Um Deutschland trauern

Rede zum Volkstrauertag,
gehalten am 18. November 2018 im Plenarsaal des Sächsischen Landtags
bei der gemeinsamen Gedenkveranstaltung des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge, des Sächsischen Landtags, der Sächsischen Staatsregierung, der Landeshauptstadt Dresden und der Bundeswehr

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Mit welchen Empfindungen sind Sie eigentlich hier, in dieser Feierstunde zum Volkstrauertag? Wie traurig sind Sie? Worüber empfinden Sie womöglich Trauer? Und folgt auch etwas aus dem Traurigsein – eine Haltung, gar eine Tat?

I.

Anlass und Grund zum Trauern waren klar, als der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Jahr 1919 einen „Volkstrauertag“ vorschlug: nämlich zur Erinnerung an die im Krieg gefallenen Deutschen. 1925 beging man den Volkstrauertag dann in ganz Deutschland, und seit dem Folgejahr lag er auf dem fünften Sonntag vor Ostern,  also am Anfang jener Wochen, die in einer christlichen Kultur die „österliche Bußzeit“ heißen. An deren Ende, zu Ostern, kann dann alles wieder gut werden. So passte es auch gerade für den Volkstrauertag.

Buße nämlich, der Sache und dem Begriff nach heute weithin unverstanden, meint das Folgende: sich besinnen auf das, was man in schlechter Absicht oder mit immerhin schlimmen Folgen getan hat; erkunden, worin und warum man falsch gehandelt hat; dann umdenken, also den eigenen Blick auf die Welt verändern, desgleichen die eigene Haltung zur Welt und in der Welt; fortan ausgehen aufs Unterlassen schlechter Gedanken, Worte und Werke, um sich statt dessen an gute Taten zu machen; und auf diese Weise neues Vertrauen aufbauen: zwischen anderen und sich selbst – und zwischen sich selbst und der Welt oder Gott.

 II.

Weil Deutschlands Politiker, wenn auch diese nicht allein, es sich vor 1914 bei der Sicherung des Friedens zu leicht gemacht hatten, auch weil sie auf höchst provozierende Kriegsziele ausgingen, und weil Deutschlands Militärführer – und freilich nicht nur diese – um des Sieges im Kampfe willen auch so vieles Schlechte taten: Eben deshalb mussten in Flandern und vor Verdun und auf so vielen weiteren Schlachtfeldern so viele Millionen junger und älterer Soldaten aus so vielen Völkern sterben, und gar nicht wenige Zivilisten desgleichen. Eben deshalb hatten auch in der jeweiligen Heimat so viele Hunderttausende von Familien gehungert. Eben deshalb waren so furchtbar viele einst hoffnungsvolle Leute aus ihre Lebensbahnen gerissen worden. Und das so schöne, wenn auch so fiebrige Europa der „belle époque“ war unwiederbringlich zerstört.

Gerade die Deutschen erlebten 1919 genau das als entwürdigt, was sie zuvor so stolz gemacht hatte: das erst vor wenigen Jahrzehnten neu aufgerichtete Reich. Vor 1914 war es auf einen Gipfel seines Ansehens und seiner Macht gelangt – getragen nicht nur von Wissenschaftsfreude, Wirtschaftskraft und Leistungswillen, sondern auch vom Deutschen als einer nicht nur die Gebildeten verbindenden Sprache in ganz Mittel- und Osteuropa – sowie von der deutschen Kultur als einem Kunst- und Gedankengebilde, dessen Dasein man nicht bezweifelte, sondern dankbar bewunderte.

Zu einer recht verstandenen Buße für eigene Fehler im Großen Krieg aber kam es nach 1919 bei den meisten Deutschen nicht. Verbitterung und Verhärtung, politische Verblendung, auch rücksichtslose Dummheit ruinierten die Weimarer Republik. Auftrumpfend siegte das Böse. Und aus einem Tag der Reue und Trauer machten die siegreichen Nazis den „Heldengedenktag“. Ein solcher ruft auf zum Feiern von Vorbildern – nicht aber zum Nachdenken über Irrwege. Und er hilft wenig beim Ausspuren aus falschen Bahnen.

