Kommentare zu Michael Bittners Rezension von Patzelt/Klose, PEGIDA

Allmählich wird es Zeit, das Kapitel „PEGIDA“ abzuschließen – wenigstens, was mich selbst betrifft. Zwar weiß ich nicht, ob sich mit PEGIDA noch politisch oder analytisch Wichtiges tun wird; also kann es sein, dass ich übers Jahr eben doch wieder eine PEGIDA-Studie gemacht haben werde. Aber das ist dann ebenso wenig „Kür“, wie das meine Beschäftigung mit PEGIDA seit dem November 2014 gewesen ist.

Meinerseits denke ich, alles von mir beschreibend, erklärend und politisch-praktisch für wesentlich Gehaltene im Buch „PEGIDA. Warnsignale aus Dresden“ gesagt zu haben. Außerdem scheint mir: Meine Einschätzungen von PEGIDA haben sich bestätigt, und mehr und mehr meiner früheren Kritiker bemerken das auch. Ein kleiner Teil hat sich vernehmbar korrigiert, der größere Teil einfach zu schweigen begonnen. Was ich zu meinen mit eigenen Texten aufgetretenen Kritikern zu sagen hatte, habe ich auf dieser Facebook-Seite sowie auf meinem Blog wjpatzelt.de  ausgeführt und findet sich im von mir und von Joachim Klose verfassten PEGIDA-Buch leicht auffindbar zitiert. Dass die Kritiker auf meine Argumente nichts zu antworten wussten, nahm ich zur Kenntnis.

Eine Ausnahme gibt es allerdings. Es handelt sich um Michael Bittner. Dieser hat nicht nur auf meine Gegenkritik geantwortet, sondern sich auch in ein bis heute andauerndes Gespräch mit mir begeben. Wöchentlich führen wir es in der – von uns abwechselnd geschriebenen Kolumne – „Besorgte Bürger“ in der „Sächsischen Zeitung“. Mir scheint: So kann Streit konstruktiv werden, ja vielleicht auch – da öffentlich ausgetragen und fair geführt – sogar beispielgebend für andere. Das wäre eine gute Entwicklung in einer Zeit, da eher die Ausgrenzung des anderen als die Auseinandersetzung mit ihm gesucht wird.

Vor kurzem hat Michael Bittner auf seinem Blog eine sachkundige und faire Rezension des PEDIGA-Buchs von Patzelt/Klose vorgelegt (http://michaelbittner.info/2016/06/17/das-pegida-buch-von-professor-werner-j-patzelt/). An deren handwerklicher Sorgfalt ist nichts zu bemängeln. Zwar kann man an etlichen Stellen anderer Meinung sein als Bittner. Doch das ist schlechterdings normal, ja für einen auf wechselseitiges Lernen angelegten Diskurs sogar wünschenswert. An einigen Stellen diente es freilich besserem Verständnis des Rezensierten, wenn ein wenig mehr Wissen über jene größeren Zusammenhänge sichtbar würde, in denen von Michael Bittner besprochene Züge des Buches stehen.

Deshalb antworte ich auch auf diesen Text Michael Bittners. Meine Antwort aber hat nichts von einer Kritik an sich, welche Eigenschaft meine früheren Antworten auf Bittner-Texte sehr wohl aufwiesen. Es geht mir um nichts weiter als um eine Kommentierung oder Kontextualisierung mancher Aussagen Bittners. Der Klarheit wegen habe ich in Bittners Rezension einfach „Anmerkungsziffern“ in eckigen Klammern überall dort eingefügt, wo ich weitere Gesichtspunkte einbringen möchte; und diese Anmerkungen handele ich dann systematisch ab.

Weil aber der so entstehende Gesamttext viel länger ist, als man ihn auf Facebook lesen möchte, veröffentliche ich ihn allein auf meinem Blog. Ich würde mich aber freuen, wenn die Diskussion über Bittners Rezension und meine Kommentare – wie üblich – auf Facebook geführt würde

 

I. Michael Bittners Rezension vom 17. Juni 2016:

„Das PEGIDA-Buch von Professor Werner J. Patzelt“

PE­GI­DA, seit ge­rau­mer Zeit schon bloß noch ein mon­tags in Dres­den wan­deln­der Un­to­ter, ist nun zu­se­hends im Zerfall be­grif­fen. Die Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land hat PE­GI­DA po­li­tisch das Was­ser ab­ge­gra­ben. Die Par­tei spricht die­sel­ben Bür­ger an, hat aber im Ge­gen­satz zur Dresd­ner Kreis­be­we­gung auf der Stra­ße eine echte Macht­per­spek­ti­ve. So wird PE­GI­DA über­flüs­sig, viel­leicht auch auf­ge­saugt. Die Ziele und Me­tho­den von PE­GI­DA blei­ben dabei al­ler­dings er­hal­ten und wer­den nun sogar von einer ge­samt­deut­schen Par­tei ver­kör­pert. Wer PE­GI­DA als Ge­fahr ansah, hat also kei­nen Grund, er­leich­tert auf­zu­at­men. [1]

Diese Lage scheint güns­tig, um im Rück­blick ein um­fas­sen­des Bild von PE­GI­DA zu zeich­nen. Die­ses Vor­ha­ben ver­folgt das Buch „PEGIDA. Warnsignale aus Dresden“ von Wer­ner J. Pat­zelt und Joa­chim Klose. Wer die Äu­ße­run­gen von Haupt­au­tor Wer­ner J. Pat­zelt in den letz­ten zwei Jah­ren ver­folgt hat, fin­det in dem Buch keine neuen Ein­sich­ten, aber eine über­sicht­li­che Zu­sam­men­fas­sung sei­ner The­sen. Das sehr um­fang­rei­che Werk be­ginnt mit einem zu­sam­men­fas­sen­den Ge­samt­por­trät von PE­GI­DA. Es stellt so­dann die dürf­ti­gen Pro­gramm­schrif­ten der Grup­pie­rung vor und zeich­net die Ra­di­ka­li­sie­rung der bei den Kund­ge­bun­gen ge­hal­te­nen Reden nach. Das aus­führ­li­che vier­te Ka­pi­tel ver­sucht, mit den Be­fun­den von Um­fra­gen die Ein­stel­lun­gen der De­mons­tran­ten zu er­fas­sen. [2] Die bei­den fol­gen­den Ab­schnit­te stel­len PE­GI­DA als Netz­phä­no­men vor: zu­erst aus kom­mu­ni­ka­ti­ons- und me­di­en­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve, so­dann durch eine gleich­sam eth­no­gra­fi­sche Ana­ly­se von (meist schei­tern­den) On­line-Dis­kus­sio­nen zwi­schen PE­GI­DA-An­hän­gern und Geg­nern. In den letz­ten Ka­pi­teln su­chen die bei­den Au­to­ren nach den tie­fe­ren Ur­sa­chen für PE­GI­DA und er­tei­len – gemäß dem „nor­ma­ti­ven“ Wis­sen­schafts­ver­ständ­nis von Prof. Pat­zelt – Rat­schlä­ge für zu­künf­ti­ges Ver­hal­ten an alle Sei­ten.

Prof. Pat­zelt hat in der Dis­kus­si­on um PE­GI­DA eine her­aus­ra­gen­de Rolle ge­spielt, ja ist durch sie zu einer na­tio­nal pro­mi­nen­ten Figur ge­wor­den, weil er von An­fang an um Ver­ständ­nis für die Dresd­ner De­mons­tran­ten warb [3]. Dies mach­te ihn zum Ziel von Kri­tik, die teils sach­lich auf ge­wis­se Ein­sei­tig­kei­ten sei­ner Sicht­wei­se hin­wies, teils un­sach­lich be­haup­te­te, er wäre An­hän­ger oder Sprach­rohr von PE­GI­DA. Prof. Pat­zelt ant­wor­te­te auf diese Kri­tik oft eben­falls recht herb in einem Ton, der von nicht we­ni­gen PE­GI­DA-Geg­nern als höh­nisch und her­ab­las­send emp­fun­den wurde [4]. Selbst der kon­ser­va­ti­ve Ko­lum­nist Jan Fleisch­hau­er zeig­te sich ein­mal nach einem Be­such in Dres­den ir­ri­tiert und re­agier­te mit recht un­freund­li­chen Wor­ten. [5] Prof. Pat­zelt scheint in­zwi­schen be­merkt zu haben, dass es oft we­ni­ger der In­halt als der Ton sei­ner Äu­ße­run­gen war, der viele PE­GI­DA-Geg­ner er­zürn­te. Sein neues Buch je­den­falls ist im Stil er­freu­li­cher­wei­se weit­ge­hend frei von Po­le­mik und sach­lich ab­wä­gend. Stel­len­wei­se wirkt es dabei al­ler­dings we­ni­ger wie eine wis­sen­schaft­li­che Ab­hand­lung als wie eine per­sön­li­che Recht­fer­ti­gungs­schrift [6]. Die Selbst­sti­li­sie­rung zum ein­zig Auf­rech­ten wird man­cher Leser etwas pe­ne­trant fin­den, aber das ist si­cher Ge­schmacks­sa­che.

Ent­täuscht wer­den Leser, die im Buch nach Spu­ren von Selbst­kri­tik su­chen. Es fin­det sich – von einer Fuß­no­te ab­ge­se­hen – keine [7]. So gibt es auch keine Ant­wor­ten auf in­ter­es­san­te Fra­gen wie etwa diese: Hat sich Prof. Pat­zelts frü­he­re Pro­phe­zei­ung, nach einer Spal­tung von PE­GI­DA werde sich die ge­mä­ßig­te Mehr­heit der De­mons­tran­ten durch­set­zen, nicht als falsch her­aus­ge­stellt? [8] Oder diese: Haben nicht jene PE­GI­DA-Kri­ti­ker recht be­hal­ten, die das an­fangs ge­mä­ßig­te Auf­tre­ten der PE­GI­DA-An­füh­rer gleich als Heu­che­lei von Rechts­ra­di­ka­len ent­larv­ten? [9] Eine in­ten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit den The­sen der Kri­ti­ker von Prof. Pat­zelt fin­det lei­der auch nicht statt [10]. Der Autor die­ser Zei­len er­laubt sich, selbst als Bei­spiel zu die­nen: Prof. Pat­zelt hat im Buch auf ei­ni­ge mei­ner Bei­trä­ge ver­wie­sen, aber lei­der ge­ra­de die nicht zur Kennt­nis ge­nom­men, wel­che sich in­ten­siv mit PE­GI­DA be­fass­ten, statt­des­sen aber alle, in denen es auch um Prof. Wer­ner J. Pat­zelt ging. Und aus letz­te­ren Schrif­ten hat er nur Po­si­tio­nen zi­tiert, die ich nicht mehr ver­tre­te, weil ich sie eben in der Dis­kus­si­on mit ihm kor­ri­giert habe. Da­durch ent­steht ein schie­fes Bild und es wäre bes­ser ge­we­sen, er hätte mich ein­fach gleich ganz igno­riert. [11]

Die linke Kri­tik an Prof. Pat­zelt zeich­ne­te sich lei­der oft nicht durch son­der­lich viel Ge­halt aus. Of­fen­bar fällt es vie­len Men­schen schon schwer, die Texte eines Dis­kus­si­ons­geg­ners auch wirk­lich zu lesen und sich nicht auf eine fünf­zehn­mi­nü­ti­ge Goog­le-Re­cher­che al­lein zu ver­las­sen. Dabei lässt sich der po­li­ti­sche und wis­sen­schaft­li­che Stand­ort von Prof. Pat­zelt durch eine Lek­tü­re sei­ner recht mei­nungs­freu­di­gen Ein­füh­rung in die Po­li­tik­wis­sen­schaft leicht fest­stel­len. [12] Die glei­che Igno­ranz zei­gen al­ler­dings auch zahl­rei­che PE­GI­DA-An­hän­ger, die Prof. Pat­zelt eben­falls für einen Par­tei­gän­ger ihrer Be­we­gung hal­ten. Dabei kri­ti­siert er auch PE­GI­DA häu­fig. [13] Es wäre gut, wenn diese Tat­sa­che ge­ra­de unter PE­GI­DA-Sym­pa­thi­san­ten be­kannt ge­macht würde, etwa durch die Ver­brei­tung der fol­gen­den Zi­ta­te aus dem neuen Buch.

