PEGIDA und der Rassismus

Bei der von Atticus e.V. organisierten „Tacheles-Diskussion“ am 20. 11. Im Dresdner Stadtmuseum habe ich anscheinend zu kompakt, also zu wenig differenziert, auf eine Frage nach Fremdenfeindlichkeit und Rassismus bei PEGIDA geantwortet. Jedenfalls führte meine Antwort in einem Zeitungsbericht über diese Veranstaltung zur Mitteilung: „Auf die Frage, ob Pegida fremdenfeindlich sei, war die Antwort für Patzelt eindeutig: ‚Ja, der harte Kern der Pegida ist rassistisch‘“ (siehe http://www.dnn.de/Dresden/Lokales/Patzelt-und-Bittner-zeigen-sich-in-seltener-Einigkeit).

Ich verstehe gut, dass diese – nach meiner Erinnerung auch korrekte Mitteilung – als ein Abrücken von meinen früheren Aussagen gedeutet werden kann. Zutreffender sowohl hinsichtlich von PEGIDA als auch bezüglich meiner Einschätzung von PEGIDA wäre jedenfalls die folgende Aussage gewesen: „Der harte Kern von PEGIDA ist Protest gegen die etablierte politisch-mediale Klasse; dieser Protest kristallisierte sich an der passiven Einwanderungspolitik Deutschlands aus; und bei ihm spielen Xenophobie sowie kulturalistischer Rassismus eine wichtige Rolle“. Wem es noch nie widerfahren ist, in einem Gespräch nicht die bestmögliche Formulierung für eine Antwort gefunden zu haben, hat besonders gutes Recht, mich für meine in ihrer Undifferenziertheit fehlerhafte Aussage bei jener Diskussionsveranstaltung zu kritisieren.

Meine tatsächliche Einschätzung von PEGIDA ist freilich unverändert. Sie findet sich im von Joachim Klose und mir verfassten Buch „PEGIDA. Warnsignale aus Dresden“ (Dresden 2016, Thelem-Verlag) auf S. 262-271. Wie sich die dabei wichtigen Einstellungen von Pegidianern im Übrigen auf unterschiedliche Gruppen von Pegidianer verteilen, findet sich dort auf S. 278-283. Beide Passagen mache ich nachstehend zugänglich, damit sich jeder selbst ein differenziertes Bild von der Rolle von Rassismus bei PEGIDA beschaffen kann. Verwiesen sei obendrein auf meinen Blogbeitrag „Was ist Rassismus?“ (http://wjpatzelt.de/?p=839), in dem ich – auch unter Einbeziehung einiger kritischer Diskussionen auf meiner Facebook-Seite – darlege, was sich sinnvollerweise unter Rassismus verstehen lässt und wie ich selbst diesen Begriff verwende. (Der Originaltext findet sich im o.a. Buch auf S. 654-657 als Teil 4 des Anhangs 7, wo die im Buch verwendeten Zentralbegriffe definiert werden.)

 

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Auszug aus: Werner J. Patzelt / Joachim Klose: PEGIDA. Warnsignale aus Dresden. Dresden 2016  (Thelem-Verlag), S. 262-271

 

Welche Rolle spielt Rassismus bei PEGIDA? Um das zu erkunden, wurden den PEGIDA-Demonstranten nicht weniger als sieben Thesen zur abgestuften Beurteilung vorgelegt. Die ersten vier bezogen sich auf typische Anzeichen von Rassismus und differenzierten im Januar 2016 eine im April und Mai zuvor nur ganz summarisch gestellte Frage. Dabei wurde versucht, die zu beurteilenden Aussagen möglichst nahe entlang jener Ausdrucksweisen von PEGIDA-Demonstranten zu formulieren, an welchen deren Gegner Rassismus zu erkennen pflegen: „Niemand sollte in einem Land leben, in das er aufgrund von … nicht passt“. Als Indikatoren für rassistische Einstellungen wurde die Ablehnung von Aussehen, Religion, Kultur und Verhalten verwendet. Die Ergebnisse finden sich in der Tabelle 24.

 

Tabelle 24: Indikatoren für „Rassismus“

 

 

 

 

„Niemand sollte in einem Land leben, in das er nicht passt
aufgrund seines / seiner …“

 

Indikatorfragen: Verhaltens Kultur Religion Aussehens
1 – stimme sehr zu 67,4 49,2 40,0 5,4
2 – stimme eher zu 8,9 16,8 14,8 2,2
3 – teils-teils 13,8 21,0 27,9 16,6
4 – stimme eher nicht zu 1,9 4,3 6,7 7,1
5 – stimme überhaupt nicht zu! 8,1 8,9 10,7 68,8
n = 371 376 373 368
Mittelwert 1,7 2,1 2,3 4,3

Legende: Angaben in Spaltenprozent; Zahlen stammen aus der Januar-Erhebung 2016.

 

„Biologischer Rassismus“ liegt vor, wenn Typenmerkmale Menschen allein nach ihrem Aussehen zugeschrieben werden, insbesondere aufgrund ihrer Hautfarbe. 76% der Pegidianer lehnen es ab, das Bleiberecht eines Menschen in einem Land nach seinem Aussehen zu bestimmen; nur 8% sehen das anders. Wären Pegidianer „biologische Rassisten“, müsste es eine ganz andere Antwortverteilung geben. Also lässt sich die schlichte Rede vom „(biologischen) Rassismus“ der PEGIDA-Demonstranten nicht aufrechterhalten.

Sind Pegidianer dann aber „kulturalistische Rassisten“? Immerhin 66% stimmen der Aussage zu, niemand solle in einem Land leben, in das er aufgrund seiner Kultur nicht passt; 13% lehnen das ab. 55% wiederum stimmen der Behauptung zu, niemand solle in einem Land leben, in das er aufgrund seiner Religion nicht passt; 17% lehnen das ab. Belegen solche Urteile einen dahinterliegenden „kulturalistischen Rassismus“?

