Woher kommt der globale Erfolg westlicher Gesellschaften?

 

ursprünglich erschienen als: Werner J. Patzelt, Das 17. Jahrhundert: Evolutorische Aspekte des globalen Erfolgs westlicher Gesellschaften, in: Ulrich Blum, Hrsg.: Economic Governance und Ordonomik. Beiträge zur Tagung 2017 im Festsaal des Siedehauses des Technischen Halloren- und Salinemuseums, Halle 2017 (= Series in Political Economy and Economic Governance 11), S. 19-32 

 

I. Wofür eine evolutionstheoretische Betrachtung, warum zum 17. Jh. Europas?

Am Ende von Entwicklungen oder beim Morschwerden von Strukturen erkennt man besonders leicht, warum sie wurden, wie sie waren oder gerade noch sind. Der Grund ist nicht, dass man jetzt voll entfaltet fände, was „immer schon angelegt“ gewesen sei, oder dass sich nun ein „eingeschriebenes Entwicklungsgesetz“ erkennen ließe. Beides gibt es bei sozialen Strukturen nämlich nicht. Doch vom Ende her sieht man übers Ganze, wie von innen her das einmal Geformte dem Nächstmöglichen Grenzen setzte, also Pfadabhängigkeit bewirkte. Und man wird dessen gewahr, wie sich wandelnde Umstände, ja auch die Wucht von Zufällen (d.h. von Kontingenz), von außen her einem einst begonnenen Entwicklungsgang Hindernisse aufbauten, Weichen stellten, ihm vielleicht auch zunächst ganz unvorstellbare Möglichkeiten eröffneten. Das alles betrachten zu können, macht den Reiz des Blicks auf die Geschichte aus (vgl. Patzelt 2007, 2007a). Besonders viel sieht man dabei zu solchen Zeitpunkten, an denen zwischen Vergangenem und Kommendem etwas „zu Ende gegangen“ ist, also gleichsam ein „abgeschlossenes Sammelgebiet“ geschichtlicher Ereignisse entstand.

So ungefähr scheint es sich allmählich mit Europa zu verhalten. Im 16. Jh. reisten Portugiesen und Spanier, Engländer und Niederländer, auch die Franzosen quer um die Erde und bereiteten vieles von dem vor, was im späten 19. Jh., der Zeit des Hochimperialismus, Europa an die Spitze der Welt gelangen ließ. Im 17. Jh. die erlahmten in Europa die Religionskriege, entstand der nachfeudale neuzeitliche Staat, endete Europas einstweilen letzte Bedrohung von außen her, nämlich jene durch das Osmanische Reich. Im 18. Jh. wurden dann Vernunft und Wissenschaft zu Leitideen, welche die Kultur und Gesellschaft, die Wirtschaft und die Staatlichkeit Europas tiefgreifend veränderten (hierzu v.a. Reinhard 2000). Im 19. Jh. schnellte, dank jener Voraussetzungen und unter der doppelten Schubkraft von Industrieller Revolution und Bevölkerungswachstum, Europas Macht auf ihren Gipfelpunkt. Kein anderer Weltteil kam damals Europa an Einfluss gleich. Im 20. Jh. ruinierte sich Europa durch zwei Große Kriege, durch Völkermord, auch durch den real existierenden Sozialismus, der unglaublich viel an Human-, Sozial- und Realkapital vernichtete. Dafür stiegen Europas nordamerikanische Kolonien für einige Jahrzehnte zur Vormacht der Erde auf.

Und künftig? Vielleicht wird Europa zu einer nicht länger kriegszerfressenen, da föderal verfassten und sich selbst genügenden Weltgegend. Womöglich endet Europa wie das hellenistische Griechenland im Römischen Reich: als machtpolitisch drittrangiges Freilichtmuseum, in das man zu luxusartigen Bildungszwecken gerne reist. Wahrscheinlich wird Europa zu einer multiethnischen Staatengemeinschaft, in der sich eine multikulturelle Migrantengesellschaft zu jener Kultur, welche die fortbestehenden Kathedralen und Stadtbilder einst hervorbrachte, gerade so verhält wie das heutige Ägypten zu den Pyramiden. Die sind von alters her da und ziehen nun jene Touristen an, von deren Geld man lebt; also kümmert man sich um sie.

Falls diese Dystopie nicht ganz in die Irre führt, dann haben wir gerade heute einen guten Beobachtungspunkt für das rückschauende Gewahrwerden dessen, was Europa einst groß, zeitweise sogar übermächtig werden ließ. Angelpunkt scheint das 17. Jh. gewesen zu sein. Dessen Fundamente liegen wiederum im Zeitalter der Entdeckungen und der Renaissance, in der Neuentstehung von – ziemlich primitiver – Staatlichkeit nach den fragilen Zeiten des Frühmittelalters, nicht zuletzt aber auch in der Prägekraft des Christentums als einer Religion, welche die Sphären von Politik und Glauben zwar aufeinander bezieht, doch zunächst einmal klar voneinander trennt. Nur auf diese Weise konnten sich nämlich Politik und Wirtschaft gemäß ihrer Eigenlogik entwickeln und wurden – anders als in der islamischen Welt – nicht von religiösen Regeln stranguliert.

Geschichtliche Strukturerkenntnis, die über den Blick auf Einzelfakten hinausführt, setzt allerdings immer theoretische Sensitivität voraus. Andernfalls gibt es nämlich keinen ordnenden Zugriff auf die Menge und Vielfalt dessen, was sich über vergangene Wirklichkeit wissen und denken lässt. Erkenntnisleitend ist im Folgenden der Evolutorische Institutionalismus (als Überblick siehe, mit weiteren Verweisen, Patzelt 2012). Dieser ist nichts weiter als die Anwendung der Allgemeinen Evolutionstheorie (Schurz 2011) auf Institutionen und Institutionengefüge, die ihrerseits die vergleichsweise „härtesten“ Kerne von Gesellschaft sowie Kultur sind und somit die soziale Wirklichkeit mitsamt ihrer Entwicklung mehr als alles andere prägen. Dieser geschichtstheoretische Zugriff wird im Folgenden einfach praktiziert und – gerade durch umfangreiche Kursivsetzung von evolutionsanalytischen Schlüsselbegriffen – vor Augen geführt. Der Evolutorische Institutionalismus wird aber nicht vorab abstrakt entfaltet, denn das geschah schon mehrfach andernorts und kann dort nachgelesen werden (Lempp/Patzelt 2007, 2007a; Patzelt 2008, 2009, 2014).

