das auch nicht, als ich am 28. September einen recht ironischen Text unter dem Titel „Atticus und seine Professoren“ veröffentlicht hatte (http://wjpatzelt.de/?p=986). Es brauchte wohl erst einen weiteren ironischen Beitrag vom 4. Oktober mit dem Titel „Das Schweigen der Unschuldslämmer“ (http://wjpatzelt.de/?p=1023). Am 5. Oktober kam jedenfalls eine Antwort. Im Wesentlichen beinhaltete sie das Folgende:

Er – Hajo Funke – habe meine E-Mail bisher nicht beantworten können und wollen, weil er über den Ausgangspunkt der Kontroverse zu irritiert gewesen sei. Doch er wolle sich der Diskussion mit mir auch nicht entziehen. Deshalb sende er mir nun eine immerhin indirekte Antwort, indem er mir bekanntgebe, was er Eric Hattke – dem Vorsitzenden von Atticus e.V. – auf dessen Wunsch hin zu seiner – Hattkes – Verwendung mitgeteilt habe. Dies ergänze er um ein kurzes Nachwort.

An Hattke habe er – Funke – geschrieben, dass er ihm gerne antworte, und sich dabei auf die ihm von Hattke zugeschickte (Patzelt-) Kolumne vom 16. September beziehe. Er leitete dann seine Bemerkungen mit dem Hinweis ein, er – Funke – habe Patzelt anfangs der Woche vor der zu würdigenden Kolumne zum ersten Mal als Mitteilnehmer einer Podiumsdiskussion in der Berliner Urania erlebt. Er habe sich gefreut, einen – so nun Funkes eigene Worte – „klugen witzigen fulminanten Erzähler“ neben sich beobachten zu können, und man habe sich dann spontan für die nächste Zeit auf ein bayerisches Bier verabredet. Allerdings habe ihn – Funke – eine „Volte“ Patzelts am Ende des Podiumsgesprächs irritiert. Der habe nämlich unversehens von einer Zwangsgermanisierung von Flüchtlingen gesprochen, ja obendrein der Alternative für Deutschland eine gute, wichtige Zukunft als CSU auf Bundesebene attestiert – letzteres freilich nur für den Fall, wenn sie, wie von Patzelt erwartet, von Antisemitismus und Rechtsextremismus lasse.

In der Kolumne vom 16. September beschreibe dann Patzelt – nun wieder wörtlich Funke – „einigermaßen gewunden, ja verschwurbelt, doch in der aggressiven Ausrichtung klar, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel Gefolgschaft stifte und wolle, um die Herausforderung durch die Flüchtlingslage zu bewältigen“. Es folgt dann als Zitat aus der Patzelt-Kolumne: „Fällt wohl nur mir auf, wie ähnlich jenes Vertrauenwollen, mit dem viele Deutsche in Weltkriegszeiten (1914 ff, 1939 ff) zu ihren Chefpolitikern aufblickten, zu jenem Vertrauenwollen ist, auf das die jetzige Chefpolitikerin in Eurokrisen- und Migrationszeiten zählen darf, oder wenigstens lange zählen durfte? Nicht an die gute eigene Sache zu glauben, galt auch ehedem als Verrat; und solchen Unglauben gar zu bekunden, wurde bestraft als Defätismus – bis hin zur Ausgrenzung aus dem Kreis der Vernünftigen oder Anständigen. Erkennt da niemand kulturelle Kontinuität?“

Dazu nun Hajo Funke wörtlich: „In diesen Sätzen entfesselt sich etwas Ungeheures: er assoziiert Merkels Bitte um Vertrauen zur Bewältigung der Flüchtlingsherausforderung mit Kaiser Wilhelm II im Gang in den Weltkrieg und Adolf Hitler in der Entfesselung des Vernichtungskriegs. D.h. er unterstellt der Kanzlerin Angela Merkel eine ähnliche, vergleichbare totalitäre Dynamik.“

Das aber sei nur „die eine Seite dieser sprachlos machenden Infamie“. Denn auf der anderen Seite denunziere Patzelt „die Geflüchteten und die zu 100 tausenden gegenwärtig Helfenden“ und bezeichne diese größte zivilgesellschaftlichen Initiative in der Geschichte Deutschlands „in verachtender Denunziation“ – nun folgt wiederum ein Zitat aus der Patzelt-Kolumne – als „eine an menschlicher Schönheit schwer zu übertreffende Willkommenskultur“, in die – wiederum aus der Kolumne zitiert – „vor einem Jahr so viele hineingehen ‚wie in einen Gottesdienst‘ (so einst Joseph Goebbels)“.

Dieses Zitat sei – nun wiederum Hajo Funke – „maßlos, ehrverletzend und vor allem verantwortungslos“. Es stamme nämlich aus einer Rede von Goebbels, als sich Nazi-Deutschland nach den furchtbaren Verbrechen des Holocaust unmittelbar im Untergang befand. Und nun folgt in Funkes – für Eric Hattke zu dessen Verwendung bestimmten Stellungnahme – jenes Zitat, das Atticus e.V. dann auch in seiner Pressemitteilung verwendete, damit offenbar bezweckend, eine angeblich vollzogene Gleichsetzung des verbrecherischen Krieges der Nazis mit der von humanitären Motiven geleiteten Politik von Kanzlerin Merkel nachzuweisen:

„Goebbels sagte am 11. März 1945 in Görlitz, als es gerade erobert wurde: ‚daß unsere Soldaten, wenn sie jetzt an diesem oder an jenem Teil der Ostfront zur Offensive antreten, keinen Pardon mehr kennen und keinen Pardon mehr geben (starker Beifall). Jene Divisionen, die jetzt schon zu kleinen Offensiven angetreten sind und in den nächsten Wochen und Monaten zu Großoffensiven antreten werden (starker Beifall), werden in diesen Kampf hineingehen wie in einen Gottesdienst. Und wenn sie ihre Gewehre schultern und ihre Panzerfahrzeuge besteigen, dann haben sie nur ihre erschlagenen Kinder und geschändeten Frauen vor Augen und ein Schrei der Rache wird aus ihren Kehlen emporsteigen, vor dem der Feind erblassen wird (starker Beifall).‘“

Gleich anschließend vollzog dann Hajo Funke die folgende Interpretation der Zitierung des Goebbels-Worts vom Hineingehen in politisches Handeln „wie in einen Gottesdienst“:

„Damit assoziiert Werner Patzelt Angela Merkel fanatisiert von einer totalitären, allzerstörenden politischen Religion kurz vor ihrem Untergang (und dem Untergang Nazi-Deutschlands). Er assoziiert Angela Merkel als eine Anstifterin einer totalitären politischen Religion, die ‚uns‘ vernichtet.“

Und nach dieser Deutung dessen, was Patzelt – so Funkes Behauptung – mit der Anrufung von Goebbels als Zeugen für den (para- oder quasi-) religiösen Antrieb politischen Handelns gemeint hätte, stellt der Kollege dann fest:

„Das ist die Sprache eines ethnozentrisch verrohten, demagogischen Gemüts. Ich sollte auf das bayerische Bier verzichten. Schade eigentlich.“

Soweit die Wiedergabe der Stellungnahme des Kollegen gegenüber Atticus e.V. Ihr fügte er die Feststellung an, dass sein Text „aus tiefer Enttäuschung“ – offensichtlich über mich – resultiere. Auch möge ich ihm nachsehen, dass er meine ausführliche, auch an ihn gesandte Antwort auf die Pressemitteilung von Atticus e.V. „nicht wirklich innerlich verstanden“ hätte. Wenn sie „der Versuch einer Differenzierung“ sei, so freue ihn das. Irritierend fände er aber, dass ich jenes Goebbels-Zitat um einer Erhöhung der Aufmerksamkeit für meinen Text willen bewusst platziert hätte. Das mache meine Antwort bzw. meine Haltung für ihn – Funke – fragwürdig. Gleichwohl werde er das weitere Gespräch mit mir nicht verweigern und sei gespannt, ob wir „zu einem fairen Verständnis der Dinge zurückkehren“ und eines Tages das geplante Bier bestellen würden.

Mich freute die Klarheit dieser Worte, und ich reagierte auf sie am gleichen Tag – dem 5. Oktober – mit der folgenden Email:

Sehr geehrter Herr Funke,

Danke für Ihre offene Antwort. Sie erlaubt es, den Gesprächsfaden fortzuspinnen – und, meinem Gefühl nach, wohl auch bis zu einem guten Ende. Ich erkenne nämlich in Ihrem Schreiben, dass Sie gar nicht wenige meiner Aussagen schlicht missverstanden haben – warum auch immer. Missverständnisse aber lassen sich aus dem Weg räumen, und manche ihrer Folgen wohl auch.