Vielleicht helfen Gegenfragen beim Verstehen dessen, worum es hier geht. Plastisch formuliert, lauten sie so: Ist wohl ein „kulturalistischer Rassist“, wer meint, Oberbayern sollten nicht nach Norwegen ziehen, wenn sie ihre alpenländische Lebensart weiterhin pflegen wollten? Oder ist „kulturalistischer Rassist“, wer Katholiken davon abrät, ihren Wohnsitz in Saudi-Arabien zu nehmen, falls sie Wert auf Glockengeläut und Fronleichnamsprozessionen legen? Redliche Antworten auf diese Gegenfragen zeigen, dass nur ein differenziertes Urteil zwei durchaus zusammenwirkende, doch nicht gleichartige Einstellungen auseinanderhalten kann:

  • Die eine Einstellung beruht auf einem von Lebenserfahrung und normalem Menschenverstand getragenen Urteil darüber, wie gut welche Gruppen mit welchen ihnen wichtigen Verhaltensmerkmalen in eine Gesellschaft passen, deren Gruppen überwiegend andere Verhaltensmerkmale als wichtig erachten und wechselseitig erwarten. Mit einem solchen Urteil kann man sich täuschen, und ein vernünftiger Mensch wird eher im Einzelfall sein falsches Urteil ändern, als einem Mitmenschen nur wegen dessen – fälschlicherweise zunächst als Problem angesehenen – Andersartigkeit Unrecht tun.
  • Die andere Einstellung ist die Verwendung von Vorab-Urteilen über andere Menschen aufgrund von Typenmerkmalen, die diesen zugeschrieben werden, und gegen die sich individuell zu profilieren ihnen keine Chance gegeben wird. Diese Grundhaltung lässt sich prägnant so umreißen: „Einmal Muslim, immer Muslim – und persönlich auf Dauer gefährlich, weil nun einmal der Islam unwandelbar gefährlich ist!“ Genau – und nur – eine solche Einstellung ist „kulturalistischer Rassismus“.

Hinter den in der Tabelle 24 fassbaren Aussagen von Pegidianern darüber, ob jemand in einem Land leben solle, in das er aufgrund seiner Kultur oder seiner Religion nicht passe, kann also „kulturalistischer Rassismus“ stehen, ebenso aber praktische Erfahrung oder normaler Menschenverstand. Es braucht deshalb schon einen differenzierenden Blick auf das, was tatsächlich das Urteil über andere prägt.

Den dafür hilfreichen Deutungsschlüssel liefert ebenfalls die Tabelle 24. Sie zeigt, dass 76% der Pegidianer der Aussage zustimmen, niemand solle in einem Land leben, in das er aufgrund seines Verhaltens nicht passt; nur 10% widersprechen dem. Ob jemand als Mitbürger akzeptabel ist, wird hier also in erster Linie von dessen individuellem Tun oder Lassen abhängig gemacht. Zwar wird persönlich zu verantwortendes Handeln gewiss mitbestimmt von jener Kultur oder Religion, die einem Menschen während der ihn prägenden Jahre vermittelt wurde. Doch von alledem kann man sich durch Erwachsenwerden oder durch interkulturelle Erfahrungen oft soweit emanzipieren, dass ein gutes, sozial integriertes Leben auch in kulturell anderer Umgebung gelingt. Die Voraussetzungen des Gelingens von Integration in eine Einwanderungsgesellschaft so zu sehen, ist nun aber gerade nicht rassistisch, weil ja nicht zugeschriebene Typmerkmale einer eigenverantwortlich ausgebildeten Individualität vorgeordnet werden, sondern ganz umgekehrt dessen selbst zu verantwortende Individualität vorgibt, wie mit einem anderen Menschen zu verfahren ist. Es genau so zu halten, entspricht ohnehin den besten Erfahrungen von klassischen Einwanderungsländern – und obendrein dem normalen Menschenverstand.

Diese Rolle, die in den Einschätzungen von Pegidianern das konkrete Verhalten von Zuwanderern dafür spielt, wie man sich zu ihnen stellen sollte, macht aber klar, wie kurzschlüssig es ist, jegliche Ursache der Ablehnung eines anderen als „rassistisch“ anzusehen. Das geht auch aus den Zusammenhängen zwischen den Antworten von Pegidianern auf die vier Fragen der Tabelle 24 hervor:

  • Kein Zusammenhang besteht zwischen den Aussagen darüber, ob jemand nicht in einem Land leben solle, in das er aufgrund seines Aussehens nicht passt, und darüber, ob ihn seine Kultur Religion für ein Leben in diesem Land disqualifiziere (r=.02 bzw. r=.05). Obendrein wird das Aussehen eines Menschen in gerade nicht-rassistischer Weise mit seinem Verhalten verbunden: Wer ablehnt, das Aussehen eines Menschen solle für sein Hineinpassen in ein Land entscheidend sein, meint stärker, unpassendes Verhalten könne ihn als Mitbürger disqualifizieren: r=-.15.
  • Allerdings wird eine Disqualifikation für das Leben in einem Land aufgrund konkreten Verhaltens eng mit der Kultur und der Religion eines Menschen verbunden (r=.42 bzw. r=.35). Kultur und Religion als mögliche „Disqualifikationsmerkmale“ werden wiederum, wohl auch ganz zu Recht, als sehr eng miteinander zusammenhängend aufgefasst (r=.64).[1]

Zuschreibungen eines aufgrund vorab erkennbarer kultureller und religiöser Merkmale womöglich erwartbaren Verhaltens stehen also im Hintergrund jener ablehnenden Haltung, in der die meisten Pegidianer den vielen ins Land gelangenden Einwanderern gegenübertreten. Solche Zuschreibungen werden sich dann verfestigen, wenn das Verhalten von Einwanderern den vorab gehegten Befürchtungen entspricht; sie dürften sich aber auflösen, falls Einwanderer sich in ihrem Verhalten dem normalen – und in unserem Land höchst pluralen – Lebensstil der Einheimischen anpassen. Es ist offensichtlich, dass die Aussichten auf beides in Abhängigkeit davon recht unterschiedlich sind, wie viele Einwanderer in wie langen Zeitspannen in ein Land gelangen. Ferner ist offenkundig, dass vor diesem Hintergrund gerade Muslime, die ihre kulturelle Prägung und Religion auch ganz bewusst im Alltag vorzeigen, die markantesten Adressaten entsprechender Sorgen sind. Auf gerade diese Weise hängt eng zusammen, was bei PEGIDA einesteils als Islamophobie, andernteils als Xenophobie sichtbar wird. Doch verursacht wird dieser Einstellungskomplex nicht simpel durch „Rassismus“, also durch die Vorordnung des einem anderen Menschen zugeschriebenen Typischen vor dem persönlich erfahrbaren Individuellen, sondern durch Ablehnung einer Veränderung bislang selbstverständlicher Verhaltensweisen sowie der ihnen zugrunde liegenden kulturellen Muster.

