Das Kaiserreich

Das schwarz-weiß-rote Kaiserreich: Warum erinnern – und wie?

I.

Am heutigen Montag wird – wie jedes Jahr – ziemlich unbeachtet ein Nicht-Gedenktag für ein wichtiges Ereignis der deutschen Geschichte verstreichen: Am 18. Januar 1871, vor nunmehr genau 150 Jahren, wurde im Spiegelsaal des Versailler Schlosses der preußische König zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Das schloss das Gründungsgeschehen jenes Deutschen Reiches ab, das – durch bitterste geschichtliche Erfahrungen belehrt und unter Geltung einer sehr anderen Verfassung – nun als Bundesrepublik Deutschland fortbesteht. 

Leider scheint in der historischen Erinnerung der verbrecherische Charakter der nationalsozialistischen Diktatur mehr und mehr auch schon dem Kaiserreich von 1871 zugeschrieben zu werden. Jedenfalls wird dessen Fahne, die das Schwarz-Weiß Preußens mit dem Weiß-Rot zumal der Hansestädte verband, mehr und mehr wie ein Seitenstück zur rot-weiß-schwarzen Hakenkreuzfahne der Nazis wahrgenommen, ja mitunter auch – wie schon zu Weimarer Zeiten – als Alternative zum Schwarz-Rot-Gold unseres Grundgesetzes verwendet.

Im Umgang mit dem schwarz-weiß-roten Kaiserreich wird jedenfalls das gestörte Verhältnis vieler Deutscher zu ihrem Staatsvolk und zu dessen sich wandelnder Staatlichkeit gut sichtbar. In einem Land, dessen sich als fortschrittlich verstehenden Teile ihre Überzeugungen immer wieder auf Demonstrationsplakaten mit den nachstehenden Aufschriften ausgedrückt haben, muss es wirklich nicht wundern, dass die tatsächliche Geburtsstunde des nunmehr 150jährigen Staates möglichst verdrängt wird. Dort steht nämlich: „Nie wieder Deutschland!“, „Deutschland verrecke!“ oder „Deutschland – du mieses Stück Scheiße“. 

II.

Tatsächlich ist unsere Bundesrepublik, der 1990 die DDR nach gut vierzigjähriger eigener Geschichte beitrat, auch gemäß der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts die Rechtsnachfolgerin jenes Deutschen Reichs, dessen eigenständige Regierungsgewalt nach der Besiegung durch die USA, durch England und durch die Sowjetunion rund vier Jahre lang beseitigt war. Sie wurde von der dann neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland schrittweise wiedererlangt und zwischen 1949 und 1990 dem Anspruch nach, nicht aber in Wirklichkeit, für das ganze Gebiet des Deutschen Reichs in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 ausgeübt. Das war – abzüglich des schon anfangs der 1970er Jahre akzeptierten Verlusts der deutschen Ostprovinzen – der Gebietsstand vor den Annexionen Österreichs und von Teilen der Tschechoslowakei, und natürlich vor dem Anschluss vieler im Zweiten Weltkrieg eroberter Gebiete Frankreichs und Polens. Das militärisch zerschlagene „Dritte Reich“ entstand seinerseits durch Aufrichtung der nationalsozialistischen Diktatur in jenem Deutschen Reich, das nach der Revolution von 1918/19 zur Republik geworden war und – abzüglich von etlichen Gebietsabtrennungen zugunsten Polens, Frankreichs, Belgiens und Dänemarks – räumlich recht genau dem 1871 gegründeten Kaiserreich entsprach.

Jenes „Zweite Reich“ der deutschen Geschichte beendete das 1806 eingetretene Bestehen deutscher Länder ohne überwölbende Staatsgewalt. Damals hatte Deutschlands „Erstes Reich“ – je nach Geschichtserzählung gegründet von Karl d. Großen oder zurückgehend auf das ostfränkische Königtum von Konrad I. und Heinrich I. – durch die auf Eroberungen beruhende Bündnispolitik Napoleons seinen Zusammenhalt verloren. Es endete, als dessen letzter Kaiser Franz II. im August 1806 „die Kaiserkrone und das Reichsregiment“ niederlegte und fortan als Franz I. nur noch das von ihm 1804 begründete „Kaisertum Österreich“ regierte. Nach der Besiegung Napoleons war 1815 dann an die Stelle des Alten Reichs der Deutsche Bund getreten, dessen Präsidium bei Österreich als der Kaisermacht des vergangenen „Heiligen Römischen Reiches“ lag. 