In Berlin haben Sie am Schluss der Veranstaltung offenbar den – von mir gerne angeschlagenen – ironisch-kritischen Ton bei der Etikettierung unserer Integrationsbemühungen als „Zwangsgermanisierung“ überhört, und bei meinem Szenario von einer (!) der möglichen Entwicklungen der AfD hat Ihnen womöglich Ihre klare Ablehnung dieser Entwicklung den Blick dafür verstellt, dass ich eine der ganz üblichen Wenn/Dann-Prognosen formuliert habe. Die treffen ein oder nicht, und zwar ganz unabhängig von unseren Wünschen. Geschenkt – und wohl auch nur wichtig als Vorgeschichte der nun anzusprechenden Missverständnisse.

Bei meiner Ihnen zugeschickten Kolumne waren Sie offenbar in Unkenntnis über den Kontext meines Arguments: die weiterhin durchaus begrenzten (!) Handlungsspielräume, die sogar freiwillig-idealistisches Mitmachen führenden Politikern eröffnet. Also haben Sie eine ganz selbstverständliche Nebensache – dass sich nämlich Chefpolitiker guten Willen der Regierten auch für fehlerhafte Politik zunutze machen können – zu einer in meinem Text nirgendwo stehenden Hauptsache aufgeblasen. Tatsächlich haben Sie gemeint, ich unterstellte der Kanzlerin die „Entfesselung totalitärer Dynamik“. Zu dieser Aussage führt von meinem Text aus nun aber wirklich kein Pfad der Logik, sondern allein der einer emotionalen – und dabei nicht wirklich gutwilligen – Interpretation.

 Ganz gegen meinen auch an dieser Stelle glasklaren Text meinen Sie ferner, ich spräche von der – von mir ausdrücklich gelobten! – Willkommenskultur Deutschlands in „verachtender Denunziation“. Wie kommt nur ein kluger Mann wie Sie eigentlich dazu, über meine Aussage genau das Gegenteil dessen zu behaupten, was doch schwarz auf weiß – und ohne jeden Hinweis auf Ironie – da wirklich steht? Was alles an – gleichwie entstandenem Gefühl – mag hier dem Textverständnis in die Quere gekommen sein?

Wohl begreife ich ferner, dass es bitter ist, für gute Zwecke mobilisierte politisch-religiöse Empfindungen im gleichen Satz genannt zu sehen, in dem der Verbrecher Goebbels als – wie von mir erwartet: unüberhörbarer – Zeuge für den Missbrauch politisch-religiöser Gefühle für schlechte Zwecke aufgerufen wird. Doch es ist schon sehr an den Haaren herbeigezogen, daraus eine Gleichsetzung von gutem und verbrecherischem Tun zu machen – nur weil (so meine Behauptung, über die sich ja anhand empirischer Befunde womöglich streiten ließe) das Opium politischer Religiosität in beiden Fällen im Spiel ist.

Wenn Sie nun die Kritik an der verwendeten Sprache auf Goebbels und sein Görlitzer Zitat bezogen hätten, wäre da zwischen uns keinerlei Dissens. Doch woran machen Sie eigentlich fest, dass ausgerechnet meine Sprache – also nicht die von Goebbels – von einem „demagogischen, ethnozentrisch verrohtem Gemüt“ zeuge? Diese für mich wichtige Frage haben Sie noch gar nicht beantwortet.

Mir scheint ja, dass Sie da eher – in der Sache ganz grundlosen – „Gefühlen der Enttäuschung“ Ausdruck verliehen haben, als wirklich eine dem Text angemessene Beurteilung zu vollziehen. Dass beim – uns Wissenschaftlern obliegenden – Verstandesgeschäft Ihnen da mir gegenüber starke Gefühle in den Weg geraten sind, die ein „innerliches Verständnis“ meiner Aussagen dann auch erschweren, schreiben Sie am Ende ja selbst. Nun sind Gefühle gewiss zu respektieren. Vielleicht aber muss man nicht auf Dauer zu allen Aussagen stehen, die einen eher emotionalen als rationalen Ursprung haben.

Wie nun weiter? Ich würde mich über eine Antwort auf diese Email freuen. Vermutlich wird sie uns, samt meiner ihr dann nochmals folgenden Antwort, dem einst in Aussicht genommenen Bier näherbringen.

Sehr gerne möchte ich außerdem unseren Email-Austausch, sobald er abgeschlossen ist, auch auf meine Facebook-Seite sowie auf meinen Blog stellen – einesteils, um eine öffentlich begonnene Kontroverse auch öffentlich zu Ende zu bringen, und andernteils als Beispiel dafür, wie man eben auch miteinander umgehen kann. Was meinen Sie?

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Werner J. Patzelt

 

Weil darauf keine Antwort kam, wandte ich mich erneut am 12. Oktober mit folgender Email an den Kollegen Funke:

Sehr geehrter Kollege Funke,

Bedauernd vermerke ich, dass Sie immer noch nicht die Zeit gefunden haben, mir abschließend meine Fragen zu jenen Einschätzungen meiner Person zu beantworten, die unlängst über eine – freilich nicht von Ihnen zu verantwortende – Pressemitteilung einem breiteren Publikum bekanntgegeben wurden. Ich bedauere das umso mehr, als ich meinerseits auf Ihre „vorläufige Antwort“ postwendend reagiert habe.

Jene sehr klaren und harschen Aussagen, die Sie ursprünglich gegenüber Atticus e.V. vorbrachten, konnten Sie immerhin in sehr kurzer Zeit formulieren. Deshalb wundert es mich schon, dass ein knappes Aufschreiben jener Gründe, die Ihnen Ihre damals durchaus schnellfertigen Aussagen als stichhaltig erscheinen lassen, so unverhältnismäßig viel mehr Zeit erfordern sollte.

Falls Sie aber im Nachhinein keine guten Gründe für jene Aussagen fänden und eben das Ihre Antwort verzögerte: Wäre es dann nicht eine gute Idee, einfach diesen Umstand mitzuteilen? Damit wäre jedenfalls der Gegenstand dieses sich nun schon über drei Wochen hinziehenden Emailaustauschs erledigt.

Wie auch immer: Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir nun bald antworten oder immerhin mitteilen wollten, dass Sie von einer Antwort auf meine Fragen absehen, also keine Begründung Ihrer Aussagen über mich geben möchten. Das fände ich freilich schade, lebt doch gerade kollegiale Kommunikation vom persönlichen Austausch von Argumenten – und wohl erst in zweiter Linie von öffentlichen Erklärungen übereinander.

Mit freundlichen Grüßen

Werner J. Patzelt

 

Wohl keine halbe Stunde später erhielt ich die folgende Email:

 

Sehr geehrter Herr Patzelt,

in der Tat, ich sehe von weiteren öffentlichen Äußerungen ab. Es ist natürlich meine Sache, einen mir vorgelegten Text zu interpretieren.

Was ich dagegen gerne tun würde, ist bewusst off the record mit Ihnen auch gern ein doppeltes bayrisches Bier zu trinken, gegebenenfalls auch gern mit dem einen oder anderen, den wir nach Verabredung hinzunehmen können. Und ja: es geht mir vor allem darum, Ihre und meine Position gründlicher auszutauschen, um fürderhin gegebenenfalls Missverständnisse zu reduzieren. Übrigens nicht nur zu gegenwärtig aktuellen Themen.

Danach schließe ich öffentlich klärende Äußerungen oder sogar Debatten gar nicht aus. Ich hoffe, wir können uns darauf verständigen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Hajo Funke

 

Nur wenig später antwortete ich mit folgenden Zeilen:

 

Sehr geehrter Herr Funke,

Mir geht es im Kern nicht um eine öffentliche Äußerung, sondern um eine für mich nachvollziehbare Erklärung, worin sich wohl zeige, dass ich ein „ethnozentrisch verrohtes, demagogisches Gemüt“ hätte. Gewiss ist es Ihre Sache, einen Ihnen vorgelegten Text zu interpretieren. Gleichwohl wird man darum bitten dürfen, eine – wie dem Betroffenen scheint – ganz irrige Interpretation erklärt zu bekommen.

Ob ich nun will oder nicht: Natürlich habe ich zu akzeptieren, wenn Sie zu Ihrer Charakterisierung meiner Person nichts mehr sagen wollen – und somit, billigend oder nicht,  in Kauf nehmen, dass weiterhin öffentlich zitiert werden kann: „Sogar Hajo Funke bestätigt, dass dieser Patzelt ein ethnozentrisch verrohter, demagogischer Typ ist!“. Dass mir dies missfällt, werden Sie verstehen. Und es missfällt mir umso mehr, als ich von Ihnen keinen einzigen Hinweis darauf erhalten habe, warum diese Einschätzung auf einer wirklich zutreffenden Interpretation eines meiner Texte – oder überhaupt irgendeines meiner Texte – beruhen könnte.