Ständiger, freilich nur kursorisch angesprochener Vergleichsgegenstand ist die Geschichte Chinas. Dessen Hochkultur und Staatlichkeit bestanden längst, bevor sich Europa überhaupt auf den Weg zur Hochkultur und Staatlichkeit machte. China scheint auch aufs Neue – diesmal sogar für die ganze Erde – zum „Reich der Mitte“ zu werden, während der aus Europa hervorgegangene „Westen“, zumindest aber Europa selbst, machtpolitisch absteigt. Seinen Aufstieg aber nahm Europa einst durch Entwicklung jener wissenschaftlich-technischen Zivilisation, die in China gerade nicht aufkam. Warum sich Europa und China hierin unterscheiden, ist eine der ganz spannenden Fragen vergleichender kulturhistorischer Forschung (siehe v.a. Needham 1979). Sie eines Tages plausibel zu beantworten ist umso wichtiger, als China über einen großen Teil der Erde wohl auch noch zu solchen Zeiten herrschen dürfte, in denen die meisten Europäer zufrieden sein werden, wieder die Hintersassen wirklicher weltpolitischer Akteure zu sein. Wird eine solche Welt dann aber weiterhin von einer wissenschaftlich-technischen Zivilisation geprägt werden – und gar erst von jenen Triebkräften, die sie einst mitsamt Europas Größe hervorbrachten?

II. Grundzüge der Sozial- und Kulturevolution Europas

Nach dem Ende der Keltenzeit, über die uns dieses schriftlose Volk leider keinen ins Innere seiner Kultur führenden Verständnisschlüssel hinterließ, war der westliche Rand Eurasiens jahrhundertelang durch Invasionen bedroht, ja auch durch – teils sogar erfolgreiche – Versuche der Landnahme (dazu u.a. Morris 2010). Das gilt sogar für jenes Römische Reich, das – obwohl eine Mittelmeerzivilisation – seit der Kaiserzeit auch das spätere (Nord-) Westeuropa regierte. Zuvor schon hatte dieses Reich in Norditalien, der „Gallia cisalpina“, die dortigen keltischen Gesellschaften teil überlagert, teils kulturell integriert. Später vollzogen die Römer Gleiches mit der „Gallia transalpina“, zumal mit dem heutigen Frankreich. Germanen wiederum, nämlich die Kimbern und Teutonen, drückten seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert von Norden her auf die jeweils entstandenen römischen Ordnungsstrukturen. Versuche, dem präventiv entgegenzutreten, scheiterten im 1. Jh. mit dem endgültigen Misslingen einer Eroberung des rechtsrheinischen Germaniens. Stattdessen errichtete man zur Sicherung der Reichsgrenze den Limes und viele Grenzkastelle. In etwa so versuchte sich auch China  seit dem 7. Jh. v. Chr. durch die „Große Mauer“ gegen Invasionen zu schützen.

Letztlich misslang Roms Abwehr, und zwar viel folgenreicher als Chinas Unterliegen gegenüber den Mongolen und Mandschu im 13. und 17. Jh. Seit dem dritten nachchristlichen Jahrhundert drückten nämlich immer neue Germanenstämme, ihrerseits von Zentralasien her angegriffen, zunächst von Osten, dann auch von Norden her auf die so lange so stabil erscheinende Welt des römischen, später Weströmischen Reiches. Erst waren es das Goten, am Ende – als letzte von vielen Stämmen – die Franken. Wie zumal die Ost- und Westgoten, die Vandalen und Langobarden begründeten auch die Franken auf dem Gebiet des – insgesamt in mehreren Wellen eroberten – Weströmischen Reichs ihre eigene Herrschaft. Das fränkische Reich stellte sich später sogar bewusst in die Tradition des Römerreichs und konkurrierte solchermaßen mit dem immer noch machtvollen, erst ein halbes Jahrtausend später von den Osmanen vollends eroberten Oströmischen Reich. Und jenes germanische „Heilige Römische Reich“, als Klammer und Überhöhung der entstandenen Stammeskönigreiche unter Karl d. Gr. begründet und 962 von Otto d. Gr. erneuert, bestand dem Titel nach sogar viele Jahrhunderte lang weiter. Erst zur Zeit der napoleonischen Expansion stürzte dessen längst hohle Fassade ein.

Zuvor aber waren vom Osten her im 5. Jh. die Hunnen gekommen, im 9. Jh. die Ungarn, im 13. Jh. die Mongolen, seit dem 14. Jh. obendrein die Osmanen. Diese letzteren beherrschten dann jahrhundertelang den Balkan. Vom Süden her waren im 8. Jh. erobernd die Araber bis nahe der Loire eingedrungen und regierten dann bis zum späten 15. Jh. einen – freilich immer kleineren – Teil der Iberischen Halbinsel. Vom Norden her kamen im 9. Jh. plündernd, doch auch staatsgründend, die Normannen, und sie setzten ihr maritimes Vordringen im 11. Jh. bis nach Süditalien fort. Und den nach Westen ziehenden Germanen waren von Osten her die Slawen gefolgt. Diese wurden vom später entstandenen Deutschland wieder zurückgedrängt, teils mit deutschen Siedlungen durchsetzt. Die prägende Präsenz von Deutschen östlich von Oder und Neiße endete dann nach 1945 mit Flucht  und Vertreibung, Verpönung alles Deutschen sowie der Spätaussiedlung der meisten Deutschstämmigen.

In dieser rund ein Jahrtausend früher sich neu formenden Staaten- und Kulturwelt, ihrerseits kriegs- und zerstörungsdurchfurcht sowie von den Germanen stark barbarisiert, wurden – unter Verschmelzung keltischer, romanischer, germanischer und slawischer Bevölkerungsteile – zunächst ganz primitive feudale Ordnungsstrukturen aufgebaut (Finer 1999). Die Normannen und Ungarn wurden, nachdem sie das Christentum angenommen hatten, in die entstehende Kultur integriert, die muslimischen Araber und Osmanen aber abgewehrt und zurückgedrängt. Vor einer Zerstörung der damals noch schwachen Ordnungsstrukturen Europas durch die zentralasiatischen Mongolen rettete im 13. Jh. nur der Zufall. Die mongolische Expansion in den fernen Westen wurde nämlich wegen des Tods des Großkhans abgebrochen, weshalb die Spur der Zerstörungen – nach der mongolischen Eroberung Chinas, Persiens, Mesopotamiens und Russlands – zwischen Schlesien und dem heutigen Österreich endete. Nach Osten hin, zum sich nur schrittweise aus mongolischer Oberhoheit befreienden Russland, blieb es eine Frage kultureller, wirtschaftlicher und militärischer Machtverhältnisse, ob dort Europas Peripherie lag – oder, wie nach den napoleonischen Kriegen und nach dem Zweiten Weltkrieg, das Machtzentrum einer auch europäischen Großmacht. Insgesamt dauerte es viele Jahrhunderte, bis jene Nischenturbulenzen vorüber waren, aus denen dem Werdeprozess Europas der Untergang hätte drohen können. Die 1683 vor Wien begonnene und anfangs des 18. Jh. abgeschlossene Beseitigung der „türkischen Gefahr“ war jedenfalls der entscheidende Schritt hin zur endgültigen Sicherung Europas. Dabei blieb es bis zur Russischen Revolution von 1917 und deren ideologischem Expansionsdrang. Der wiederum führte nach 1945 zu einer Spaltung Europas, die bis 1990 währte.