So äu­ßert Prof. Pat­zelt zur ex­plo­die­ren­den rechts­ex­tre­men Ge­walt, dass

„dem­ago­gi­sches Zün­deln von PE­GI­DA-Red­nern und PE­GI­DA-Sym­pa­thi­san­ten wei­te­re Brand­stel­len auf vie­ler­lei Face­book-Sei­ten ent­ste­hen ließ – und aus die­sen sich so man­che Untat mo­ti­viert haben dürf­te.“

Über­haupt gelte für PE­GI­DA im In­ter­net:

„Diese Texte strot­zen oft von ras­sis­ti­schen, ge­walt­lüs­ter­nen, auch schlicht­weg dum­men Aus­sa­gen. Fer­ner füh­ren dort ge­teil­te Posts tief in die Welt von ver­schwö­re­ri­schem und rechts­ra­di­ka­lem Arkan­wis­sen hin­ein.“

Auch seien „et­li­che Reden oder Re­de­pas­sa­gen auf PE­GI­DA-Ver­an­stal­tun­gen grob, her­ab­wür­di­gend und auf­het­ze­risch“. Die Be­ru­fung auf das „Abend­land“ sei nichts als eine in­tel­lek­tu­ell nicht aus­ge­füll­te „Sprech­bla­se“ und werde über­dies „kon­ter­ka­riert“ durch den „In­halt und Ton der Aus­sa­gen von Pe­gi­dia­nern“. Den von PE­GI­DA prak­ti­zier­ten „kul­tu­ra­lis­ti­schen Ras­sis­mus“ zur Stig­ma­ti­sie­rung aller Mus­li­me weist Prof. Pat­zelt zu­rück. Über den Ver­dacht, nach dem „Mus­li­me an sich schon pro­ble­ma­ti­sche Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger wären“, heißt es:

„Letz­te­res trifft zwar auf jene dschi­ha­dis­ti­schen Mus­li­me zu, die wirk­lich gegen un­se­re frei­heit­lich de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung an­ge­hen oder an­ge­hen wol­len. Das ist aber eine klei­ne Min­der­heit, für wel­che die große Mehr­heit fried­li­cher Mus­li­me in eine Art Sip­pen­haft zu neh­men sich schlicht nicht ge­hört.“

Den An­füh­rern von PE­GI­DA wirft er „po­li­ti­sche Un­zu­läng­lich­keit“ vor, die dazu ge­führt habe, dass die Be­we­gung nicht „übers Schimp­fen und Vor­wer­fen hin­aus­ge­langt“ sei.

„Trotz Feh­lens kon­kre­ter For­de­run­gen Woche für Woche wei­ter zu de­mons­trie­ren, ist dann schon bald kein sich kon­struk­tiv aus­wir­ken­der Pro­test mehr, son­dern nimmt den Cha­rak­ter struk­tu­rel­ler Ge­walt an.“

Den PE­GI­DA-De­mons­tran­ten at­tes­tiert Prof. Pat­zelt ein ein­sei­tig tech­no­kra­ti­sches De­mo­kra­tie-Ver­ständ­nis, das zur „Idea­li­sie­rung au­to­ri­tä­rer Po­li­tik­sti­le“ führe. Auf Grund einer aus DDR-Zei­ten über­nom­me­nen Staats­gläu­big­keit seien sie au­ßer­dem be­reit zur kol­lek­ti­ven Em­pö­rung, sel­ten aber zum per­sön­li­chen po­li­ti­schen En­ga­ge­ment. Den „Lü­gen­pres­se“-Vor­wurf hält Prof. Pat­zelt zwar nicht für völ­lig un­be­rech­tigt, aber doch für über­trie­ben und hin­der­lich:

„Oben­drein ver­här­te­ten sich Pe­gi­dia­ner zu­min­dest ge­gen­über den deut­schen Me­di­en selbst dann und lei­der erst recht, als Jour­na­lis­ten im spä­te­ren Ver­lauf des Jah­res 2015 damit be­gan­nen, auch dif­fe­ren­ziert über PE­GI­DA zu be­rich­ten. Nicht sel­ten schien es so, als wäre guter Jour­na­lis­mus in ihren Augen de­ckungs­gleich mit me­dia­ler Un­ter­stüt­zung ihrer Sache.“

Und über die An­ma­ßung von PE­GI­DA, sich selbst zum „Volk“ auf­zu­wer­fen, heißt es schließ­lich:

„Na­tür­lich ist es nicht so, als ob etwas schon des­halb rich­tig wäre, weil ei­ni­ge Tau­send Leute es Woche für Woche mit lau­ter Stim­me be­kun­den. Aus dem Prin­zip der Volks­sou­ve­rä­ni­tät folgt auch nicht, mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ wäre be­reits dar­über ent­schie­den, was sinn­vol­ler­wei­se zu tun sei.“

Nach­dem durch diese Zi­ta­te viel­leicht ei­ni­ge Fehl­wahr­neh­mun­gen kor­ri­giert wur­den, möch­te ich die zen­tra­le These von Prof. Pat­zelts Buch wie­der­ge­ben: Die große Mehr­heit der PE­GI­DA-Geg­ner in Bür­ger­schaft, Me­di­en und Po­li­tik hat die Dresd­ner De­mons­tran­ten falsch wahr­ge­nom­men, des­we­gen falsch auf sie re­agiert und da­durch PE­GI­DA (wie die Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land) erst stark ge­macht. Die PE­GI­DA-De­mons­tran­ten hielt man lange irr­tüm­lich alle un­ter­schieds­los für Ras­sis­ten und Nazis, wäh­rend Um­fra­gen und Be­ob­ach­tun­gen zeig­ten, dass sich auch zahl­rei­che bloß kon­ser­va­ti­ve oder schlicht un­zu­frie­de­ne Bür­ger an den De­mons­tra­tio­nen be­tei­lig­ten, unter ihnen sogar ei­ni­ge sich als „links“ ver­ste­hen­de Sys­tem­kri­ti­ker. [14] Die PE­GI­DA-Geg­ner re­agier­ten wie auf die frü­he­ren Na­zi-Auf­mär­sche zum 13. Fe­bru­ar, näm­lich mit Aus­gren­zung und Blo­cka­den. Dies aber führ­te – wie die Eti­ket­tie­rung aller De­mons­tran­ten als „PE­GI­DA-Na­zis“ – nur zu einer trot­zi­gen So­li­da­ri­sie­rung, die für noch mehr Zu­lauf sorg­te. Es ent­stand ein Klima wech­sel­sei­ti­ger Ver­ach­tung, die Stadt Dres­den po­la­ri­sier­te sich in Freund und Feind. Die Sym­pa­thi­en für PE­GI­DA reich­ten weit ins Dresd­ner Bür­ger­tum hin­ein, wes­halb sich die Bür­ger­schaft auch nicht ge­schlos­sen gegen diese De­mons­tra­tio­nen stell­te, an­ders als in fast allen an­de­ren deut­schen Städ­ten, wo al­ler­dings die PE­GI­DA-Nach­ah­mer auch ein­deu­tig als Rechts­ra­di­ka­le zu er­ken­nen waren. Das vor­wie­gend kon­ser­va­ti­ve Dresd­ner Bür­ger­tum wurde zu einer „Schutz­hül­le um PE­GI­DA“. Bes­ser wäre es ge­we­sen, mit den Ge­mä­ßig­ten und den bloß Frus­trier­ten oder Ver­wirr­ten unter den De­mons­tran­ten ins Ge­spräch zu kom­men und ihre Be­fürch­tun­gen an­ge­sichts is­la­mis­ti­schen Ter­rors und un­ge­ord­ne­ter Zu­wan­de­rung ernst zu neh­men, zumal diese sich über­dies auch noch im Jahr 2015 teil­wei­se be­wahr­hei­te­ten. Ins­be­son­de­re die CDU hat es ver­säumt, Wäh­ler der rech­ten Seite des po­li­ti­schen Spek­trums ein­zu­bin­den und da­durch eine „Re­prä­sen­ta­ti­ons­lü­cke“ ent­ste­hen las­sen, die nun lei­der von den „Rechts­po­pu­lis­ten“ von PE­GI­DA und der Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land ge­füllt wird.

Prof. Pat­zelt hat in vie­len Punk­ten, und ins­be­son­de­re in der Frage nach den Ur­sa­chen des Schei­terns der Dresd­ner PE­GI­DA-Geg­ner, mei­ner An­sicht nach recht. [15] Den­noch scheint mir die Sicht­wei­se des Bu­ches in ei­ni­gen Punk­ten auch ein­sei­tig. Hier­zu ei­ni­ge kri­ti­sche An­mer­kun­gen:

Wie Prof. Pat­zelt selbst be­merkt, hatte die ne­ga­ti­ve Wahr­neh­mung von PE­GI­DA auch gute Grün­de: Von An­fang an be­tei­lig­ten sich zahl­rei­che stadt­be­kann­te Rechts­ex­tre­me und Hoo­li­gan-Schlä­ger an den De­mons­tra­tio­nen. Prof. Pat­zelt schätzt nach sei­nen Um­fra­gen den An­teil der Rechts­ra­di­ka­len auf 20% und räumt ein, er liege ver­mut­lich noch ein Stück höher. Zudem war der An­füh­rer Lutz Bach­mann eben­falls sehr früh ein­deu­tig als no­to­ri­scher Lüg­ner, Kri­mi­nel­ler und ras­sis­ti­scher Het­zer zu er­ken­nen. Viele Be­ob­ach­ter – so auch ich – mach­ten an­fäng­lich den Feh­ler, vor­ei­lig alle De­mons­tran­ten mit ihrem An­füh­rer zu iden­ti­fi­zie­ren. Eben­falls ein Feh­ler vie­ler Be­ob­ach­ter war es, das häss­li­che Ge­sicht von PE­GI­DA im Netz für das Ant­litz der gan­zen Be­we­gung zu hal­ten. Die Stu­di­en von Prof. Pat­zelt zei­gen aber, dass sich im Netz vor allem die jün­ge­ren und ra­di­ka­le­ren PE­GI­DA-An­hän­ger äu­ßern, wäh­rend viele Äl­te­re gar nicht im In­ter­net prä­sent sind. Für die Fehl­wahr­neh­mung waren aber auch die De­mons­tran­ten selbst mit­ver­ant­wort­lich: Sie ver­wei­ger­ten – auf Be­fehl ihres An­füh­rers – das Ge­spräch mit Jour­na­lis­ten und po­li­ti­schen Geg­nern und ap­plau­dier­ten immer wie­der auch Reden, die auf wi­der­lichs­te Weise ras­sis­tisch waren. In die Op­fer­rol­le be­ga­ben sich die De­mons­tran­ten auch durch ei­ge­ne „Selbst­stig­ma­ti­sie­rung“ (Franz Wal­ter u.a.), um keine kon­struk­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung füh­ren zu müs­sen. Die Frage, wer nun mehr oder we­ni­ger Ver­ant­wor­tung für das Schei­tern der Kom­mu­ni­ka­ti­on trägt, lässt sich je­den­falls nicht mit einer ein­sei­ti­gen Schuld­zu­wei­sung be­ant­wor­ten. [16]