Vielleicht nimmt unser Austausch doch noch eine andere Wendung, als dass er in dieser intellektuell wie menschlich nicht allzu befriedigenden Weise endet. Ich würde mich darüber freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Werner J. Patzelt

 

Zwei Tage später kam die folgende Antwort:

 

Sehr geehrter Herr Patzelt,

in Ihrer letzten Mail bedauern sie sehr, dass ich mich nicht weiter äußern will. Ich nehme das nun zum Anlass, es doch noch einmal zu tun. Nach wie vor fand ich ihre Stellungnahme in der Sächsischen Zeitung, auch jenseits des Kontextes, problematisch. Sie haben in der nachfolgenden Mail zur Sächsischen Zeitung mir ausführlich erklärt, wie sie es gemeint haben und so die Schärfe genommen. Warum habe ich mich gefragt, nicht gleich so. Jedenfalls auch ich werde meine Aussage daher nicht so wiederholen. Dies nicht nur aber auch um den gefährdeten Gesprächsfaden zu sichern. Sehen Sie mir gewisse sprachliche Nachlässigkeiten nach. Diese Mail kommt aus dem Urlaub

Mit wie immer freundlichen Grüßen und der Hoffnung auf das doppelte Bier Ihr

Hajo Funke

 

Am 17. Oktober antwortete dann ich:

Sehr geehrter Herr Funke,

Ihre letzte Email hat mich gefreut. Ihr entnehme ich, dass Sie keine Gründe mehr für die Aussage finden, ich hätte „ethnozentrisch verrohtes, demagogisches Gemüt“, und dass Sie deshalb diese Aussage nicht wiederholen würden.

Freilich irritiert mich das Wörtchen „so“ in der von Ihnen gewählten Formulierung. Ist es dahingehend zu deuten, dass Sie im Grunde eben doch an dieser Aussage festhielten, aber eben nicht „so“, sondern mit etwas anderen Worten? Sie werden verstehen, dass mir Klarheit hierüber wichtig ist.

Unserem Bierabend steht also nichts mehr im Wege, und das ist auch gut so. Vorab hätte ich aber noch gerne gewusst, ob ich bei meiner den ganzen Vorgang abschließenden Stellungnahme zu Atticus e.V. Ihre Emails wörtlich zitieren kann. Das wäre mir am liebsten. Doch wenn Ihnen das nicht recht wäre, würde ich Ihre Aussagen eben zusammenfassen oder in indirekte Rede setzen.

Mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen für einen weiterhin schönen Urlaub

Werner J. Patzelt

 

Kurz danach traf die folgende Email ein:

Sehr geehrter Herr Patzelt dann planen wir das Bier. Wenn sie zitieren, zitieren Sie bitte wörtlich und alles. Mit wie immer freundlichen Grüßen Ihr Hajo Funke

 

Noch konnten wir uns leider nicht auf das Bier verabreden. Es wird sich aber bei einem meiner nächsten Termine in Berlin die Gelegenheit finden. Bei ihr wird es auch wohl nicht frostig, sondern offen und entspannt zugehen. Von den heftigen Vorwürfen gegen mich, die einzuwerben und beutestolz zu zitieren Atticus e.V. sich bei seinem Skandalisierungsversuch anheischig gemacht hatte, ist nämlich kaum etwas geblieben. Warum aber muss man zunächst einmal eine ganz ordentliche persönliche Beziehung grundlos gefährden, um dann – glücklicherweise – doch wieder zu ihr zurückzufinden?

 

III. Der Austausch mit dem Kollegen Rehberg

Es brauchte durchaus mehrere Erinnerungsmails von mir, um vom Kollegen Rehberg in Erfahrung zu bringen, welche Gründe es denn gegebenen habe, sich in der oben umrissenen Weise über mich zu äußern. Am 12. Oktober fasste ich, einmal mehr, so nach:

Sehr geehrter Kollege Rehberg,

Bedauernd vermerke ich, dass Sie immer noch nicht die Zeit gefunden haben, mir abschließend meine Fragen zu jenen Einschätzungen meiner Person zu beantworten, die unlängst über eine – freilich nicht von Ihnen zu verantwortende – Pressemitteilung einem breiteren Publikum bekanntgegeben wurden.

Jene sehr klaren und harschen Aussagen, die Sie ursprünglich gegenüber Atticus e.V. vorbrachten, konnten Sie immerhin in sehr kurzer Zeit formulieren. Deshalb wundert es mich schon, dass ein knappes Aufschreiben jener Gründe, die Ihnen Ihre damals durchaus schnellfertigen Aussagen als stichhaltig erscheinen lassen, so unverhältnismäßig viel mehr Zeit erfordern sollte.

Falls Sie aber im Nachhinein keine guten Gründe für jene Aussagen fänden und eben das Ihre Antwort verzögerte: Wäre es dann nicht eine gute Idee, einfach diesen Umstand mitzuteilen? Damit wäre jedenfalls der Gegenstand dieses sich nun schon über drei Wochen hinziehenden Emailaustauschs erledigt.

Wie auch immer: Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir nun bald antworten oder immerhin mitteilen wollten, dass Sie von einer Antwort auf meine Fragen absehen, also keine Begründung Ihrer Aussagen über mich geben möchten. Das fände ich freilich schade, lebt doch gerade kollegiale Kommunikation vom persönlichen Austausch von Argumenten – und wohl erst in zweiter Linie von öffentlichen Erklärungen übereinander.

Mit freundlichen Grüßen

Werner J. Patzelt

 

Am 17. Oktober gab es den nächsten Versuch:

Sehr geehrter Herr Rehberg,

Ihr Verbundprojektantrag sollte nun – falls ich unser Telefongespräch von neulich korrekt erinnere – fertiggestellt sein. Also könnten Sie nun Zeit haben, mir die folgende, vor einigen Wochen gestellte – und sich kontextualisiert in meiner Replik auf die Pressemitteilung von Atticus e.V. befindliche – Frage zu beantworten: „Vom Kollegen Rehberg interessierte mich zu erfahren, welcher meiner tatsächlich durchgeführten Vergleiche denn ’schief‘ gewesen wäre. Oder meinte er – mir bloß unterstellte – Gleichsetzungen? Die sind nämlich allesamt schief, stammen aber nicht von mir.“

Ich sehe Ihrer Antwort mit Neugier entgegen und verbleibe

Mit besten Grüßen

Werner J. Patzelt

 

Tags darauf erhielt ich dann die eingeforderte Antwort mit folgendem Begleittext:

 

Lieber Herr Patzelt,

hier nun meine Stellungnahme, die Sie mit einem Eifer einforderten, als handle es sich um Schulden oder eine Duellforderung – erfreulicherweise war es das beides ja nicht.

Mit besten Grüßen,
Ihr Rehberg

P.S. Selbstverständlich sind Sie ermächtigt, meinen Text in den (un-)sozialen Netzwerken sowohl als Ganzes zu veröffentlichen als auch zu zitieren.

—–

Tatsächlich meine ich, dass aus ehrenrührigen Aussagen wie jenen, die der Kollege Rehberg über mich gegenüber Atticus e.V. vorbrachte, sich eine gewisse Ehrenschuld zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Betroffenen ergibt – zumindest dann, wenn dieser eine Aussprache wünscht. Und vermutlich – Vorsicht: Ironie! – wäre in früheren Zeiten nicht auszuschließen gewesen, dass derlei Anwürfe zu einer Duellforderung geführt hätten, Satisfaktionsfähigkeit freilich vorausgesetzt. In besseren Zeiten wie den jetzigen vertraut man sich aber lieber dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments an als stumpfsinnig-dramatischem Pistolenschießen.

Ich jedenfalls antwortete noch am gleichen Tag:

 

Lieber Herr Rehberg,

„ersehnt“ ist gewiss zu hoch gegriffen; „eingefordert“ aber trifft die Sache. Ich mag es nun einmal nicht, wenn – in normalen Beziehungen – Missverständnisse bestehen bleiben. Anbei nun meine Replik auf Ihre Erläuterung. Ich fände es für gut, wenn Sie sich auch zu ihr äußerten; dann könnten wir nämlich sehen, was geklärt ist – und was bleibt.

