Defizite im Journalismus

Der nachstehende Text erschien unter dem Titel „Trennt endlich wieder Nachricht und persönliche Meinungsbekundung!“ am 8. November 2020 auf Hallo Meinung (https://www.hallo-meinung.de/trennt-endlich-wieder-nachricht-und-persoenliche-meinungsbekundung/). Von mir eingelesen findet er sich auch als Podcast unter https://www.youtube.com/watch?v=Rg870g3Y8lI&feature=youtu.be.

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Schön ist es, wenn man sich beim Zeitungslesen oder bei Nachrichten im Rundfunk darauf verlassen kann, dass alle berichteten Tatsachen stimmen – etwa: dass die mitgeteilte Zahl der Teilnehmer einer Demonstration ziemlich gut der tatsächlichen Zahl der Demonstrationsteilnehmer entspricht. Noch schöner wäre es, wenn man sich auch darauf verlassen könnte, dass einem beim Zeitungslesen oder Nachrichtenanhören nichts Wichtiges entgeht – also: dass man beispielsweise erfährt, welchen biographischen Hintergrund jemand hat, der eines Totschlags verdächtigt wird. Und am allerschönsten wäre es, wenn man zusammen mit einer wahrheitsgetreuen und nichts sachlich Wichtiges auslassenden Information nicht auch noch die ganz persönliche Meinung jenes Journalisten zur Kenntnis nehmen müsste, der eine Nachricht formuliert oder überbringt. Denn weshalb muss ich eigentlich erfahren, dass ein Journalist Donald Trump nicht mag, wenn mich doch nur interessiert, welche Falschaussage dieser Präsident wieder einmal über den Umgang mit Briefwahlstimmen vorgebracht hat?

Lange ließe sich von den Ursachen dafür handeln, warum Journalisten im Fernsehen bis hin zum Gesichtsausdruck, im Hörfunk bis hin zum Tonfall mitteilen, was sie persönlich von dem halten, was sie gerade mitteilen. Natürlich ist es richtig, nicht grinsend, sondern mit Ernst in der Stimme über Hungertote oder Mordopfer zu sprechen. Doch warum muss die persönliche Ablehnung der AfD auch gleich noch den meisten Interviewfragen an Politiker dieser Partei anzuhören sein? 

Betrachten wir das hier Wichtige an einem weit entfernten Beispiel, das einen erhellenden Verfremdungseffekt zeitigen kann. In Fernsehberichte über Kim Jong-uns Reich wird mitunter eine nordkoreanische Nachrichtensprecherin eingeblendet. Welchen Mehrwert hat es eigentlich, wenn diese sich bei einer Meldung über die USA kenntlich aggressiv und beim Bericht über den eigenen Regierungschef mit verklärtem Blick äußert? Die Wirkung ist doch nur, dass der Zuschauer sich freut, wenn er mit Nordkoreas Politik übereinstimmt, sich andernfalls ärgert – und dass für einen Analytiker diese Nachrichtensprecherin sich ebenso lächerlich macht wie ein chargierender Schauspieler. Bestenfalls treibt einen mancherlei Restsympathie geradewegs zum Fremdschämen. Lebten wir in der nordkoreanischen Diktatur, dann müssten wir uns mit solchen Umständen unserer politischen Informationsmöglichkeiten einfach abfinden. Vielleicht nähmen wir das so gefühlsbetont Mitgeteilte sogar für bare Münze – oder heuchelten das immerhin. Denn was könnten wir auch anderes tun, wenn wir keinen Zugang zu sonstigen Informationen hätten und uns der Wille zum eigenen Denken durch exemplarische Bestrafungen von Abweichlern ausgetrieben worden wäre. 