Prof. Pat­zelt, der eine dif­fe­ren­zier­te Be­trach­tung von PE­GI­DA ein­for­dert, blickt auf „die PE­GI­DA-Geg­ner“ und „die Me­di­en“ ge­le­gent­lich selbst nicht be­son­ders dif­fe­ren­ziert. Nicht nur spie­len die Ge­füh­le der Geg­ner – von den Ge­füh­len der Ge­flüch­te­ten ganz zu schwei­gen! – im Buch kaum eine Rolle. [17] Es wird auch man­tra­ar­tig die These wie­der­holt, alle PE­GI­DA-An­hän­ger wären be­stän­dig nur als „Nazis“, „Ras­sis­ten“ und „Rechts­ex­tre­me“ be­schimpft wor­den. Diese Sicht wird jenen Jour­na­lis­ten [18] nicht ge­recht, die von An­fang an kri­tisch, aber sach­lich über PE­GI­DA be­rich­te­ten. Zu nen­nen wären Ul­rich Wolf, Ste­fan Locke und an­de­re mehr. Und Prof. Pat­zelt über­sieht auch, wie viele PE­GI­DA-Geg­ner sich eben­falls schon früh um eine ge­naue­re Be­trach­tungs­wei­se be­müh­ten. So schrieb sogar der als be­son­ders links­ver­sifft be­rüch­tig­te Volks­ver­rä­ter Mi­cha­el Bitt­ner in einem Beitrag be­reits am 27.2. 2015:

„Das Wort Kri­tik stammt vom grie­chi­schen Wort für ‚Un­ter­schei­dung‘ ab, eine ge­lun­ge­ne Kri­tik soll­te sich also durch Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­mö­gen aus­zeich­nen. Daran sei er­in­nert, weil ei­ni­ge Geg­ner der neu­rech­ten Be­we­gun­gen in ihrer ver­ständ­li­chen Ab­leh­nung allzu un­dif­fe­ren­ziert zu Werke gehen. Be­grif­fe wie ‚PE­GI­DA-Na­zis‘ wer­den, so scheint mir, zu leicht­fer­tig ge­braucht. Bei allem Spaß an der Po­le­mik soll­te man doch Füh­rer und Mit­läu­fer, Über­zeug­te und Ver­wirr­te sowie Neo­na­zis, Fa­schis­ten und Kon­ser­va­ti­ve aus­ein­an­der­hal­ten.“ [19]

Prof. Pat­zelt ge­braucht in sei­nem neuen Buch wie­der­holt seine alte geo­lo­gi­sche Lieb­lings­m­e­ta­pher: Dres­den sei nur ein „Vul­kan­schlot“, durch den „Magma“ der Em­pö­rung aus­tre­te, das unter ganz Deutsch­land, ja ganz Eu­ro­pa ru­mo­re. Nun haben aber Me­ta­phern die Ei­gen­heit, dass sie zwar eine Seite eines Phä­no­mens er­hel­len, dafür aber an­de­re Sei­ten ver­dun­keln. Wenn man PE­GI­DA und den Rechts­po­pu­lis­mus im Bild einer Na­tur­ka­ta­stro­phe be­schreibt, dann läuft man Ge­fahr zu un­ter­schät­zen, wie stark auch Furcht und Em­pö­rung me­di­al kon­stru­iert und po­li­tisch in­stru­men­ta­li­siert wer­den. [20] Ge­ra­de einem For­scher, der wie Prof. Pat­zelt von der „so­zia­len Kon­struk­ti­on der Wirk­lich­keit“ aus­geht, muss ich das ge­wiss nicht er­zäh­len. Angst und Wut sind also nicht ein­fach da, sie wer­den auch von öko­no­misch und po­li­tisch in­ter­es­sier­ten Kräf­ten ge­schürt und aus­ge­nutzt. (Was nicht heißt, diese Ge­füh­le wären nur er­fun­den und ganz un­be­grün­det.) Lei­der geht Prof. Pat­zelts Buch ge­ra­de den Stra­te­gi­en der neu­rech­ten Be­we­gun­gen, zu denen PE­GI­DA ge­hört, kaum nach [21]. Die Ver­bin­dun­gen zur „Pa­trio­ti­schen Platt­form“ der Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land, der Ein­fluss von Grup­pen wie den „Reichs­bür­gern“ und den „Iden­ti­tä­ren“, die Rolle von rus­si­schen Staats­me­di­en und rechts­ra­di­ka­ler Ge­gen­öf­fent­lich­keit in Deutsch­land – all dies kommt in der Ana­ly­se zu kurz. Lei­der fehlt bei der Ana­ly­se der PE­GI­DA-Re­den, die Prof. Pat­zelt ei­ni­gen sei­ner Stu­den­ten über­las­sen hat, auch die her­me­neu­tisch un­ver­zicht­ba­re Ein­bet­tung der PE­GI­DA-Ideo­lo­ge­me in den Kon­text des rechts­ra­di­ka­len Dis­kur­ses in Eu­ro­pa. [22]

Eine letz­te Kri­tik soll noch der Ur­sa­chen­for­schung des Bu­ches gel­ten. Als „Tie­fen­schicht des PE­GI­DA-Phä­no­mens“ macht Prof. Pat­zelt „die mit Angst ver­meng­te Ab­leh­nung einer weit­rei­chen­den Ver­än­de­rung der kul­tu­rel­len Zu­sam­men­set­zung des ei­ge­nen Staats­vol­kes“ aus. Und als „ul­ti­ma­te Ur­sa­che“ gilt ihm ein ge­stör­tes Ver­hält­nis der Deut­schen zur ei­ge­nen Na­ti­on, das sich in der un­ge­lös­ten Frage zeige, „ob der Pa­trio­tis­mus von Deut­schen nur Ver­fas­sungspa­trio­tis­mus sein dürfe, oder ob er mehr als Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus sein solle.“ Prof. Pat­zelt plä­diert be­kannt­lich seit Län­ge­rem für die­ses Mehr, näm­lich für eine „deut­sche Leit­kul­tur“. Diese kul­tu­ra­lis­ti­sche Deu­tung von so­zia­len Pro­ble­men [23] weist Prof. Pat­zelt als Kon­ser­va­ti­ven aus. [24] Un­ge­stellt bleibt die Frage, ob die Po­la­ri­sie­rung und Ver­ro­hung der eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten nicht auch auf Jahr­zehn­te neo­li­be­ra­ler Po­li­tik zu­rück­zu­füh­ren wären, auf eine wach­sen­de Kluft zwi­schen Arm und Reich und eine immer pre­kä­re­re Exis­tenz vie­ler Men­schen unter Be­din­gun­gen ver­schärf­ter Kon­kur­renz. Prof. Pat­zelt macht zwar einen öko­no­mi­schen Ver­tei­lungs­kampf zwi­schen Ein­hei­mi­schen und Zu­wan­de­rern aus, tut aber den Wunsch nach „so­zia­ler Ge­rech­tig­keit“ als blo­ßen „Neid“ ab. [25] Als Lö­sung schwebt ihm keine Än­de­rung der Wirt­schafts­ord­nung vor, son­dern eine Rück­kehr zur „ex­klu­si­ven So­li­da­ri­tät“ an­stel­le einer „in­klu­si­ven“ – also eine Rück­be­sin­nung auf die Ei­gen­in­ter­es­sen des Staats­vol­kes, ohne Eu­phe­mis­mus ge­spro­chen: auf den na­tio­na­len Ego­is­mus. [26]

(Keine Be­rei­che­rung für das Buch ist die Mit­ar­beit des Ko­au­tors Joa­chim Klose. In des­sen Bei­trag wird wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­se viel­fach er­setzt durch klein­ka­rier­te lo­kal­po­li­ti­sche Po­le­mik gegen alles Linke, was zu teil­wei­se ab­stru­sen The­sen führt. So wird – in einem Buch, das dif­fe­ren­zier­tes Den­ken und Ein­füh­len for­dert! – die ganze an­ti­fa­schis­ti­sche Grup­pie­rung Dres­den Na­zi­frei als ge­walt­be­reit de­nun­ziert, wäh­rend die – auch nach Mei­nung von Prof. Pat­zelt – teil­wei­se dem­ago­gi­schen und ras­sis­ti­schen An­spra­chen der PE­GI­DA-An­füh­rer zu „po­li­tisch in­kor­rek­ten Reden“ ver­nied­licht wer­den.) [27]

Zum Ab­schluss prä­sen­tiert Prof. Pat­zelt seine Rat­schlä­ge: Es solle eine öf­fent­li­che Dis­kus­si­on und par­la­men­ta­ri­sche Ent­schei­dung über ein Zu­wan­de­rungs- und In­te­gra­ti­ons­ge­setz geben, um die damit ver­bun­de­nen Fra­gen auf de­mo­kra­ti­schem Wege zu klä­ren. Dabei sol­len nur wirk­lich ras­sis­ti­sche und an­ti­de­mo­kra­ti­sche Po­si­tio­nen aus­ge­grenzt wer­den, nicht aber Bür­ger, die le­dig­lich pa­trio­ti­sche oder rech­te Ein­stel­lun­gen ver­tre­ten. Gegen diese Emp­feh­lun­gen habe ich nichts ein­zu­wen­den. Al­ler­dings braucht es gleich­zei­tig auch einen öf­fent­li­chen Kampf gegen jene Po­li­ti­ker und Pro­pa­gan­dis­ten, die ver­su­chen, ras­sis­ti­sches und an­ti­de­mo­kra­ti­sches Den­ken und Han­deln wie­der mehr­heits­fä­hig zu ma­chen. In die­ser Aus­ein­an­der­set­zung könn­te Prof. Pat­zelt viel­leicht noch etwas mehr leis­ten als bis­lang. [28]

Lei­der ist das PE­GI­DA-Buch von Prof. Pat­zelt ins­ge­samt zu dick ge­ra­ten und ent­hält zahl­rei­che – z.T. wört­li­che – Wie­der­ho­lun­gen. [29] Der Stil des Au­tors ist an­spruchs­voll, aber doch gut les­bar. Nur haben sich lei­der ei­ni­ge Phra­sen der po­li­tisch-me­dia­len Klas­se – von „ziel­füh­rend“ bis „Hand­lungs­be­darf“ – in sei­nen Wort­schatz ge­schli­chen. [30] Das Buch ist für alle, die sich ein ge­nau­es Bild der PE­GI­DA-Be­we­gung ma­chen wol­len, un­ver­zicht­bar. Es gibt keine de­tail­lier­te­re Dar­stel­lung. Kon­zi­ser ist al­ler­dings das Buch von Hans Vor­län­der u.a. [31], die tie­fe­ren öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen Ur­sa­chen wer­den in der Mo­no­gra­fie von Franz Wal­ter u.a. bes­ser ana­ly­siert [32].