Mit besten Grüßen

Werner J. Patzelt

 

In einem jener Email beigefügten Text setzte ich mich dann Punkt für Punkt mit der mir zugemailten Antwort auseinander. Weil diese Antwort des Kollegen Rehberg ohnehin – freilich mit in eckige Klammern gesetzten Anmerkungsziffern versehen – in meiner eigenen Stellungnahme steht, genügt die nachstehende Wiedergabe:

 

Eine Erläuterung des Kollegen Rehberg zu seiner Stellungnahme gegenüber Atticus e.V., samt Gegenkritik des Betroffenen

Zunächst wird der Text von Karl-Siegbert Rehberg wiedergegeben. In eckige Klammern gesetzte Ziffern nach zentralen Passagen verweisen auf meine unten folgenden Kommentare.

 

Karl-Siegbert Rehberg:

Eine von Werner J. Patzelt dringlich angemahnte Einforderung meiner Stellungnahme zu seiner Kolumne „Unglauben ist nicht gleich Defätismus“ (Sächsische Zeitung vom 16.9.2016)

Zuerst: Ein Vergleich (auch ohne jede „Gleichsetzung“) zwischen der von Wilhelm II., diesem „Dilettanten auf dem Kaiserthron“ (Max Weber), oder gar von Adolf Hitler autoritär erzeugten Glaubens- und Gefolgschaftsbereitschaften auf der einen und der Unterstützung von (Sigmar Gabriels?) Angela Merkels mutigem Satz, dass man die Befreiung von Flüchtlingen aus ihrer Notlage in Budapest gemeinsam „schaffen“ werde, ist gelinde gesagt ein schiefer Vergleich [1], selbst wenn man zugeben mag, dass die Bundeskanzlerin – wie zumeist – den Unterschied zwischen der Bewältigung schwieriger Situationen (hier der Nothilfe nicht für Banken, sondern für Flüchtlinge) und den strukturellen Lösungen für lange Zeit nicht deutlich gemacht hat.

Aber zurück zu Werner J. Patzelt. Denkt man an die zehntausenden begeisterten jungen Menschen, die ohne militärischer Ausbildung sich 1914 freiwillig in den „Kulturkrieg“ gegen Frankreich begaben und in den flandrischen Tod stürzten, oder an das Unheil, das die gläubigen Nazis über die Welt gebracht haben, so sind derart suggerierte Ähnlichkeiten von vollständig Verschiedenartigem [2] durch einen Wissenschaftler, dem der politische Systemvergleich amtlich übertragen wurde, unverantwortlich zu nennen. Übrigens zieht hier das Standardargument nicht, dass Vergleiche keine Gleichsetzungen seien (was ich als „verstehender“ Soziologe, wie ich in aller Bescheidenheit anmerken möchte, bereits wusste), denn der Glaubenszwang war im Kaiser- wie im Hitlerreich vollständig anders fundiert und erzwungen als im parlamentarischen System der Bundesrepublik – auch unter der von PEGIDA nun rituell der Verachtung preisgegebenen Bundeskanzlerin Angela Merkel. [4]

Aber selbstverständlich war vor allem das geschickte Herbeizitieren einer zynischen, romantisch-verkitschten Formel des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels empörend: Wie immer manche Illusion oder wenigstens manche Zurückstellung von nicht immer unbegründeten Besorgnissen die Welle der Hilfsbereitschaft im Jahre 2015 ermöglicht haben mag, die Deutschland so viel Lob einbrachte – übrigens nicht von muslimischen Autokraten oder Fundamentalisten, sondern von Intellektuellen wie Fritz Stern –, so ist dieser Optimismus doch nun in keiner Weise etwa an den Endsieg-Glauben anzunähern, den die Naziführung immer wieder zu beflügeln suchte. [5]

Übrigens hat die Leitung, besonders der Rektor der Technischen Universität Dresden, an der Herr Patzelt lehrt, große und ehrliche Anstrengungen gemacht, Flüchtlingen zu helfen. So muss es doch sehr verwundern, dass ein solches Engagement lächerlich gemacht [6] wird mit Worten wie denen, es handele sich um „eine an menschlicher Schönheit schwer zu übertreffende Willkommenskultur“ und dies nun noch mit Goebbels‘ Kriegsinbrunst in eine nicht nur grammatikalische Beziehung zu setzen. [7] Und das gilt auch für folgende suggestive Zusammenstellung unterschiedlichster historischer Kontexte. Patzelt schrieb: „Nicht an die gute eigene Sache zu glauben, galt auch ehedem [„1914 ff, 1939 ff“] als Verrat; und solchen Unglauben gar zu bekunden, wurde bestraft als Defätismus“ – und wo wäre die „Kontinuität“ solcher Bestrafung heute? [8]

Übrigens scheint mir ein Grund für solche Fehlgriffe darin zu liegen, dass eine über lange Zeit durchzuhaltende kontroverse Kolumne die Autoren leicht dazu verführen mag, sich selbst jeweils übertreffen zu müssen, um noch einen Aufmerksamkeitseffekt zu erzielen, [9] denn – bei auch sonst manchem Unterschied der Auffassungen – konnte ich in diesem Versuch, auf dem schmalen Grat zwischen Akzeptablem und dessen Gegenteil zu balancieren, den wissenschaftlich durchaus anregenden und in vielen Urteilen intelligenten Kollegen nicht wiederfinden.

Lange schien es mir so, als habe seine Lust am Thesenstreit etwas – landsmannschaftlich ausgedrückt – von einem sprachlichen ‚Fingerhakeln‘, einer Form der Triebabfuhr, die zur Selbstreflexion wenig einlädt. Nun aber musste ich erleben, dass Werner J. Patzelt über die doch sehr moderaten ersten kritischen Anmerkungen durchaus erbost zu sein schien, [10] dass also die in Dresden seit zwei Jahren aufgeheizten Emotionsbereitschaften selbst professionelle Wissenschaftler (welche Tatjana Festerling als „Elfenbeintürmler“ lächerlich zu machen sucht) nicht unberührt lässt.

All dies ist als Kritik einer Fehlleistung [11] des streitbaren Publizisten Patzelt gedacht und nicht als dessen Herabsetzung – wie man wohl bemerken wird. [12]

 

Werner J. Patzelt:

[1] Die Behauptung, dies sei ein „schiefer Vergleich“, ist solange nicht nachvollziehbar, wie keine Kriterien dafür angegeben werden, wann denn ein Vergleich „schief“ oder eher „gerade“ wäre. Infolgedessen enthält dieser ganze Absatz keineswegs die erbetene Argumentation zum Nachweis der Richtigkeit der Aussage, jener Vergleich sei „schief“. Vielmehr wird nichts anderes als ein subjektiver Eindruck wiedergegeben, der als solcher allenfalls emotional, doch nicht rational schlüssig ist.

[2] Nirgendwo wird gezeigt, dass die von mir verglichenen Gefühlslagen „vollständig verschiedenartig“ wären. Verschieden sind nur die Anlässe, auf die mit Glaubenwollen an die eigene gute Sache reagiert wurde. Doch nicht die verschiedenen Anlässe (1914ff, 1939ff, 2015f) waren der Gegenstand meiner Aussagen, sondern die Ähnlichkeit jener Gefühlslagen, in denen man sich zu den sehr verschiedenen Anlässen verhielt. Dieser Unterschied zwischen „Anlass“ und „anlassorientierter Gefühlslage“ wird vom Kollegen Rehberg ganz offensichtlich übersehen. Also trifft er auch eine das von mir tatsächlich Verglichene völlig verfehlende Feststellung – schon in seiner Stellungnahme gegenüber Atticus e.V., und ebenso in seiner Erläuterung jenes Textes.

[3] Unverantwortlich wäre es allenfalls, eine Ähnlichkeit der Kriege von 1914ff und 1939ff mit der Willkommenskultur von 2015f zu behaupten oder zu unterschieben. Das aber habe ich gerade nicht getan. Ich habe allein auf die Ähnlichkeit damaliger Gefühlslagen hingewiesen. Daran aber ist nichts Unverantwortliches zu erkennen. Jedenfalls zeigt der Kollege Rehberg nicht, was am Vergleich jener Gefühlslagen „unverantwortlich“ wäre.

[4] Hier lässt sich der Kollege Rehberg endlich auf jenen Vergleich ein, den ich tatsächlich unternommen habe. Seine eigene, klar auf einem Vergleich beruhende Aussage lautet: Im Kaiser- wie im Hitlerreich habe es einen auferlegten politischen Glaubenszwang gegeben, der im parlamentarischen System der Bundesrepublik Deutschland fehle.