Wir aber leben in einem freien Land. Es mit einer Diktatur gleichzusetzen, ist falsch und dreist. Doch umso weniger wird es unserem eigenständigen Wissenwollen und Denkenkönnen gerecht, wenn Journalisten uns Tatsachen nur mit dem Beipackzettel ihrer persönlichen  Meinung anbieten. Wohlgemerkt ist überhaupt nichts einzuwenden gegen journalistische Kommentare. Die dürfen gerne auch scharf sein, polemisch, sogar von überzogener Schärfe. Doch perfekt wäre es, wenn – Vorsicht: Ironie – der Überzeugungsanspruch eines sehr katholischen Kommentars anderntags in einem islamischen Kommentar und tags darauf in einem atheistischen Kommentar bestritten würde. Dann nämlich bekäme man für die eigene Meinungsbildung eine Vielfalt von Anregungen und – idealerweise – auch unterschiedliche Beurteilungsmaßstäbe. Es brauchen aber allenfalls Kinder die Verbindung einer Information – „Vorsicht, die Herdplatte ist heiß!“ – mit einer Bewertung wie „Du bist böse, weil Du das nicht glaubst!“, oder „Du bist dumm, weil Du das selbst herausfinden willst!“. Also wollen wir, dass ein Journalist nicht als Vormund auftritt, sondern einesteils als Informationsvermittler – und andernteils als ein Mitbürger, an dessen Meinung wir uns reiben können. Weil sich aber gerade nicht debattieren lässt, wenn der eine im Fernsehen oder Radio spricht, wir aber nur zuhören oder den von einem Journalisten verfassten Text lesen können, verlangen wir zu Recht: Trennt endlich wieder Nachricht und persönliche Meinungsbekundung! Zwar hat beides seinen Platz – nur eben nicht denselben.

Gern geben Journalisten wenn schon nicht den Vormund, so doch den Anwalt. Keinesfalls ist es verkehrt, ein Anwalt von Unterdrückten, Ausgebeuteten oder Verfolgten zu sein. Vielmehr ist es richtig, Unterdrückern, Ausbeutern und Verfolgern entgegenzutreten. Doch Journalisten haben das entweder meinungsbildend in Leitartikeln und Kommentaren zu tun – oder eben durch gut recherchierte Reportagen, die auf bislang übersehene oder unterschätzte Formen der Unterdrückung, Ausbeutung oder Verfolgung aufmerksam machen. Dann müssen die mitgeteilten Fakten aber auch stimmen. Dass wiederkehrende Zweifel an deren Richtigkeit nicht unbegründet sind, hat vor einiger Zeit der Fall des zuvor mit so vielen Preisen ausgezeichneten Journalisten Claas Relotius gezeigt. Es muss ja nicht immer so dreist zugehen wie bei ihm, dass nämlich jene angeblichen Tatsachen einfach erfunden wurden, welche die zu vertretende Meinungsbekundung stützen sollten. Um irregeführt zu werden reicht es schon, über längere Zeit kleinen Schummeleien ausgesetzt zu sein. Zu denen gehört beispielsweise der Aufbau eines solchen Deutungsrahmens von – vielleicht sogar korrekt mitgeteilten – Sachverhalten, der diese im erwünschten Licht erstrahlen oder umgekehrt sehr hässlich erscheinen lässt.

Regelrecht an der Nase herumgeführt werden Leser, Zuhörer und Zuschauer, wenn Nachrichten und Reportagen auch noch mit Häme oder Hetzerei versetzt werden. Letzteres müsste man nicht unbedingt betonen, wenn der Begriff der „Hetze“ nicht inzwischen recht geläufig auf solche Aussagen angewandt würde, die man einfach nicht mag. In der DDR galt sogar rein sachliche Kritik an den Zuständen im Land als „staatsfeindliche Hetze“, wann immer die Regierenden es nicht ertragen wollten, dass ihnen unangenehme Tatsachen beschrieben würden. Auf diese Weise angeblich zu „hetzen“ war sogar ein Straftatbestand, der höchst schmerzliche Strafen nach sich ziehen konnte. Gottlob sind es heute nicht Staat und Polizei, die unerwünschte Kritik auf DDR-Art als Hetze verfolgen. Doch sehr wohl hat sich nicht nur in Teilen unserer Zivilgesellschaft, sondern auch in den Reihen unserer Journalisten die Neigung eingestellt, scharfe Kritik an Personen oder Positionen als „Hetze“ zu bezeichnen, falls man die Zielrichtung oder Schärfe solcher Kritik nicht mag. Zugleich sinkt die Bereitschaft, die jeweils eigene zweckvolle Mischung aus Mitteilung, Bewertung des Mitgeteilten und herabsetzender Häme ebenso als eine Form verachtenswerten Hetzens zu erkennen. Das wäre aber wünschenswert, denn sehr wohl kann sich eine mediale Diffamierung samt den sie begleitenden Shitstorms auf Twitter oder anderswo genau so als eine Hetzjagd anfühlen wie einst so manches Chemnitzer Vorkommnis. Nur fehlt manchen Journalisten anscheinend jene warnende Stimme, die – auf einem berühmten Beweisvideo für regierungsamtlich festgestellte Chemnitzer Hetzjagden – vernünftigerweise verlangte: „Hase, du bleibst hier!“

