Gedanken zur Rückkehr aus Afghanistan

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Es heißt, am Umgang mit seinen besiegten Soldaten erkenne man den Charakter eines Volkes. Deutschlands Soldaten, die in Afghanistan eingesetzt waren, wurden zwar dort nicht besiegt. Doch die Politik stellte ihnen eine Aufgabe, die von Soldaten gar nicht lösbar war. Deshalb scheiterte politisch, was militärisch nicht gelingen konnte: Afghanistans staatliche Ordnung durch auswärtige Mächte zu gestalten und zu erhalten. 

Die Verantwortung für jenen Misserfolg tragen jedenfalls unsere Politiker, nicht unsere Soldatinnen und Soldaten. Die haben das ihnen wirklich Mögliche pflichtgetreu und professionell getan. Vermutlich ist die Bundeswehr durch diesen Kriegseinsatz sogar zu einer leistungsfähigeren Armee geworden, als sie das vorher war. Zumindest haben die meisten Politiker gelernt, dass Deutschland seine Streitkräfte ausreichend ausstatten und finanzieren muss, wenn es deren Einsatz verantworten will.

Dreimal sind in den letzten gut hundert Jahren deutsche Soldaten aus Kriegen heimgekehrt.

1918 wurden die Reste der siegessicheren Armee von 1914 zwar in gedrückter Stimmung, doch dankbar begrüßt, oft sogar von Repräsentanten des Staates. Allerdings mutete der Reichspräsident in seiner Begrüßungsrede dem Volk nicht die Feststellung zu, dass Deutschlands Truppen im Feld sehr wohl geschlagen wurden – freilich nicht wegen fehlenden Könnens oder mangelnder Tapferkeit, sondern aufgrund falscher, auch verbrecherischer Kriegsführung der Reichs- und Heeresleitung. Das zu verschweigen förderte die Legende, es hätte die Revolution von 1918 die Niederlage verschuldet, nicht aber die Regierung des Kaiserreichs. Solcher Fehlglaube entlegitimierte die aus der Revolution hervorgegangene Republik. Doch die heimgekehrten Soldaten blieben geachtet – und wären es wohl auch ohne jene „Dolchstoßlegende“ gewesen.

Zwischen 1945 und 1955 kehrten erneut deutsche Soldaten aus Krieg und Gefangenschaft zurück. Sie waren ganz offensichtlich geschlagen – und erneut nicht wegen fehlenden Könnens oder mangelnder Tapferkeit, sondern aufgrund einer immer falscheren und ohnehin verbrecherischen Kriegführung der nationalsozialistischen Reichsregierung. Nur noch ihre Angehörigen begrüßten diese Soldaten. Der Staat nämlich, der sie in den Krieg geschickt hatte, war zertrümmert. Auch schämte man sich nun des Krieges, der nach Deutschland zurückgekehrt war, und erst recht der in ihm begangenen Verbrechen. Befürchtete Rache für sie führte zur Massenflucht aus dem Osten noch bevor die Vertreibungen einsetzten. Bestmöglich beschwieg man das Erlebte – das an der Front, das in den Luftschutzkellern. Den Krieg freilich ließen dessen noch jahrzehntelang sichtbaren Folgen nicht in Vergessenheit geraten.

Und jetzt kehrten wieder Soldaten heim. Anders als 1918 und 1945 wurde nicht ihr Land besiegt, sondern war nur – nur? – ihr Einsatz vergeblich. Auch merkten, anders als nach 1914 und 1939, monatelang nur unsere Soldatinnen und Soldaten samt ihren Angehörigen, dass da überhaupt ein Krieg geführt wurde. Also gab es wenig Anteilnahme an deren Schicksal. Es sollte der Einsatz in Afghanistan ja auch gar kein Krieg sein, sondern einfach eine humanitäre Hilfeleistung – dienlich für Freiheit und Frieden, wertvoll für afghanische Frauen, zukunftschaffend für eine afghanische Demokratie. Dass dabei Waffen einzusetzen und viele Leben zu riskieren waren, verdrängte man nach Kräften. Und diesen Einsatz überhaupt einen „Krieg“ zu nennen, galt lange Zeit als unschicklich. 

Ihn jetzt als einen solchen Bündniskrieg zu verstehen und auch so zu nennen, der von der Bundesrepublik Deutschland halbherzig geführt wurde, gehört zum politischen Erwachsenwerden unseres Landes. Dieses flüchtete sich nämlich nach 1945 in sicherheitspolitisches Schwarzfahrertum und in kindlichen Pazifismus. Doch allmählich beginnt Deutschland wieder zu lernen, was unseren polnischen Nachbarn und israelischen Freunden schon lange klar ist: Manchmal ist militärischer Widerstand der Selbstaufgabe vorzuziehen, der Verlust von Leben dem Verlust der Freiheit. 

Doch es gilt auch klug zu unterscheiden, wann wirklich der Einsatz von Soldaten notwendig ist und dann auch von Einsicht ins Erforderliche getragen werden kann – und wann ein militärischer Einsatz von Politikern als eine bloß symbolisch gemeinte Geste verlangt wird, die dann in blutige Wirklichkeit umschlägt. Doch angesichts unserer vielen Gefallenen und Verletzten begreifen hoffentlich mehr und mehr im Lande, dass man mit dem Leben und der Gesundheit von Soldaten auch dann nicht leichtfertig umgehen darf, wenn es gleichsam „nur“ um Einsätze im Dienst von Menschlichkeit, um Nothilfe und um Bündnissolidarität geht.