Mir scheint, dass die Aussage von einer rein „erzwungenen Kriegsbegeisterung“ im Sommer 1914 mit den historischen Tatsachen nicht übereinstimmt. Auch scheint mir, dass es im Hitlerreich durchaus gläubige Nationalsozialisten gab, die man zum Sich-gerne-am-Nazi-Krieg-Beteiligen nicht erst zwingen musste. Für beides lässt sich auch überzeugend viel historisches Belegmaterial beibringen. Und hinsichtlich der Bundesrepublik Deutschland behaupte ich, dass das Glaubenwollen so vieler an die Richtigkeit ihres Handelns anlässlich der Flüchtlingswelle des Herbstes 2015 ebenfalls kein erzwungenes war, sondern ein freiwilliges. Insofern behaupte ich bei meinem Vergleich jener drei Gefühlslagen zu ganz unterschiedlichen Anlässen sehr wohl deren Ähnlichkeit – doch eben die Ähnlichkeit der Gefühlslagen, nicht die ihrer Anlässe.

Halten wir also fest:

Der Kollege Rehberg vergleicht genau die drei Fälle, die ich auch vergleiche. Tut er damit etwas „Unverantwortliches“? Gewiss nicht. Bei seinem Blick auf die verglichenen Fälle kommt er – zur von mir uneingeschränkt geteilten – Einsicht, dass die Hilfsbereitschaft so vieler Deutscher im Herbst 2015 auf freiwilligem Glaubenwollen an die Richtigkeit ihres Tuns beruhte. Rehberg widerspricht mir allenfalls darin, dass er für 1914 und 1939 keine Freiwilligkeit des Glaubenwollens zu erkennen scheint, was ich aber sehr wohl tue. Hier haben wir also einen ganz normalen empirischen Streit, bei dem ich mich auf der sicheren, durch historisches Belegmaterial gestützten Seite glaube. Und ganz offensichtlich rechtfertigt das in diesem Absatz Umrissenen keinerlei Vorwurf der „Unverantwortlichkeit“. Was bleibt somit an Substanziellem von der Kritik des Kollegen Rehberg übrig?

[5] Auch hier weicht der Kollege Rehberg einem Argument zur Sache aus. Er stellt einfach fest, der Optimismus des „Yo, wir schaffen das“ sei „in keiner Weise … an den Endsieg-Glauben anzunähern“, den die Nazis zu beflügeln versuchten. Wo aber bringt er Belege dafür, dass die Gefühlslagen der Deutschen beim Glauben, der zweite Weltkrieg ließe sich gewinnen, von jenen Gefühlslagen so völlig unterschiedlich waren, mit denen wir heute davon ausgehen, wir würden die Aufnahme und Integration einer unbegrenzten Anzahl von Geflüchteten schaffen? Der Kollege Rehberg bringt auch hier eine rein subjektive Behauptung vor. Die gewinnt Fundierung in den Tatsachen auch durchaus nicht durch den Hinweis, eben die Anlässe (!) solcher Gefühlslagen wären ganz unterschiedlich gewesen: Willkommenskultur im einen Fall, Nazi-Krieg im anderen Fall. Letzteres ist im Übrigen ganz unstrittig und war ja gar nicht Gegenstand meines Vergleichs.

[6] An dieser Stelle missversteht der Kollege Rehberg einen völlig klaren deutschen Satz aufs gründlichste. Ausdrücklich – und ohne jeden Anflug von Ironie – habe ich nämlich in meiner Kolumne formuliert, dass die im Herbst 2015 praktizierte Willkommenskultur an menschlicher Schönheit nicht zu übertreffen war – und obendrein einen ganz anderen (!) Handlungszusammenhang darstellte als der verbrecherische Nazi-Krieg. Wie kann da jemand nur auf die ganz abwegige Idee verfallen, es werde an dieser Stelle „ein solches Engagement lächerlich gemacht“ – nämlich die Willkommenskultur? Und wie ist es nur möglich, dass ein kluger Mann wie der Kollege Rehberg etwas ganz anderes in jenen Satz hineinlegt, als dort nachweislich und schwarz auf weiß geschrieben steht? Welche Vorurteile mögen da nur dem Textverständnis in die Quere gekommen sein!

Im Übrigen ist die dieser Stelle vorangesetzte Einlassung gar putzig, es schicke sich nicht, als TU-Professor auch nur in den Anschein einer Kritik an jenen Gefühlslagen zu geraten, welche die Willkommenskultur des Jahres 2015 trugen, wenn sich doch der Rektor als Dienstvorgesetzter der TU-Professoren höchstpersönlich und löblich im Bereich der Flüchtlingshilfe engagiere. Klingt da irgendwie jener Gymnasiallehrer aus der „Feuerzangenbowle“ an, der sich einfach der Meinung „des Herrn Direktors anschließen“ wollte? Meine Sache war eine solche Haltung nie – und wird es auch nicht sein.

[7] Einmal mehr überlagert hier Emotionales die analytische Vernunft. Gar nichts darf das Goebbels’sche Reden vom „Krieg als Gottesdienst“ mit (zivil-) religiösen Empfindungen bei sonstigen, gar heutigen politischen Handlungszusammenhängen zu tun haben. Doch warum eigentlich nicht? Weil die Einsicht in solche Ähnlichkeiten zu sehr schmerzt? Wenn freilich das Argument lauten sollte: „Weil Quasi-Religiöses bei den Nazis gar nichts mit Quasi-Religiösem bei heutigen Deutschen zu tun hat!“ – dann möge das doch bitte nicht nur behauptet, sondern auch durch empirische Belege plausibilisiert werden!

[8] Da riete ich doch sehr zum Nachhören so mancher Talkshow zur Einwanderungspolitik und zum Nachlesen von so manchem einschlägigen Feuilletonartikel zwischen dem Spätsommer 2015 und dem Frühjahr 2016! Reichliches Anschauungsmaterial findet sich dort für Aussagen dahingehend, dass Warner vor den Folgen einer ohne jede Grenze akzeptierten Einwanderung nicht nur Grundsätze der Menschlichkeit ignorierten, sondern auch noch deutsches Verfassungsrecht missachteten, nämlich den Artikel 16 GG, der doch wirklich keinerlei Obergrenze für Asylbewerber kenne. Im Übrigen sei die Menschlichkeit hintanzustellen rassistisch, die Verfassung zu missachten extremistisch, und Rassisten sowie Extremisten hätten im öffentlichen Diskurs nun einmal nichts zu suchen. Ihnen also keine Bühne, zumindest nicht für einen zweiten Auftritt!

[9] Um Aufmerksamkeit für die vor Augen zu führende Tiefenschicht politisch-religiöser Inbrunst beim politischen Handeln und Debattieren ging es mir sehr wohl. Die entsprechende Erwartung hinsichtlich des von mir eingesetzten Stilmittels hat sich auch erfüllt. Im Übrigen möge man sich ob der mir verfügbaren Ausdrucksmöglichkeiten keine Sorgen machen; mich bringt auch eine „lange Zeit durchzuhaltende kontroverse Kolumne“ gewiss nicht an Grenzen meiner Darstellungskraft!

[10] Auch ich bin kein guter Richter über eigene Gefühlslagen. Was beim Kollegen Rehberg „erbost“ heißt, war – und ist – schlicht meine feste Absicht, für falsch gehaltene Aussagen über mich nicht einfach auf sich beruhen zu lassen. Vielmehr will ich sie erklärt bekommen. Wenn sie mich dann überzeugen, so akzeptiere ich sie; andernfalls aber wünsche ich eine Diskussion, die womöglich unterlaufene Missverständnisse aufklärt. So sollte es wohl auch der Umgangsstil unter Wissenschaftlern sein.

[11] Die Ausführungen des Kollegen Rehberg haben mich nicht davon überzeugt, es wäre in meiner Kolumne eine „Fehlleistung“ gewesen. Vielmehr meine ich hier gezeigt zu haben, dass der Kollege Rehberg das von ihm Kritisierte einfach nicht im von mir gemeinten Sinn verstanden hat. Ebenso glaube ich gezeigt zu haben, dass der Kollege Rehberg das tatsächlich von mir Verglichene, nämlich Gefühlslagen, ganz fälschlicherweise mit jenen höchst unterschiedlichen Umständen gleichsetzt, auf welche mit den verglichenen Gefühlslagen reagiert wurde – und dann eine solche abwegige Gleichsetzung ausgerechnet mir zuschreibt. Durch derlei Missverständnisse ist er zu einer ganz verfehlten Kritik gelangt.

[12] Gewiss wird man bemerken, dass ich den mich kritisierenden Kollegen Rehberg durchaus nicht herabsetze, sondern einfach in seiner Kritik – und ebenso in deren Begründung – schwerwiegende Denkfehler erkenne. Diese ärgern mich auch deshalb, weil der Kollege Rehberg als geistvoller Intellektueller „es einfach besser kann“. Bei seiner Stellungnahme für Atticus e.V. ist er schlicht unter seinem Niveau geblieben. Freilich schläft bisweilen auch der treffliche Homer, weswegen ich das nur klarstellen, doch nicht weiter vorwerfen will.