Wie schön wäre es, wenn stets auch in der Praxis jene journalistischen Standards hochgehalten würden, die bei der Journalistenausbildung doch gewiss weiterhin gelehrt werden! Das wäre schon deshalb wichtig, weil es ja gerade die Journalisten etablierter Medien – vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk bis zu bundesweiten Zeitungen und Magazinen – in der Hand haben, unsere Gesellschaft entweder weiter auseinanderzutreiben oder endlich wieder zusammenzuführen.  Was nützt es denn, wenn sich die zu sogenannten „alternativen Medien“ Abgewanderten dauerhaft abspalten von der Glaubensgemeinschaft derer, die sich ums Heute-Journal oder um die ARD-Magazinsendungen versammeln? Wenn wir unter solchen Umständen keinen gemeinsamen Stoff zum Debattieren mehr finden, sondern uns aufs wechselseitige Verachten zurückziehen, dann zerfallen wichtige Grundlagen unserer Demokratie.

In den USA zeigt sich seit Jahren, wohin es führen muss, wenn eine Gesellschaft sich gleich zweifach spaltet: einesteils zwischen unversöhnlichen politischen Lagern, andernteils zwischen einer politisch recht homogenen Journalistenschaft und solchen Frauen und Männern, die sehr anders als die meisten Medienleute denken oder empfinden. Leider sind wir auf dem Weg zu solchen amerikanischen Zuständen seit 2014 ein großes Stück vorangekommen – oder besser: heruntergekommen. Obendrein drängen sich aus aktuellem Anlass einige Anfragen an unsere Medien auf. Wieso müssen sich jetzt wohl sehr viele in Deutschland darüber wundern, dass schon wieder knapp die Hälfte der US-Amerikaner – und noch deutlich mehr als vor vier Jahren – Donald Trump gewählt hat? Also einen Mann, von dem – durchaus den Tatsachen entsprechend – auch unsere Medien gezeigt haben, dass er ein zum Lügen geneigter Demagoge ist, der sein Land durchaus nicht größer gemacht hat, als es vor seiner Präsidentschaft bereits war? Musste nicht jeder, der Deutschlands Journalistenschaft glaubte, zur Ansicht gelangen, fast alle Amerikaner würden sich ihres Präsidenten schämen, an katastrophalen Folgen seiner Politik leiden und deshalb ihre falsche Entscheidung von 2016 mit einer erdrutschartigen Abwahl Trumps korrigieren? 

Doch offensichtlich war das Bild nicht richtig, das unsere Medien vom Prestige Trumps bei einem wirklich nicht kleinen Teil der amerikanischen Gesellschaft zeichneten. Wenn man sich aber schon auf das vermittelte Bild des für uns immer noch wichtigsten Landes nicht wirklich verlassen kann, obwohl doch die meisten Journalisten Englisch beherrschen und die USA oft bereist haben: Wie sicher können wir dann sein, dass die Berichterstattung über andere Länder und über sonstige Zusammenhänge nicht ebenso fehlerhaft ist, nicht ähnlich verzerrt durch persönliche Abneigungen und durch – dem eigenen Fortkommen dienende – Rücksichtnahmen auf die kollegiale Mehrheitsmeinung? 

Bei der Antwort auf diese Frage empfiehlt sich leider große Skepsis. Beim Umgang mit einer skeptischen Antwort wäre allerdings anzuraten, dass wir es mit unseren Journalisten nun gerade nicht so halten, wie das viele von ihnen mit Donald Trump gehalten haben – und der es freilich auch mit den Journalisten im eigenen Land gehalten hat. Bleiben wir vielmehr fair, üben wir unsere Kritik guten Willens, hoffen wir auf Einsicht – und seien wir bereit, eine merklich gewordene Journalisteneinsicht auch zu honorieren. Etwa – und man bemerke wieder einmal eine gewisse Ironie – durch die weitere Nutzung auch von ARD und ZDF und der Süddeutschen Zeitung und des SPIEGEL – und nicht nur unserer Lieblingsorte im Internet. Das wäre dann auch unserBeitrag zur Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.