Das Schweigen der Unschuldslämmer

Über zwei Wochen ist es nun her, dass Atticus e.V. sich in einer mit gleichsam bebender Stimme „Skandal!“ rufenden Pressemitteilung zu einer meiner Kolumnen in der „Sächsischen Zeitung“ geäußert hat. Als durchschaubar gegenstandsloses, bloß wichtigtuerisches und ganz selbstgefälliges Machwerk blieb diese Pressemitteilung – von einer einzigen Ausnahme abgesehen (siehe http://www.deutschlandfunk.de/besorgte-buerger-politikwissenschaftler-patzelt-wegen.680.de.html?dram:article_id=366466) – journalistisch unbeachtet.

Das war für Atticus e.V. wohl auch besser so. Vermutlich hat man dies dort inzwischen auch selbst gemerkt. Denn man ist verstummt, obwohl man – vom rechthaberischen Glauben an die Durchschlagskraft der eigenen Kritik getragen – am Ende jener Pressemitteilung noch geschrieben hatte: „Einem öffentlichen Diskurs wird, wenn dies Prof. Patzelt wünscht, Atticus e.V. selbstverständlich nicht aus dem Weg gehen“.

Natürlich wünsche ich – wie immer! – einen öffentlichen Diskurs (siehe dazu etwa http://wjpatzelt.de/?p=128 und http://wjpatzelt.de/?p=124). Und ich eröffnete diesen Diskurs auch gleich nach Kenntnisnahme des Atticus-Textes (meine ausführliche Antwort findet sich unter http://wjpatzelt.de/?p=965). Ebenso führte einen solchen Diskurs mit meinem Kolumnenpartner Michael Bittner (siehe http://michaelbittner.info/2016/09/22/professor-patzelt-und-der-nazi-vergleich/ sowie meine Antwort http://wjpatzelt.de/?p=972). Atticus e.V. ist allerdings mir gegenüber bis heute in tiefes Schweigen verfallen.

Nicht geäußert haben sich bislang zur Sache auch die beiden von Atticus e.V. als Kronzeugen gegen mich aufgerufenen Hochschullehrer Karl-Siegbert Rehberg (Dresden) und Hajo Funke (Berlin; siehe hierzu auch http://wjpatzelt.de/?p=986). Der eine nannte mich einen Verfertiger „schiefer Vergleiche“ (Rehberg) und meinte immerhin, derzeit komme er aus Arbeitsüberlastung nicht dazu, seiner billigen Aussage Substantielles beizufügen. Der andere (Funke) schrieb mir ein „ethnozentrisch verrohtes demagogisches Gemüt“ zu und ging – sich schämend oder nicht – nach meiner Antwort gleich ganz auf Tauchstation. Beide werden in den nächsten Tagen von mir Post per Einschreiben erhalten, damit sie nicht behaupten können, ihnen wäre – da nur per Email sowie auf meiner oder ihren Facebook-Seiten vorgebracht – schlicht entgangen, dass ich gern eine faktenbezogene Begründung ihrer Behauptungen hätte (siehe http://wjpatzelt.de/?p=986). Diese gehen nämlich meines Erachtens völlig an den Tatsachen vorbei. Ohne nähere inhaltliche Erläuterungen, die nachzureichen ich geduldig bitte, scheinen mir jene Aussagen sogar den Tatbestand zumindest übler Nachrede zu erfüllen. Warten wir ab, ob es wohl eine gerichtliche Klärung des Wahrheitsgehalts jener Aussagen brauchen wird.

Warum aber Kritiker auf eine Entgegnung meinerseits nun wieder einmal (!) schweigen, wird den meisten einleuchten, sobald sie jene Texte zur Kenntnis genommen haben, auf die sich die vorgebrachten Vorwürfe bezogen. Deren Vergleich mit der selbstgerecht eifernden Kritik von Atticus e.V. zeigt nämlich, dass in Wirklichkeit von Atticus und seinen Professoren nur das kritisiert wurde, was sie selbst in meine Texte hineingelegt und hineinprojiziert hatten, was sich dort aber durchaus nicht findet.

Deren Thema, und vermutlich der eigentlich so sehr schmerzende Anlass der Kritik von Atticus e.V., war über drei Kolumnen hinweg die fatale Willigkeit von Teilen der deutschen Bevölkerung, guten Glaubens immer wieder selbst solche Politik zu unterstützen, die sich – womöglich gar mit diskutablen Gründen – auch für fehlerhaft halten lässt. Und mein scharfer Vorwurf ging dahin, dass gar nicht wenige unter solchen Umständen Kritik und Kritiker lieber selbstgerecht ausgrenzen, ja für unzulässig bzw. bösartig erklären, als sich sachlich – oder gar lernwillig – mit Kritik und Kritikern auseinanderzusetzen. Vermutlich traf ich genau damit einen Nerv, den zu fühlen so weh tat, dass es zu ziemlich verstandesfreien Reaktionen kam.