Freilich: Eine Antwort auf diese Replik wäre einer abschließenden Klärung der Sache willen schon nützlich und wertvoll. Warten wir ab, ob sie kommt.

 

Tatsächlich kam am 28. Oktober des Kollegen Antwort auf meine Replik, nämlich als beigefügte Datei zur folgenden Email:

Lieber Herr Patzelt,

anbei meine (zu?) ausführliche und in dieser Sache letzte Replik-Replik, die immerhin belegen mag, dass ich Ihre Äußerungen wichtiger nehme, als dass sie durch ein Doppelbier wegzuspülen wären.

Nichts für ungut,
Ihr Rehberg

Keineswegs halte ich die Ausführungen des Kollegen für „zu ausführlich“. Und tatsächlich „nichts für ungut“ nehmend, füge ich ihnen noch einige Bemerkungen meinerseits an. Damit möge auch diesen Diskurssequenz ihren Abschluss gefunden haben. Wie oben bringe ich zunächst den Text des Kollegen Rehberg, versehen mit einigen Anmerkungsziffern, und arbeite diese dann in einem eigenen Anmerkungsteil ab.

 

Karl-Siegbert Rehberg:

Lieber Herr Patzelt,

hier meine zweite Antwort: Zuerst zu Ihrem Diskussionsstil, der aber mit der Sache aufs Engste verflochten ist: Subtilere und vielschichtiger Argumente scheinen in den von Ihnen so leidenschaftlich herausgeforderten Disputen nicht weiterzuhelfen (jemand, der auch persönlich Erfahrung mit Ihrer Debattenlust hat, schrieb mir, er zweifle daran, ob ich „mit dem Florett“ gegen „schwere Säbel“ erfolgreich sein könne). [1]

Das meint Ihre oft redundanten detailversessenen Argumentationen (wenngleich zuzugeben ist, dass auch bei Texten der Teufel im Detail steckt), genauer gesagt: Ihren Verzicht auf jeden Kontext – sowohl bei der Wahl Ihrer Vergleichsfälle als auch bei den „Nachweisen“, dass jeder Ihrer jeweiligen Kritiker überhaupt nichts verstanden habe, nicht einmal die einfachsten Sätze aus Ihrer PC-„Feder“. [2]

Ich will das an einem einzigen Zusammenhang aus Ihrer Streit-Kolumne belegen: Ihr (impliziter, aber unübersehbar skandalöser) Vergleich einer Glaubensbereitschaft, wie sie allzu viele Deutsche dazu verführt hatte, den Beginn des Ersten Weltkrieges begeistert zu feiern oder der glühenden Glaubensbeweise, die etwa den pathetischen Schrei-„Charismatikern“ Mussolini und Hitler entgegenschlugen, mit der, durchaus auch von Gefühlen getragenen, temporären „Willkommenskultur“ des Jahres 2015 (wie auch der nach wie vor existierenden Hilfsangebote) entbehrt eben jeder Kontextualisierung.  [3] Aber ohne den Bezug zu ‚objektiven‘ Sinnzusammenhängen gibt es eben keine Einsichten in Gefühle, Gedanken oder Absichten, kurz in „subjektiven Sinn“ (Max Weber). [4] Bei Ihnen findet sich demgegenüber in dem hier kritisierten Text nur ein angestrengtes Balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Verstehen (was unsere wissenschaftliche Aufgabe sein sollte) und einem nach Beifall schielenden Einverständnis. [5] Formal handelt es sich bei Ihren nun wahrlich schiefen Vergleichsgrößen [6] um die Mobilisierbarkeit von „Gefühlen“ in verschiedenen (aber von Ihnen gerade nicht analysierten) Situationen, jedoch fehlt jede Einbeziehung von historischen, kulturellen oder sozialstrukturellen Bedingtheiten. [7]

Wenn die „C“-Parteien (sowohl in Bayern als in der ‚Rest-BRD‘) von Christlichem auch wenig nur noch verlauten lassen, so könnten hier beispielsweise Mitleid oder um einmal etwas ganz Unerwartetes zu sagen: sogar Nächstenliebe als Handlungsimpulse infrage kommen, die nicht notwendig mit hämischen Kommentaren begleitet werden müssten, jedenfalls nicht mit „schlecht abstrakten“ (wie Hegel schön formulierte) Rückgriffen auf extrem entgegengesetzte Gefühlslagen. Die gibt es in jedem System oder in jeder Situation – ganz gleich ob es sich darum handelt, bedrohte Menschen zu verstecken oder an einer Massenerschießung teilzunehmen. [8]

Sich mehrfach wiederholend hatten Sie zu meinem Vorwurf, Ihr Vergleich sei empörend und manipulativ, ausgeführt, ich hätte Ihnen fälschlich eine „Gleichsetzung“ von historischen Ereignissen (Weltkriege, Holocaust etc. versus Hilfe für die – mehrheitlich – aus größter Not geflüchteten Menschen) unterstellt oder ich hätte behauptet, im Wilhelminismus oder unter den Nazis seien alle gefühlsgeleiteten Formen der Zustimmung, Unterstützung ja sogar Begeisterung erzwungen gewesen, während diese in der BRD immer nur freiwillig erfolgten. Aber das habe ich nirgends geschrieben. Es gleichwohl zu behaupten hieße doch – mit dem alten Marx zu sprechen – „mir zu viel Schimpf“ anzutun. [9]

Meine Kritik zielt demgegenüber im Kern auf die bei Ihnen ausgeblendeten Kontextualisierungen, welche Sie vermeiden, damit Ihre Vergleichskonstruktion nicht gleich zusammenstürzt [10]: Die staatlich und kulturell erzeugte Zustimmungsbegeisterung nach einer Reichsgründung, die durch den Sieg über den „Erzfeind“ Frankreich zustande kam, oder die zum Teil begeisterten Hoffnungen auf eine historische Überwindung der Niederlage von 1918 und der Bestimmungen des Versailler Vertrages schufen jeweils unterschiedliche Rahmungen für nationalistische Gefühle, ganz gleich, ob diese „freiwillig“ oder „erzwungen“ waren. [11]

Nach der katastrophalen Niederlage von 1945 entwickelte sich (jenseits aller Feindsetzungen im Kalten Krieg) eine „Zivilisierung“ im Sinne einer mentalen Pazifizierung der Deutschen. Wenn der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (oder ein Hoher Beamter seines Hauses) angesichts des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan  gesagt haben soll, „die Deutschen müssen wieder töten lernen“, kann man darin eine Bestätigung dieser These sehen, jedenfalls eines der größten Komplimente an die alte BRD (und darin implizit eingeschlossen vielleicht auch an die DDR, deren Revolution von 1989 „friedlich“ auch deshalb genannt werden kann, weil die bewaffnete Macht dieser „Konsensdiktatur“ nicht mehr fähig oder bereit war, das Volk, das sich unüberhörbar zu Wort meldete, niederzuschießen – wie das gegen den Aufstand des 17. Juni 1953 noch möglich gewesen war). [12] Und wenn man solchem kollektiv geteilten oder tatsächlich befohlenen „Glauben“ widerstand, wurde das, so schrieben Sie, „bestraft als Defätismus“. Aber es ist doch leichtfertig, von einer vergleichbaren [13] „kulturellen Kontinuität“ zu sprechen – noch ist mir kein Fall bekannt, in dem Zweifler an Angela Merkels „Wir schaffen das“ verhaftet oder hingerichtet worden wären. [14]

Wer Aufmerksamkeit erreichen und seinerseits Gefühle anheizen will, braucht nur die NS-Granden, vor allem den „Führer“ und Joseph Goebbels, ins Spiel zu bringen, um Empörung auszulösen (Sie sagten ja, ich sei „über dieses Stöckchen [!!!] gesprungen“). Sofort erinnert man sich der törichten Äußerung von Helmut Kohl, der einst – lange vor der Strickjackenfreundschaft beider – in Michail Gorbatschow die Inkarnation des Reichspropagandaministers hatte sehen wollen. [15] Ich glaube nicht, dass man die Differenz zu den totalitären Formen einer Begeisterungserzeugung weiter ausmalen muss (wobei übrigens der von Hitler entfesselte Weltbrand von Anfang an keinen, mit 1914 vergleichbaren, Enthusiasmus hervorgerufen hat – dieser musste eben inszenatorisch erzeugt werden; das war Goebbels‘ wichtigste Aufgabe). [16]