Wie groß wird aber der Anteil „wirklicher Rassisten“ unter den PEGIDA-Demonstranten sein? Das zeigt sich, wenn man die Antworten auf die Frage nach dem biologischen Rassismus („Das Aussehen disqualifiziert!“) mit den Antworten auf die beiden Fragen zum kulturalistischen Rassismus kreuztabelliert („Die Kultur disqualifiziert!“, bzw.: „Die Religion disqualifiziert!“). Dann findet man nicht mehr als jeweils 5% der Befragten, die den je zwei kreuztabellierten kulturell-rassistischen Aussagen „sehr“ oder „eher“ zustimmen. Weil man ferner sehr wohl jene 8% der Befragten „Rassisten“ nennen kann, die „sehr“ oder „eher“ der biologisch-rassistischen Aussage zustimmen, niemand solle in einem Land leben, in das er wegen seines Aussehens nicht passt, wird man den Anteil von wirklichen Rassisten bei PEGIDA realistisch auf 5% bis 8% schätzen können.

 

  1. „Rassistische“ Merkmalskomplexe

Mit welchen weiteren Merkmalen und Einschätzungen der PEGIDA-Demonstranten hängt nun aber deren Haltung zu Ausländern zusammen? Ersten Aufschluss gibt die Tabelle 25. Diese gibt nicht nur die auffälligen Zusammenhänge von Merkmalen der Pegidianer mit den vier Rassismus-Indikatoren aus der Tabelle 24 wieder, sondern zeigt auch deren Zusammenhänge mit einer allzu komplexen Frage zum Rassismus, die im April und Mai 2015 gestellt und für die Erhebung im Januar 2016 dann in ihre Einzeldimensionen aufgespalten wurde.[2]

 

Tabelle 25: Zusammenhänge von „Rassismus“

Wer meint, niemand solle in einem Land leben, in das er nicht passt aufgrund seines/r …,


der …

 

Verhaltens
r =

 

Kultur
r =

 

Religion
r =

 

Aussehens
r =

„komplexe Rassismus-frage“
(Tab. 26)[3]
steht weiter rechts -.08 -.18 -.07 / -.13
meint eher, der Nationalsozialismus habe auch seine guten Seiten gehabt (nur im Januar 2016 erfragt) .16
meint eher, der Nationalsozialismus sei eine Diktatur wie jede andere gewesen (nur im April/Mai 2015 erfragt) .12 / .02
meint eher Rechtsradikale und Rechtsextremisten sollten nicht bei PEGIDA-Kundgebungen sein .10 .10 .11
meint eher, Gewalt gegen politische Gegner sei manchmal in Ordnung .29
meint eher, Deutschland nähme zu viele Asylbewerber auf .18 .12 .09 /.18
meint eher, Deutschland nähme zu viele Bürgerkriegsflüchtlinge auf .14 .12 .12 .09 / .18
meint weniger, Deutschland solle weiterhin Asylbewerber und Bürgerkriegsflüchtlinge aufnehmen -.14 -.13 -.22 -.14 / -.03
meint eher, es solle überhaupt weniger Ausländer in Deutschland geben .14 .18 .20 .15 / .28
meint eher, Religion passe nicht eine moderne Gesellschaft .16 .10 .16 / -.07
meint eher, ein friedlicher Islam gehöre zu Deutschland .11
meint weniger, ein friedlicher Islam gehöre zu Dtl. -.14 -.11 -.07 / -.11
meint eher, friedliche Muslime gehörten zu Deutschland .10
meint weniger, friedliche Muslime gehörten zu Dtl. -.17 -.18 -.19 -.19 / -.16
fühlt sich eher als „deutscher Patriot“ .16 .29 .27 .14 / .19
meint eher, wer in Deutschland Einfluss wolle, soll erst einmal etwas für das Land leisten .19 .23 .22 .13 / .32
meint eher, wer Deutschland. nicht mag, soll Deutschland verlassen .20 .20 .22 .12 / .12
Ist weniger zufrieden mit dem Funktionieren von Demokratie in Deutschland -.17 -.15 -.06 / -.12
meint eher, PEGIDA-Anhänger diskutierten auf Facebook sachlich und konstruktiv .25 .23 .12 / .02
meint eher, man komme mit PEGIDA-Kritikern nicht ins Gespräch .11 .04 / .14
meint weniger, er könne manche Ansichten und Vorwürfe von PEGIDA-Gegnern verstehen -.12 -.04 / -.17
meint eher, Bachmann und das Organisationsteam leisteten gute Arbeit .13 .16 .10 / .13

 

Erstens zeigt sich beim Blick in die Spalte zum „Aussehen als Disqualifikationsgrund für Mitbürgerschaft“ der aus vielerlei praktischen Erfahrungen und theoretischen Überlegungen zu erwartende Zusammenhang zwischen politischer Grundeinstellung und Rassismus: Je weiter rechts jemand steht, umso stärker neigt er zum biologischen Rassismus. Das geht sogar bis dahin, dass auch – gleichsam sozialdarwinistisch – Gewalt gegen politische Gegner eher befürwortet, wer biologischem Rassismus zuneigt. Obendrein stehen – stark rechts eingestellte – biologische Rassisten auch dem kulturalistischen Rassismus näher. Freilich sind sie, wie die Häufigkeitsverteilung der Tabelle 24 zeigte, gerade nicht typisch für die Pegidianer.