Erschrocken werden viele jetzt dessen gewahr, wie große seelische Verletzungen bei unseren Soldatinnen und Soldaten der Einsatz in Afghanistan verursacht hat. Solche Versehrungen sind zwar weniger sichtbar als körperliche Verstümmelungen, bewirken aber keinen geringeren Schmerz – nur einen anderen. Und viele fühlen nun endlich auch das Leid der Angehörigen jener Soldatinnen und Soldaten, die ihre Berufspflicht in Afghanistan erfüllten. Selbst wem niemand fiel, lebte in ständiger Sorge; und die Kinder waren monatelang voller Angst um Vater oder Mutter. Wie wichtig muss ein Gut sein, um dessentwillen man so vielen so schwere Lasten auferlegen darf?

Hoffentlich hilft uns die gegenwärtige Erfahrung des Leids von Soldatinnen, Soldaten und Soldatenfamilien auch zu verstehen, wie sehr jene Schäden an Leib und Seele unser Land mit vielen Nachwirkungen traumatisiert haben, die viele Millionen von Armeeangehörigen und Soldatenfamilien im Ersten und Zweiten Weltkrieg erlitten haben. Das aber waren jene Generationen, denen wir Nachgeborenen jahrzehntelang mit hochfahrender Härte, mit Verweigerung von Mitgefühl, so oft auch mit Verachtung gekommen sind. Doch wenn sich schon ein gut gemeinter und soldatisch rechtschaffen geführter Krieg wie der deutsche in Afghanistan für jene so schrecklich anfühlte, die ihn führten oder als Familie miterlebten: Um wieviel mehr wurden einst wohl jene verletzt, die den falsch geführten Krieg von 1914-1918 und den verbrecherischen Krieg von 1939-1945 mitzumachen hatten! Vielleicht kommt allmählich die Zeit eines Aufkeimens nacheilender Gerechtigkeit für jene unglücklichen Jahrgänge um die Jahrhunderte, die gleich zwei Großkriege erleben mussten – und dann unser materiell und seelisch zerstörtes Land wieder aufbauten.

Nun hat unser neues Deutschland, das sich so gern und billig ein gutes Gewissen verschafft, in Afghanistan viele Helfer der Bundeswehr zurückgelassen. Noch mehr hat es von denen politisch verraten, die sich so lange auf unseren Beistand verlassen haben. Womöglich werden Redliche sich nun nicht länger der Einsicht verschließen, dass eine klare Unterscheidung von Tätern und Opfern oft wirklich nicht gelingen kann, und dass viele Leute sowohl das eine als auch das andere gewesen sein werden – die einen nacheinander, die anderen zugleich. Auch solche Einsichten gehören – mitsamt ihren ethischen Unbequemlichkeiten – zum politischen Erwachsenwerden.

Den Abschluss des Empfangs unserer Soldatinnen und Soldaten zu Hause bildete das militärische Gepränge von Abschlussappell und Großem Zapfenstreich. Ausnahmsweise machten sich nur wenige über dieses Zeremoniell lustig, ja trafen jene sogar auf Gegenkritik von traditionellen Gesinnungsgenossen, die sich darüber erregten. Womöglich empfanden viele, wie hilflos jeder ist, der sich in seelisch herausfordernden Lagen gerade nicht auf eine Entlastung durchs Befolgen von Ritualen verlassen kann. Wohl genau deshalb kam auch kaum ein Politiker auf den Gedanken, bei der tatsächlichen Rückkehr von Truppenteilen aus Afghanistan einfach am Flughafen oder Bahnhof zu stehen, um ihnen allein schon durchs Dasein Dankbarkeit und Respekt zu erweisen. 

Gestern hingegen erleichterte vieles Erinnern, Nachempfinden und Loslassen jene soldatische Form öffentlichen Gedenkens, die deshalb das Innere weiten kann, weil das Äußere ohnehin vorgestaltet ist. Hoffen wir, dass die beeindruckenden Bilder vom Großen Zapfenstreich am Sitz des Bundestags mancherlei Sinn dafür neu wecken werden, dass Haltung zu zeigen nicht nur gefälliger Worte bedarf, sondern vor allem solcher symbolischer Formen, die sich kraftspendend bewährt haben – und in die man, da feststehend, einfach eintreten kann.

Und was lehrt über unser Volk dessen Verhalten bei der Rückkehr unserer Soldatinnen und Soldaten aus Afghanistan? Gewiss, dass dieses Volk immer noch Schwierigkeiten hat bei der Würdigung von Streitkräften, auch beim Verstehen der inneren und äußeren Haltung von Soldatinnen und Soldaten. Doch auch, dass dieses Volk selbst dort lernfähig ist, wo die Traumatisierungen des 20. Jahrhunderts noch nachwirken. Verfestigt sich die gestern gezeigte Haltung würdigen Respekts, dann wird es wohl leichter für Deutschlands Soldatinnen und Soldaten werden, ihren Eid zu erfüllen: unserer Bundesrepublik treu zu dienen, und das Recht und die Freiheit unseres Staatsvolks tapfer zu verteidigen. Und das Letzere hoffentlich schon durch ihr Dasein – und nicht erst durch die Notwendigkeit wirklichen Kämpfens, das man freilich beherrscht und für das man gerüstet ist.