Damit sich nun jeder selbst ein Bild über den gesamten Vorgang machen kann, stelle ich nachstehend jene drei thematisch zusammengehörenden Kolumnen aus der „Sächsischen Zeitung“ zum Nachlesen bereit. An der zweiten entzündete sich die oben umrissene, von Atticus e.V. zunächst in Szene gesetzt, anschließend aber – wenigstens bislang – vermiedene Debatte. Und wer meint, zwar fänden sich in diesen drei Kolumnen keine schlimmen Aussagen von mir, doch eben anderswo, der lese einfach auf meinem Blog wjpatzelt.de herum – oder schürfe tiefer anhand des Verzeichnisses meiner Veröffentlichungen, das sich auf meiner Universitätswebseite findet (https://tu-dresden.de/gsw/phil/powi/polsys/die-professur/inhaber).

 

„Es gibt immer eine Alternative. Wenn man sich mehr vornimmt, als die Wirklichkeit hergibt, kann der Erfolg schon mal ausbleiben“ – Kolumne in der Sächsischen Zeitung vom 2. September

Die Welt ist keine Knetmasse, die Politiker ganz nach ihrem – oder ihrer Wähler – Ermessen gestalten könnten. Sie gleicht eher einem Biotop. Die Naturstrukturen eines solchen lassen sich leicht schädigen, doch selten zielgerichtet verbessern. Deshalb legen wir Wert auf Naturschutzgebiete, wo natürliche Prozesse selbstorganisiert ablaufen können.

Mit Soziotopen halten wir es recht anders. Weil allein wir Menschen sie hervorbringen, hoffen wir gern, sie ließen sich ganz nach unseren Wünschen gestalten. Im Jahr 2000 beschloss etwa die EU zu Lissabon, binnen eines Jahrzehnts solle Europa zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt werden. 2010 legte die Klimarahmenkonvention der Uno fest, die globale Erwärmung werde – im Vergleich zum Niveau vor der Industrialisierung – gefälligst auf zwei Grad Celsius begrenzt. Und wir westlichen Staaten schicken Soldaten, um anderswo Demokratie zu errichten.

Aus dem EU-Beschluss wurde nichts, aus dem Uno-Beschluss wird vermutlich auch nichts, und der Export von Demokratie ist ohnehin gescheitert. Vielleicht ist es ja gar nicht leicht, durch Politik mehr zu erreichen als eine Verfestigung dessen, was auch ohne Politik zustande käme. Oder gar mehr zu schaffen als verlässliche Rahmenbedingungen für wünschenswertes Handeln, das sich dann selbst organisiert. Sodass schon viel erreicht wäre, wenn man Hinnehmbares nicht durch Politik zerstörte – und obendrein neue Möglichkeitsräume eröffnete.

Kindisch ist die Vermutung, durch Einführung von Demokratie könne man die Gestaltungsgrenzen von Politik erweitern. Dagegen wehren sich Politiker denn auch, oft mit der allzu billigen Rede von einer „Alternativlosigkeit“ ihrer Politik. Denn es gibt immer eine Alternative: das Unterlassen zum Tun, das Eingreifen zum Treibenlassen. Nur gibt es nie eine Erfolgsgarantie, zumal dann nicht, wenn man sich mehr vornimmt, als die Wirklichkeit hergibt. Das Herz kann nämlich größer sein als die Möglichkeiten; das Geld weniger als erhofft; die Funktionsweise der Wirklichkeit anders als unterstellt. Wenig hilft in solchen Lagen ein „Glaube an den Endsieg“, heute formuliert als „Yo, wir schaffen das“. Lernen wir besser über reale Funktionszusammenhänge aus der Geschichte, und bauen wir vorsichtig auf plausibles Wissen!

 

Unglauben ist nicht gleich Defätismus. Oder schwingt schon die Nazikeule, wer unbedingtes Vertrauenwollen ablehnt?“ – Kolumne in der Sächsischen Zeitung vom 16. September:

Starke Wahrnehmungsmuster scheint bei Michael Bittner der irreführende Historikersatz erzeugt zu haben, dass Männer Geschichte machen – oder, im heutigen Deutschland, eben Frauen. Doch es hängt die Gestaltungsmacht politischer Anführer davon ab, ob andere deren Politik mittragen. Es braucht einfach verlässliche Unterstützer oder Mitmacher; und es kommt darauf an, was diese erhoffen oder ertragen wollen, auch wie lange oder wie bedingungslos. Davon handelte das Ende meiner letzten Kolumne: vom Gefolgschaft stiftenden „Yo, wir schaffen das!“.