Im Übrigen wurden im Ersten Weltkrieg die USA als Verbündete von Deutschlands Gegnern nach Europa gerufen und rückten nach 1945 sogar in die Rolle einer Vormacht von dessen Westteil auf. Indem man aber fortan die nicht von der Sowjetunion bzw. Russland beherrschten Teile Europas gemeinsam mit den USA und Kanada, ihrerseits Europas erfolgreichste Kolonien, als „den Westen“ auffasste, empfanden die meisten Europäer „die Amerikaner“ nicht wie Besatzer, sondern wie eine eng verwandte, ja bald freundschaftlich verbundene Macht. Und weil „der Westen“ lange Zeit unangefochten an der Spitze der globalen Macht- und Kulturhierarchie stand, konnten es die Europäer innerhalb der „Nordatlantischen Allianz“ sogar ziemlich gut ertragen, dass sie zweitklassig geworden waren. Die Weltgeltung Europas schien sich nämlich in der Weltgeltung „des Westens“ und der „westlichen Werte“ fortzusetzen. Doch in Form von „Antiamerikanismus“ schwärt ein Verlusttrauma offenkundig weiter.

Ohne die Entstehung eines stabilen, gesicherten Soziotops im Westen Eurasiens hätte sich dort jedenfalls nicht jene kumulative Sozial- und Kulturevolution vollziehen können, jene vielschichtige Sedimentierung von kulturellen, technischen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Errungenschaften, die Europas Weltgeltung überhaupt erst ermöglichte. Dem Westteil des Römischen Reiches war dies nach dem Einsetzen der – „Völkerwanderung“ genannten – germanischen Eroberungs- und Besiedlungszüge nicht länger beschieden, und den recht kurzlebigen Nachfolgereichen der Ostgoten, Westgoten, Langobarden oder gar Vandalen erst recht nicht. Jener Raum, der später – in Gegenüberstellung zum 1453 vollends islamisch regierten Orient – das „Abendland“ heißen sollte, hatte diesbezüglich erst großes Glück, später auch ausreichende Abwehrmacht.

Zugleich aber konnte tatsächlich Neues entstehen, das aus jener Mittelmeerzivilisation zwar ausspurte, die seit hellenistischen Zeiten ihre feste Kulturform gefunden hatte, mit dieser Kultur aber aufs engste in Verbindung blieb: über die in ungebrochener Kontinuität aus der Antike herüberreichende Kirche, durch die Kaiseridee, und durch die bewussten Renaissancen der Karolingerzeit sowie des 15. Jahrhunderts. Auf diese Weise gingen einst geprägte kulturelle Muster (d.h. Meme und Memplexe; dazu – mit weiteren Verweisen – Patzelt 2015) nicht verloren, sondern wurden – und sei es über Zeitsprünge hinweg – weitergegeben und dabei tiefgreifend verändert. Kontinuität und Diskontinuität, Konservation und Innovation gelangten so in ein Verhältnis, das Überkommenes vorzüglich auf neue Umstände anzupassen erlaubte.

Hierin unterschied sich Abwehrkampf Europas gegen spätere Invasionen und deren soziokulturelle Folgen sehr stark vom chinesischen Fall. Die Turkvölker westlich von China färbten nämlich kaum auf die chinesische Kultur ab, die schon weit ein Jahrtausend vor dem Auftreten der Turkvölker zur Blüte gelangt war. Und Mongolen sowie Mandschu konnten im 13. bzw. 17. Jh. zwar die Oberherrschaft über das chinesische Reich erringen, es aber nicht kulturell umprägen. Im Gegenteil wurden sie selbst weitgehend sinisiert. Auch schützten nicht nur weit ausgedehnte Grenzbefestigungen China vor Invasionen, sondern es waren bereits die gebirgige Geographie sowie die große Bevölkerungszahl in Verbindung mit längst gefestigter Staatlichkeit und einer meist großen, schlagkräftigen Armee ein verlässlicher Schutz gegen den Einfall nicht nur von Eroberern, sondern auch von ansiedlungswilligen Völkerschaften. Chinas Kultur prägt deshalb seit über dreieinhalb Jahrtausende eine große, wenig gestörte Kontinuität, während Europa und seine Vorgängerkulturen in der gleichen Zeit so Vielfältiges erlebten wie die Blüte und das Vergehen des ägyptischen Neuen Reiches, das Kommen und Gehen der griechischen und der römischen Kultur, desgleichen das Werden und die große Zeit des „Westens“, obendrein das Aufkommen und den Wandel des Christentums als einer neuen und sowohl die Antike als auch deren germanischen und slawischen Nachfolgekulturen zutiefst umprägenden Religion. Europa besitzt deshalb eine viel größere Vielfalt an kulturellen Mustern, als es sie in der chinesischen Kultur gibt. Anhand dieses äußerst großen Pools an Bauplänen kultureller und sozialer Formen ließ – und lässt – sich deshalb auch eine viel größere Vielfalt an sozialen, kulturellen und politischen Strukturen hervorbringen.