Denn zwar – und zweitens – teilen jene die einwanderungskritischen Grundüberzeugungen der vergleichsweise wenigen biologischen Rassisten unter den PEGIDA-Teilnehmern, die eher in der mitgebrachten Kultur oder Religion einen Disqualifizierungsgrund für den Status eines Mitbürgers sehen. Sie alle meinen besonders stark, Deutschland nähme zu viele Bürgerkriegsflüchtlinge auf; möchten gerne einen Rückgang der Zuwanderung von Asylbewerbern und Bürgerkriegsflüchtlingen; und wollen stärker, dass es überhaupt weniger Ausländer in Deutschland gäbe. Doch sie hätten es auch lieber, wenn keine Rechtsradikalen und Rechtsextremisten an PEGIDA-Kundgebungen teilnähmen – wohl auch deshalb, weil sie trotz gemeinsamer Ablehnung weiterer Einwanderung mit diesen eben doch nicht auf der gleichen politischen Wellenlänge liegen.

Drittens scheinen jene Demonstranten die typischen Pegidianer zu sein, die Disqualifizierungsmerkmale für einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland besonders stark in der mitgebrachten Kultur oder Religion sehen und dabei zwischen praktischer Vernunft und kulturalistischem Rassismus oszillieren. Gerade sie meinen stärker, Religion passe nicht in eine moderne Gesellschaft, und sie glauben erst recht nicht daran, dass ausgerechnet der Islam und Muslime zu Deutschland passen könnten. Sie sind auch besonders unzufrieden mit dem Funktionieren jener deutschen Demokratie, welche die von ihnen für gefährlich gehaltene Zuwanderung und „Islamisierung“ zulässt. Unter ihresgleichen – etwa unterwegs auf Facebook-Seiten – fühlen sie sich wohl, während sie mit Kritikern und Gegnern kein gutes Auskommen finden. Eben sie sind mit der Arbeit der PEGIDA-Organisatoren auch besonders zufrieden und deren starker Rückhalt.

Viertens zeigt sich eine Gruppe von Pegidianern, die so gar nicht im Blickfeld der Gegner sowie der meisten Kommentatoren von PEGIDA ist. Ohne Rechtsradikale zu mögen, meinen sie gleichwohl, Deutschland nähme zu viele – und wohl mitgemeint: zu viele „falsche“ – Asylbewerber auf. Doch diese Befragten machen es in erster Linie vom Verhalten der Zuwanderer ab, ob sie zu Deutschland passen könnten, und sie könne – wohl deshalb – sich sogar vorzustellen, dass ein friedlicher Islam und friedliche Muslime zu Deutschland gehören könnten. Das alles wird aber – wie bei den „typischen“ Pegidianern – grundiert von einem ganz selbstverständlichen Patriotismus. Der bringt diese PEGIDA-Demonstranten dann auch besonders oft zur Aussage, wer im – später doch gemeinsamen – Land Einfluss wolle, solle erst einmal für dieses Land etwas leisten; und wer Deutschland als oft doch einst gewünschtes neues Heimatland nicht möge, der solle es eben verlassen. Dieser Gruppe von Pegidianern tut man besonders Unrecht, wenn man PEGIDA pauschal als „rassistisch“ bezeichnet.

Näher geht diesen Zusammenhängen die Tabelle 26 nach. Einesteils gibt sie wieder, welche Erwartungen PEGIDA-Demonstranten an Einwanderer nach Deutschland richten. Im Grunde zielen die zu beurteilenden Thesen auf ein als richtig – nämlich „patriotisch“ [4] – vorgestelltes Verhältnis zum neuen Heimatland. Andernteils zeigt die Tabelle 26 die Antworten auf jene kompakte Frage zum „Rassismus“, die im April und Mai 2015 gestellt und im Januar 2016 in jene vier Teilfragen aufgebrochen wurde, welche oben die Tabelle 24 wiedergab.

 

Tabelle 26: Patriotismus und „Rassismus“ – Häufigkeitsverteilungen

 

 

 

„Wer Deutschland nicht mag, soll Deutschland verlassen!“ „Wer in Deutschland Einfluss will, sollte erst einmal etwas für unser Land leisten!“ „Niemand sollte in einem Land leben, in das er aufgrund seiner Kultur, seiner Religion, seines Verhaltens oder seines Aussehens nicht passt!“
1 – stimme sehr zu 78,4 / 82,4 / 79,5 71,0 / 74,6 / 74,2 [3,4] / 30,7 / 42,1
2 – stimme eher zu 8,5 / 9,6 / 10,0 10,5 / 13,5 / 15,2 [40,1] / 18,3 / 9,4
3 – teils-teils 6,9 / 3,5 / 5,2 12,6 / 8,3 / 6,8 [39,3] / 28,6 / 28,1
4 – stimme eher nicht zu 3,2 / 1,4 / 1,9 2,7 / 1,9 / 1,5 [13,5] / 7,2 / 6,4
5 – stimme überhaupt nicht zu 2,9 / 3,1 / 4,5 3,2 / 1,7 / 2,3 [3,5] / 15,2 / 14,0
n = 375 / 426 / 268 372 / 421 / 264 [349] / 388 / 235
Mittelwert 1,4 / 1,3 / 1,4 1,6 / 1,4 / 1,4 [2,6] / 2,6 / 2,4

Legende: Angaben in Spaltenprozent; Zahlen in Fettdruck stammen aus der Mai-Erhebung, normal gedruckte aus der
April-Erhebung von 2015. Die unterstrichenen Zahlen stammen vom Januar 2016. In der letzten Spalte sind sie in eckige Klammern gesetzt, weil sie im Januar 2016 nicht direkt erhoben, sondern wie folgt als Indexwerte aus den Daten der Tabelle 24 errechnet wurden: Die Antworten auf die vier dort wiedergegebenen Fragen wurden durch Addition der jeweiligen „Bewertungsziffern“ (samt anschließender Division durch 4) in Indexwerte umgeformt; und diese wurden dann – mit Klassengrenzen bei 1,5 / 2,5 / 3,5 / 4,5 – in die fünfstufige Skala der Tabelle 26 überführt und damit mit jenen Befunden vergleichbar gemacht, die mittels der im April und Mai 2015 gestellten überkomplexen Frage erhoben wurden.

