Ein „déjà-vu“? Bürgerprotest und Radikalengewalt

Man nennt es ein „déjà-vu“, wenn empfunden wird, man habe etwas gerade jetzt Vorfallendes schon einmal erlebt, also nicht einfach geträumt. Ich frage mich nun, ob ich selbst ein bestimmtes Verhältnis zwischen derzeitiger medialer Darstellung und tatsächlich Vorgefallenem bereits einmal erlebt habe. Nur steht in diesem Fall das Vergangene außer Zweifel, während zu klären ist, ob es sich jetzt wohl wieder so verhält wie einst.

Es geht um die Chemnitzer Ereignisse sowie die Berichterstattung über sie, mitsamt der daraus genährten – und dann ihrerseits medial gespiegelten – öffentlichen Debatte. Am vorgestrigen Dienstag zwischen 6:20 und 22:15 war ich Gesprächspartner in gut 25 Hörfunk-, TV- und Pressinterviews sowie in einer knapp einstündigen Radiodiskussion. Also hatte ich keine Zeit, mir die zeitnah im Internet kursierenden Videoclips von den Chemnitzer Demonstrationen und Gegendemonstrationen anzusehen, sondern konnte nur überblicksmäßig verfolgen, was in den Online-Ausgaben der großen Zeitungen und Sender mitgeteilt wurde.

Daraus sowie aus jenen wie Selbstverständlichkeiten behandelten Beurteilungszusammenhängen, aus denen heraus so viele Journalisten mir ihre Fragen stellten, reimte ich mir die folgende Lage zusammen: Rechtsextreme Gruppen hatten viele Hunderte von weiteren Rechtsextremisten und Rassisten nach Chemnitz gerufen, wo Tausende von Chemnitzern mit ihnen gemeinsame Sache machten. In der ganzen Innenstadt hetzten sie migrantisch Aussehende, gingen sie gewaltsam auf jene los, die sich ihnen entgegenstellten, und offenbarten durch lustvolles Zeigen von Hitlergrüßen, wes Geistes Kind sie wären. Zu erklären galt es also immer wieder, warum es in Chemnitz – und ohnehin in Sachsen – so viele Nazis und Rassisten gäbe, welche Schuld die CDU-geführte Landesregierung an deren Dasein habe, und ob nicht die sächsische Polizei solches Treiben begünstige. In einem Gespräch mit einem arabischen Journalisten wurde ich gar gefragt, ob Deutschland angesichts des nun in Gang kommenden Bürgerkriegs nicht ganz neue Gesetze brauche.

So ähnlich wirkte sich einst die Berichterstattung über die Dresdner PEGIDA-Demonstrationen aus. Weil ich diese Kundgebungen und „Abendspaziergänge“ zwischen dem 8. Dezember 2014 und dem zeitweisen Zerfall dieses periodischen Protestgeschehens aber persönlich beobachtete, und weil fast seit Beginn der PEGIDA-Aktivitäten Studierende aus meinem Forschungsseminar mir wöchentlich von ihren dortigen Erlebnissen berichteten, konnte ich sehr gut die Medienlage mit der Lage vor Ort vergleichen und deutliche Unterschiede zwischen dem insgesamt Geschehenem sowie dem auswählend, schwerpunktsetzend und deutend Berichtetem erkennen. Das ließ mich dann, in vielen Medien nach meiner Einschätzung gefragt, sehr gegenstandsnah zu etwas anderen Analysen kommen, als sie jene Kollegen vornahmen, die sich allein auf die Medienberichterstattung verlassen mussten oder verlassen wollten.

Bei meinen Interviews von gestern und vorgestern konnte ich hingegen überhaupt nichts aus eigener Anschauung beitragen. Vielmehr hatte ich mich – wie freilich die meisten anderen analysierenden Kommentatoren auch – auf genau das zu beziehen, was in den Journalistenfragen als feststehende Tatsache behandelt wurde. Zwar fand ich – zumal in Anmoderationen und journalistischen Vor-Ort-Beschreibungen – immer wieder Andeutungen dahingehend, nicht alle Demonstrierenden wären eindeutig Rechtsextreme, sondern gar nicht wenige „ganz normale Leute“ wären unter ihnen gewesen. Doch das Erklärungs-, Interpretations- und Präventionsinteresse konzentrierte sich ganz auf „die schweren rassistischen und rechtsextremistischen Ausschreitungen“.

Wirklich habe ich bis heute kein so klares Lagebild, wie ich es während jener Wochen besaß, in denen PEGIDA einen Großteil der Aufmerksamkeit deutscher Innenpolitik auf sich zog. Vor allem kann ich nicht die in Chemnitz sich zeigenden Proportionen zwischen „normalem Protest“ und „extremistischer Hetze“ einschätzen. Einen solchen Zustand, in dem man aufs Hörensagen, Fürwahrhalten und Glaubenwollen angewiesen ist, mag ich in keiner Weise. Ich liebe es, Daten und Fakten zu haben, damit ich mir ein in der Wirklichkeit begründetes Urteil erarbeiten kann und mich nicht an dem orientieren muss, was „man“ so sagt und meint. Letzteres macht einen nämlich zum diskursiven Mitläufer, was durchaus keine angemessene Rolle für einen Wissenschaftler ist.

In dieser Lage bitte ich um Hilfe. Einige haben mir bereits – vor allem über Facebook – Links zu Videoclips zukommen lassen, die das Chemnitzer Geschehen zeigen. Mir erschließt sich daraus aber noch kein verlässliches Lagebild. Deshalb wäre ich dankbar, wenn mir möglichst viele jenes ihnen verfügbare Video-, Bild- und Interviewmaterial zugänglich würden, auf das sie ihre eigenen Einschätzungen der Ereignisse gründen. Nachweise rechtsextremistischen Tobens sind mir dabei ebenso willkommen wie Nachweise bürgerschaftlicher Protestnormalität. Wie einst bei PEGIDA geht es mir nicht um Parteinahme, sondern um das Erkennen von Sachverhalten, um das Verstehen von Handlungsmotiven und um das Erklären von Entwicklungen – und um das alles deswegen, weil wir ja verlässliche Grundlagen für Gedanken darüber brauchen, wie man missliche Zustände bessern könnte. Und weil die Serie Chemnitzer Demonstrationen wohl noch einige Zeit anhalten dürfte, bezieht sich meine Bitte auf Material nicht nur über vergangene, sondern auch über – von jetzt aus gesehen – noch kommende Vorgänge.

Was genau ich aus dem mir dann verfügbaren Material machen werde, ist mir noch nicht klar. Das wird gewiss stark vom weiteren Gang der Ereignisse sowie vom Daten- und Befundaufkommen abhängen. Jedenfalls danke ich schon im Vorhinein für jede Mühe, die sich gleich wer in dieser Sache macht. Und Kommentierungen sowie Diskussionen zu alledem sind natürlich willkommen wie immer!

 

Bildquelle: https://www.zdf.de/assets/demonstration-in-chemnitz-100~1920×1080?cb=1535455223895