 

III. Europas Evolution in die Weltmachtrolle

Es wurde zum zentralen Prägefaktor zumal für das Frankenreich und für dessen Nachfolgestaaten, ja überhaupt für das übrige Europa im Norden und Osten des Frankenreichs, dass das Mittelmeer nun nicht mehr der Kern, sondern – wie lange Zeit auch der Atlantik – die Grenze eines sich formenden Kulturraums war (dazu v.a. Pirenne 1969). Nicht länger diente nämlich das Mittelmeer als zentrales Verkehrsnetz eines alle Küsten beherrschenden Seereichs. Vielmehr war die nominelle Nachfolgermacht des Weströmischen Reichs zu einem nordwesteuropäischen Landreich geworden. Dieses konnte im Mittelmeer zwar – etwa über Genua und Venedig – lukrativen Handel mit der islamischen Welt treiben. Es besaß aber, mindestens bis späten 16. Jh., keine verlässliche Kontrolle über diese Seewege. Und solange Europa auch noch an den Invasionen der Ungarn, Normannen und Araber litt, war es mit seiner einfachen Technik, spärlichen Bevölkerung und unterentwickelten Verkehrsstruktur erst recht auf sich selbst zurückgeworfen. Eben das ließ – auf Grundlagen, die teils aus der Antike herüberragten, teils barbarisiert-christlich waren, teils weiterhin heidnisch – jenes so eigentümliche Gebilde entstehen, das seit dem frühen 16. Jh. das „Abendland“ heißt. Es unterschied sich sehr von jener Kultur, die einst in den gallo-römischen, rheinischen oder rätischen Provinzen des Römerreiches bestanden hatte.

Zum wichtigsten Kapital dieses „Abendlandes“ sollte einesteils die Dezentralität seiner feudalen politischen Strukturen werden. Diese ließen – erstens – ein erhebliches Ausmaß an Versuchen, Irrtümern und Lernen aus alledem beim Prozess des Regierens zu, ferner eine ungeheure Flexibilität beim Zerteilen oder Neugliedern vorhandener Gesellschaftszusammenhänge. Das alles zeitige schon nach sehr wenigen Jahrhunderten eine ganz einzigartige Breite politischen Denkens sowie eine große Vielfalt an politischen Erfahrungen und Einsichten. Hieraus wiederum entstanden mannigfache Möglichkeiten weiterer Systembildung, mit denen man teils auf  gutes Regieren hinwirken, teils sich neu aufkommenden, veränderlichen Herausforderungen stellen konnte. Zweitens waren die Eliten dieses so zersplitterten „body politic“ eben doch eng miteinander vernetzt: vor allem durch dynastische Bande, welche für die politischen Eliten so überaus wichtig waren; sodann durch Latein als der gemeinsamen Sprache der kulturellen und administrativen Eliten; und nicht zuletzt durch eine gemeinsame Religion, deren alles verbindende Weltbild durch eine sowohl „transnational“ integrierte als auch quasi-staatliche Kirche intensiv in Geltung gehalten und allenthalben gleichermaßen wirkkräftig gemacht wurde. Hingegen fehlte in China nach der Zeit der Streitenden Reiche, zu welcher in Europa noch Griechenlands Polis-Welt blühte, derlei politische Vielfalt durchaus. Zwar war die kulturelle Elite Chinas durch gemeinsame Schrift, gemeinsame Klassiker und – seit dem 7. Jh. – auch noch durch das System der Staatsprüfungen aufs engste geeint, doch genau darin auch bald intellektuell uniformer als die Eliten Europas. Außerdem ermangelte es an jener Spannung zwischen dem Staat und einer unabhängig vom Staat organisierten Religion, die in Europa immer wieder neue Konflikte erzeugte, im Lauf von deren Austragung aber auch Mal um Mal neue institutionelle Lösungen für aufgekommene Probleme entdecken ließ. Anders als in Europa waren deshalb in China die Chancen auf gänzlich Neues ziemlich begrenzt.

Vor allem aber reagierte Europa, nach seiner wirtschaftlichen und politischen Konsolidierung, mit großer Tatkraft auf seine zentrale Herausforderung: Es war abgeschnitten von selbstkontrollierten, nicht durch islamische Reiche fremdkontrollierten Handelswegen in den weiterhin dem Abendland an Reichtum weit überlegenen Osten Eurasiens. Und während China im späten 15. Jh. seine maritime Politik aufgab, ja ein nachgerade binnenbezügliches „Reich der Mitte“ wurde, machten sich Europas Küstenmächte vorbehaltlos an die Erkundung der ganzen erreichbaren Welt (hierzu jetzt Reinhard 2016). Hinsichtlich der Levante, des östlichen Mittelmeers, hatten das zwar schon die italienischen Seefahrerrepubliken getan, waren dort aber regelmäßig auf den Sperrriegel der islamischen Reiche gestoßen. Doch seit dem 14. Jh. investierten vor allem die Portugiesen, dann die Spanier, später auch die Briten, Niederländer und Franzosen stark in seemännische Bildung, in die Entwicklung nautischer Instrumente, in den Bau hochseetüchtiger Schiffe, und sie taten das alles getrieben vom Wunsch, die islamischen Reiche auf der Suche nach lukrativen Handelsmöglichkeiten umgehen zu können. Das aber stellte vor die Aufgabe, um Afrika herum einen Seeweg „nach Indien“ zu finden, unter welchen Begriff damals auch das seit Marco Polo legendenumwobene China sowie Japan fielen. Die Entdeckung des von den europäischen Geographen niemals erwarteten amerikanischen Kontinents war nur ein Nebenereignis dieses Versuches. Doch es eröffnete den Weg zum Aufstieg Europas zur Weltmacht.

Tatsächlich beginnt Europas Expansion, die später in den Kolonialismus und Imperialismus führen sollte, mit epochemachenden Unternehmen wie der Umsegelung der Südspitze Afrikas 1487/88 durch den Portugiesen Bartolomeu Dias; der – 1492 gelungenen – Ankunft des im spanischen Auftrag den Weg nach „Indien“ westwärts suchenden Genuesen Cristoforo Colombo im bislang unbekannten „Amerika“; und der zwischen 1519 und 1522 geglückten ersten Weltumsegelung, zu welcher der Portugiese Fernão de Magalhães mit fünf Schiffen und 237 Matrosen aufgebrochen war, von denen aber nur ein einziges Schiff mit 18 Männern ohne ihren Anführer zurückkehrte. Es war, wie sich gerade hieran zeigt, ein gewaltiger Wagemut, von dem getragen sich Europäer auf den Weg in alle ihnen noch unbekannten Weltgegenden aufmachten. Übertroffen wurde diese Mischung aus Mut, Tollheit und Neugier aber noch von der dies alles begleitenden Profitgier.