Gewiss waren unter den Gefallenen des Großen Kriegs auch Helden, die ihr Leben für ihre Kameraden gelassen hatten – oder für das, was sie zu Recht oder Unrecht für eine gute Sache hielten, die wichtiger wäre als das eigene Leben. An solche Leute zu erinnern, ist richtig. Sehr wohl gehört es sich, aus ihrem mutigen Beispiel ebenso wie aus jenen Tragödien zu lernen, die sie – oft wider Willen – zum Heldentum zwangen. Doch die Nazis hatten mit jenem Tag durchaus anderes im Sinn. Sie gruppierten nämlich um den – weiterhin im März begangenen – „Heldengedenktag“ deutsche Aggressionsakte: 1936 die Remilitarisierung des Rheinlands, 1938 den Einmarsch in Österreich, 1939 die sogenannte „Zerschlagung der Rest-Tschechei“. Und alsbald wurde dieser Gedenktag mit dem Tag der Wiedereinführung der Wehrpflicht im März 1935 verbunden – und nicht mehr mit einem Sonntag in der Fastenzeit sowie mit dessen zivilreligiösem Sinn. Die Wehrpflicht aber verstanden die Nazis gerade nicht als ein „legitimes Kind der Demokratie“, sondern als ein Mittel zur Volkserziehung nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam, desgleichen als Voraussetzung zur kriegerischen „Revanche für 1918 und Versailles“. Dem folgte die Eroberung fremder Länder samt Unterdrückung und versuchter Ausrottung von Völkern.

III.

Die materiellen und die seelischen Zerstörungen, welche die Nazis anrichteten, übertrafen bei weitem sogar noch die schockierenden Übel des Großen Krieges zwischen 1914 und 1918. Denn das schlechterdings Böse setzten die Nazis ins Werk: einen Krieg in rassistischer Absicht des umfassenden Unterdrückens und Vernichtens. Diesem Krieg sollte am Ende – so Hitler in seinem Testament – auch noch das deutsche Volk zum Opfer fallen, weil es sich als für den Sieg zu schwach und deshalb als nicht länger lebenswürdig erwiesen habe. Nie hatten die Deutschen einen Anführer, der sie so ruchlos verriet.

Nach all diesen Schrecknissen, und angesichts der hinterlassenen Ruinen an Bauten und ganzen Städten, gar erst an Leib und Seele, konnte der erstmals wieder im März 1946 begangene Volkstrauertag sein Gedenken nicht auf die gefallenen deutschen Soldaten beschränken, auch nicht auf die Kriegsgefallenen von Deutschlands Gegnern. Denn zu den unmittelbaren Kriegsopfern gehörten auch jene vielen Zehntausende, die durch den Bombenkrieg verbrannt, erstickt, erschlagen waren – in Deutschland und anderswo. Und da waren die Verbrechen, welche Nazi-Deutsche so vielen anderen in Europa angetan hatten: das zerstörte Warschau und die zu Leibeigenen gemachten Polen, die verhungerten russischen Kriegsgefangenen, die in Lidice und Oradour, in den Fosse Ardeatine und in Distomo zu Terrorzwecken ermordeten Zivilisten, die in der Schlucht von Babi Jar oder in Auschwitz, in Treblinka oder Sobibor umgebrachten jüdischen Europäer und jüdischen Deutschen. Sie alle verlangen bis heute nach Reue, fordern Buße, und verdienen seitens der Nachgeborenen wenigstens Erinnerung und Mitgefühl.

Nicht minder gilt das für jene Deutschen und Gegner der Deutschen, deren Leben oder Seelen durch die Nazis zerstört wurden. Kaum einer wird ja von selbst zum fanatischen Denunzianten oder Mörder, gar mit zeitweise gutem Gewissen. Und wie fühlte es sich wohl in so vielen Ländern an, wenn der Vater, der Ehemann, der Sohn, der Bruder von den Seinen Abschied nahm – frisch eingezogen, oder nach einem Heimaturlaub? Wie empfand man das zu Deutschland im Wissen, dass es in einen Krieg ging, der mutwillig vom Zaun gebrochen war und so viele Verbrechen einschloss? In dem man also keine Ehre gewinnen konnte, sondern allenfalls die eigene Haut und das Leben mancher Kameraden zu retten vermochte? Und wie fühlten sich Hunderttausende von Familien in Deutschland und in anderen Ländern nach dem Erhalt der Nachricht, der Vater oder Ehemann, der Sohn oder Bruder werde vermisst oder sei gefallen? Wie erging es den Soldaten selbst – vor einer Schlacht, im Gefecht, danach? Angesichts von Leichen der Kameraden, gleich ob von solchen in der eigenen Uniform oder in einer anderen? Wie quälend konnte dann die Kriegsgefangenschaft sein, zumal wenn sie in Arbeitslager am Polarkreis oder in Sibirien führte? Wie mochte es nach der Heimkehr schmerzen, wenn Kinder den Vater nicht mehr kannten, die Frau einen anderen Mann gefunden hatte – und man sich wie nutzlos empfand, fremd, erhofften und einst schon errungenen Lebensglücks beraubt?