Fällt wohl nur mir auf, wie ähnlich jenes Vertrauenwollen, mit dem viele Deutsche in Weltkriegszeiten (1914 ff, 1939 ff) zu ihren Chefpolitikern aufblickten, zu jenem Vertrauenwollen ist, auf das die jetzige Chefpolitikerin in Eurokrisen- und Migrationszeiten zählen darf, oder wenigstens lange zählen durfte? Nicht an die gute eigene Sache zu glauben, galt auch ehedem als Verrat; und solchen Unglauben gar zu bekunden, wurde bestraft als Defätismus – bis hin zur Ausgrenzung aus dem Kreis der Vernünftigen oder Anständigen. Erkennt da niemand kulturelle Kontinuität?

Gewiss war kein abscheulicher Krieg, sondern eine an menschlicher Schönheit schwer zu übertreffende Willkommenskultur, in was vor einem Jahr so viele hineingingen „wie in einen Gottesdienst“ (so einst Joseph Goebbels). Wahrlich religiöse Züge hatte es, wie da in Geflüchteten nichts als die leidende Kreatur erkannt wurde. Glaubensbrünstig klang der Ruf, kein Mensch sei illegal, und also auch kein Rechtsstatus. Und mit Glaubenseifer wurden willkommenskulturelle Ketzer ausfindig gemacht, beurteilt, von zivilreligiös Korrekten exkommuniziert.

Ist Gläubigkeit wohl immer nazistisch, weil auch die Nazis sie ausbeuteten? Schwingt schon die Nazikeule, wer unbedingtes Vertrauenwollen, nur weil einst im Nazigewand aufgetreten, in anderer Kostümierung ebenso erkennt und ablehnt? Ist es falsch, auf hier geborgene Gefahren aufmerksam zu machen, damit gutwillige Folgsamkeit nicht einmal mehr enttäuscht wird? Und was führt zum Denkfehler, aus einem Vergleich von Bevölkerungsstimmungen zu unterschiedlichen Zeiten eine Gleichsetzung jener Politiken und politischen Anführer zu machen, denen die verglichenen Gefühle jeweils zupass kamen? Klare Antworten hülfen weiter!

 

„Vorsicht beim Glauben! Religiosität ist nichts an sich Schlechtes. Aber nie wieder soll Politik zum Gottesdienst werden!“ – Kolumne in der Sächsischen Zeitung vom 30. September:

Zu Bittners Schlussbemerkung von neulich: Wer tiefer schürft, kann nicht an der Oberfläche bleiben. Gerade in der Baugrube erkennt man, wovon oberirdische Stabilität abhängt. Wen bloß Projektionen interessieren, gelangt nicht zum tragenden Grund. Und manches erkennt man nur in der Draufsicht.

Dazu gehört jenes analysefreie Themenfeld, um das die von meinen letzten Kolumnen ausgelöste Debatte kreiste. Auf ihm selbst wollte sich niemand an intellektuelle Arbeit machen. Sprungübungen am Nazi-Stöckchen reizten mehr. Dabei wies dieses – unübersehbar warnend – auf gefährliches und deshalb zu erkundendes Gelände.

Dort gedeiht die unbemerkte, unkultivierte politische Religiosität so vieler im Lande. Die aber zeitigt jenes unkritische, rechthaberische, eifernde, ketzersuchende Glauben- und Vertrauenwollen, das arge Täuschungen, Verhärtung, Feindschaft hervorbringt. Deutsche geht das besonders an, denn allzu wahr trifft sie folgender Spott: „Deutsch sein heißt, etwas seiner selbst willen tun!“ – gerade in der Politik. Also ohne klaren Blick für die Erreichbarkeit von Zielen, die Verfügbarkeit von Mitteln, die Zeitspanne erforderlichen Einsatzes, die unwillkommenen Nebenwirkungen selbst guten Tuns. Worauf oft die entsetzte Frage folgt: Wie konnte es nur so weit kommen?!

Dieses verhängnisvolle Kulturmuster kritisiere ich. Wer wider alle Hoffnung glauben will, soll das in Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempeln tun, gern auch beim persönlichen Gebet im Alltag. Doch bitte nie beim politischen Handeln! Und keineswegs baue man darauf, Agnostiker oder Atheist zu sein, befreie vom suchterregenden Hochgefühl der Religiosität. Das stellt sich dann bloß andersartig ein: im Theater und Kino, bei Konzerten – oder auf Demonstrationen und Versammlungen, die sich um Politik drehen.

Religiosität ist nichts an sich Schlechtes, gehört wohl zum Menschsein, stiftet viel Gutes. Wertvoll ist sie auch als Zivilreligion, bei uns „Verfassungspatriotismus“ genannt, mit dem Grundgesetz als Heiliger Schrift aller Bundesrepublikaner. Doch es möge der Religion immer die Vernunft beigesellt sein, dem politischen Glauben, Hoffen und Vertrauenwollen stets die Betätigung nicht nur des Herzens, sondern auch des Verstandes. Und deshalb: Nie wieder „Politik als Gottesdienst“!

 

Bildquelle: https://i2.wp.com/www.bilder-hochladen.net/files/big/i3o5-1l2-95f6.jpg

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