„Merchant adventurers“, vom Kaufmannsinstinkt getriebene Abenteurer, hießen schon im 13. Jh. Englands Fernkaufleute. Nun, im Zeitalter der entstehenden weltweiten Handelsgesellschaften mit ihren militärisch lange so unsicheren Stützpunkten in allen Weltgegenden, bewahrheitete sich dieser Begriff erst recht. Und im Vergleich zu China, wo Bildung und Macht, nicht aber kaufmännischer Erfolg großes Ansehen einbrachten, gewann man in Europa durch das Gelingen solcher Unternehmen viel mehr als nur Reichtum. In Europas Republiken stiegen Handelsfamilien nämlich zu Patriziergeschlechtern auf, in Europas Königreichen in die Adelsränge. So wurden durch gleichzeitige Akkumulation von Sozial-, Real- und Finanzkapital die Grundlagen für jenes wagemutige Wirtschaften gelegt, das nach dem Triumphzug des Liberalismus erst Europa, dann dessen ehemaligen nordamerikanischen Kolonien zu lange Zeit ganz unwiderstehlicher Macht verhalf.

Pfadabhängige Entwicklungen und historische Kontingenzen wirkten dabei zusammen. Zu den ersteren gehört, dass einmal etablierte Handelsstützpunkte europäischer Staaten – zumal in Afrika und Nordamerika – ein infrastrukturelles Netzwerk an Anlaufstellen, Umschlagplätzen für Waren aller Art und Ausgangspunkten weiterer Expansion verfügbar machten. Das aber ermöglichte bald schon selbsttragende, ja sich selbst verstärkende Entwicklungen. Zu pfadabhängigen Entwicklungen, die später kontingent mit anderen pfadabhängigen Entwicklungen zusammenwirkten, wie sie gerade von Europa ausgingen, gehört sodann ganz wesentlich, dass der Überfluss des durchaus nicht übervölkerten subsaharischen Afrika an Lebensmitteln dank des jahrhundertelangen Fehlens bedrohlicher Binnen- oder Fremdinvasionen die Entstehung fester staatlicher Strukturen dort weitgehend unnötig gemacht hatte. Also konnten sich in Afrika selbst kleine europäische Truppenteile leicht festsetzen und behaupten. Ähnliches gilt für Nordamerika. Ebenfalls gehört zum kontingenten Zusammenwirken bislang getrennter pfadabhängiger Entwicklungen, dass die seit vorgeschichtlichen Zeiten in Eurasien betriebene Viehzucht samt dem Zusammenleben von Menschen und Tieren auf engstem Raum die Europäer gegen viele Krankheitserreger immun gemacht hatte. Diese aber brachten die Neuankömmlinge dann ins weithin von Jäger- und Sammlergesellschaften besiedelte Nordamerika, und die dorthin ganz unbeabsichtigt eingeschleppten Seuchen dezimierten alsbald viele indigene Völker schufen so erst recht Freiraum für europäische Siedler. Zu den reinen Kontingenzen gehört hingegen jene ruchlose Tatkraft, mit welcher die Spanier Hernán Cortés und Francisco Pizarro im Jahr 1519 das mexikanische Aztekenreich bzw. 1532 das peruanische Inka-Reich eroberten. Beiden Conquistadoren standen Armeen gegenüber, die den wenigen Spaniern – abgesehen von deren Feuerwaffen – sowie deren Hilfstruppen weit überlegen waren. Leicht hätten Herrscher wie Moctezuma und Atahualpa die europäischen Eindringlinge also vernichten können, wenn sie nur auf den glücksritterhaften Durchsetzungswillen dieser Abenteurer gefasst gewesen wären. Der aber lag außerhalb ihrer religiös geprägten Vorstellungswelt. Der Aztekenkaiser etwa hielt die Spanier anfangs für heimkehrende Götter und verkannte völlig die Gefahr, die von ihnen ausging.

Evolutionsanalytisch lässt sich dieser Teil der europäischen Aufstiegsgeschichte dahingehend erzählen, dass auf eine entscheidende Nischenveränderung – die Trennung Nordwesteuropas von der Mittelmeerwelt – wie auf eine unbedingt zu bestehende Herausforderung reagiert wurde. Erst prägte man passiv – teils in Abgrenzung von, teils in Rivalität mit den islamisch gewordenen Teilen des Römerreiches – eine höchst lernwillige eigene Kultur aus; und sodann versuchte man aktiv, den islamischen Sperrriegel zu umgehen. Das schaffte man dann auch in einer Weise, die tragfähige Grundlagen für ein gewaltiges, neu auf ihnen errichtbares Strukturgefüge schufen. Anschließend waren die in dessen Rahmen entstandenen Kulturmuster des teils persönlich gierigen, teils systematisch kaufmännischen Abenteurertums höchst attraktiv. Also fanden sie viele Nachahmer, die entlang derselben Leitideen auch eine Vielzahl konkurrierender Sozialorganisationen schufen und so einen fortschrittsfördernden scharfen Wettbewerb installierten. Die Kunde vom im Osten vermuteten, dann im Westen – vermeintlich – gefundenen Goldland verbreitete sich jedenfalls rasch; am Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und den Amerikas beteiligten sich immer mehr Handelskompanien; und das neue Modell der weltweit agierenden Firma fand immer mehr Nachahmer.

Natürlich mussten begehrenswerte Niederlassungen anschließend verteidigt werden. Das machte aus Handelsposten zunächst Marinestützpunkte und Militärstationen, später Ausgangspunkte zur Durchherrschung des Hinterlandes, schließlich die Keimzellen von Kolonien mit großem Siedlerzustrom. Diesen Prozess der Strukturaufschichtung setzten alsbald gesellschaftliche Differenzierungs- und Luxurierungsprozesse fort. Insgesamt kam über lange Zeit sehr viel Gold oder Geld aus den neu gewonnenen Handels- und Herrschaftszentren nach Europa zurück. Diese erbeuteten oder erwirtschaften Ressourcen dienten teils als weiteres Risikokapital, beförderten teils die Entwicklung und Quasi-Industrialisierung verschiedenster Handwerke etwa um den Schiffs- und Städtebau herum, und erzeugten insgesamt  eine umfangreiche, die weitere Wirtschaftsentwicklung fördernde Nachfrage. Auf der iberischen Halbinsel ermöglichte das alles ein „goldenes Jahrhundert“. Allerdings wurde in ihm Rollenmodell eines müßig lebenden „hidalgo“ populär und schädigte alsbald das Wirtschaft- und Arbeitsethos. Wie so oft in Evolutionsprozessen unterminierte der Erfolg seine eigenen Voraussetzungen. Wichtiger aber war, dass zuvor die besonderen Bedingungen europäischer Sozialevolution die kultur- und gesellschaftsgestaltenden Kräfte Europas in einem weltgeschichtlich ganz einzigartigen Maß entfesselt hatten. Zu deren kontingenten Bedingungen aber gehörte jene im 16. Jh. der Reformation entsprungene protestantische Ethik, die in Spanien oder Portugal als fest auf katholisch geprägten Entwicklungspfaden verbleibenden Ländern gerade nicht zur Geltung kam.