Und wie erlebte man es wohl auch, wenn allabendlich die Fenster zu verdunkeln waren – nicht wissend, was die Nacht bringen würde? Wenn man im Luftschutzkeller saß, dort Stunden voller Todesangst verbrachte – und nachher sein zerstörtes Haus erblickte, eine brennende Straße, die Ruinen seiner Stadt? Wie war es für die Überlebenden, als sie – vergewaltigt oder nicht, verstümmelt oder nicht, allesamt hungernd – nach der befreienden Besiegung, nach der besiegenden Befreiung sich bei niemandem über all das Elend und Unheil und Zugrundegehen beklagen konnten? Denn dieser Krieg war nun einmal von Deutschland ausgegangen und inzwischen ganz furchtbar nach Deutschland zurückgekehrt. An wem also sollte Verzweiflung und Wut auslassen, wer auf der Flucht aus Ostpreußen oder Schlesien war, wer herumirrte nach der Vertreibung aus Böhmen und Mähren, aus der Batschka oder aus der Gottschee? Und wem konnte man mit rechtfertigbarem Zorn kommen, wenn man nun solche Flüchtlinge in der eigenen Wohnung aufzunehmen hatte, gerade in den Notjahren gleich nach dem Krieg?

 IV.

Angesichts eines so umfassend schrecklichen Geschehens versteht man schon, dass wenige Jahre nach dem neuerlichen Krieg der Tag der Trauer verlegt wurde: weg vom beginnenden Frühling, hinein in Deutschlands melancholischste und trübste Jahreszeit. Das nämlich ist der November, in christlich geprägten Kulturen ohnehin der Monat zum Totengedenken. Doch dem Volkstrauertag ergeht es inzwischen so wie dem gleichfalls im November gelegenen Buß- und Bettag: Er ist ein nicht nur stiller, sondern auch ein möglichst unbemerkter Besinnungstag.

Auch daran erkennt man, wie sehr wir dazu neigen, das zu erinnernde Böse zu verkapseln oder abzuspalten. Es verkapselt nämlich das ins Gedächtnis zu Rufende, wer die unvermeidliche Historisierung beider Kriege zum Verblassenlassen grauenvoller Einzelheiten nutzt, also die wiederkehrende Einladung zum Mitgefühl ausschlägt. Und es spaltet ab, wer glaubt, dass alles Leid einfach „von den Nazis“ verschuldet wurde. Denn das klingt danach, als wäre einst ein übles Fremdvolk über unser Land gekommen und hätte es wider Willen zu schlimmen Taten gezwungen. Doch es waren schon unsere eigenen Großeltern oder Urgroßeltern, die Deutschland in jenes Unheil treiben ließen – oder dieses Unheil gar mitgestalteten. Waren diese Generationen in ihren Denkweisen, Gefühlswelten und Wertgefügen aber wirklich so anders als wir?

Und es wirkt wie die Vollendung selbstentlastenden Abspaltens, wenn der Ruf erschallt: „Nie wieder Deutschland!“, ja wenn sich dem gar noch die Behauptung zugesellt, dieses Land wäre nichts anderes als ein mieses Stück schandbaren menschlichen Abfalls. Die Flucht aus dem Deutschsein scheint dann von der Last zu befreien, auch selbst – und zwar ganz unabweisbar und unentrinnbar – in einem schlimmen und fortwirkenden Geschichtszusammenhang zu stehen.

Und von wie großen seelischen Verletzungen zeugt es wohl, dass an die Stelle zerbombter Bauten so oft Betonbrutalismus oder triviale Brachflächen gesetzt wurden? Oder dass sich so viele so aufgewühlt und so entschlossen immer wieder den Versuchen widersetzen, alte Schönheiten unseres Landes zurückzugewinnen – sei es in Potsdam und Berlin, oder in Frankfurt und einst in Dresden? Wird da vielleicht übererfüllt, gewiss oft besten Willens, was der so richtige Schwur eines „Nie wieder!“ unserem Land versprach: Nie wieder Selbstgefälligkeit, nie wieder Selbstberauschung, nie wieder Selbstüberhebung!