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Wer­ner J. Pat­zelt und Joa­chim Klose: PE­GI­DA. Warn­si­gna­le aus Dres­den. Dres­den: The­lem, 2016, 672 Sei­ten, 22 Euro.

Wei­te­re emp­feh­lens­wer­te PE­GI­DA-Ge­samt­dar­stel­lun­gen:

Hans Vor­län­der, Maik He­rold, Ste­ven Schäl­ler: PE­GI­DA. Ent­wick­lung, Zu­sam­men­set­zung und Deu­tung einer Em­pö­rungs­be­we­gung. Wies­ba­den: Sprin­ger VS, 2016

Lars Gei­ges, Stine Marg, Franz Wal­ter: PE­GI­DA. Die schmut­zi­ge Seite der Zi­vil­ge­sell­schaft? Bie­le­feld: tran­script, 2015

Vgl. zum po­li­ti­schen und wis­sen­schaft­li­chen Stand­ort von Wer­ner J. Pat­zelt:

Wer­ner J. Pat­zelt: Ein­füh­rung in die Po­li­tik­wis­sen­schaft. Grund­riss des Fa­ches und stu­di­um­be­glei­ten­de Ori­en­tie­rung. Pas­sau: Rothe, 7. ern. über­arb. u. stark erw. Aufl. 2013

 

 

II. Meine Anmerkungen zu Michael Bittners Rezension

[1] Hier bin ich mit Bittner analytisch einer Meinung, füge aber – selbst einschlägig belehrt – hinzu, dass Totgesagte meist deutlich länger leben.

[2] Was meint wohl die Aussage, ich „versuchte“ im vierten Kapitel, „mit den Be­fun­den von Um­fra­gen die Ein­stel­lun­gen der De­mons­tran­ten zu er­fas­sen“? Das klingt doch recht danach, dass der deutsche Skiverband versucht habe, mit dem österreichischen Skiverband mitzuhalten, dann aber eben doch gescheitert sei. Falls das der gewünschte Klang des Satzes wäre, lautete die Aussage des Rezensenten im Klartext so: „Noch einmal tischt uns dieser Patzelt falsche Daten über die Pegidianer auf, weil er anscheinend das Forscherhandwerk immer noch nicht beherrscht!“ Wenn das aber der gemeinste Sinn von Bittners Satz wäre, dann verhülfen die folgenden Hinweise ihm und den Lesern seiner Rezension zu einer zutreffenderen Einschätzung des Kapitels über Die PEGIDA-Demonstranten.

Erstens finden sich im Buch sämtliche Befunde aller bis zur Veröffentlichung meines PEGIDA-Bandes publizierten Demonstrantenbefragungen zusammengestellt und verglichen. Diese Ergebnisse, sowohl zu den soziographischen Merkmalen als auch zu den Einstellungen von Pegidianern, passen allesamt  sehr gut zusammen. Die einzige Ausnahme ist Vorländers „Ausreißer-Befund“, wonach die PEGIDA-Demonstranten hätten überdurchschnittlich hohe Einkommen hätten. In Wirklichkeit haben sie, wie alle anderen Studien zeigen, durchschnittliche bis unterdurchschnittliche Einkommen.

Zweitens passen die Befunde aller bisherigen Demonstrantenstudien sehr gut zusammen, obwohl sie anhand höchst unterschiedlicher Stichproben erhoben werden, von denen keine einzige die Repräsentativität der Befunde garantieren konnte. Doch man muss auch nicht von einem Braten eine repräsentative Stichprobe von Fleischstückchen abschneiden, wenn man herausfinden will, ob das Fleisch zäh ist. Dafür reichen Stückchen vom Rand und von der Mitte. Und kaum anders war es mit den bisherigen Stichproben von Studien zu den PEGIDA-Demonstranten:

  • Dieter Rucht et. al. Verteilten im Januar 2014 nicht weniger als 1800 Handzettel an PEGIDA-Demonstranten, mit denen für eine Online-Befragung geworben wurde. An der nahmen dann ganze 123 Leute teil (Ausschöpfungsquote 6,8%).
  • Geiges et al. verteilten im Januar 2015 nicht weniger als 3500 Handzettel, mit denen ebenfalls für eine Online-Befragung geworben wurde. An der nahmen dann 482 Leute teil (Ausschöpfungsquote: 13,8%).
  • Geiges et al. Verteilten im November des gleichen Jahres 1800 Fragebögen mit frankiertem Rückumschlag unter PEGIDA-Demonstranten, von denen 610 (teil-) ausgefüllt zurückgeschickt wurden (Ausschöpfungsquote: 34%).
  • Karlheinz Reuband verteilte im Dezember 2015 ebenfalls 810 Fragebögen mit frankiertem Rückumschlag unter PEGIDA-Demonstranten, von denen 331 (teil-) ausgefüllt zurückgeschickt wurden (Ausschöpfungsquote: 41%).

Keine dieser Umfragen erfüllte auch nur im Mindesten die jene Auswahlkriterien, die eine Repräsentativität der Befunde garantieren können. Und dennoch passten die Ergebnisse überall dort gut zusammen, wo sich nicht der Gegenstand selbst im Lauf des Jahres verändert hatte. Es ist nun einmal so, dass sich in nennenswerten Umfang vorhandene Wirklichkeitsmerkmale auch an nicht-repräsentativen Stichproben zeigen und jede neue Stichprobe dann die Befunde der vorangegangenen zu erhärten vermag. Und ohnehin gehen wir in den Sozialwissenschaften nie davon aus, dass selbst repräsentative Auswahlen aus der jeweils gleichen Grundgesamt bis auf zwei, drei Prozent genau zusammenpassende Häufigkeitsverteilungen liefern.

Die Befunde von Rucht und Geiges aus dem Winter 2014/15 passen ebenfalls gut mit den Ergebnissen von Vorländer et al. zusammen, die im Dezember 2014 und im Januar 2015 bei drei aufeinander folgenden PEGIDA-Demonstrationen 1106 Personen ansprachen und 397 Interviews realisierten (Ausschöpfungsquote: 35,9%). Vorländer et al. behaupteten zwar stets, eine „repräsentative Stichprobe“ gezogen zu haben, konnten – aufgrund ihres Auswahlverfahrens – Repräsentativität aber ebenso wenig garantieren wie Rucht, Geiges und Reuband.

Auch ich habe stets eine Garantieerklärung für die von mir gezogenen Stichproben von nicht weniger als vier Demonstrantenbefragungen abgelehnt. Daraus machten dann Journalisten und Kritiker: Patzelt selbst hat zugegeben, seien Stichproben seien ganz willkürlich gezogen und in keiner Weise geeignet, über die tatsächliche Zusammensetzung der PEGIDA-Demonstranten oder über deren Einstellungen zu informieren. Dabei passen die Befunde meiner vier Demonstrantenbefragungen – wie sich in vielen Tabellen und Korrelationszusammenstellungen meines PEGIDA-Buchs zeigt – nicht nur untereinander bestens zusammen, sondern desgleichen mit den Ergebnissen aller anderen PEGIDA-Studien. Mich selbst wunderte das überhaupt nicht. Einesteils sind die Ausschöpfungsquoten meiner Studien höher als die fast aller anderen PEGIDA-Studien (Fallzahlen und Ausschöpfungsquoten im Januar, April und Mai 2015 sowie im Januar 2016: 242, 271, 434, 368  bzw. 49%, 48%, 39%, 37%). Sondern andernteils – und vor allem – kamen die Stichproben meiner Demonstrantenbefragungen den Verfahrensvorschriften für die Ziehung einer repräsentativen Stichprobe näher als die Verfahrensweisen aller anderen Pegidianer-Befragungen, zumal derer von Rucht, Geiges und Reuband. Denn zum einen waren die für Interviews anzusprechenden Zielpersonen gemäß den – zusammenpassenden! – Befunden der anderen Studien nach Geschlecht und Alter quotiert. Und zum anderen waren den Interviewern „Sample Points“ in Gestalt von Befragungssektoren auf den Kundgebungsplätzen bzw. bei den Demonstrationszügen zugewiesen. Das steigerte besser als bei allen anderen Studien, einschließlich der von Vorländer et al.,  die Chancen darauf, dass tatsächlich – wenn auch nicht garantierbar – ein „repräsentativer Querschnitt“ der Demonstranten befragt wurde. Dass dies von Journalisten und Kritikern grundsätzlich nicht so erkannt wurde, zeugt eher von mangelhaften Methodenkenntnissen auf deren Seite als von Methodenfehlern bei meinen Demonstrantenbefragungen.

Wenn nun aber die Befunde von so unterschiedlich gezogenen Stichproben (Appell, sich an Online-Befragungen zu beteiligen; Zurücksendung verteilter Fragebögen; Ansprechen von PEGIDA-Demonstranten auf den Zugangswegen zum Demonstrationsort; Quotenstichprobe mit über den Kundgebungsplatz und den Demonstrationszug streuenden „Sample Points“) so gut zusammenpassen: Welchen guten Grund gibt es dann wohl für die Unterstellung, die ausführliche, alle verfügbaren Daten zusammenführende Beschreibung der Merkmale und Einstellungen von PEGIDA-Demonstranten sei allenfalls „versuchsweise“ erfolgt, in Wirklichkeit aber eben doch nicht gelungen? Und wie lässt sich das ernsthaft behaupten angesichts von wirklich vielen Tabellen und Korrelationsübersichten, in denen ganz augenscheinlich wird, wie gut nicht nur die Häufigkeitsverteilungen, sondern auch noch Korrelationen meiner vier Befragungswellen zusammenpassen? Noch einmal: In solchen Insinuationen scheint mir fehlende Methodenkompetenz zusammenzuwirken mit mancherlei Zorn über (weiland) politisch unerwünschte Befunde …

Drittens wird, und wohl aus dem letztgenannten Grund, seit Monaten immer wieder folgender Einwand vorgetragen: Durch zu viele – und dabei nicht zufallsgestreute – Antwortverweigerungen wären die Befunde aller PEGIDA-Studien bis hin zur Unbrauchbarkeit verzerrt. Doch diesbezüglich sei einmal mehr die Aussage des ehemaligen Professors für empirische Sozialforschung Karlheinz Reuband zitiert, die sich mit originalem Quellenverweis auf S. 162 meines PEGIDA-Buches findet: „Es gibt keine Hinweise dafür, dass sich die Pegida-Teilnehmer überproportional wissenschaftlichen Befragungen verweigern. Das ist zwar in der Vergangenheit behauptet worden […}, hält aber einer näheren Prüfung nicht stand“. Genau so ist es. Man wird sich also allmählich mit politisch unerwünschten empirischen Befunden abfinden müssen.