Wenn ich in meiner ersten Replik auf Ihre Kolumne die von Ihnen zitierte Goebbels-Formel vom Gang der Deutschen in den Vernichtungskrieg “wie in einen Gottesdienst“ als „zynisch, romantisch‑verkitscht“ gekennzeichnet habe, so wäre auch hier eine mental tiefer liegende Kontextualisierung in Erinnerung zu rufen: Das zuerst zur Rettung des „neuen Glaubens“ (durchaus dem Reformator nicht in allen Konsequenzen gefallende) landeskirchliche, später staatsmonarchische Luthertum war an einer politischen Glaubenshysterie durchaus mitbeteiligt. Wilhelm II. war der erste Hohenzoller, der sich als Kirchenoberhaupt das Recht herausnahm, Gottesdienste zu leiten und zu predigen. Das mag noch bis zum Kirchenkampf im NS nachgewirkt haben. 1914 jedenfalls stand auf den Koppeln der „Feldgrauen“, die in den Materialschlachten verheizt wurden: „Gott mit uns“ (vielleicht sollte man sich angesichts heutiger, wenn auch nicht in jeder Hinsicht unbegründeter, jedoch angeheizter Ängste vor „dem“ Islam daran erinnern, dass die Instrumentalisierung der Religion für die Rechtfertigung der entsetzlichsten politischen Gewaltsamkeit auch bei uns noch nicht lange vergangen ist). [17] Auch das ist wiederum eine Quelle für die Erzeugung von gefühlsgeleiteten Handlungsbereitschaften, wie sie in Ihrem unkontrollierten Assoziationsangebot (vor allem an die „gutwilligen“ PEGIDA-Spaziergänger) selbstverständlich keinen Platz findet. [18]

Lassen wir es also dabei. Jeder Lesende kann die Argumente selbst abwägen (ich meine damit nicht den Abbruch jeder Kommunikation zwischen uns, sondern nur dieses Hin- und Hergerede über das jeweils Gemeinte und vom Anderen Missverstandene etc.). [19] Wenn Sie freundlicherweise meinten, ich könnte „es besser“ und meine Kritik sei in diesem Fall „unter meinem Niveau“, so mag das auch an der Qualität der Texte liegen, mit denen ich mich kritisch auseinandersetze (übrigens die Ihrigen durchaus einbezogen, wenn ich an Ihr schönes Buch über die Ethnomethodologie denke oder sogar an Ihre – mich nie überzeugt habenden – sehr interessanten Versuche, die Wirkung von Institutionen mit evolutionstheoretischen Modellen besser verstehbar zu machen), [20]

Ihr Rehberg

P.S. Noch ein kleiner, wenn auch nebensächlicher Kontext: Da Sie mehr als zwei Jahrzehnte lang mein Engagement in der Selbstverwaltung unserer Universität wahrnehmen konnten (mussten?), dürften Sie eigentlich nicht auf die Idee kommen, ich hätte Ihnen nahelegen wollen, Ihre eigene Überzeugung und Realitätswahrnehmung an diejenige irgendwelcher Amtsträger (etwa des Rektors als unserem Dienstvorgesetzten) anzupassen. Ich hatte lediglich zum Ausdruck gebracht, dass ich es merkwürdig finde, wie umstandslos Sie die aus meiner Sicht sehr zu bewundernde Hilfsbereitschaft in unserer Universität  – von deren Leitung über die Koordinatorin bis zu den vielen Helfenden – mit unpassenden Worten kommentieren, wie denen, es handele sich um „eine an menschlicher Schönheit schwer zu übertreffende Willkommenskultur“ – den Ehrentitel „Ironie“ verdient das m.E. nicht [22] . Aber auch darüber mögen die Leserinnen und Leser Ihrer und dieser Zeilen entscheiden – womit auch mein Einverständnis für die Verwendung dieses Textes durch Sie ausgesprochen ist.

 

Und hier nun meine eigenen Bemerkungen, und zwar in irenischer – nicht ironischer – Haltung, ja womöglich mit pazifizierender Wirkung:

[1] Ich glaube wirklich nicht, dass ich mich „subtilen und vielschichtigen“ Argumenten verschlösse. Wer in die auf meiner meinem Blog wjpatzelt.de oder auf meiner Facebook-Seite reichlich dokumentierten Debatten zwischen meinen Kritikern und mir blickt, der wird unschwer erkennen, dass ich vor allem auf Mängel an Subtilität sowie auf allzu Einschichtiges reagiere – und zwar durch Nachfragen und Erläuterungen. Ansonsten wähle ich Florett gegen Florett, Degen gegen Degen, Säbel gegen Säbel – will aber nicht ausschließen, dass ich meine Waffen mit von manchen unerwarteter Stärke führe.

[2] Was gilt denn nun? Argumentiere ich „detailversessen und redundant“, oder argumentiere ich kontextlos bzw. unterkontextualisierend? Oder einfach nicht so bequem, wie das der eine oder andere Kritiker im eigenen Diskursinteresse gerne hätte? Jedenfalls zeige ich immer wieder die Bereitschaft, fast jeden Satz von mir, der angegriffen wird, als auch fast jeden Satz eines Kritikers zu kontextualisieren – und sei es mit dem Risiko, das Etikett „detailversessen und redundant“ angeheftet zu bekommen.

[3] Erneut zur Klarstellung: Mein Vergleich war nicht „implizit“, sondern explizit, und er war nicht „skandalös“, sondern allenfalls skandalisierungsträchtig. Nicht immer ist aber dort auch Feuer, wo sich viel Qualm entwickelt …

[4] Völlige Übereinstimmung! Ich gebe nur zu bedenken, dass eine Kolumne mit 2280 Zeichen – einschließlich Leerzeichen – nicht zusätzlich zu einem pointiert geführten Argument auch noch dessen Kontextualisierung bringen kann. Meinerseits überlasse ich nötiges Weiterdenken deshalb gern dem Leser – und nehme achselzuckend in Kauf, wenn dergleichen auch einmal misslingt.

[5] In aller Klarheit: Ich habe noch nie irgendwo „nach Beifall geschielt“. Ich pflege vielmehr stets und überall gerade das zu sagen, was ich für richtig halte. Außerdem nehme ich mir die Freiheit, einen beifallsspendenden Dummkopf weiterhin als Dummkopf einzuschätzen, hingegen einen klugen Kritiker weiterhin als klug. Mich interessieren nämlich Argumente, nicht Beifall oder Buhs. Im Übrigen kenne ich kein „angestrengtes Balancieren“, sondern nur Freude an klaren Aussagen und an einem mit klugen Einlassungen geführten Streit über sie.

[6] Noch immer haben Sie nicht erläutert, was wohl die Indikatoren oder Kriterien eines „schiefen“ oder „nicht schiefen“ Vergleichs wären, obwohl ich bereits in der Ziffer 1 meiner ersten Replik darum gebeten habe. Folglich ist Ihre Behauptung, in meiner Kolumne fänden sich „wahrlich schiefe Vergleichsgrößen“, auch weiterhin nichts mehr als die Bekundung eines subjektiven Eindrucks, nicht aber das Ergebnis eines systematischen Arguments zum Thema „Logik, Methodik und Untiefen des Vergleichens“. Ein Epitheton wie „wahrlich“ substituiert das an Argumenten Fehlende ja durchaus nicht.

[7] Ja, das ist so – und würde ich mir als einen groben Kunstfehler ankreiden, hätte ich mein Thema auf diese Weise in einem Aufsatz oder einem Buchkapitel abgehandelt, nicht aber in einer kurzen, auf Denkanstöße ausgehenden Kolumne.

[8] Wir haben diesbezüglich völligen Konsens.

[9] Wenn Sie das nicht nur nicht geschrieben, sondern auch nicht gemeint und schon gar nicht gewollt haben als eine Insinuation, auf die ein weniger als wir beide bedarfter Leser hereinfallen könnte, dann gibt es an diesem Punkt zwischen uns nichts mehr zu streiten.

[10] Wenn schon nicht die hinter diesem Satz stehende Denkfigur, so ist zumindest deren sprachlicher Ausdruck schief. Denn zusammenstürzen kann allenfalls eine „Gleichsetzungskonstruktion“, nicht aber eine „Vergleichskonstruktion“. Ein Vergleich ist ja nichts weiter als ein Verfahren, bei dem man – idealerweise von klaren analytischen Kategorien angeleitet – auf das Entdecken von Ähnlichkeiten oder Unähnlichkeiten, von Gleichem oder von Verschiedenem ausgeht. Ein Vergleich kann dabei zwar zu falschen Ergebnissen führen, falls bei ihm empirische oder logische Fehler unterlaufen. Doch als analytische Prozedur „stürzt er nicht zusammen“, sondern endet allenfalls ergebnislos – was mein Vergleich nun aber gerade nicht tat. Falls Sie aber ohnehin nicht behaupten wollen, ich hätte Gleichsetzungen von historischen Ereignissen oder von gefühlsgeleiteten Zustimmungsformen vorgenommen, können auch keine „Gleichsetzungskonstruktionen“ zusammenbrechen – und „Vergleichskonstruktionen“ können das ohnehin nicht. Ich entnehme Ihren Bemerkungen somit weiterhin nur, dass Sie einesteils nicht mochten, dass ich gerade das verglich, was ich in der Tat verglichen habe, und dass Sie implizit anmerken, wenn man schon derlei Dinge vergliche, solle man es in wesentlich reichhaltigerer Kontextualisierung tun. Bei letzterem gebe ich Ihnen Recht, füge aber einmal mehr hinzu, dass eine Zeitungskolumne die Stätte prägnanter Denkanstöße, nicht die einer ausgewogenen fachwissenschaftlichen Argumentation ist.