Auch – doch nicht nur – im Anschluss an die von 1813 bis 1815 währenden mitteleuropäischen Befreiungskriege gegen französische Vorherrschaft kam in der entstehenden „Zivilgesellschaft“ der deutschen Länder das Verlangen nach nationaler Einigung auf. Es scheiterte in der Revolution von 1848 einesteils an der Unmöglichkeit, das multiethnische und multikulturelle Österreich in einen deutschen Nationalstaat einzubeziehen. Andernteils wollte der König Preußens, der seit einem Jahrhundert neben Österreich zweiten Großmacht unter den deutschen Staaten, um keinen Preis durch die revolutionär entstandene Frankfurter Nationalversammlung zum Kaiser erhoben werden. Gleichwohl wünschten viele weiterhin die Einigung der deutschen Staaten und verstanden deren Herbeiführung nachgerade als „Preußens Beruf“. Dem ließ sich aber nur durch Verdrängung des Habsburgerreichs aus Deutschlands Politik und fortan Geschichte nachgehen.

Noch 1864 hatten Preußen und Österreich gemeinsam im Krieg gegen Dänemark die Herzogtümer Schleswig und Holstein erobert. Dann aber war endgültig zu entscheiden, ob der seit Jahrhunderten von Österreich angeführte Verbund deutscher Staaten in einen künftig von Preußen dominierten „kleindeutschen“ Bundesstaat umgewandelt werden solle. Das geschah im Deutschen Krieg von 1866, in dem Preußen Österreich besiegte. Daraufhin wurde der Deutsche Bund aufgelöst und nahmen die norddeutschen Staaten – teils annektiert wie das Königreich Hannover – unter Führung Preußens im „Norddeutschen Bund“ die kommende Struktur des von Bismarck angestrebten Deutschen Kaiserreichs vorweg. Offen blieb noch die Frage, wann und wie die süddeutschen Staaten – etwa Bayern, Baden und Württemberg – über ihre Mitgliedschaft im seit 1834 bestehenden „Deutschen Zollverein“ hinaus – diesem Nationalstaat beitreten würden. Die Antwort fand sich nach Beginn des im Juli 1870 einsetzenden preußisch-französischen Kriegs: Im November 1870 traten sie, oft in Umwandlung von schon 1866 geschlossenen Verteidigungsbündnissen mit Preußen, dem Norddeutschen Bund bei. Die „Kaiserproklamation“ vom Januar 1871 in Versailles beendete dann nur zeremoniell jenen knapp 60 Jahre währenden Prozess, in dem aus dem supranationalen Alten Reich der Nationalstaat des deutschen Kaiserreichs wurde.

III.

Dieses feierte seine Einheit aber gerade nicht am 18. Januar. Durchaus nicht wollte Preußens König die Übertragung der – ihm ohnehin unlieb ausgestalteten – Kaiserwürde den Jahrestag der ersten preußischen Königskrönung überstrahlen lassen. Die aber hatte, genau 170 Jahre zuvor, am 18. Januar 1701 in Königsberg stattgefunden. Zum faktischen Nationalfeiertag wurde stattdessen der sogenannte „Sedantag“. Der erinnerte an die Kapitulation der französischen Armee und an die Gefangennahme des Französischen Kaisers am 2. September 1870, vollzogen nahe der – an der belgischen Grenze gelegenen – Stadt Sedan. Schon dieser revanchefrohe Gedenktag lässt, ebenso wie die deutsche Kaiserproklamation ausgerechnet im Prunkschloss des französischen Sonnenkönigs, jene Lasten erahnen, die Deutschlands Kaiserreich auf sich lud. Es war ohnehin entstanden gegen die Wünsche seiner Nachbarn. Die gegen Bismarcks Rat durchgesetzte Annexion Elsaß-Lothringens machte Frankreich erst recht zum Dauerfeind des Reiches. Also musste es sich durch komplexe Vertragssysteme gegen Bedrohungen aus diesem unlösbaren Konflikt sichern musste. Sodann führte die – vor allem dann unter Wilhelm II. betriebene Kolonial- und Weltpolitik –zu einem durch beiderseitige Flottenrüstung ausgetragenen Konflikt mit England. Und im Inneren verhinderte das administrativ vorbildliche, doch verfassungspolitisch reaktionäre Preußen – seinerseits das ganze Reich dominierend – eine schrittweise Modernisierung der Reichsverfassung. Vor allem entstand keine wirkungsvolle parlamentarische Kontrolle der Regierungsmacht. Das zwang die resonanzreich aufgekommenen Parteien nicht unters Joch realer Verantwortlichkeit, sondern förderte einen sehr ideologiehaltigen politischen Debattenstil.

Und bei alledem war das von diesem Reich regierte Deutschland wirtschaftlich und technisch, wissenschaftlich und kulturell höchst erfolgreich. Wirtschaftlich und technisch überflügelte es nicht nur Frankreich, sondern vielfach auch England. „Made in Germany“ wurde vom Versuch übler Nachrede zum Gütesiegel. Das deutsche Musikleben setzte internationale Maßstäbe. Und die deutsche Sprache wurde – gemeinsam mit dem Englischen und Französischen – zur führenden Wissenschaftssprache nicht nur Europas sowie zum Verständigungsmittel aller Gebildeten in Mittel- und Osteuropa. Es war kein Wunder, dass die Eliten dieses Reichs zu jener Großmannssucht und Selbstüberschätzung neigten, die später die USA und inzwischen wieder China als weltweite Rollenvorbilder kennzeichnen sollten.