 

Bei vielen Gesprächen mit Pegidianern kann man genau die zwei abgefragten Erwartungen an Zuwanderer hören: Niemand, der als Asylbewerber oder Bürgerkriegsflüchtling nach Deutschland kommt, müsse doch hierbleiben, falls es ihm in Deutschland nicht gefalle; und bevor man verlange, manches am Land gemäß eigenen Wünschen umzugestalten, solle man erst einmal selbst zu dessen Wohlfahrt beitragen. Beide Positionen, die sich im letzten halben Jahr auch kaum verändert haben, hängen untereinander ziemlich stark zusammen: r=.27 (2015: Mai r=.25, April r=.34).

Deutlich weniger Zustimmung fand jene komplexe These, die gleich auf die Gesamtheit rassistischer Einstellungen abzielte: „Niemand sollte in einem Land leben, in das er aufgrund seiner Kultur, seiner Religion, seines Verhaltens oder seines Aussehens nicht passt!“ Die Tabelle 26 gibt die im April und Mai 2015 erhaltenen Einschätzungen dieser These wieder. Die Mehrgipfeligkeit der Antwortverteilung in den Befragungen vom April und Mai 2015 weist darauf hin, dass bei dieser These durchaus Unterschiedliches vermengt wurde, weshalb sie bei unterschiedlichen Befragtengruppen auch unterschiedliche Reaktionen auslöste. Die Interviewer berichteten im April und Mai 2015 denn auch davon, dass diese Frage „nicht gut funktioniert“ habe und nicht wenige Gesprächspartner moniert hatten, hier werde gleichzeitig nach ganz Verschiedenem gefragt. Deshalb wurde diese Frage im Januar 2016 in jene vier Teilfragen aufgespaltet, deren Antworten sich in der Tabelle 24 finden. Wie auch schon in der Legende der Tabelle 26 vermerkt, wurden diese Antworten durch Addition der jeweiligen „Bewertungsziffern“ (samt anschließender Division durch 4) in jene Indexwerte umgeformt, die sich nun gruppiert und in eckige Klammern gesetzt in der Tabelle 26 finden.[5]

Dort zeigt sich: 44% bis 52% der Pegidianer bekunden Einstellungen, die in Richtung auf biologischen oder kulturalistischen Rassismus gehen, und die – wie sich oben zeigte – bei einer Minderheit von 5% bis 8% der Befragten auch klar rassistisch sind. Hingegen lehnen 17% bis 22% der PEGIDA-Demonstranten rassistische Einstellungen deutlich ab. Ferner lässt sich keinerlei „Radikalisierung“ seit dem Frühsommer 2015 feststellen. Obendrein entspricht – wie oben die Tabelle 25 zeigte – das Korrelationsprofil der kompakten Frage nach dem „Rassismus“ weitgehend dem, das sich in der Zusammenschau der Befunde zu den vier Einzelkomponenten von „Rassismus“ findet. Außerdem hängt die in der Tabelle 26 recht summarisch erfasste Einstellung zum Rassismus mit den beiden „patriotischen Erwartungen“ an Einwanderer zwar sehr wohl, doch nicht allzu stark zusammen. Das führt die Tabelle 27 vor Augen.

 

Tabelle 27: Patriotismus und „Rassismus“ – Zusammenhänge

 

 

 

„Wer Deutschland nicht mag, soll Deutschland verlassen!“ „Wer in Deutschland Einfluss will, sollte erst einmal etwas für unser Land leisten!“
2015 – komplexe These: „Niemand sollte in einem Land leben, in das er aufgrund seiner Kultur, seiner Religion, seines Verhaltens oder seines Aussehens nicht passt!“ (Tab. 26)

April

Mai

 

 

 

r=.12

r=.12

 

 

 

r=.12

r=.32

2016 – Indexvariable zum „Rassismus“ (errechnet aus den Daten der Tabelle 14): „Niemand sollte in einem Land leben, in das er aufgrund seiner Kultur, seiner Religion, seines Verhaltens oder seines Aussehens nicht passt!“  

r=.24

(vgl. Tab. 26)

 

r=.26

(vgl. Tab. 26)

 

Die oben erörterten Befunde aus der Tabelle 25 vor Augen, wird man die hier sichtbaren Zusammenhänge tatsächlich weniger als solche zwischen „Rassismus“ und „Xenophobie“ deuten wollen. Es geht nämlich einerseits um den ganz vernünftigen Zusammenhang zwischen möglichem Einfluss und vorgängiger Leistung, andererseits um wechselseitig Zumutbares: Wer nicht dazugehören oder sich nicht durch Mitarbeit in sein neues Land einbringen will, den sollte man eben auch wieder ziehen lassen.[6] Dass aber unsere Einwanderungs- und Integrationspolitik bislang nicht auf solchen Grundsätzen beruht, empört viele Pegidianer.

Diese Befunde passen auch zu Ergebnissen der Studie von Donsbach/Schielicke (2015) über die einschlägigen Sichtweisen der Dresdner insgesamt. Dort befürworten jene Dresdner, welche die Ziele von PEGIDA teilen, viel stärker als die Gegner von PEGIDA die folgenden Thesen: Wer irgendwo neu ist, soll sich erst einmal mit weniger zufrieden geben; und wer schon immer hier lebt, soll mehr Rechte haben als neu Hinzugekommene. Das alles sind Thesen, die mit realen bzw. medienvermittelten Erfahrungen und Konflikten zu tun haben. Unverblümt werden sie in der Öffentlichkeit kaum einmal so gesagt, weil so zu denken als unschicklich gilt. Doch derlei zivilisatorischen Kontrollen durchbricht zumal im Internet die dort leicht zu wahrende Anonymität, und bei PEGIDA-Kundgebungen ist es die Massensituation, welche ihrerseits den Einzelnen anonymisiert. Damit aber wird bei PEGIDA, getragen vom Gemeinschaftserlebnis kollektiver Empörung, genau die „Spitze eines Eisbergs“ sichtbar, der selbst viel wichtiger als jene Spitze ist.

 

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Auszug aus: Werner J. Patzelt / Joachim Klose: PEGIDA. Warnsignale aus Dresden. Dresden 2016  (Thelem-Verlag), S. 278-283.