Viertens bleibt noch folgender, in allen meinen PEGIDA-Studien von mir ausdrücklich mitgeteilte – und von Journalisten wie Kritikern mit besonderer Sorgfalt aufgegriffene – Befund zu kommentieren: Es haben sich jüngere, noch weiter rechts als der PEGIDA-Durchschnitt eingestellte Demonstranten häufiger als andere Pegidianer Interviews verweigert. Das führt dazu, dass alle Häufigkeitsverteilungen, die mit der politischen Grundeinstellung der Befragten zusammenhängen, zur Mitte hin verzerrt sind. Welche das im Einzelnen sind, geht aus der entsprechenden Aufstellung auf S. 170f des PEGIDA-Buchs hervor. Und zur ganzen Wahrheit gehört dann noch einerseits, dass die Masse der Pegidianer, wie auch sämtliche Beobachtungen der Demonstrationen zeigten, nicht aus jungen Rechtsradikalen, sondern aus älteren „Normalrechten“ besteht, sich dieser Verzerrungseffekt also in durchaus engen Grenzen halten wird. Und andererseits waren ab meiner zweiten PEGIDA-Studie vom April 2015 meine Interviewer ausdrücklich angewiesen, im Rahmen ihrer Quotenvorgaben und „Sample Points“ nach Möglichkeit gerade solche Leute anzusprechen, deren Aussehen oder Auftreten eine besonders rechte Einstellung erwarten ließ. Wohl ist wahr, dass sich ein Teil der Interviewer scheute, genau das zu tun. Doch daraus lässt sich schwerlich folgern, alle Interviewer hätten das in allen Fällen getan, weswegen so gut wie keine Rechtsradikalen befragt worden wäre. Ganz im Gegenteil machten wir konstant über drei Umfragen ein Fünftel klar Rechtsradikaler ausfindig.

Obendrein passen die Befunde meiner Demonstrantenbefragungen Studien sehr gut mit den Ergebnissen von Rucht und Geiges zusammen, bei deren Umfragen gerade keine Interviews geführt, sondern Online-Fragebögen – auf der Grundlage von einladenden Handzetteln – von selbstrekrutierten Umfrageteilnehmern am PC ausgefüllt wurden. Dabei ist von besonderem Gewicht, dass gerade die jüngeren PEGIDA-Teilnehmer besonders internet-affin und außerdem besonders rechts eingestellt sind. Weil aber die Umfragen von Rucht und Geiges, an denen teilzunehmen vor allem für die in meinen Interviewstudien untervertretenen „jungen Rechtsradikalen“ besonders attraktiv war, nicht nennenswert „rechter“ ausgefallen sind als meine Umfragen: Wie groß wird dann wohl jene Verzerrung wirklich sein, die meine Umfragen aufgrund überdurchschnittlicher Interviewverweigerung durch die Minderheit jüngere und rechtere Demonstranten aufweisen?

Wie man es also auch dreht und wendet: Es gibt keinen vernünftigen Grund zum Zweifel daran, dass wir inzwischen sehr genau wissen, wer die PEGIDA-Demonstranten wirklich sind und wie bzw. in welchen Strukturen sie denken. Also stellt das Demonstranten-Kapitel unseres PEGIDA-Buches gerade keinen bloßen „Versuch“ dar, die Einstellungen der PEGIDA-Demonstranten zu erfassen. Es erfasst und vermisst sie vielmehr höchst präzise. Allenfalls zwei bis drei Prozentpunkte sollte man überall dort „draufschlagen“, wo sich in den Häufigkeitsverteilungen sehr rechte Einstellungen abzeichnen. Auch diese „interpretative Korrektur“ verändert aber das im Demonstrantenkapitel gezeichnete Bild nicht in irgendeiner wesentlichen Hinsicht.

Angefügt sei ein lustiges Verfahren der Verfasser der neuesten Leipziger Mitte-Studie. Im 5. Kapitel ihres Buchs widmen sie sich den Dresdner PEGIDA-Demonstranten. Hierzu stellen sie erstens fest, die vorliegenden Studien (und sie zitieren nicht mehr als Vorländer et al. sowie meine allererste Studie vom Januar 2015, und zwar gerade so, als ob sie von den Folgenstudien aus dem April, Mai und Januar 2016 schlicht nichts wüssten) gäben die Einstellungen der PEGIDA-Demonstranten aufgrund von Repräsentativitätsmängeln durchaus nicht zutreffend wieder (siehe Decker / Kiess / Brähler, 2016: Die enthemmte Mitte, S. 137). Zweitens schließen die Autoren dann im Rest dieses Kapitels von den Einstellungen der Teilgruppe von PEGIDA-Anhängern unter den von ihnen bundesweit (!) repräsentativ Befragten (also nicht: von PEGIDA-Demonstranten) auf die Einstellungen eben der – angeblich nicht korrekt untersuchbaren – Dresdner Pegidianer. Sie gleichen darin jenem Tölpel, der einen verlorenen Schlüssel nicht dort sucht, wo er womöglich aus der Tasche glitt, sondern bequemerweise dort, wo eine Straßenlaterne scheint … Dazu lässt sich wohl nicht mehr sagen als „Bravo!“.

[3] Ich habe in vielen Interviews dafür geworben, doch nicht nur gefühlsmäßig auf die PEGIDA-Demonstranten zu reagieren, sondern zunächst einmal zu begreifen, worum es ihnen überhaupt geht. Daraus wurde dann, bewusst mit dem doppelten Wortsinn des Begriffs spielend, ich hätte „um Verständnis für die Pegidianer geworben“. Der Subtext war stets: Verstehen heißt rechtfertigen; und somit heißt „PEGIDA zu verstehen“ nichts anderes, als Partei für die Pegidianer zu ergreifen. Wie dicht da manche die Schotten ihres Verstandes machten, lässt schon eine schlichte Gegenfrage erkennen: Stellt man sich wohl auf die Seite Hitlers, wenn man zu verstehen versucht, warum er den Holocaust ins Werk setzte und den Zweiten Weltkrieg begann? Bis heute wundere ich mich jedenfalls darüber, wie geradezu stolz manche auf die Aussage sind, sie seien keine PEGIDA-Versteher – um sich dann anschließend an Erklärungen des PEGIDA-Phänomens und an Ratschläge für den richtigen Umgang mit Pegidianern zu machen. Ob man wohl ein Auto gerade dann besser reparieren kann, wenn man von Mechatronik im Allgemeinen oder vom Typ des defekten Wagens gerade nichts versteht? Anscheinend verquickt sich hier ebenso ein vorab feststehendes Urteil über eine Sache mit großem Unwillen, eine bereits beurteilte Sache auch zu begreifen, wie das bei der meist so sehr missratenen Methodenkritik an den empirischen Demonstrantenstudien der Fall war. Meinerseits stelle ich also ein weiteres Mal klar: Ein PEGIDA-Versteher war – und bin ich weiterhin – genau in dem Sinn, dass ich wirklich zu verstehen versuchte, worum es Pegidianern und bei PEGIDA geht; und damals wie heute rate ich anderen, ebenso wie ich zu versuchen, ein politisch nicht unwichtiges Phänomen erst einmal zu verstehen, bevor man sich jene Meinung zu ihm bildet, die dann das eigene Verhalten prägt. Jedenfalls zeigte der ausbleibende Erfolg des „Kampfes gegen PEGIDA“, dass es nicht wirklich hilfreich war, auf ein vorgängiges Verstehen des PEGIDA-Phänomens zu verzichten …

[4] Den von mir bei der Auseinandersetzung mit meinen Kritikern angeschlagenen Ton kann jeder auf meiner in den Januar 2015 zurückreichenden Facebook-Seite sowie auf meinem Blog leicht nachhören. Wer das unternimmt, wird leicht erkennen: Ich bin höflich, wenn mir ein Kritiker höflich kommt; ich bin ironisch, wenn er mir ironisch kommt; und ich bin scharfzüngig verletzend, wenn mir ein Kritiker präpotent kommt, also mit großer Diskrepanz zwischen eingenommener Attitude und vorgebrachter Substanz. Kurzum: Wie man in den Wald hereinruft, so kommt es eben zurück; auf einen groben Klotz setze ich gerne einen groben Keil; wer mit mir den Tanz wagen will, dem spiel ich auf – und gerne auch so, dass der mich Antanzende ins Keuchen kommt. Nie empfinde oder verhalte ich mich als „Opfer“; und wer sich mir gegenüber übernimmt und das partout nicht merken will, der erhält von mir nun wirklich weder Lob noch Respekt. Redliche und potente Gegner aber schätze ich; und meine Diskursgeschichte mit Michael Bittner zeigt das auch.

[5] Die von Bittner angesprochene Fleischhauer-Episode bei einer Veranstaltung der Jungen Union war nichts anderes als putzig. Fleischhauer und ich saßen auf dem Podium einer Diskussionsveranstaltung; Thema war – wenn ich mich recht entsinne – Deutschlands im Winter 2014/15 noch gepflogene Einwanderungspolitik, die ich für falsch hielt. Nach meiner Einschätzung gefragt, sprach ich über sie in der von mir gerne verwendeten Mischung von inhaltlich klaren Aussagen und ironischem Tonfall, der die mir meist willkommene eine Distanz zwischen Sache und Person schafft. Kaum hatte ich geendet, fuhr Fleischhauer auf wie Rumpelstilzchen und gab in ziemlicher Erregung zurück, es sei doch ganz ungeheuerlich, dass da jemand bei einer Veranstaltung der zur CDU gehörenden Jungen Union ausgerechnet die Vorsitzende der CDU so hart angehe – und sich kein starker Widerstand dagegen rege! Merkt da denn wirklich keiner, wie possierlich es ist, wenn ausgerechnet ein Journalist es für ungehörig erklärt, dass eine Parteivorsitzende, ja eine Regierungschefin kritisiert wird, und das auch noch vor Angehörigen ihrer Partei … ?! Da möchte einer wie ich schon zurückfragen: „Ja, geht’s denn noch?“

[6] Ich habe schon mit erheblicher Befriedigung an allen passenden Stellen zu zeigen unternommen, dass nicht ich seit dem November 2014 mit meinen Einschätzungen von PEGIDA und mit meinen Ratschlägen zum zielführenden Umgang mit PEGIDA falsch lag, sondern dass dies für jene gilt, die meine Einschätzungen damals als falsch und meine Ratschläge als auf Verharmlosungen beruhend kritisierten. Zugespitzt: Nicht ich rechtfertige mich – sondern ich zeige, dass die Fakten und die tatsächlich eingetretenen Entwicklungen belegen, dass meine Kritiker unrecht hatten. (Von der einzigen echten Fehleinschätzung, die mir meines Erachtens unterlief, handelt der nachstehende Kommentar 7.)