[11] Hier haben wir keinerlei Dissens.

[12] Auch diesbezüglich haben wir Konsens.

[13] Sie scheinen hier das Wort „vergleichbar“ sinngleich mit „ähnlich“ zu gebrauchen. Das aber schickt das Denken in eine falsche Spur. Am Ende eines Vergleichs kann ja gerade die Diagnose einer Unähnlichkeit stehen! Im Übrigen sei angemerkt, dass es mindestens fünf verschiedene Formen der Ähnlichkeit gibt, auf die man beim Vergleichen zu achten hat: nämlich Ähnlichkeit, (a) die auf gemeinsamer Herkunft des Verglichenen beruht (homologe Ähnlichkeit); (b) die von paralleler Anpassung an gleiche Umweltbedingungen stammt (analoge Ähnlichkeit); (c) die auf das Zusammenwirken von homo- und analoger Ähnlichkeit zurückgeht und oft, fälschlicherweise, für die einzige Art „sinnvoll behauptbarer Ähnlichkeit“ gilt; (d) die sich der Verwendung gleicher Struktur-, Prozess- oder Inhaltsmodule in ganz verschiedenen Zusammenhängen verdankt (homonome Ähnlichkeit); und solche Ählichkeit, die (e) durch gleiche Prozesse des Aufbaus von Strukturen (gleich ob physisch oder gedanklich) entsteht. Wer wirklich eine angemessen kontextualisierte Debatte wünscht, kommt nicht umhin, meine Vergleichsfälle entlang aller fünf Ähnlichkeitsformen zu vergleichen, falls ein angemessenes Urteil über die Dimensionen und Mischungsverhältnisse von „ähnlich“ oder „unähnlich“ erfolgen soll. Sie können nun sicher sein, dass ich das tat, bevor ich die entsprechenden Sätze schrieb. Leichtfertig war also nicht mein Vergleichen, sondern allein die praktische – vielleicht aber von Ihnen gar nicht gewollte – Insinuation, dass Vergleichen dasselbe wie Gleichsetzen wäre, oder „vergleichbar“ ein Synonym zu „gleich“ oder „ähnlich“.

[14] Mir ist natürlich auch kein solcher Fall bekannt geworden, und ich behaupte das gar nicht. Sie argumentieren hier einfach an meinem Gedankengang vorbei. Das zu tun, steht Ihnen natürlich frei; nur muss man sich dann nicht wundern, wenn auch zwei intelligente Leute in Missverständnisse geraten.

[15] Die Torheiten Helmut Kohls sind nicht meine Torheiten. Im Übrigen fand Kohl anschließend zu einem mehr als nur geschäftsmäßigen Verhältnis mit Gorbatschow. Mancher Unsinn scheint also wie eine Sprosse einer Wittgenstein‘schen Leiter zu wirken – sicut in theoria et in praxi!

[16] Wieder haben wir Konsens. Und ich frage mich, warum ein kluger Mensch einem anderen klugen Menschen unterstellen mag, um derlei Selbstverständlichkeiten nicht zu wissen.

[17] Schon wieder haben wir Konsens. Und aus der Tatsache, dass zwei Dinge einander in mancher Hinsicht ähnlich sind (wie etwa Sie und ich als Sozialwissenschaftler oder Väter), folgt doch nicht, dass es sich bei solchen Dingen um ganz und in jeder Hinsicht Gleiches handeln müsste (was bei uns beiden, allem Anschein nach, durchaus nicht der Fall ist …)

[18] Ich verweise auf die Ziffer 5 und verkneife mir jede Reflexion darüber, ob hinter einem solchen Satz irgendein Anbräunungsgeschehen wirken könnte …

[19] Wiederum stimmen wir überein. Ich legte ja gerade deshalb Wert auf einen öffentlichen Austausch in dieser Sache, damit Ihre und meine Argumente fassbar und von jedem Lesenden zunächst einmal nachvollzogen, dann abgewogen werden können.

[20] Erneut gebe ich zu bedenken, dass eine Glosse wohl anders als eine Reportage, ein wissenschaftlicher Aufsatz anders als eine Zeitungskolumne zu beurteilen ist – zumindest dann, wenn diskursiv Ersprießliches entstehen soll. Ansonsten danke ich für die freundlichen Wort zu meiner „Ethnomethodologie“. Und was den Evolutorischen Institutionalismus betrifft, soll es mir genügen, dass er inzwischen Eingang in Handbücher des angelsächsischen Sprachraums gefunden hat – um von einer Vielzahl deutschsprachiger Nutzanwendungen ganz zu schweigen.

[21] Erneut macht mich ratlos, dass Sie immer noch nicht begriffen haben oder begriffen zu haben scheinen, dass (a) ich auch meinerseits die sehr zu bewundernde Hilfsbereitschaft unserer Universität lobe, und dass (b) meine Formulierung von der „an menschlichen Schönheit nicht zu übertreffenden Willkommenskultur“ durchaus nicht „unpassend“ oder „ironisch“ ist, sondern gerade das aussagt, was da eben steht. Und zwar steht hier: Es handelt sich um eine Kultur des Willkommens (und gerade nicht um eine Unkultur der Abwehr); diese Kultur ist menschlich schön (und gerade nicht inhuman hässlich); und sie ist an solcher menschlicher Schönheit auch nicht zu übertreffen (allenfalls von Engeln, doch nicht von Menschen – wie sie in ganz bewundernswerter Weise von Bayern bis zur dänischen Grenze dafür gesorgt haben, dass die leichtfertig unser Staatswesen überfordernde Migrationspolitik der Bundesregierung nicht zu allzu vielen für die Geflüchteten und unser Land allzu schlimmen Lagen geführt hat). Erneut frage ich mich also, welche Vorurteile sich dem Verstehen meiner so einfach durch schlichtes Lesen erschließbaren Position in den Weg stellen. Vielleicht haben Sie ja jetzt verstanden, was ich längst an mehreren Stellen in aller Klarheit geschrieben habe. Schön wäre es!

 

IV. Was bleibt?

Mir scheint, dass beide Kollegen …

  • sich nicht wirklich mit meinen präzisen Argumenten zu ihren Stellungnahmen auseinandergesetzt haben;
  • nicht zu belegen vermochten, ihre harschen Aussagen über mich ergäben sich schlüssig aus meinen eigenen Aussagen;
  • zentrale Aussagen meiner Kolumne ohnehin nicht richtig verstanden hatten, bevor sie sich zu ihnen äußerten (v.a.: „Ironisierung und Herabsetzung der Willkommenskultur“, „Gleichsetzung von Willkommenskultur und Krieg“, „Gleichsetzung von Merkel, Hitler und Wilhelm II.“ …);
  • sich wohl eher aus Gründen spontanen politischen Unterstützungswillens denn im Anschluss an eine sachliche Bestandsaufnahme des tatsächlich Gesagten zu Kronzeugen beim Atticus-Flop machen ließen;
  • anschließend eine knifflige Gratwanderung vollzogen zwischen dem Verlangen nach inhaltlichem Rechtbehalten und dem Wunsch, es zu keinem Kommunikationsabbruch mit einem Kollegen kommen zu lassen.

Wer selbst nie einen Fehler macht, möge hier nachtragend sein. Weil aber natürlich auch mir Fehler unterlaufen, lasse ich es beim jetzt erreichten Klärungsstand bewenden und sehe weiterem Zusammenwirken mit beiden Kollegen gern entgegen. Was freilich der ganze Vorgang des Atticus-Flops und das Argumentationsverhalten der beiden Kollegen über „deutsche Zustände“ lehren, zumindest über jene beim zivilgesellschaftlichen Kampf gegen „missfallende Äußerungen“, das möge sich anhand der vorgelegten Texte nun jeder selbst zusammenreimen. Mir genügt es, ein wenig zur einschlägigen Materialsammlung beigetragen zu haben.

 

Bildquelle: http://innepoette.de/wp-content/uploads/2016/01/Kronzeuge.jpg

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