Doch womöglich wurde schlicht zur hochfahrenden Härte gegen sich selbst, was sich im Nazitum als rassistische Arroganz gegenüber anderen ausgetobt hatte. Dieses Gefühl, nun seinerseits einen erfolgreichen Kampf gegen das Böse von früher zu führen, verschafft zwar den Stolz eigenen Gutseins – und befreit, so die Hoffnung, von der Last des Trauerns über die ja weiterhin eigene Geschichte. Doch womöglich drückt sich da nur eine gewisse „Unfähigkeit zum Trauern“ aus, findet sich also gleichsam das innere Abbild der äußeren Unwirtlichkeit so vieler einst zerstörter Städte.

 V.

Was aber wäre ein „richtig vollzogenes“, am Ende vielleicht zur Heilung führendes Trauern – gerade, wenn so vieles Furchtbare aus unserer Geschichte zu betrauern ist?

Da ist das Aushalten eines anfänglichen Schocks, ausgelöst durch das wirkliche Eintreten des teils Befürchteten, teils für ausgeschlossen Gehaltenen. Für die Deutschen reichte das vom erlittenen Luftkrieg über die Vertreibung aus der Heimat bis hin zu jenem – oft so widerwilligen – Gewahrwerden schlimmster Nazi-Verbrechen, wie es etwa die Weimarer beim ihnen auferlegten Gang nach Buchenwald erlebten. Und einen Schock dieser Art erlebt auch jede nachwachsende Generation der Deutschen – in Spielfilmen wie „Holocaust“, beim Besuch von KZ-Gedenkstätten und Soldatenfriedhöfen, und notwendigerweise auch im Geschichtsunterricht.

Zum Trauern gehört ebenfalls eine Zeit der Niedergeschlagenheit und des Haderns mit dem Schicksal. Das traf die Deutschen ganz besonders, denn nicht minder schlimm als die materielle Zerstörung ihres Landes war nach dem Ende der Nazi-Zeit dessen moralischer Ruin, nämlich die so folgenreich – und keineswegs grundlos – zugeschriebene Verbindung von Deutschsein mit Nazismus und Völkermord. Eben das werden noch etliche Generationen von Deutschen beschämt und trauernd zu ertragen haben. Sie werden auf diese Weise aber auch, hoffentlich, immer wieder politische Naivität abstreifen und der Brüchigkeit einer jeden Zivilisation gewahr werden.

Zum Trauern gehört freilich ebenso die Zeit, in der man sich an manche Wunden gewöhnt. So widerfuhr es den Deutschen mit jenen Ruinen, inmitten welcher sie jahrzehntlang zu leben hatten. So erging es ihnen auch mit jener Fremdbestimmung durch die Siegermächte, die erst 1990 abgestreift wurde. Und an die weiterlebenden Mörder im eigenen Land hatte man sich ohnehin rasch gewöhnt, selbst wenn schon Deutschlands erster Spielfilm nach dem Krieg solcher Gewöhnung zu wehren versuchte. Vermutlich haben wir alle uns inzwischen ans Gewesensein und an das unvermeidliche Erinnertwerden all jener Schrecknisse gewöhnt: Furchtbar waren sie zwar – doch das eigene Leben vergiften sie nun nicht mehr.

Zum Trauern gehört aber nicht minder jene Zeit, in der manche Wunden wirklich heilen, wenngleich die Narben nicht vergehen. Die so schmerzenden Verluste in Familie und Freundeskreis wurden zur Geschichtserzählung, und durchaus nicht erst seit dem Aussterben der Erlebnisgeneration. Ebenso wird das so lange nachwirkende Leiden am Verlust der Heimat, spätestens mit dem Abtreten der Erinnerungsgeneration, dahinschwinden – ganz gleich ob, die einstige Heimat in Böhmen lag oder in Schlesien oder in Pommern oder in Ostpreußen. Wer leidet denn wirklich noch beim Blick auf eine Landkarte mit der merkwürdig geraden Ostgrenze Deutschlands entlang von Oder und Neiße – und freut sich nicht viel mehr darüber, was mittlerweile ihr entlang an guter Nachbarschaft, ja auch an Freundschaft, zwischen Deutschen und Polen gewachsen ist!