 

Der im Januar 2016 verwendete Fragebogen war noch vielfältiger und differenzierter als der vom April und Mai 2015.[7] Außerdem scheinen sich – nach dem raschen Aufwachsen von PEGIDA im Winter 2014/15 sowie dem sich im Frühsommer 2015 noch vollziehenden Neuaufbau PEGIDAs – die Einstellungsmuster unter den Pegidianern inzwischen verfestigt zu haben. Das legen jedenfalls jene oft über die einzelnen Befragungen hinweg gleichen Zusammenhänge nahe, die sich in den Korrelationsprofilen finden ließen. Also muss nicht wundern, dass auf der Grundlage der – so differenziert wie vordem noch nie – erhobenen Befunde vom Januar 2016 eine Faktorenanalyse mit überaus schlüssigen Ergebnissen gelang.

In sie wurden alle auf drei- und fünfstufigen Einschätzungsskalen erhobenen Antworten der Demonstrationsteilnehmer einbezogen.[8] Herausgenommen wurden später nur die Aussagen darüber, ob Religion zu einer modernen Gesellschaft passe, bzw. wie leicht man mit Gegnern ins Gespräch komme, weil sie mit keinem der ausfindig zu machenden Faktoren stark oder in auf ein Muster hindeutender Weise zusammenhingen. Die „Extraktion“ von fünf Faktoren aus dem Datenmaterial lieferte dann einen plausiblen Befund, der 49% der Varianz in den erhaltenen Antworten erklärt.[9] Die Tabelle 29 stellt die Matrix der Ladungszahlen mit einem Wert ab .20 zusammen und fügt den jeweiligen Statements noch an, welcher Prozentsatz der Befragten jeweils „stark“ und „sehr stark“ zugestimmt bzw. widersprochen – oder auf der entsprechenden Einschätzungsskala in ähnlicher Weise geantwortet – hat.

 

Tabelle 29: Grundmuster in den Einstellungen der Pegidianer im Januar 2016

  Faktor

1

Faktor

2

Faktor

3

Faktor

4

Faktor

5


Das sagen …
eigener politischer Standort: 1 ganz links, 5 ganz rechts .59 .22 -.24 „links“: 6%
„rechts“: 29%
keine Rechtsradikalen bei PEGIDA-Demonstrationen! .36 .27 .26 -.48 keine: 76%
doch: 10%
Russland wird in Dtl. oft zu Unrecht kritisiert! .22 -.66 ja: 88%
nein: 3%
Dt. Außenpolitik weiterhin eng mit USA abstimmen! .21 .64 ja: 11%
Gewalt gegen Gegner ist manchmal in Ordnung! -.70 .39 ja: 11%
nein: 79%
Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten! -.37 .61 ja: 13%
nein: 64%
Ein friedlicher Islam gehört zu Deutschland! -.26 .40 -.47 ja: 14%
nein: 76%
Friedliche Muslime gehören zu Deutschland! -.23 .28 -.70 ja: 30%
nein: 44%
Niemand sollte in einem Land leben, in das er wegen seiner Religion nicht passt! .84 ja: 55%
Niemand sollte in einem Land leben, in das er wegen seines Aussehens nicht passt! -.73 nein: 76%
Niemand sollte in einem Land leben, in das er wegen seiner Kultur nicht passt! .84 ja: 66%
Medienberichterstattung über PEGIDA ist ausgewogen! .65 .24 ja: 2%
Fühle mich durch Parteien und Politiker vertreten! .46 ja: 2%
Bin zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland! -.23 .56 -.20 ja: 3%
nein: 69%
Fühle mich als deutscher Patriot! .42 -.23 .55 ja: 82%
nein: 4%
Wer Deutschland nicht mag, soll Deutschland verlassen! .40 ja: 87%
Erst Leistung für Deutschland, dann Einfluss im Land! .49 ja: 82%
Deutschland nimmt zu viele Asylbewerber auf! .41 .63 .20 ja: 90%
Dtl. nimmt zu viele Bürgerkriegsflüchtlinge auf! .68 ja: 52%
Weiterhin Aufnahme von Asylbewerbern und Bürgerkriegsflüchtlingen! -.50 -.39 nein: 34%
Es sollte weniger Ausländer in Deutschland geben! -.23 .62 ja: 45%
nein: 25%
Niemand sollte in einem Land leben, in das er wegen seines Verhaltens nicht passt! .48 .37 -.28 ja: 76%
nein: 10%
Häufige Beteiligung an politischen Diskussionen im Internet! -.52 selten: 59%
Pegidianer diskutieren auf Facebook sachlich und konstruktiv! .58 ja: 56%
Ich kann manche Ansichten und Vorwürfe von PEGIDA-Gegnern durchaus verstehen! .53 -.30 ja: 21%
nein: 60%
Bachmann und das Orga-Team leisten gute Arbeit und bringen PEGIDA politisch voran! .40 -.20 .48 ja: 81%
nein: 2%
Erklärter Varianzanteil (insgesamt 49%) 11,2 8,9 11,0 9,6 8,4
Gruppenanteile (zur Berechnung siehe unten im Text) 31% 23% 8% 19% 19%

Legende: Der Übersichtlichkeit wegen sind Ladungszahlen erst ab .20 wiedergegeben. Prozentangaben: kumulierte Anteile die bei fünfstufigen Skalenfragen auf 1 und 2 bzw. auf 4 und 5 entfielen.

 

Jeder der fünf Faktoren hat ein sehr klares Profil, das seine Deutung – gerade auch im Vergleich mit den anderen Faktoren – sehr erleichtert. Im Einzelnen zeigt sich:

