Gauland und der Vogelschiss

Ein Lehrstück dafür, wie vernünftiger Umgang mit Deutschlands Geschichte gerade nicht geht, hat unlängst Alexander Gauland geliefert. Wenn nämlich die staatsverbrecherische Zeit des Nationalsozialismus samt ihrer Vorgeschichte und den bis heute wuchtigen Nachwirkungen nur ein „Vogelschiss“ in der tausendjährigen Geschichte Deutschlands war, dann ist hier anscheinend ein Riesenvogel wie aus „Sindbads Reisen“ mit Fäkalien einem Kleinkind gekommen. Doch nicht einmal diese Umformung macht Gaulands Bild dessen, was der Nationalsozialismus so vielen Leuten angetan hat, auch nur halbwegs stimmig.

Tatsache ist nun einmal, dass die Taten der Nationalsozialisten und ihrer Mitläufer unser Land auf einen Tiefpunkt brachten, zu dem dessen Bevölkerung zuvor nur (!) durch den Dreißigjährigen Krieg abgesunken war. Den aber führten auf deutschem Gebiet nicht nur die katholischen Kaiserlichen und die protestantischen Fürsten untereinander, sondern ganz wesentlich auch fremde Mächte wie Frankreich und Schweden. Die brutale Diktatur der Nationalsozialisten, die Angriffskriege des Dritten Reichs sowie dessen tatkräftig betriebenen Völkermorde gingen aber allein von Deutschen aus; und auf diese Weise bewirkten sie weit mehr als eine „Detailbeschmutzung“ Deutschlands, sondern taten – nicht nur, doch eben auch – auch unserem Land einen noch in Jahrhunderten fühlbaren Schaden an, gerade so wie einst der Dreißigjährige Krieg.

Zwar lässt sich verstehen, dass Leute, die unser Land und seine Leute mögen, dessen Geschichte nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus verkleinert sehen wollen, und dass sie sich auch andere Erzählungen über unserer Geschichte wünschen, als dass im Grunde alles – und spätestens von Luther über Bismarck und Nietzsche – auf den Nationalsozialismus zugelaufen sei, weshalb sich die künftige, hoffentlich bald in einer Welt mit „no borders, no nations“ endende, deutsche Geschichte vor allem als Abgesang auf und als Buße für den Nationalsozialismus verstehen müsse. Doch gerade wer Deutschland und seine Kultur mag, kann sich in keiner Weise auf ein Herabspielen des böswillig-dummen Verbrechertums der Nazis einlassen. Dieses war nämlich gerade nicht ein „authentischer Ausdruck“ dessen, was unser Land und seine Leute ausmacht, sondern im Gegenteil die – leider möglich gewordene – furchtbare Perversion von in der Tat sehr vielem, was auch weiterhin Bestandteil unserer Kultur ist. Also müssen wir sehr wohl darauf achten, dass aus diesem Schoß nie wieder Ähnliches kriecht.

Das alles so zu sehen, verbietet einem seriösen Intellektuellen oder einem redlichen Politiker jedes flache oder einsträhnige Reden über unsere Geschichte, welches diesen einzigartigen Verbrechenskomplex aus Diktatur und Rassismus, aus Krieg und Völkermord sozusagen „politisch mundgerecht“ verkleinert. Natürlich ist unser Deutschland viel mehr als der Nationalsozialismus und seine Schrecken; doch der war eben schon viel, viel mehr als nur ein „Vogelschiss“ auf einem weißen Sonntagsanzug. Und wenn auch so mancher halbwegs gut durch die Zeit des Nationalsozialismus kam: Dutzende von Millionen taten das gerade nicht – und erlebten einen Zusammenbruch ihrer Welt, ihres Glaubens, ihres Lebens. Das einen „Vogelschiss“ zu nennen, verfehlt ganz grotesk die Dimensionen des Geschehenen.

Ein Lehrstück ist diese Fehlleistung des AfD-Vorsitzenden gerade auch durch den neuerlichen Nachweis, wie leichtfertig selbst erfahrene Politiker jener Partei mit großen und wichtigen Themen umgehen. Stammtischformeln – wie einst zum Fußballspieler Boateng – reichen zwar, um Stammtischpolitiker zu begeistern; sie sind aber so gut wie nie auf der Höhe jenes Gegenstandes, um den es geht. Also bekräftigt ohnehin längst schon gesäte Zweifel an der Seriosität sogar des „realpolitischen Lagers“ innerhalb der AfD, wer Stammtischdenker gerade nicht zum besseren Denken bringen, sondern nur rhetorisch zufriedenstellen will. Doch wer für Deutschland eine wirkliche Alternative anbieten will, muss schon auch Substanz vorweisen und zwar beim Aufweis eigener Gestaltungsvorhaben ebenso wie beim Blick auf die Geschichte und auf jene Lehren, die es aus ihr zu ziehen gilt. Dieser Forderung ist Alexander Gauland nicht gerecht geworden – ebenso wenig wie einst Björn Höcke, um von Leuten aus der zweiten oder dritten Reihe der AfD ganz zu schweigen.

Im Übrigen empfinden – hinter einer Pose pflichtschuldiger Empörung – gewiss alle Parteien von der Linken bis zur CSU regelmäßig aufrichtigste Schadenfreude, wenn ihnen führende AfD-Politiker immer wieder sowie ganz gratis Munition für Angriffe auf diese neue, bislang so zugkräftige und durch traditionelle Ausgrenzungspraxen anscheinend nicht kleinzubekommende Konkurrenzpartei geben. Eigentlich sollten Parteiführer ja den Nutzen ihrer Parteien mehren und Schaden von ihnen wenden – nicht aber politische Gegner zu absehbar leicht erringbaren Scharmützelsiegen einladen.

Das allerdings sei hier nur aus der analytischen Perspektive eines politikwissenschaftlichen Beobachters angemerkt. Natürlich darf es die AfD mit Klugheit oder Torheit ganz nach eigenem Belieben halten, solange sie die verursachten Folgen allein zu tragen hat. Doch uns alle geht an, welche Schäden die AfD in unseren – politisch so wichtigen – Selbstverständigungsdiskursen immer wieder anrichtet. Und deshalb gibt es viele gute Gründe dafür, Alexander Gaulands jüngste Fehlleistung gerade nicht wie einen „Vogelschiss“ zu behandeln – und ähnliche Fehlleistungen von anderen AfD-Politikern auch nicht. Umgekehrt gilt: Wer unter den AfD-Kritikern sich nicht als selbstgefällig oder selbstgerecht erweisen will, sollte sich der AfD gegenüber auch selbst nicht von intellektueller Unseriosität oder politischer Unredlicheit leiten lassen. Es gibt allseits noch viel „Luft nach oben“.

 

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