[7] Beide Aussagen sind korrekt. Falsch mit meinen Aussagen über PEGIDA lag ich nämlich nur mit zwei Prognosen über ein sich abzeichnendes Ende von PEGIDA aus dem Januar und Frühjahr 2015 (siehe dazu die Anm. 34 auf S. 32 des PEGIDA-Buchs). Für diese Prognose geniere ich mich umso mehr, als ich schon damals von ihr nicht wirklich überzeugt war, sondern – damals unter öffentlichen Druck geraten – dem leider dem allzu billigen Wunsch nachgab, nun auch einmal etwas Ähnliches wie meine Kritiker sagen zu können. Ich hätte mich diesem Meinungsdruck wirklich nicht beugen sollen – und habe das seither erst recht nicht mehr getan. Im Übrigen habe ich im Anhang 8 des Buches auf S. 658-660 alle meine deutschsprachigen Interviews zu PEGIDA zwischen Mitte November 2015 und Mitte Februar 2015 mitsamt leicht nutzbaren Internet-Links aufgelistet, so dass jetzt jeder leicht ein Bild davon machen kann, ob und wo ich denn überhaupt Anlass zur Selbstkritik hätte. (Alle späteren Aussagen von mir über PEGIDA finden sich auf meinem Blog wjpatzelt.de bzw. auf meiner Facebook-Seite und lassen sich deshalb besonders leicht auf das – von mir bestrittene – Vorliegen von Anlass für Selbstkritik überprüfen.

[8] Zu jener „Prophezeiung“ sei insgesamt auf den Kommentar [7] verwiesen. Im Einzelnen habe ich – nachlesbar in den dort angegebenen Quellen – stets so argumentiert: Der abgespaltene Oertel/Jahn-Flügel PEGIDAs werde keine Anziehungskraft entwickeln, weil er kaum mehr als politische Harmlosigkeiten wie „Mehr direkte Demokratie!“ thematisiere; eine sich unter Bachmanns Führung nach rechts radikalisierende Demonstrantenschar werde schwerlich viele Leute über längere Zeit anziehen, weil Rechtsradikalismus und Rechtsextremismus in Deutschland (gottlob!) geächtet seien; und deshalb werde PEGIDA bald verschwinden. Ich rechnete einfach nicht damit, dass PEGIDA schlicht dort weitermachen würde, wo man inhaltlich vor der Spaltung gestanden hatte; ich war durchaus überrascht, bei den Studien vom April und Mai 2015 keine „rechtsradikalisierten Pegidianer“ vorzufinden, sondern im Wesentlichen nur eine verändert zusammengesetzte Teilnehmerschaft, d.h. von „der Sache treu Gebliebenen“ abzüglich jener „Laufkundschaft“, welche die Demonstrationen im Winter 2014/15 so sehr hatten anschwellen lassen; und ich sah nicht voraus, dass die deutsche Regierung am dem September monatelang eine Politik ganz offener Grenzen führen würde, die ihrerseits den – um das Einwanderungs- und Islamisierungsthema herum entstandenen – PEGIDA-Demonstrationen neuen Aufwind verschaffen würde. Das ist eine ziemlich andere Position, als ich sie in Bittners Rezension widergespiegelt empfinde.

[9] Ich erkenne nicht, dass die PEGIDA-Anführer sich anfangs „heuchlerisch gemäßigt“ hätten und später „entlarvt“ worden wären. Vielmehr zeigen wir im Kapitel über die PEGIDA-Reden, dass die Anführer PEGIDAs im Lauf der Monate tatsächlich viel sarkastischer und radikaler geworden sind. Und welchen Erkenntnisgewinn brächte die weithin aufgegriffene These von der „Radikalisierung PEGIDAs“, wenn sich an der tatsächlichen Radikalität der PEGIDA-Anführer gar nichts geändert hätte, sondern sie nur den Schleier der Heuchelei abgelegt hätten? Hier scheint mir, dass die in der Rezension verwendete These ihrerseits nicht stimmt.

[10] Ich habe durchaus ein weiteres Buchkapitel geschrieben, in dem ich mich mit den Thesen meiner Kritiker auseinandersetzte. Nun gebe ich aber mir wichtige Texte stets meinen Mitarbeitern zum Gegenlesen und zu freimütiger Kritik. Alle, die das entsprechende Kapitel lasen, rieten mir dringlich davon ab, es ins Buch aufzunehmen. Ihre Argumente waren: Ich hätte mich mit meinen Kritikern ohnehin schon öffentlich auseinandergesetzt, so dass dem nichts Neues hinzuzufügen wäre; eine Art „Selbst-Viktimisierung“ stünde mir nicht gut zu Gesicht; und es würde sich das Interesse am Buch von den Aussagen über die Pegidianer wegverlagern hin zur Aufmerksamkeit für meine Aussagen zu meinen Kritikern. Diese Argumente überzeugten mich schnell. Genau deshalb findet sich im Buch eben keine Auseinandersetzung mit meinen Kritikern, sehr wohl aber – in der Fußnote 2 auf S. 19 – eine Auflistung aller mir zur Kenntnis gelangten gegen mich gerichteten Schriften mitsamt meiner Antworten auf sie. Hier seien leichter Erreichbarkeit willen diese Texte noch einmal mitsamt einem Auszug aus jener Fußnote aufgelistet:

 

„Ende Januar 2015 kam es zu einer Debatte über die Rolle des Verfassers bei der begleitenden Untersuchung und öffentlichen Kommentierung PEGIDAs. Sie wurde ausgelöst durch eine Stellungnahme von Mitarbeitern der Professuren für politische Theorie und Didaktik der politischen Bildung (Angeli et al. 2015) am Dresdner Institut für Politikwissenschaft, die es über SPIEGEL-Online (Laurenz 2015) bis in einen Bericht des Deutschlandfunks (Gerlach 2015) schaffte und in einigen weiteren Medien Widerhall fand (exemplarisch für die lokale Presse: Morgenroth 2015). Ihr war eine Flugblattaktion von Studierenden vorausgegangen (o. A., Studentisches Flugblatt 2015; siehe auch Springer 2015); eine Stellungnahme des Fachschaftsrats der Philosophischen Fakultät der TU Dresden folgte (Fachschaftsrat 2015). Mit allen vorgebrachten Kritikpunkten setzte sich der Verfasser systematisch auseinander (Patzelt 2015a; zuvor schon Patzelt 2015d). Auf diesen Text gab es allerdings – trotz wiederholter Aufforderung, sich mit ihm auseinanderzusetzen (siehe Patzelt 2015a, b, c) – seitens der Kritiker keine Erwiderung. Weitere Texte mit Kritik am Verfasser stammen von Gerd Schwerhoff (2015; Replik: Patzelt 2015h), Miro Jennerjahn (2015a, b; Replik: Patzelt 2015e), Michael Bittner (2015a, b, c, d; Replik: Patzelt 2015 f) und Jonas Bayer (2015; Replik: Patzelt 2015g). Die zentralen Kritikpunkte waren – neben der Behauptung, die Demonstrantenstudien des Verfassers erlaubten keine zuverlässigen Schlüsse auf die Einstellungen der Pegidianer – die folgenden: die Gefährlichkeit PEGIDAs werde verkannt; PEGIDA werde bewusst verharmlost; mit PEGIDA werde in einer falschen Grundhaltung umgegangen; es würden falsche Verhaltensratschläge gegeben; Gegendemonstrationen und Kritik an PEGIDA werde „delegitimiert“; und es würden „Grenzen des Sagbaren“ übertreten.“

Hier finden sich die erwähnten Texte aufgelistet:

  • Angeli, Oliviero/Arenhövel, Mark/Behrens, Rico/Birkenhauer, Peter/Budde, Kerstin/Fuhrmann, Brigitte/ Hemmer, Anna Lena/Kruse, Jan-Philipp/Lange, Peter/Schulze-Wessel, Julia/Wöhst, Christian (2015): Wer trägt die Verantwortung für die Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas in Dresden? Stellungnahme zu Äußerungen über Pegida-kritische Demonstrationen in Dresden, in: http://www.theorieblog. de/index.php/2015/01/pegida-pegida-kritik-und-die-dresdener-politikwissenschaft/ [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Bayer, Jonas (2015): Infantilisierung und Selbstinfantilisierung des Wutbürgertums, Beitrag vom 30. November 2015, in: https://leftwinged.wordpress.com/2015/11/30/infantilisierung-und-selbstinfantilisierung-deswutburgertums/ [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Bittner, Michael (2015a): Professor Patzelt fordert: Gerechtigkeit für PEGIDA, Beitrag vom 22. Januar 2015, in: http://michaelbittner.info/2015/01/22/professor-patzelt-fordert-gerechtigkeit-fuer-pegida/ [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Bittner, Michael (2015b): Professor Patzelt fordert: Gerechtigkeit für Professor Patzelt, Beitrag vom 8. März 2015, in: http://michaelbittner.info/2015/03/08/professor-patzelt-fordert-gerechtigkeit-fuer-professorpatzelt-2/ [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Bittner, Michael (2015c): Was bleibt von PEGIDA? Mit Bemerkungen zur Studie von Professor Werner Patzelt, Beitrag vom 22. Mai 2015, in: http://michaelbittner.info/2015/05/22/was-bleibt-von-pegida-mit-bemerkungen-zur-studie-von-professor-werner-patzelt/ [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Bittner, Michael (2015d): Noch einige Bemerkungen zur Kritik von Professor Patzelt, Beitrag vom 28. Mai 2015, in: http://michaelbittner.info/2015/05/28/noch-einige-bemerkungen-zur-kritik-von-professor-patzelt/ [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Fachschaftsrat der Philosophischen Fakultät der TU Dresden (2015): Pressemitteilung vom 6. Februar, in: https://www.docdroid.net/r387/fsr-phil-pm-prof-patzelt-und-pegida.pdf.html [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Gerlach, Alexandra (2015): Aufstand gegen Professor. Deutschlandfunk vom 4. Februar 2015, in: http://www.deutschlandfunk.de/werner-j-patzelt-aufstand-gegen-professor.680.de.html?dram:article_id=310707 [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Laurenz, Nike (2015): Kollegen distanzieren sich von „Pegida-Versteher“ Patzelt. SPIEGEL Online vom 29. Januar 2015, in: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/mitarbeiter-und-studenten-protestieren-in-dresdengegen-werner-patzelt-a-1015400.html [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Morgenroth, Juliane (2015): Aufstand gegen den PEGIDA-Versteher Prof. Patzelt. MoPo24 vom 31. Januar 2015, in: https://mopo24.de/nachrichten/aufstand-gegen-den-pegida-versteher-prof-patzelt-4251 [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • o.A. (2015): Studentisches Flugblatt, in: http://wjpatzelt.de/?p=149 [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Patzelt, Werner J. (2015a): Eine fiktive Gerichtsverhandlung im Fall „Junge Akademiker“ gegen „faktenfreien PEGIDA-Versteher“, in: https://www.docdroid.net/r38l/reaktion-auf-flugblatt-usw-.pdf.html) [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Patzelt, Werner J. (2015b): Wo bleibt die Antwort der Patzelt-Kritiker? Beitrag vom 11. Februar 2015, in: http://wjpatzelt.de/?p=124 [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Patzelt, Werner J. (2015c): Patzelt-Kritiker sprachlos. Beitrag vom 7. März 2015, in: http://wjpatzelt.de/?p=119 [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Patzelt, Werner J. (2015d): Zu einigen kritischen Kommentaren. Beitrag vom 23. Januar 2015, in: http://wjpatzelt.de/?p=156 [Zugegriffen am 26. 04. 2016].
  • Patzelt, Werner J. (2015e): Die „Methode Jennerjahn“ und die „Methode Patzelt“. Anmerkungen zu einem Patzelt-Philologen. Beitrag vom 5. Juni 2015, in: http://wjpatzelt.de/?p=415 [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Patzelt, Werner J. (2015 f): Michael Bittner und unsere PEGIDA-Studie. Beitrag vom 28. Mai 2015, in: http://wjpatzelt.de/?p=402 [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Patzelt, Werner J. (2015g): Denkfehler bei der Kritik an PEGIDA-Forschung. Beitrag vom 8. Dezember 2015, in: http://wjpatzelt.de/?p=698 [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Patzelt, Werner J. (2015h): „Patzelts PEGIDA“. Eine Antwort auf Gerd Schwerhoff. Beitrag vom 10. April 2015, in: http://wjpatzelt.de/?p=329 [Zugegriffen am 25. 04. 2016].
  • Schwerhoff, Gerd (2015): Patzelts Pegida oder Bachmanns Pegida? – Zur Beurteilung einer Schmähgemeinschaft, in: http://www.weiterdenken.de/de/2015/03/31/patzelts-pegida-oder-bachmanns-pegida-zurbeurteilung-einer-schmahgemeinschaft [Zugegriffen am 25. 04. 2016].