  • Faktor 1: Hier geht es vorrangig um die Überzeugung, dass niemand in einem Land leben solle, in das er wegen seiner Religion, seiner Kultur oder seines Verhaltens nicht passt. Grundiert wird diese Überzeugung durch deutschen Patriotismus und durch das doppelte Urteil, wer Deutschland nicht möge, solle Deutschland eben verlassen, und wer Einfluss in Deutschland wolle, solle erst einmal für das Land etwas leisten. Eingebettet ist in diesen Einstellungskomplex die Ablehnung selbst eines friedlichen Islam und friedlicher Muslime in Deutschland. Damit verbindet sich eine gewisse Russophilie, doch zugleich eine Ablehnung der Präsenz von Rechtsradikalen oder Rechtsextremisten bei PEGIDA-Demonstrationen. Lob für die Arbeit der PEGIDA-Organisatoren rundet derlei Denken ab. Alles in allem kann man diesen Faktor „kulturkonservative Xenophobie“
  • Faktor 2: Kernelemente dieses Einstellungskomplexes sind die Ablehnung von Gewalttätigkeit sowie von biologischem Rassismus. Auch geht solches Denken mit einer viel weniger rechten Position einher, was sich auch in drei weiteren Urteilen niederschlägt: Bestreiten von „guten Seiten am Nationalsozialismus“; Ablehnung der Präsenz von Rechtsradikalen und Rechtsextremisten bei PEGIDA-Demonstrationen; Verlangen nach einer weiterhin engen außenpolitischen Abstimmung mit den USA, wie das unter den Pegidianern für deutlich weniger Rechte typisch ist. Ferner gehört zu diesem Überzeugungszusammenhang, dass es zwar durchaus nicht zu viele Ausländer in Deutschland gäbe und friedliche Muslime sehr wohl zu Deutschland gehören könnten. Doch zugleich wird mitbedacht, dass niemand in einem Land leben solle, in das er aufgrund seines Verhaltens nicht passe, und wird die gegenwärtige Lage dahingehend eingeschätzt, dass Deutschland zu viele Asylbewerber aufnähme. Diesen Faktor kann man zusammenfassend „gutwillige Zuwanderungskritik“
  • Faktor 3: Eckpunkte dieses – mit seltenerer Teilnahme an politischen Internetdiskussionen verbundenen – Einstellungskomplexes sind die Zurückweisung von Russophilie und Antiamerikanismus, die Befürwortung der Präsenz von friedlichen Muslimen in Deutschland, sowie eine – für PEGIDA-Verhältnisse – eher „linke“ Einstellung, aus der heraus dann auch die Anwesenheit von Rechtsradikalen und Rechtsextremisten bei PEGIDA-Demonstrationen zum Ärgernis wird. Zur hier fassbaren Denkwelt gehören ferner einige Zufriedenheit mit der Medienberichterstattung über PEGIDA; Offenheit für Kritik seitens von PEGIDA-Gegnern; deutlich weniger Empfinden, man werde durch Parteien und Politiker nicht recht vertreten; größere Zufriedenheit mit dem Funktionieren von Demokratie in Deutschland; sowie ein weniger ausgeprägtes Empfinden als „deutscher Patriot“. Insgesamt wird hier sichtbar, was man ein Denken entlang dem „bundesdeutschen Mainstream“ nennen kann.
  • Faktor 4: Der eine Eckpunkt dieses Überzeugungszusammenhangs ist das Urteil, Deutschland nähme zu viele Asylbewerber und Bürgerkriegsflüchtlinge auf und solle endlich keine weiteren mehr aufnehmen, weil ohnehin schon zu viele Ausländer in Deutschland lebten. Der andere Eckpunkt ist die klare Ablehnung selbst eines – möglicherweise – friedlichen Islam sowie von friedlichen Muslimen in Deutschland, woran nicht einmal ein angepasstes Verhalten etwas ändern zu können scheint. Solches Denken kann man gut als „islamophobe Zuwanderungskritik“
  • Faktor 5: Angelpunkt dieses Vorstellungskomplexes ist ein stark ausgeprägtes Selbstverständnis als deutscher Patriot in Verbindung mit der Aussage, der Nationalsozialismus habe auch seine guten Seiten gehabt. Hinzu tritt die Akzeptanz von Rechtsradikalen und Rechtsextremisten bei PEGIDA-Demonstrationen, die Befürwortung gelegentlicher Gewalt gegen politische Gegner, und eine selbst für PEGIDA-Verhältnisse klar rechtere Grundeinstellung. Abgerundet wird das alles durch die Überzeugung, Deutschland nähme zu viele Asylbewerber auf, und durch Unzufriedenheit mit dem Funktionieren der deutschen Demokratie. Zusammenfassend wird man diese Vorstellungs- und Empfindungswelt „Rechtsradikalismus“ nennen können.

Im üblichen politischen Meinungsfeld von links nach rechts aufgereiht, zeigen sich im Denken und Empfinden von PEGIDA-Demonstranten somit fünf prägende Faktoren: bundesdeutscher Mainstream, gutwillige Zuwanderungskritik, kulturkonservative Xenophobie, islamophobe Zuwanderungsablehnung und Rechtsradikalismus. Wie groß die jeweiligen Trägergruppen dieser fünf markanten Einstellungskomplexe sind, lässt sich in folgenden Schritten abschätzen:

  • Pro Faktor werden über alle Einstellungen („Variablen“), die mit ihm laut Tabelle 29 deutlich zusammenhängen, die Prozentzahlen jener Befragten addiert, welche die zum jeweiligen Faktor gehörende Einstellung besonders intensiv ausgedrückt haben.
    Beispiel: Beim Faktor 4 werden die – in Tabelle 29 angegebenen – Prozentanteile derer addiert, die meinen, ein friedlicher Islam gehöre nicht zu Deutschland (76%), friedliche Muslime gehörten nicht zu Deutschland (44%), und Deutschland nähme zu viele Asylbewerber auf (90%) usw. Am Ende kommt man auf eine „Prozentsumme“ von 353.
  • Die erhaltene Prozentsumme wird durch die Zahl der mit dem jeweiligen Faktor (mit einer Ladungszahl ≥.20) „korrelierenden“ Variablen geteilt, um einen pro Faktor standardisierten Wert zu erhalten.
    Beispiel: In den Faktor 4 gehen 8 „Variablen“ bzw. Einzeleinstellungen ein. Teilt man die Prozentsumme von 353 durch 8, so erhält man die „standardisierte Prozentsumme“ von 44,1.
  • Weil sich über alle Befragten hinweg die Anteile jener Gruppen von Pegidianern auf 100% summieren müssen, die anhand ihrer konkreten Aussagen zu jenen Einstellungen identifiziert wurden, die im jeweiligen Faktor auf abstrakte Weise zusammengefasst werden, müssen abschließend die durch bloße Addition und Standardisierung gewonnenen unterschiedlichen Prozentsummen in Anteile an der Gesamtheit aller PEGIDA-Demonstranten umgerechnet werden.
    Beispiel: Die Quersumme über alle standardisierten Prozentsummen aller fünf Faktoren ist 234. Der Anteil des Faktors 4 daran (d.h. der „standardisierten Prozentsumme“ von 44,1) liegt bei 19%. Das heißt: Unter den Pegidianern vom Januar 2016 teilen rund 19% eine Haltung, die man als „islamophobe Zuwanderungsablehnung“ bezeichnen kann.[10]

Das Ergebnis dieser Abschätzung einzelner Gruppen von PEGIDA-Demonstranten findet sich, verglichen mit den Befunden der vorangegangenen Studien, in der Tabelle 30.