Im 19. Jh. war dann – dank der Stabilisierungsleistung des 17. Jh. – aus Europas einst weitgehend barbarisch-feudalen Gesellschaften eine liberale und kapitalistische Zivilisation mit stolzem Bürgertum, starker Arbeiterklasse und machtvollen Nationalstaaten geworden. Auch hatte dieser Teilkontinent nicht nur sich selbst, sondern das ganze Gesicht der Welt verändert. Insgesamt hatte sich die invasionsgefährdete nördliche Peripherie des von islamischen Reichen beherrschten Mittelmeers zur Zentralmacht der Erde gewandelt. Dieses Europa beanspruchte inzwischen nicht nur jenes arrogante „Recht des Stärkeren“, mit dem es nicht nur in den Amerikas und in Australien klar europäische Staaten aufbaute, Indien der britischen Krone einfügte, China zur Halbkolonie machte und Afrika aufteilte. Sondern man schrieb sich auch noch eine „mission civilisatrice“ für die gesamte Erdbevölkerung zu, ja berauschte sich an „the white man’s burden“, nämlich an einer der vermeintlich überlegenen „Europäerrasse“ angeblich auferlegten Pflicht, die „farbigen Völker“ entweder zum eigenen Kulturniveau zu führen – oder als weltweite Dienstleistungsklasse für immer in Schach zu halten.

 

IV. Triebkräfte von Europas Sozial- und Kulturevolution

Harter Kern dieses europäischen Aufstiegs war die Entwicklung jener wissenschaftlich-technischen Zivilisation, die in China gerade nicht aufkam. Der für sie förderlichste Umstand scheint jener scharfe externe Selektionsdruck gewesen zu sein, dem die europäischen Gesellschaften angesichts ihrer bis ins 20. Jh. durchgehaltenen Praxis häufiger Kriegführung unterlagen. In der Abwehr von Arabern und Ungarn entstand jedenfalls schon früh das Rittertum. Als höchst komplexes Kampfsystem brauchte es allerdings eine breite ökonomische und technische Grundlage. Die erhielt die Ritterwelt im Feudalsystem mitsamt dem von ihm finanzierten Rüstungshandwerk. Natürlich wurden die Waffen angesichts von Kampferfahrungen und Neuerfindungen immer weiter verbessert, was dann freilich auch einen immer größeren Ressourcenaufwand verlangte, der sozialorganisatorisch abgesichert werden musste. Dynastische Kriege endeten jedenfalls erst im 18. Jh. und wurden nahtlos von nationalstaatlichen Kriegen abgelöst. Außerdem stand man bis ins späte 17. Jh. in durchaus existenzbedrohenden Kriegen mit dem Osmanischen Reich. Dem schlossen sich bis zum 20. Jh. Kolonialkriege zunächst in Amerika, dann in Afrika an. Anscheinend hat die Entwicklung von Europas technischen Fertigkeiten von bloßer Handwerkskunst zu höchst angesehenen empirischen Wissenschaften im kriegerischen Charakter der europäischen Staaten eine zentrale Ursache. Es war nämlich eine Prämie gesetzt auf Innovationen unter den härtesten aller möglichen Test- und Auswahlbedingungen: nämlich im Belagerungs-, Verteidigungs- und Angriffskrieg. Also verfeinerte sich das Handwerk nicht nur, wie etwa in den islamischen Reichen auf dem Höhepunkt ihrer Macht oder im friedlich-despotischen Japan der Shogun-Zeit, bei der Produktion luxuriöser Konsumgüter, die den sozialen Status und Reichtum ihrer Auftraggeber anzeigten. Vielmehr ging es um Hochtechnologie in Fragen von Leben und Tod, nämlich beim Festungs- und Schiffbau, bei der Navigation auf hoher See und der artilleristischen Ballistik, bei der Feinmechanik von Messinstrumenten und Handfeuerwaffen, bei der für Werkstoffbearbeitung und Sprengmittelherstellung nötigen Chemie, bei der für alle diese Zwecke erforderlichen Mathematik.

Es war also kein Wunder, dass gerade in Europa der Staat die Wissenschaften zu fördern begann, nämlich in Hofwerkstätten und Akademien, in staatlichen Manufakturen, auch in den Labors, die solchen Einrichtungen oder gar den Höfen selbst angegliedert waren. Wissenschaft beschränkte sich also nicht länger auf die von wirtschaftlicher oder politischer Verzweckung „freien Künste“ oder auf jene Disziplinen, welcher der Staat, die Gesellschaft oder jeder Einzelmensch bedurften: Recht, Theologie, Medizin. Vielmehr entstanden, und zwar schon lange vor dem Zeitalter der Aufklärung, die Anfänge einer später alle Lebensbereiche umfassenden wissenschaftlich-technischen Zivilisation. Auf diese Weise aber schufen bereits die sich verfestigenden europäischen Staaten wichtige institutionelle Leitideen und institutionalisierte Rahmenbedingungen für eine ganz eigenartige, über alle bisherigen Möglichkeiten hinaus machtgenerierende kulturelle Evolution. Europa bezog seine Kultur nämlich ausdrücklich nicht nur auf Religion und Kunst, obwohl beides lange Zeit im Mittelpunkt stand, sondern in ganz besonderer Weise auch auf die „Welt da draußen“ mit ihrer eigenständigen Funktionslogik. Die aber muss man verlässlich erkennen, wenn man in ihr erfolgreich agieren will, und braucht eben dafür Technik und Wissenschaft.

Doch das alles beschaffte noch nicht das Baumaterial und die absichernden Rahmenbedingungen für das Wunderwerk der europäischen Kultur. Der entscheidende Schritt war die Errichtung des europäischen (Fürsten-) Staates mit einer Staatsgewalt, die sich zunächst überhaupt verlässlich ausüben ließ, und die man später ans Recht binden, durch Gewaltenteilung gegen Missbrauch sichern, am Ende gar noch – mittels repräsentativer Demokratie – an die Unterstützungsbereitschaft einer ihrerseits innovativen und selbstbewussten Zivilgesellschaft koppeln konnte. Das machte die europäischen Staaten vor allem dort besonders leistungsfähig, wo – auch dank der protestantischen Betonung der Wichtigkeit von Individuen, nicht nur von Kollektiven – sich liberales Denken und Handeln ausbreiten konnte. Die Früchte all dessen ernteten vor allem die „Kolonialmächte der zweiten Stunde“, zumal die Briten und die Niederländer. Ihnen wuchsen nämlich in ganz besonderem Ausmaß solche Ressourcen zu, mit denen sie jenes leistungsfähige Bildungs- und Wissenschaftssystem aufbauen konnten, das seinerseits die Voraussetzungen für die Weiterentwicklung des besonderen Gesellschafts- und Staatstyps der europäischen Moderne schuf.