[11] Tatsächlich habe ich Michael Bittner nur dort zitiert, wo seine – damaligen – Positionen typisch waren für die seinerzeit vorherrschenden falschen Einschätzungen PEGIDAs. Er hatte sozusagen das Pech, bei seiner damals im Internet vielgeteilten Kritik besonders einprägsam formulieren zu können. Ein anderes Bild von Michael Bittner hätte sich ergeben, wenn ich – wie ursprünglich erwogen – überhaupt ein Kapitel zur systematischen Auseinandersetzung mit allen Einschätzungen PEGIDAs und allen Vorschlägen zum Umgang mit PEGIDA sowie über deren Entwicklung im Zeitverlauf geschrieben hätte. Mir wurde aber bald klar, dass ein solches Kapitel nicht nur den ohnehin üppigen Umfang des Bandes gesprengt hätte, sondern mir auch viel Energie für ein mich nicht wirklich interessierendes Anliegen abverlangen würde, nämlich für die bloße Nachzeichnung der Diskussionen anderer. Und vielleicht ist es ohnehin besser, jemand anderes als ich – der sich intensiv selbst an solchen Debatten beteiligte – analysiert eines Tages ausführlich das öffentlichen Ringen um die Deutungsmacht über PEGIDA.

[12] Für diesen Hinweis bin ich Michael Bittner überaus dankbar. Ich fand es nämlich in so manchen Monaten heftigen Streits durchaus für – milde formuliert – grenzwertig, mit welcher Selbstsicherheit mancher Kritiker solche Urteile über mich formulierte, auf deren völlige Unbegründetheit, ja Windigkeit ihn schon kurzes Lesen in meiner „Einführung in die Politikwissenschaft“ hinweisen hätte können. Doch eine gute Geschichte lässt man sich ungern durch allzu sorgfältiges Recherchieren verderben. Und umso bezeichnender ist die – im Anhang 6 des PEGIDA-Buchs, S. 646-649 berichtete  – Pointe, dass ausgerechnet Studierende der Politikwissenschaft (und zwar nicht aus Dresden, sondern von der Universität Halle) lieber meine Schriften aus den dortigen Studienprogrammen entfernt sehen wollten, als mittels ihrer Lektüre zur Kenntnis zu nehmen, wofür ich wirklich stehe und welche Haltung im politischen Meinungsstreit ich auch anderen einzunehmen rate.

[13] Zum einmal mehr gelungenen Nachweis der Tatsache selektiver Wahrnehmung gehört, dass meine Kritik an PEGIDA zwar sehr früh und recht intensiv von Pegidianern wahrgenommen wurde, von deren Gegnern aber gerade nicht. Denen reichte es zu bemerken, dass ich nicht Partei für sie ergriff, sondern mich eben in keines der beiden einander feindlichen Heerlager einreihte, sondern den Streit zwischen Pegidianern und ihren Gegnern aus der Warte eines Sportreporters oder non-embeded Kriegsberichterstatters verfolgte. Deshalb empörten sich PEGIDA-Gegner über mich, weil ich sozusagen „die Anständigen bei ihrem Kampf verriet“. Hingegen waren mir die meisten Pegidianer und (nicht nur!) deren Sympathisanten dafür durchaus dankbar, dass ich – als einer von wirklich wenigen Sozialwissenschaftlern – mich um tatsachengetreues Berichten und faire Urteile über sie bemühte, selbst wenn sie sich über kritische  Äußerungen zu PEGIDA ärgerten. Das analytisch Lustige (und zu den in den Kommentaren 2 und 3 Passende) im Streit um PEGIDA und die angemessene Rolle in ihm war nun aber: Gerade weil Pegidianer mir dankbar waren, dass ich schlicht (und ganz in meiner Rolle als Wissenschaftler) zu beschreiben, einzuordnen und zu erklären versuchte, wer sie wären und was sie wollten, nahmen das die meisten PEGIDA-Gegner nachgerade als einen „Beweis“ dafür, dass ich selbst ein PEGIDA-Anhänger oder gar „der Pressesprecher“ von PEGIDA wäre. Anscheinend kann im politischen Streit sich so mancher nur ihm gefallende Beschreibungen und Urteile als „objektiv“ vorstellen. Doch wer tritt dann wirklich eher als Wissenschaftler auf – und wer eher als politischer Akteur?

[14] Das ist überzogen formuliert. Meine Aussage lautet nur: Viele PEGIDA-Anhänger teilen politische Positionen, die im deutschen politischen Diskurs gemeinhin als „links“ verstanden werden-. Das ist Kritik an sozialer Ungerechtigkeit, Globalisierungskritik, Anti-Amerikanismus, Verlangen nach mehr „direkter Demokratie“. Und tatsächlich hängen derlei – traditionell auch von Linken vertretene – Positionen stark mit den Kernpositionen von Pegidianern zusammen: der Ablehnung von mehr Einwanderung und einer Ausbreitung des Islam in Deutschland. Detailliertes findet man dazu im PEGIDA-Buch auf S. 226-235.

[15] Diese Übereinstimmung in der Sache freut mich. Sie zeigt, dass es sich lohnt, auf kritischen Diskurs zu setzen – und dass Leute gut zusammenfinden können, die nicht am Rechthaben interessiert sind, sondern einfach am Erkennen und Erklären dessen, was der Fall ist.

[16] Ich betreibe durchaus keine „einseitige Schuldzuweisung“ hinsichtlich der Verantwortung für das Scheitern der Kommunikation zwischen Pegidianern und ihren Gegnern. Die Schuld scheint mir vielmehr ziemlich gleichmäßig auf alle Seiten verteilt zu sein. Und gerne überlasse ich es Kommunikationswissenschaftlern, in – gewiss kommenden – empirischen Studien die Frage zu klären, wer denn mit welchem Fehlverhalten angefangen hat und wer dann warum wie falsch darauf reagierte.

[17] Bittner hat schon recht, dass unser PEGIDA-Buch eines über PEGIDA und nicht über PEGIDAs Gegner oder über die Medien ist. Beide werden – wie aus auch im Buch steht – wirklich nur insoweit thematisiert, als ihr Verhalten zum Verstehen des PEGIDA-Phänomens wichtig ist. Dennoch finden sich sehr viele, im Inhaltsverzeichnis auch sehr leicht aufzufindende Seiten, in denen von den PEGIDA-Gegnern und von den Medien gehandelt wird. Es gibt allerdings keine eigenen Kapitel zu ihnen (so wie es etwa welche über die PEGIDA-Redner oder über „PEGIDA im Netz“ gibt). Umfasste unser Buch nicht mehr als 300 Seiten, könnte man in diesem Fall durchaus von einer bedauerlichen, da leicht schließbaren Lücke sprechen. Doch bei über 600 Seiten war für gesonderte und noch weiter gehende Untersuchungen zu den PEGIDA-Gegnern und zu den Medien kein Platz mehr.

Im Übrigen brauchte es auch deshalb kein Kapitel über die PEGIDA-Gegner, weil Stine Marg et al., NoPEGIDA, Bielefeld 2016, darüber bereits eine sehr schöne und erhellende Monographie vorgelegt haben. Aus ihr habe ich an sehr Stellen sehr umfänglich zitiert, und zwar gerade auch hinsichtlich der Gefühle und Empfindungen von PEGIDA-Gegnern (etwa: S. 413-417). Obendrein kommen diese Gefühle im Kapitel mit den O-Tönen von Pegidianern und ihren Gegnern sehr ausführlich zum Ausdruck.

Eine entsprechend fundierte Analyse wie die von Marg et al. zu den PEGIDA-Gegner fehlt leider noch hinsichtlich der Rolle der Medien im Vor- und Umfeld des PEGIDA-Phänomens. Also gab es auch keine Referenzanalyse, auf die ich mich für ein wirklich empirisch fundiertes Kapitel hätte beziehen können. Eine solche Analyse (wie bei der PEGIDA-Programmatik und deren Rezeption) selbst anzufertigen, fehlte es mir an Zeit und Kapazität; und anders als hinsichtlich der PEGIDA-Reden oder von PEGIDA im Netz gab es auch keine Studierenden in meinen Lehrveranstaltungen, die dieses Thema bearbeitet hätten. Ich bin aber überzeugt, dass bald entsprechende kommunikationswissenschaftliche Studien in großer Anzahl erscheinen werden. Gerne gebe ich im Übrigen zu, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, in diesem Buch außerdem von den Gefühlen von Geflüchteten zu handeln. Auch jetzt noch erscheint mir eine Beschäftigung damit nicht wirklich wichtig für ein Buch, das sich allein mit den Pegidianern befasst – und nicht mit denen, die vor PEGIDA Angst haben.

[18] Ich behaupte durchaus nicht, alle Journalisten hätten PEGIDA-Anhänger beständig und nur als Nazis, Rassisten und Rechtsextreme ausgegeben. Sehr wohl aber behaupte ich, und zwar in leicht feststellbarer Übereinstimmung mit den Tatsachen, dass deutsche Spitzenpolitiker das mit erheblicher journalistischer Resonanzverstärkung getan haben, und dass zumal die Dresdner Gegendemonstranten in aller Selbstverständlichkeit die meisten Pegidianer wie Nazis, Rassisten und Rechtsextreme angesehen und behandelt haben. Der Fluchtpunkt meines Arguments ist im Übrigen, dass eben diese Etikettierungen viele Nicht-Nazis, Nicht-Rassisten und Nicht-Rechtsextreme unter den Pegidianern erbittert, solidarisiert, mobilisiert, ja auch – dem eigentlich Beabsichtigten völlig entgegenwirkend – zu folgender trotziger Haltung gebracht haben: „Wenn Ihr schon meint, ich sei ein Nazi, Rassist oder Rechtsextremer, dann wundert Euch gefälligst nicht, wenn ich künftig eine Partei wähle, die Ihr als Partei von Nazis, Rassisten oder Rechtsextremen ausgebt!“ Genau dieser Wirkungszusammenhang scheint mir – über jeden vernünftigen Zweifel hinaus – zu bestehen.