Tabelle 30: Gruppen von PEGIDA-Demonstranten – Januar 2015 bis Januar 2016

Januar 2015 April / Mai 2015 Januar 2016
ca. 60 % „besorgte Gutwillige“ ca. 30% „bedingt Xenophile“ 8% „bundesdeutscher Mainstream“
24% „gutwillige Zuwanderungskritiker“
ca. 50% „xenophobe Patrioten“ 31% „kulturkonservative Xenophobe“
ca. 10% „empörte Gutwillige“
ca. 30% „rechtsnationale Xenophobe“ 19% „islamophobe Zuwanderungsgegner“
ca. 20% „rechtsradikale Xenophobe“ 19% „Rechtsradikale“ (darunter bis zu 5% Rechtsextremisten)

 

Erstens weist diese Tabelle 30 eine zunehmende Differenzierung in der Erfassung und Charakterisierung der Pegidianergruppen auf, die sich im Wesentlichen den im Lauf des Jahres immer differenzierteren Fragebögen verdanken dürfte. Die im Januar 2016 auf nunmehr gut gesicherter Befundgrundlage vergebenen Gruppenbezeichnungen dürften auch in der politischen Alltagssprache anwendbar sein. Zweitens zeichnet sich eine „Radikalisierung“ PEGIDAs dergestalt ab, dass Rechtsextremisten und Rechtsradikale jetzt auch statistisch – und nicht nur an Fallbeispielen – nachweisbar sind, sowie der Anteil an „Mainstream-Pegidianern“ deutlich zurückgegangen ist, während die Zuwanderungs- und Islamablehnung deutlich gestiegen ist. Drittens besteht der größte Teile der PEGIDA-Demonstranten immer noch nicht aus Rechtsradikalen, sondern weiterhin aus „besorgen Bürgern“. Diese empören sich allerdings immer mehr darüber, dass ihr Wunsch nach dem Fortbestand der in Deutschland gelebten Kultur weiterhin verachtet und ihr Missvergnügen ob der Ausbreitung des Islam unverändert wie eine Privatmarotte behandelt wird. Viertens scheint die wesentliche Veränderung in der Zusammensetzung – und in der somit mehrheitlichen Grundhaltung – von PEGIDA-Teilnehmern sich zwischen dem Ende der anfänglichen Großdemonstrationen und dem Wiederaufwachsen der von Lutz Bachmann organisierten Kundgebungen vollzogen zu haben. Und seit diese sich wieder konsolidiert haben, scheint es weniger eine „Radikalisierung im Aggregat“ durch eine veränderte Teilnehmerzusammensetzung gegeben zu haben, sondern vielmehr eine „Empörungssteigerung aufgrund des Eintretens abgelehnter Entwicklungen“.

 

[Hinweis: Die Nummerierung der Fußnoten hat sich durch Copy & Paste ausgewählter Textpassagen im Vergleich zur im Buch vorfindlichen Nummeriung verändert].

 

[1] Das ist der überhaupt höchste Zusammenhang, der in allen vier PEGIDA-Studien aufgefunden wurde.

[2] Sie lautete damals: „Niemand sollte in einem Land leben, in das er aufgrund seiner Kultur, seiner Religion, seines Verhaltens oder seines Aussehens nicht passt“, Die Häufigkeitsverteilung der Antworten findet sich in der Tabelle 26.

[3] Der erste Wert stammt aus der Mai-Umfrage, der zweite Wert aus der April-Umfrage von 2015.

[4] Tatsächlich hängen die Urteile zu beiden Thesen auch mit der Selbsteinschätzung als „deutscher Patriot“ zusammen: r=.24 mit „Erst Leistung für das Land!“, und r=.31 mit „Wer Deutschland nicht mag, soll Deutschland verlassen“. Siehe hierzu auch oben den Abschnitt VI/6.

[5] Verständlicherweise haben sie einen ähnlichen Mittelwert wie die Antworten auf die komplexe frühere Frage. Doch es wird die – aus den Häufigkeitsverteilungen der Tabelle 24 leicht verständliche – „mehrgipfelige“ Antwortverteilung der im April und Mai gestellten Frage in eine Art Normalverteilung überführt.

[6] Die kompletten Korrelationsprofile dieser beiden Fragen finden sich oben in der Tabelle 19.

[7] Siehe Anhang 3.3.

[8] Ausschließlich natürlich der Faktenfragen nach der Anzahl von Demonstrationsteilnahmen, nach dem Alter oder nach dem Einkommen.

[9] Das KMO-Maß (für die analytische Tauglichkeit des Befundmaterials) liegt bei .94; der Bartlett-Test auf die Möglichkeit einer sinnvollen Faktorenanalyse erbrachte eine Irrtumswahrscheinlichkeit von p=.00. Die Bestimmung der Anzahl von zu extrahierenden Faktoren erfolgte durch Scree-Plot; durchgeführt wurde eine Hauptkomponentenanalyse mit orthogonaler Varimax-Rotation.

[10] Die gleiche Berechnung wurde zur Kontrolle auch in der Weise durchgeführt, dass nur die jeweils „extremen“ Antworten zu den einzelnen Fragen der Tabelle 29 in die Analyse einbezogen wurden, d.h. Angaben wie „stimme sehr zu“ oder „lehne völlig ab“. Am Ende unterschieden sich die Anteilswerte pro Demonstrantengruppe maximal um 0,3 bis 1,4 Prozentpunkte. Die endgültige Schätzung der Größen einzelner Gruppen von PEGIDA-Demonstranten wurde dann als bestmögliche Mittelung beider einander so ähnlichen Berechnungsergebnisse vorgenommen.

 

Bildquelle: https://linksunten.indymedia.org/image/140420.jpg