Wenn also bei solcher Trauerarbeit vieles gutgeht, wenn man sich weder dem Erinnern noch recht verstandener Buße verweigert, dann zieht immer wieder auch eine Zeit herauf, in der sich seelisches Gleichgewicht neu einstellt. Dann lässt sich nicht nur frische Zuversicht fassen, sondern – getragen von ihr – auch das eigene Leben und das eigene Land neu aufbauen. So ist es glücklicherweise mit Deutschland gekommen – und mit Europa um uns herum desgleichen.

 VI.

Trotzdem bleibt das wiederkehrende Erinnern an jene deutschen Wege wichtig, die im 20. Jahrhundert für uns und unsere Nachbarn so schrecklich und so nachschmerzend waren. Nicht nur gilt es, anhand früherer Fehler zu erkennen, welche falschen Weichenstellungen wir künftig unterlassen sollten. Sondern bleibt es schon auch richtig, weiterhin – und auch mit Denkmalen – jene Schande zu erinnern, die deutsche Verbrechen über unser Land gebracht haben. Es wird angetanes Leid ja nicht dadurch kleiner oder weniger schlimm, dass es nun jahrzehntelang zurückliegt. Von Deutschen Ermordete, und auch die ermordeten Deutschen, verdienen deshalb nicht nur weiterhin unser Mitleiden, sondern sie mahnen uns auch, dass nie wieder der Tod zum „Meister aus Deutschland“ werden darf.

Außerdem sollte kein künftiger Volkstrauertag noch mehr zu betrauern haben als der heutige. Denn wir gedenken an diesem Tag auch jener Soldatinnen und Soldaten unserer Bundeswehr, die auf Auslandseinsätzen gefallen sind. Gerade ihretwegen muss unsere Außenpolitik so sein, dass unser Land nie wieder in andere Kriegshändel verwickelt wird als in jene, die uns – hoffentlich niemals – durch Notwehr oder Nothilfe aufgezwungen werden.

VII.

Was wäre, gerade angesichts all dessen, der von unserem Land fortan einzuschlagende und dauerhaft zu beschreitende Weg? – Ihn hat, nichts von der kommenden Geschichte unseres Landes ahnend, schon 1841 Hoffmann von Fallersleben ausgeschildert. Gewiss war dieser hochpolitisierte Germanist und Bibliothekar allzu sehr ein Kind seiner Zeit – nämlich als Franzosenhasser, als Antisemit, als Nationalist. Auch begibt sich die zweite Strophe seines „Lieds der Deutschen“ sehr weit in den Kitsch, während die erste Strophe jetzt ganz aus der Zeit gefallen ist. Doch die Worte der dritten Strophe, heute unsere Nationalhymne, gerieten zu bleibender Gültigkeit: Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand.

„Einigkeit“ wünschen wir uns hinsichtlich jenes Grundkonsenses pluralistischer Demokratie, der allein unsere sich so sehr polarisierende Gesellschaft zusammenhalten kann. Um Menschenwürde und um Gewaltlosigkeit geht es bei ihm ganz wesentlich. „Recht“ sichern wir durch einen wirkungsvoll an die Menschenwürde rückgebundenen Rechtsstaat. Und die „Freiheit“ verwirklichen wir innerstaatlich durch Gewaltenteilung samt Demokratie, sowie zwischenstaatlich durch die Einfügung unseres Landes in einvernehmliche Vertragsbeziehungen. Von unseren jahrzehntelangen Erfahrungen mit alledem belehrt, wissen wir nun wirklich: Gerade wenn wir weiterhin in genau diesem Sinn nach Einigkeit und Recht und Freiheit streben, und möglichst mit Herz und Hand, dann kann unser Deutschland weiterblühen im Glanze jenes Glücks, das inzwischen wieder über uns gekommen ist.

Und es ist ja wirklich eine ganz unglaubliche Erfolgsgeschichte, die das Deutschland von heute mit jenem Deutschland verbindet, an dessen Taten und Schicksal wir uns am Volkstrauertag erinnern. Diese Erfolgsgeschichte von Einigkeit und Recht und Freiheit haben wir nun unsererseits in die Zukunft weiterzuführen.

Genau dazu rufen uns besonders schön die Anfangszeilen der Hymne jenes deutschen Staates auf, mit dem der westdeutsche Teilstaat seit nun bald dreißig Jahren wieder vereint ist. Mögen diese Worte deshalb immer mitempfunden werden, wenn auf Joseph Haydns Kaisermelodie die Verse Hoffmann von Fallerslebens erklingen. Denn es geht um keinen kleineren Vorsatz, um keine geringere Absicht als die folgende: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt / lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland!“