Zu dessen zuvor schon bestehenden Voraussetzungen gehört freilich auch das für Europa typische Ständewesen, über dessen – im traditionellen China fehlende – Vertretungskörperschaften zumindest die Eliten regionaler Gesellschaften an der Ausübung politischer Herrschaft beteiligt waren. Zunächst geschah das durch das Wechselspiel von „consilium et auxilium“ in Gefolgschaftsverbänden, später durch die „power of the purse“, also die Notwendigkeit für Monarchen, sich die für wirkungsvolles Regieren erforderlichen Finanzmittel durch Steuern zu beschaffen, die sie – ohne ausreichende Eigenmacht sowie durch überkommenes Recht gebunden – nicht einfach auferlegen konnten, sondern von den Ständen erbitten mussten. Steuern und Abgaben konnten die Ständeversammlungen aber auch verweigern. Das taten sie auch immer wieder, wenn ihnen keine zufriedenstellende Gegenleistung – „gutes Regieren“ oder wenigstens die Abstellung von Missständen – in Aussicht stand. Solche Vetomöglichkeiten starker Stände spornten wiederum die Monarchen an, durch den Ausbau ihrer Eigengüter und später von Staatsmanufakturen ihre Eigeneinnahmen so zu steigern, dass eine Beteiligung der Ständevertretungen an der Ausübung politischer Macht weitgehend verzichtbar werden konnte. In Frankreich gelang dies tatsächlich ab 1614, doch bezeichnenderweise nur bis zum Staatsbankrott der 1780er Jahre; und bezeichnenderweise ging anschließend die Revolution genau von der Ständeversammlung aus. Hingegen organisierte man in England während des für den französischen Absolutismus prägenden 17. Jahrhunderts, freilich in Folge von Bürgerkrieg und „Glorreicher Revolution“, ein viel fruchtbareres Zusammenwirken von monarchischer Politik und zivilgesellschaftlicher Mitregierung, als es damals auf dem Kontinent zustande kam. So gelang in England auch eine viel bessere Ausnutzung des verfügbaren Human- und Sozialkapitals. Das wiederum trug Wichtiges dazu bei, dass ausgerechnet jene vergleichsweise kleine Insel zur zentralen europäischen Weltmacht aufstieg.

Doch das erfolgreiche Beispiel machte auf dem Kontinent Schule: Englands gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Kulturmuster wurden wenn schon nicht nachgeahmt, so doch zur Quelle eigener Inspiration und Innovation. Zunächst in konstitutionellen, dann in parlamentarischen Königreichen beförderte also gerade die Rivalität zwischen Monarchen, die in alteuropäischen Traditionen standen, und den Eliten der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft die Akkumulation jenes gesellschaftlichen Reichtums, der dann seinerseits zum weiteren Treiber von Investitionen in Technik und Wirtschaftsunternehmen werden konnte. Zu bezahlen war dafür durch scharfe Konflikte in den sich zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse spaltenden Gesellschaften der Industriellen Revolution, später durch die Krise des liberalen Staates überhaupt, dann durch das Wechselspiel von Kommunismus und Faschismus, gar durch Revolutionen und Bürgerkriege. Doch am Ende stand weitreichender Konsens über die Vorzüge eines ökologisch gesinnten Rechtsstaates mit pluralistischer Demokratie und sozialer Marktwirtschaft. Das ist derzeit denn auch der ganze Stolz „des Westens“, ja letztlich der Mittelpunkt seiner Rede von den – als universell gültig beanspruchten – „westlichen Werten“.

Chinas Weg verlief anders. Bis zum Ende des 18. Jh. legte es weit mehr Wert auf die Stabilität seiner Kultur und Gesellschaft als auf deren Innovationskraft und Veränderungsfähigkeit. Durch das Vordringen der Europäer und der USA ins Landesinnere seit den Opiumkriegen deklassiert, spalteten sich im 19. Jh. Chinas Eliten und Mittelklasse über der Frage, was wohl die Ursachen der demütigend erlebten Rückständigkeit und die richtigen Wege in eine bessere Zukunft wären. Während aber in Europa Evolution und Revolution seit Jahrhunderten das Geschick der Gesellschaften sowie das – mehr und mehr historistische und reformistische – Denken ihrer Eliten geprägt hatten, kam für China die Umbruchszeit des 19. Jh. wie ein Albtraum. Erst recht zerwühlte die so lange so stolze und stabile chinesische Gesellschaft das 1911 einsetzende, dann knapp siebzig Jahre währende Zeitalter von bürgerlicher und kommunistischer Revolution, von Staatszerfall und japanischer Invasion, von Bürgerkrieg und diktatorischer Restabilisierung, von voluntaristischen Politikexperimenten und von lange nachwirkenden Schädigungen, welche die eigene Regierung dem Land zufügte. Das alles führte China auf eine tiefe Talsohle seiner Geschichte. Erst seit den 1980er Jahren wurde ein neuer, höchst erfolgreicher Entwicklungspfad eingeschlagen, auf dem die Übernahme äußerer Formen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation des Westens mit dem Versuch einer Neubelebung des eigenen kulturellen Erbes sowie dem Ringen darum einhergeht, bei allem Wandel die neu errungene Stabilität nicht zu gefährden.

 

V. Die Evolution geht weiter – in Europa, in China

Im Rückblick lässt sich leicht erkennen, warum es wirklich wichtige Einsichten verschafft, gerade auf das 17. Jh. zu blicken, wenn man Europas Aufstieg zur Weltmacht verstehen und erklären will. Frühere Invasionsgefahren waren geschwunden, neue noch nicht einmal vorstellbar. Der so überaus leistungsfähige neuzeitliche Fürstenstaat war entstanden und musste gleichsam „nur noch“ gezähmt und rationalisiert werden: einesteils durch Rechtsbindung, verlässliche Gewaltenteilung und Demokratie, andernteils durch Aufklärung und Liberalismus. Die wissenschaftlich-technische Zivilisation hatte angefangen sich zu entwickeln, und sie tat dies unter der Doppelwirkung von gewaltigem Selektionsdruck und jene vielen neuen Ressourcen, die durch Eroberungen, Fernhandel und die Belebung des Wirtschaftslebens verfügbar wurden. Das Osmanische Reich hatte seine Glanzzeit hinter sich und war bald keine Gefahr mehr. Die europäische Herrschaft über Afrika begann schrittweise; die über die Amerikas hatte sich bereits verfestigt. Sie konnte von außerhalb auch nicht mehr bedroht werden. Der eine Machtfaktor, die islamischen Reiche, waren im Abstieg begriffen, und China – damals auf einem Gipfelpunkt seiner Macht – hatte auf seine maritimen Möglichkeiten verzichtet. Diesem Land rückte Europa zum eigenen Vorteil erst dann übers Meer nahe, als es dem uralten Kaiserreich überlegen geworden war.