Von diesem Spitzenplatz 1918/19 plötzlich gestürzt zu werden, nachdem man bis zum letzten Kriegsjahr noch fest – und vielfach fehlinformiert – mit einem deutschen Sieg gerechnet hatte, traumatisierte die Deutschen. Und weil Militärs und Monarchisten es vermochten, die deutsche Niederlage der Revolution sowie der neuen Republik zuzuschieben, obwohl allein sie diese verschuldet hatten, fehlte es der neu entstandenen Demokratie dauerhaft an Demokraten. Allenfalls „Vernunftrepublikaner“ gewann sie, die sich angesichts unfairer Versailler Friedensbedingungen sowie von Inflation und Weltwirtschaftskrise innenpolitisch erst recht schwertaten. Obendrein hatten Deutschlands Parteien es im Kaiserreich nicht gelernt, auf pragmatische Weise politische Verantwortung zu tragen und Kompromisse in der Bevölkerung plausibel zu machen. Das schuf in postrevolutionären Zeiten viel Raum für ideologische Feindbildpflege und für verführerische Verheißungen einerseits der Kommunisten, andererseits der Nationalsozialisten. So geriet das wenige Jahre zuvor noch so selbstgewisse und selbstberauschte Deutschland auf jenen Weg, der zum moralischen Tiefpunkt seiner Geschichte, später zu seiner Teilung führte – und zur bleibenden Abtrennung von Schlesien, Pommern und Preußen, ebenso zum Heimatverlust vieler Millionen von Deutschen in Mitteleuropa, Osteuropa und Südosteuropa.

IV.

Diese Geschichte ist nicht wieder gutzumachen. Die von ihr verursachten seelischen Verstümmelungen wirken bis heute nach und werden auch die nächste Generation nicht unbeschädigt lassen. Wie könnte es auch anders sein angesichts der, ganz zu Recht, im geschichtlichen Gedächtnis gehaltenen Bilder aus deutschen Konzentrationslagern, von deutschen Kriegsverwüstungen in unseren Nachbarstaaten – und natürlich auch beim Blick auf jene zunächst Ruinen und später entstellten Stadtbilder, die der Zweite Weltkrieg in Deutschland selbst hinterlassen hat. Doch nichts davon wird besser dadurch, dass wir den so stolzen Beginn dieser deutschen und europäischen Tragödie in Versailles verdrängen. Und allzu wenig begreifen wir von den Tiefenschichten der in Deutschland und um Deutschland herum nachwirkenden Traumatisierungen, wenn wir die an der Fahne des Kaiserreichs haftenden Gefühle mit denen gleichsetzen, welche sich später mit der Hakenkreuzflagge verbanden. Die Zauber eines Neuanfangs mit damals noch nicht enttäuschten Hoffnungen gingen mit der schwarz-weiß-roten Trikolore einher – doch Revanchismus und Hass mit dem schwarzen Hakenkreuz auf weißem Grund inmitten des roten Fahnentuchs.

Beiden, nach Ursache und ethischem Gehalt sehr ungleichen Versuchungen widersetzen wir uns am besten, wenn wir uns auf die Leitideen von Schwarz-Rot-Gold einlassen. Sie wurden – und sei es auch erst im historischen Rückblick – klar in den schwarz-rot-goldenen Revolutionen von 1848, 1918 und 1989. Da ist der Leitgedanke der Einigkeit, sowohl im Inneren als auch mit Deutschlands Nachbarn. Da ist die Leitidee des Rechts, und zwar sowohl des Rechts aller Menschen auf ein Leben in Würde als auch des Rechts derer auf eine möglichst gerechte und auch nachhaltige Ordnung, die gemeinsam einen Staat tragen. Und da ist die Ausrichtung an der Freiheit – sowohl an der Freiheit von Hunger und Verfolgung als auch an der Freiheit auf Verschiedenheit im Aussehen, im Denken und im Sprechen. 

Erinnern wir uns also zwar umsichtig der so großen Hoffnungen von 1871 sowie jener viel weiter zu spannenden geschichtlichen Zusammenhänge, in denen das schwarz-weiß-rote Kaiserreich stand. Vergessen wir angesichts der verspielten Chancen dieses Reiches aber nie, dass ihnen die Verheißungen von Schwarz-Rot-Gold vorausgingen – und dass ihnen, nach dem Ende des nationalistischen und ideologischen Rauschs, durchaus die Erfüllungen unserer schwarz-rot-goldenen Bundesrepublik folgten. In der gelangte unser Land wieder zum Blühen, nämlich im Glanz des Glücks von Einigkeit und Recht und Freiheit. Bemühen wir uns deshalb, das so mühsam Erreichte jetzt zu bewahren – und nicht wieder in unversöhnlichen Zerwürfnissen so zu verspielen wie nach 1918 das Erbe von 1871.