[19] Ich stimme darin Michael Bittner völlig zu – und bedauere es durchaus, dass ich ihn nur in seiner Rolle als (früher) scharfer Kritiker meiner PEGIDA-Analysen, nicht aber als jemanden zitiert habe, der meine Einschätzungen von PEGIDA (inzwischen) vielfach teilt.

[20] Ich glaube nicht, dass ich der beschriebenen Gefahr erlegen bin. Denn natürlich ist ein Bild für mich nichts weiter als ein Bild. Als solches muss es nicht mehr leisten, als einen komplexen Sachverhalt anderen knapp und anschaulich vor Augen zu führen. Und wo immer ich – beginnend schon in der Einleitung – das Bild vom „Magma“ und vom „Dresdner Vulkanschlot“ verwende, zeige ich ja gerade auf, durch welche politischen Prozesse und Reaktionen jenes „Magma“ sozial konstruiert, Teile des „Deckgebirges“ sozial destruiert und der Dresdner „Vulkanschlot“ durch gut gemeinte, doch schlecht getane Reaktionen sogar noch sozial erweitert wurde. Und auf der Analyseebene sehe ich bei diesem Thema ohnehin keinerlei Dissens zu Michael Bittner.

[21] Tatsächlich fehlt ein Kapitel, das PEGIDA in Deutschlands und Europas neurechte Bewegungen einordnete. Auch ein solches Kapitel wäre wünschenswert gewesen, ließ sich aber angesichts meiner beschränkten Ressourcen nicht auch noch leisten. Allerdings gibt es inzwischen nicht wenig Schrifttum zu diesem Thema, das über diese Beziehungen informiert. Und bloß weil ich vieles zu PEGIDA zu sagen hatte, musste doch nicht alles, was sich überhaupt zu PEGIDA sagen lässt, auch noch von mir gesagt werden.

[22] Auch diese Lücke merkt Michael Bittner zu Recht an. Doch die vier Master-Studierenden, die das Kapitel 3 verfassten, haben wirklich nicht wenig allein schon mit einer vollständigen (!) Analyse der bei PEGIDA gehaltenen Reden geleistet. Es wäre auf eine Überforderung auch ihres guten Willens hinausgelaufen, hätte ich von ihnen verlangt, in der für unser PEGIDA-Buch als Standard vorgegebenen gründlichen Weise auch noch die von ihnen herausgearbeiteten Redeinhalte in die – dann erst einmal vorab nachzuzeichnende – rechtsradikale Diskurslandschaft Europas einzubetten. Ich bin aber überzeugt, dass sich bald schon ein Master-Student oder Doktorand finden wird, der genau das unternimmt – wenn nicht ohnehin schon der eine oder andere an entsprechenden Studien sitzt und wir uns auf deren Erscheinen freuen können. Das von mir mit diesem Band verfolgte Ziel bestand jedenfalls darin, auf bestmögliche Weise Grundlagenmaterial für weiterführende Arbeiten zur Verfügung zu stellen – und nicht darin, alles Wünschenswerte auch gleich selbst zu leisten.

[23] Ich wüsste nicht, dass ich irgendwo soziale Probleme „kulturalistisch deuten“ würde. Ganz im Gegenteil halte ich es mit Émile Durkheim, einem der Gründerväter der Soziologie. Dessen Faustregel war, dass eine Erklärung eines sozialen Phänomens aus anderen als sozialen Ursachen mit größter Wahrscheinlichkeit falsch wäre. Mein – inzwischen an vielen Stellen nachlesbares – Argument zu einer Leit- oder Rahmenkultur unseres Landes lautet denn auch so: Wenn wir nicht wollen, dass der Wandel Deutschlands zu einem Einwanderungsland zu bleibenden sozialen und kulturellen Spannungslinien führt, müssen wir in Integrierendes investieren; und am nachhaltigsten ist es dabei, eine gemeinsame Kultur zu teilen. In Deutschland muss diese verbindende Kultur – wo geht mein Argument stets weiter – von der Akzeptanz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung auf der konkreten Seite bis hin zur Mülltrennung reichen,  und auf der normativen Seite bis hin zum Weitertragen der Lehren aus dem Holocaust.

[24] Es erschließt sich mir nicht im mindesten, was – im Unterschied zur Position eines Sozialdemokraten oder eines Grünen – „konservativ“ am Verlangen sein sollte, unsere entstehende Einwanderungsgesellschaft nicht auseinanderfallen und, als Folge dessen, weniger liberal werden zu lassen, als sie das heute ist.

[25] Die ganze Passage zwischen der Ziffer 24 und der Ziffer 25 scheint mir durch den Buchtext nicht gedeckt zu sein. Schon die Beschreibung des „Magmas“, dass unterhalb von Europa brodele und sich als aufsteigender Rechtspopulismus äußere, handelt vom Brüchigwerden europäischer Sozialstaatlichkeit unter den Bedingungen der neoliberal geförderten Globalisierung; und im Erklärungskapitel zu PEGIDA werden reale Ungerechtigkeitserfahrungen nicht „als bloßer Neid“ abgetan, sondern auf das hin zugespitzt, als was Ungerechtigkeit nun einmal erfahren wird: dass nämlich andere ohne eigenes Verdienst mehr haben als man selbst (siehe hierz v.a. S. 490-493, 496-501, 562-565, 576-581).

[26] Dieses Argument überzieht seine Grundlage. Denn ein Buch über PEGIDA und seine Ursachen umfasst natürlich keine Beschäftigung, die über wenige Bemerkungen hinausgehen könnte, mit wünschenswerten Änderungen der Weltwirtschaftsordnung. Dafür ist der Gegenstand eines PEGIDA-Buches viel zu klein. Und wo Bittner leichthin das Begriffspaar von der „inklusiven“ vs. „exklusiven“ Solidarität zur Beschreibung meiner Position benutzt, habe ich in Wirklich das im Sinn, was in der politischen Ökonomie die „Tragödie der Allmende“ heißt, oder auch die „Übernutzung öffentlicher Güter“. In gerade eine solche Übernutzung der von unseren europäischen Gemeinwesen produzierten öffentlichen Güter führt aber nun einmal grenzenlose Inklusivität; und dieser Zusammenhang verschwände auch dann nicht aus der Wirklichkeit, wenn man seine Benennung als inhuman durchsetzte und mit einem Tabu belegte. Die wirtschaftliche, soziale und politische Welt funktioniert nun einmal recht unabhängig von unseren Wünschen – und zwar auch dann, wenn sie unser Konstruktionsprodukt ist. Auch Konstruktionen haben, einmal hervorgebracht, ja ihre Eigenlogik; und durchaus ist es nicht möglich, alles das zu konstruieren, was man sich wünscht.

[27] Das sehe ich nicht so. Mein Mitverfasser wird sich womöglich mit dieser Kritik auseinandersetzen. Meinerseits schlage ich vor, einfach darin übereinzustimmen, dass wir in dieser Sache eben nicht übereinstimmen.

[28] Dazu empfehle ich u.a. die Lektüre meines „Höcke-Gutachtens“ (http://wjpatzelt.de/?p=731) sowie meines Interviews zur „Gedeon-Streit“ der AfD in der Online-Ausgabe der „Jungen Freiheit“ vom 23. Juni 2016 (https://jungefreiheit.de/debatte/interview/2016/den-politischen-gegner-freut-dieser-vorgang/)

[29] Ja, und leider sind nicht alle wirklich beabsichtigt. Sehr wohl beabsichtigt ist aber die zweimalige Wiedergabe jener Ratschläge, die ich schon im Dezember 2014 zum richtigen Umgang mit PEGIDA in der „Sächsischen Zeitung“ gab. Denn noch leichter als damals kann man heutzutage erkennen, dass ihnen zu folgen uns – und anderen – vieles Unschöne erspart hätte. Ich gebe diese Passage gerne auch hier wieder (aus: Sächsische Zeitung v. 11. Dezember 2014, S. 15): „Ernst nehmen, was an Sorgen und Anliegen hinter den – nicht selten ungehobelten und missratenen – Aussagen von Pegida-Demonstranten steht. Auch politische Gegner nicht verteufeln. Keine Forderungen durchgehen lassen, die sich gegen unsere freiheitliche demokratische Grundordnung, Minderheiten, Eingewanderte oder Ausländer richten. Demonstrieren für die Werte unserer offenen Gesellschaft, auch auf der Straße. Rechtzeitig vor Ort mit den Bürgern über Unterkünfte und Integrationsmöglichkeiten für Zuwanderer sprechen. Und in einem bundesweiten, offenen Diskurs tragfähige Grundzüge einer nachhaltigen Einwanderungs- und Integrationspolitik entwickeln“.

[30] Ich halte „zielführend“ und „Handlungsbedarf“ für keine Phrasenwörter, sondern für genaue Begriffe für das von mir Gemeinte.

[31] Wenn „konzis“ kürzer heißen soll, dann ist Michael Bittner darin zuzustimmen, dass das Buch von Vorländer et al. mit 165 Seiten kürzer ist als das 667-Seiten Buch von Joachim Klose und mir. Allein mein Kapitel über die PEGIDA-Demonstranten ist so lange wie das ganze Buch von Vorländer et al. (ohne Abbildungs- und Literaturverzeichnis). Und falls „konzis“ heißen soll „auf das Wesentliche verdichtet“, verhelfen die folgenden Beobachtungen zu einer zutreffenden Beurteilung.

Erstens: An Daten präsentiert Vorländer im Wesentlichen nur seine eigene Umfrage von 2014/15 und bettet sie in demoskopische Daten vor allem aus den Leipziger Mitte-Studien sowie aus Heitmeyers Arbeiten über „Deutsche Zustände“ ein. Falls also „konzis“ heißen soll „nicht auf dem neuesten Forschungsstand“, trifft dieses Wort in der Tat auf jenes Buch zu.

Zweitens: Vorländer et al. verwenden auf die Gegendemonstranten gut zwei Seiten (in Patzelt/Klose sind das allein im Kapitel 6 vier Seiten mit Zusammenfassungen aus der Literatur, weitere sechs Seiten mit Aussagen von Pegidianern über ihre Gegner); auf die Analyse der PEGIDA-Reden dreieinhalb Seiten (davon eine halbe Seite für ein Bild von Bachmann; in Patzelt/Klose ist den Reden ein ganzes Kapitel gewidmet); auf die Analyse der Programmschriften von PEGIDA – bei Patzelt/Klose ebenfalls ein ganzes Kapitel – nicht mehr als zweieinhalb Seiten; auf die Erklärung von PEGIDA (ebenfalls ein ganzes Kapitel bei Patzelt/Klose) auch nur vier Seiten. Wenn man mit dem Wort „konzis“ also „Lückenhaftigkeit“ bezeichnen will, dann nenne man das Buch von Vorländer et al. gerne „konzis“.

[32] Mit den „tieferen ökonomischen und politischen Ursachen“ PEGIDAs befasst sich das Buch von Geiges, Marg und Walter nur im Kapitel 8 auf S. 179-202. Ich kann nicht erkennen, dass die dortige Analyse tiefgründiger wäre als unsere auf S. 481-531 und 535-583. Da möge am besten ein Dritter gründlich drübersehen und dann von seinem Urteil berichten.

 

Geschafft; und möge dies der letzte längere Text sein, den ich über PEGIDA und meine oder andere Arbeiten über PEGIDA zu schreiben hatte … !!

 

 

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