Jetzt aber legt sich China erstmals eine wirklich große Flottenmacht zu, wird Asiens Hegemon, setzt sich in Afrika fest, ist größter Geldgeber der USA, kauft im großen Stil westliche Firmen und erwirbt auch auf vielerlei sonstige Weise deren technologisches Können. Scheitert Chinas Entwicklung nicht an innerer Instabilität, so kann es bald Europa, vielleicht überhaupt den Westen an Einfluss übertreffen – und zwar umso leichter, als es seine Macht ungebremst einzusetzen vermag. Also kann China eine daraus entstehende allgemeine Fügsamkeit gegenüber chinesischen Wünschen zur Erscheinungsform von „Harmonie“ erklären und darin aufs Neue in die ganz traditionellen Politik- und Kulturmuster chinesischer Dominanz einspuren. Mit einem so bewerkstelligten Ende der weltweiten Vorherrschaft erst Europas, dann vielleicht des Westens insgesamt, scheint in den nächsten Jahrzehnten das zu Ende zu gehen, was vor dreihundert Jahren begann, weitere drei Jahrhunderte höchst unwahrscheinlich war und beim Niedergang des Weströmischen Reiches außerhalb jeglicher Vorstellungsmöglichkeiten lag. Doch gerade so ist Evolution: Überraschendes entsteht aus unscheinbaren Anfängen, kann einen gewaltigen Aufschwung nehmen, mag in Krisen oder evolutionären Sackgassen enden – oder gelangt nach Perioden des Dahinkümmerns zu neuer Stärke. So betrachtet, ist Geschichte spannend wie ein Kriminalroman.

 

 

Literatur

Finer, S.E., 1999: The Feudal Background, in: ders., The history of government, Bd. 2, S. 855-895

Lempp, Jakob / Patzelt, Werner J., 2007: Allgemeine Evolutionstheorie. Quellen und bisherige Anwendungen, in: Werner J. Patzelt, Hrsg., Evolutorischer Institutionalismus. Theorie und empirische Studien zu Evolution, Institutionalität und Geschichtlichkeit, Würzburg, S. 97-120

Lempp, Jakob Lempp, 2007a: Evolutionäre Institutionentheorie, in: Werner J. Patzelt, Hrsg., Evolutorischer Institutionalismus. Theorie und empirische Studien zu Evolution, Institutionalität und Geschichtlichkeit, Würzburg, S. 375-413

Morris, Ian, 2010: Why the West rules – for now, New York

Needham, Joseph, 1979: Wissenschaftlicher Universalismus. Über Bedeutung und Besonderheit der chinesischen Wissenschaft, Frankfurt

Patzelt, Werner J., 2007: Perspektiven einer evolutionstheoretisch inspirierten Politikwissenschaft, in: ders., Hrsg., Evolutorischer Institutionalismus. Theorie und empirische Studien zu Evolution, Institutionalität und Geschichtlichkeit, Würzburg, S. 183-235

Patzelt, Werner J., 2007a: Plädoyer für eine Rehistorisierung der Sozialwissenschaften, in: ders., Hrsg., Evolutorischer Institutionalismus. Theorie und empirische Studien zu Evolution, Institutionalität und Geschichtlichkeit, Würzburg, S. 237-283

Patzelt, Werner J., 2008: Evolution und Politik, Evolutionsforschung und Politikwissenschaft, in: Joachim Klose / Jochen Oehler, Hrsg.: Gott oder Darwin? Vernünftiges Reden über Schöpfung und Evolution, Berlin/Heidelberg 2008, S. 291-307

Patzelt, Werner J., 2009: Die Evolution geht weiter – und weiter, als man denkt!, in: EvoEvo. 200 Jahre Darwin und 150 Jahre Evolutionstheorie. Zeitgenössische Beiträge aus Kunst und Wissenschaft, Wien, S. 17-26

Patzelt, Werner J., 2012: Quellen und Entstehung des „Evolutorischen Institutionalismus“, in: ders.,  Hrsg., Parlamente und ihre Evolution. Forschungskontext und Fallstudien. Baden-Baden, S. 9-45

Patzelt, Werner J., 2014: Welchen Beitrag leistet der evolutorische Institutionalismus zum Erklären und Einhegen von Rivalität?, in: Ulrich Blum, Hrsg.: Economic Governance und Ordonomik. Beiträge zur wissenschaftlichen Tagung an der Leucorea in Wittenberg vom 20. bis 22. Mai 2014 (= Series in Political Economy an Economic Governance 3), Halle / Saale (REPROCENTER GmbH), S. 137-154

Patzelt, Werner J., 2015: Der Schichtenbau der Wirklichkeit im Licht der Memetik, in: Benjamin P. Lange / Sascha Schwarz, Hrsg.: Die menschliche Psyche zwischen Natur und Kultur, Lengerich 2015, S. 170-181

Pirenne, Henri, 1969: Medieval cities. Their origins and the revival of trade, Princeton

Reinhard, Wolfgang, 2000: Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichtge Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart

Reinhard, Wolfgang, 2016: Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015, München

Schurz, Gerhard, 2011: Evolution in Natur und Kultur. Eine Einführung in die verallgemeinerte Evolutionstheorie, Heidelberg

 

Bildquelle: https://www.google.de/search?rlz=1C1NIKB_deDE570DE570&biw=1536&bih=686&tbs=isz%3Al&tbm=isch&sa=1&ei=72BNWvXzDYz2kwXdjojwCA&q=europa+17.+jahrhundert&oq=Europa+17.+&gs_l=psy-ab.1.0.0l2j0i8i30k1l5j0i30k1j0i8i30k1l2.20681.22164.0.24372.5.5.0.0.0.0.103.420.4j1.5.0….0…1c.1.64.psy-ab..0.5.417…0i67k1j0i10k1.0.pxP_iRrqKw0#imgrc=sRi82FITDLZSZM: