Herausforderungen unserer Epoche

Vortrag auf dem XV. Theodor-Litt-Symposium an der Universität Leipzig, 27. Oktober 2011, veröffentlicht als: Das Zeitverständnis heute. Herausforderungen unserer Epoche, in: Theodor-Litt-Jahrbuch 2012/8, Leipzig (Universitätsverlag), S. 41-51

 

Werner J. Patzelt

Das Zeitverständnis heute. Herausforderungen unserer Epoche

Es ist kein gerade kleines Thema, das mir vor- und aufgegeben wurde! Es passte aber gut zu einem großen, auch immer auf das Große blickenden Geist wie Theodor Litt – und es passt gut zu einem Symposium, das Theodor Litts Namen trägt und sich obendrein den Aufgaben politischer Bildung widmet. Die soll ja fit machen für die Bewältigung der Welt, wie sie ist – mitsamt ihren Herausforderungen an gerade uns.

I. Was soll politische Bildung?

Politische Bildung kann zwar keinerlei reale Probleme lösen – außer jenen natürlich, deren Lösung eben eine Besserung des politischen Bildungsstandes von Bürgern und Politikern ist. Sie kann aber dazu verhelfen, Probleme überhaupt an sich heranzulassen, ja nach ihrer Entdeckung zu streben, um rechtzeitig für sie Lösungen zu finden. Sie kann dabei helfen, die Vernetzungsstruktur unterschiedlichster Probleme zu durchschauen. Sie kann uns offen machen für ein rationales Durchdenken jener Wenn/Dann-Zusammenhänge, die Hinweise auf Problemlösungsmöglichkeiten geben. Und sie kann die Bereitschaft zu stiften, gerade auch die Risiken, die Nebenwirkungen und die Folgekosten von wünschenswerten Problemlösungen zu ertragen.

Ein solcher Ansatz entspricht klar dem pädagogischen Zugriff Theodor Litts auf „Zeitdiagnosen in bildender Absicht“. Ganz mit Litt kann man folgende drei Maximen für eine aufgeklärte, rationale Beschäftigung mit Zeitfragen unterschreiben. Erstens gilt es, die Gegenwart mitsamt den Aufgaben der Politik gestaltenden Menschen in ihr stets im geschichtlichen Kontext zu sehen. Die Gegenwart ist ja ein Zwischenstadium zwischen einstiger Zukunft und künftiger Geschichte, welches es so zu gestalten gilt, dass auf Bewährtem aufgebaut und umsichtig sich auf das Kommende eingestellt wird. Zweitens ist es fruchtbar, Geschichte aufzufassen als eine „kulturelle Gesamtlage“, nämlich als die Gesamtheit dessen, was Menschen durch ihr Denken und Handeln herbeigeführt haben und was fortan weiterwirkt, zumal in Form von Institutionen und von institutionell gesicherten Funktionskreisläufen, die ein Eigenleben angenommen haben – und mitunter so wuchtig, dass die Schöpfer all dessen zu seinen Getriebenen werden. Gerade das erleben wir in den derzeitigen Krisen des europäischen und weltweiten Finanzsystems. Theodor Litt hatte dergleichen bei seiner Analyse des Atomzeitalters vor Augen.

Vor diesem Hintergrund muss man – drittens – Erziehung und politische Bildung auffassen als das Hinwirken auf ein zum Mitschaffen befähigendes Verständnis der uns betreffenden Zusammenhänge in der uns umgebenden Wirklichkeit sowie der Dynamik in der Entwicklung ihrer Strukturen. Denn die Welt – und die soziale und kulturelle allzumal – ist uns ja nicht einfach gegeben oder vorgegeben; vielmehr wird sie von uns (mit-) geformt. Also reicht es nicht aus, sie nur in unserem Verständnis nachzubilden. Vielmehr ist es erforderlich, sie entlang reflektierter und verantwortbarer Absichten zu gestalten – und freilich nicht wie eine creatio ex nihilo, sondern gleichsam zwischen jenen Deichen gebändigt, welche die bisherige Geschichte geschaffen hat. Wir müssen über die Weitergestaltung des schon Ablaufenden deshalb entscheiden – und uns gegebenenfalls gar entschließen, an den bestehenden Deichen zu graben. Gutgehen wird das aber vor allem dann, wenn wir erst einmal verstanden haben, was wir da – hoffentlich vorsichtig – tun.

II. Geschichtstheoretische Hintergrundannahmen

Im Folgenden kann es freilich nicht um eine Klärung verantwortbarer Absichten gehen, sofern sie über zwei einfache – doch keineswegs triviale – Feststellungen hinausgehen sollen.

Erstens sollte wohl „Nachhaltigkeit“ bzw. „aufrechterhaltbare Entwicklung“ die Hochachse allen Nachdenkens über verantwortbare Gestaltungsmöglichkeiten unserer Welt darstellen: von Nachhaltigkeit im Energie­verbrauch sowie bei der Energieproduktion über Nachhaltigkeit bei der Nutzung von Siedlungs- und Ackerbauflächen und Nachhaltigkeit bei der Bevölkerungsentwicklung und staatlichen Finanzpolitik bis hin zur Nachhaltigkeit bei der Sicherheitspolitik und bei Bildungskonzepten. Die unbedingt vorzulegende uns sorgsam zu beantwortende Frage lautet immer: Welche Entwicklungen kann man dauerhaft durchhalten, weil sie die Grundlagen unserer kulturellen Existenz von Generation zu Generation weiterreichen?

Zweitens dürfte beim Verständnis jener Geschichte, die zur nun zu diagnostizierenden Gegenwart geführt hat und die es – auf der Grundlage angemessener Zeitdiagnosen – in eine gute Zukunft weiterzuentwickeln gilt, sehr hilfreich sein, sich der Denkweisen der Allgemeinen, auch das Kulturelle umschließenden Evolutionstheorie zu bedienen.[1] Deren Kerngedanken sind, dass es bei der generationenübergreifenden Weitergabe von kulturellen Mustern aller Art, von Bauplänen für kulturelle und soziale Strukturen aller Art, immer wieder zu Veränderungen kommt. Von diesen passen manche besser, manche kaum zu den bislang entstandenen Bauplänen und Strukturen. Die letzteren schwerlich realisiert, die ersteren aber sehr wohl und haben dann auch viel größere Chancen, ihrerseits weitergegeben zu werden. Eben das bringt Richtung, Pfadabhängigkeit und Struktur in den Verlauf der kontingenten Geschichte, reduziert aber auch die Freiheitsgrade für eine Anpassung des Bestehenden an neue Herausforderungen. Und was an Veränderungen kultureller Muster oder institutioneller Baupläne realisiert wird oder je realisiert wurde, muss obendrein in das – sich immer wieder verändernde – Auslesesieb der äußeren Umstände passieren: Ändern sich die Umstände, wird nicht länger angepasst, lebensfähig oder leicht weitergebbar sein, was eben das früher einmal war. Umgekehrt kann gerade das zuvor Sonderbare, Ausspurende, Exotische so gut zu den jetzt bestehenden neuen Herausforderungen passen, dass es nach einiger Zeit zum Normalfall wird. Auf diese Weise entstehen neue Institutionen, neue kulturelle Formen und neue Gesellschaftsformationen.

Mit willkürlichem Schaffenwollen wird man also, das zeigt sich nun, beim Versuch, neuen Herausforderungen zu begegnen, nicht allzu weit kommen. Nur dem „Algorithmus der Evolution“ zu folgen, also in vorab akzeptierte Pfadabhängigkeit struktureller Dynamik mit kontingenzschaffender Kreativität einzudringen, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit zu nachhaltigen Entwicklungen führen – und nicht in entweder zu Systemzusammenbrüchen oder in evolutionäre Sackgassen treiben. Folglich braucht es also eine Grundhaltung, welche die Vorsicht des Konservativen mit dem Wagemut des Fortschrittlichen verbindet – und zwar ohne je in die Präpotenz des Ideologen zu verfallen. Eben so nimmt man „maximale Verantwortung“ ernst und wahr.

III. Herausforderungen unserer Epoche

Diese wenigen Hinweise auf die im Hintergrund meiner Ausführungen stehenden geschichtstheoretischen und politikpraktischen Überlegungen müssen genügen. Obendrein lässt sich das abverlangte zeitdiagnostische nur in groben Strichen zeichnen; für mehr fehlt einfach die Zeit. Auch werde ich nicht jenes Zeitbewusstsein analysieren, in dem auf die je gegebenen Probleme reagiert wird – und sei es trotzig-ignorant. Vielmehr werde ich erst einmal jene Probleme selbst umreißen. Und dabei beschreibe ich als politischer Bildner das alles so, wie man – meiner Einschätzung als Politikwissenschaftler nach – die Zeit heute verstehen sollte. Dabei werden wir uns von der globalen Ebene über die europäische herab auf die Ebene Deutschlands begeben.

1.Herausforderungen auf globaler Ebene

Da ist erstens die Ungleichheit im Bevölkerungswachstum zwischen armen und reichen Ländern, und zwar bei Wissen der Menschen in den armen Ländern um die Wohlstandsvorsprünge zumal im „Westen“. Die Reaktionen hierauf reichen vom Immigrationsdruck in die reicheren Staaten bis hin zu Racheakten am westlichen Wohlstand, reichend von normaler Piraterie bis hin zu Terroranschlägen. Im Grunde kann man von einer „prärevolutionären Situation“ in der Weltgesellschaft sprechen: Die westlichen Staaten gleichen den französischen Rokoko-Adeligen, die auf ihren Schlössern sich an aufklärerischen Schriften erfreuen und Menuett tanzen, während in den Dörfern und Städten um sie herum das Volk teils an Armut, teils an Ausschluss von Teilhabe leidet. Am Ende brannten die Schlösser – und landeten die Adeligen im Exil oder auf der Guillotine.

Zu handeln ist – zweitens – vom Wachstum der Weltbevölkerung an die Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit unserer Erde. Das vollzieht sich obendrein in der Epoche eines Klimawechsels, der weite Landstriche der Erde unter Wasser setzen mag und klimatische Unbeständigkeit in die bislang gemäßigten Breiten bringen kann. Das alles wird die Verteilung der landwirtschaftlich bebaubaren oder überhaupt besiedelbaren Flächen stark verändern – und zwar nicht ohne begleitende und machtpolitisch ausgetragene Interessenkonflikte. Denn einhergehen wird mit allem eine neue Erfahrung des Mangels, und zwar gerade in den bislang eher am Überfluss leidenden Teilen der Erde: Es werden fossile Energieträger und seltene Erden, wie sie gerade für Computerindustrie benötigt werden, sowohl knapp als auch viel teurer – und sind ohne bislang sich nicht abzeichnende technologische Durchbrüche gerade nicht preisgünstig ersetzbar.

Drittens strukturiert sich die Erde machtpolitisch um. Jetzt schon ist der Aufstieg Chinas unübersehbar und leicht die neue Rolle von Indien und Brasilien erkennbar – desgleichen ein Abstieg des Westens: bevölkerungsmäßig, wirtschaftlich, militärisch, ja auch in der inneren Haltung und beim ethischen Fundament einer weitgehend relativistisch gewordenen und sich ihren besonderen Wert nicht mehr glaubenden Kultur. Zumal ging mit akzeptierter Multikulturalität faktisch – wenn auch inhaltlich nicht notwendigerweise – der Glaube an die Universalisierbarkeit speziell westlicher Werte verloren, zumal der allgemeinen Menschenrechte, der materiellen Rechtsstaatlichkeit, der Gewaltenteilung und der Demokratie. Durchaus ist bei alledem zu differenzieren nach den USA oder Kanada einerseits und Europa anderseits, also zwischen Einwanderungsstaaten mit der Bereitschaft, die eigene Identität neu zu erfinden, und alten Nationen mit der Neigung, ihre hergebrachte Kultur kosmopolitisch aufzugeben.

Viertens ziehen ganz konkrete Konflikte auf. Der Iran wird auch als Atommacht seine auf ein Ende Israels ausgehende Politik nicht aufgeben – und Deutschland wird sich dem darum entstehenden Konflikt nicht entziehen können, seit es die vor der Knesset ausgesprochene deutsche Garantie unverbrüchlicher Solidarität gibt. Dieser Konflikt ist wiederum nur ein Teil der – wer weiß ob transitorischen – islamischen Selbstbesinnung mit ihrer so klar anti-westlichen Wendung und der Verfügung über große Erdölvorräte als Druckmittel. In den multikulturellen Gesellschaften der europäischen Anrainerstaaten der islamischen Welt wird diese Frontstellung auch viele innenpolitische Herausforderungen bescheren. Das alles ist seinerseits Teil jenes globalen „clash of civilizations“ (Samuel Huntington), der an die Stelle des naiverweise vor gut zwanzig Jahren behaupteten „end of history“ (Francis Fukuyama) tritt. Teil dieses „clash“ wiederum sind zerfallende Staaten, zumal auf dem afrikanischen Kontinent, die sich wohl nicht nach den – gerade scheiternden – westlichen Blaupausen wieder restabilisieren lassen, sondern wohl zu Bausteinen künftiger Reichsbildungen werden: der Kontrolle des US-amerikanischen bzw. vormals auch sowjetischen Reichs entglitten, geraten sie – vielleicht – in den Bannkreis einer chinesischen Weltpolitik. Und innerhalb solcher Um- und Neustrukturierungsprozesse werden asymmetrische Kriege zum Druckmittel der Bevölkerungen armer und gescheiterter Staaten.

Als ob das alles noch nicht genug Herausforderungen stellte, kommt – fünftens – noch die Anpassungskrise bzw. absehbare regulative Katastrophe des internationalen Finanzsystems hinzu: Es gibt – vor allem aufgrund des Renditedrucks, des Zinsmechanismus sowie der gewaltigen Hebelwirkungen von Finanzderivaten – einen riesigen virtuellen Geldüberhang, dessen Verwalter immer wieder nach Anlage- und Nutzungsmöglichkeiten in der Realwirtschaft suchen, die ihrerseits den Geldüberhang aber nur zu einem Bruchteil deckt. Von Nachhaltigkeit ist in diesem dynamischen Getriebe wenig zu erkennen.

2. Herausforderungen auf europäischer Ebene

Europa bietet hier durchaus Schutz, aber nur sehr eingeschränkt. Denn da ist – erstens – die Schuldenkrise der europäischen Staaten, ihrerseits eine Folge des Zusammenwirkens eines die Behebung uralter Menschheitsprobleme verheißenden Sozialstaatsideal mit der Demokratie. Am vorläufigen Ende dieser Schuldenkrise wird wahrscheinlich ein drastischer Rückgang staatlicher Steuerungsfähigkeit stehen: Fällig werdende Bürgschaften werden in den reichen Staaten deren finanzielle Gestaltungskraft lähmen; innerstaatliche oder ganze Währungsgebiete umfassende Schuldenschnitte werden einen Ausweg bieten, der die Besitzer von Sachgütern privilegiert und neue soziale Verwerfungen schafft; Protestwahlen werden ganz praktische Regierbarkeitsprobleme nach sich ziehen; und der erodierende Legitimitätsglaube einer faktisch um den gewohnten gesellschaftlichen Reichtum gebrachten Bevölkerung wird die zu bewältigende Problemlage weiter komplizieren.

Zweitens ist ganz unklar geworden, auf welche institutionelle Gestalt die EU hingeht oder hingeführt werden sollte. Wollen wir zur Lösung der europäischen Schuldenkrise einen europäischen Superstaat mit Vorlagepflicht nationaler Haushalte bei der EU-Kommission und EU-Sparkommissaren in den Mitgliedsländern, welche diese zu Protektoraten herabstufen? Wie wollen wir die Trennung zwischen der Euro-EU und der Nicht-Euro-EU institutionell ausgestalten, zumal doch Entscheidungen der Euroländer ganz wesentlichen Einfluss auf die Wirtschaften der Nicht-Euroländer haben? Und wie soll es institutionell mit der EU überhaupt weitergehen? Soll Intergouvernementalismus, seit Beginn der Schulden- und Eurokrise mehr und mehr praktiziert, zur europäischen Standardpraxis werden? Oder wollen wir es mit einer Parlamentarisierung der EU versuchen, also mit einer Wahl der EU-Kommission durch das Europäische Parlament? Wie aber wollen wir dann damit umgehen, dass bei den europäischen Wahlen der Grundsatz der Stimmengleichheit aller Wähler verletzt ist, weil doch die Stimme eines Deutschen ungleich weniger Einfluss auf die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments hat als die Stimme eines Niederländers oder Ungarn? Und welche Rolle sollen die nationalen Parlamente in einem parlamentarisch regierten Europa haben? Wollen wir wirklich, dass der Bundestag in Europa auf die Rolle eines deutschen Landtages herabsinkt – und die Staatlichkeit der Deutschlands auf das Profil der Staatlichkeit Hessens?

Drittens, und mit alledem verbunden, bleibt zu klären, welche Idee denn Europa von sich hat und folglich seiner institutionellen Evolution zugrunde legt. Geht es um eine Freihandelszone ohne (Bürger-) Kriegsgefahr? Geht es um einen geographisch abzugrenzenden Raum mit eigener Leitkultur? Geht es um den Zusammenschluss verzwergender ehemaliger Weltmächte, die nun gemeinsam jenen Rang behaupten wollen, den einige von ihnen früher ganz alleine hatten? Oder ist es wie mit einer stagnierenden Ehe: Man geht vor allem deshalb nicht auseinander, weil man die Folgekosten scheut? Was also wird die EU in den kommenden Jahrzehnten nachhaltig zusammenhalten können?

Damit kommen wir – viertens – zu den Herausforderungen für die bisherigen Wertgrundlagen Europas und der von ihm aus geprägten „westlichen Welt“. Was wird nämlich aus Werten oder immerhin Konzepten wie „Menschwürde“ angesichts immer selbstverständlicherer Biotechnik und vermehrter Akzeptanz von faktischer Menschenzüchtung? Was wird aus der ohnehin erst seit einigen Jahrzehnten pluralistischen Kultur Europas, wenn nicht nur Religion im allgemeinen wieder eine größere Rolle in ihr zu spielen beginnt, sondern im Besonderen der Islam als eine „Religion der öffentlichen Ordnung“, d.h. als eine Religion mit unmittelbarem politischen Gestaltungsanspruch. Immerhin ist vielen wichtigen Strömungen im Islam der „Respekt vor der Scharia“ als Ausfluss göttlicher Gebote wichtiger als die Aufforderung Jesu „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!“ – womit überhaupt erst jener Eigenwert des Politischen diesseits des Religiösen begründet wurde, den im Grunde alle Kulturen des europäisch-vorderasiatischen Altertums ablehnten, der seinerseits aber eine unabdingbare Voraussetzung für Freiheit, Pluralismus und Demokratie ist.

Fünftens hat Europa ein gleichsam „lebenszyklisches“ Problem, das die Weichen seiner Entwicklung auf wenig wünschenswerte Ziele stellt. Es gibt auf unserem Kontinent nämlich immer mehr überalterte bzw. unterjüngte Gesellschaften, die ihrerseits auf gewaltige Folgeprobleme zugehen. Wie nämlich kann Demokratie funktionieren, wenn die aktive Bevölkerung bei den Wahlen in der Minderheit ist? Wie innovativ werden Technik und Wirtschaft sein, wenn es keine große Menge junger, kreativer Menschen gibt? Wer wird, angesichts großen Drucks auf allseitige Erwerbstätigkeit, überhaupt die vielen alten und irgendwann auch kranken Menschen finanzieren, pflegen, kurieren, ja vor einem „sozialverträglichen Frühableben“ beschützen? Wie gut wird ohnehin eine Gesellschaft zusammenhalten, deren Infrastruktur man in weiten Landesteilen zurückbauen muss – von den Schulen über den ÖPNV bis hin zu Behörden und Geschäften? Und welche Stimmung, welche Zuversicht wird in einer Gesellschaft herrschen, die ihre besten Jahrzehnte oder Jahrhunderte offenbar hinter sich hat? Wie so oft belehrt der Blick in die Geschichte: Griechenland – ebenfalls von zunehmender Kinderlosigkeit geprägt – wurde nach Alexander d. Gr. inmitten seiner den ganzen östlichen Mittelmeerraum prägenden Kultur zum Freiluftmuseum des römischen Reiches, und später wanderten dort viele Slawen ein, die dortige Kultur während der Jahrhunderte des byzantinischen und osmanischen Reiches transformierend zu der des heutigen Griechenland.

Das verweist dann auch schon auf die sechste Herausforderung Europas: Es kommt zum tiefgreifenden gesellschaftlichen und kulturellen Wandel der europäischen Gesellschaften aufgrund des Immigrationsdrucks, der – vermutlich wachsend – auf ihnen lastet. Aus der anfänglichen paternalistischen Attitüde von selbstsicheren Kolonialmächten („Wir erziehen einige – unseren kulturellen Vorsprung bewundernde – Leute aus unterentwickelten Ländern zu deren Bestem!“) wurde zunächst der Überschwang einer um die Folgekosten unbekümmerten „Multikulturalität“. In deren Dienst stellten sich gerade die „Progressiven“ in Deutschland, das seine Nationalität so gerne losgeworden wäre. Inzwischen hat sich allenthalben Ernüchterung ob der Zusammenhaltsprobleme real multikultureller Gesellschaften eingestellt. Gemeistert sind diese Probleme aber noch lange nicht.

3. Herausforderungen auf deutscher Ebene

Damit sind auch schon die Herausforderungen speziell für Deutschland erreicht. Eine erste lässt sich so formulieren: Wie kann man nach dem beschlossenen Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie sowie angesichts nicht ausbleibenden Widerstands gegen die für Pufferzwecke so wichtigen Wasserkraft- und Pumpspeicherwerke sowie gegen den erforderlichen Aufbau neuer Stromtrassen die Stabilität der Energieversorgung sichern? Zu welchen Preisen? Und mit welchen Auswirkungen auf Deutschland als Standort produzierenden Gewerbes?

Zweitens ist durchaus unklar, wie sich Maschinenbau und Chemie, Elektronik und Computerwissenschaften, auch die Biowissenschaften Deutschlands auf einem weltweit konkurrenzfähigem Niveau halten lassen, wenn von immer weniger jungen Leuten immer mehr die „weichen“ geisteswissenschaftlichen Fächer studieren wollen, nicht aber die Natur- und Technikwissenschaften, welche ganz unerbittlich Fleiß und Mühe abverlangen? Wie steht es um den Fortbestand der kulturellen Voraussetzungen einer auf hochentwickelter Technik fußenden Zivilisation, wenn unter den öffentlich für wichtig erklärten Tugenden solche wie Fleiß, Genauigkeit oder Pünktlichkeit weiterhin eher als nachrangig behandelt werden, hingegen PC-Spiele und Musikhören, Chatten und Chillen als wichtige Quellen von Alltagsglück behandelt werden?

Und selbst wenn diese beiden Probleme an der energetischen und kulturellen Basis unserer Gesellschaft alsbald im Griff sein sollten, bleibt – drittens – offen, welche Rolle Deutschland künftig in der EU und der NATO anstreben soll, wobei ohnehin erst die offene weitere Entwicklung der EU zeigen wird, welche plausiblen Rollen sich überhaupt anbieten. Im Hintergrund steht das altes deutsche Problem der „ungeschickten Größe“ unseres Landes: Es ist zu groß für ein europäisches Gleichgewichtssystem und zu klein für eine nachhaltige Führungsstellung. Lange schien dieses Problem dadurch bewältigt, dass Deutschland in funktionierenden europäischen Institutionen agieren konnte, in denen es sich kleiner ausnahm, als es ist. Doch in der EU-Schuldenkrise zeigt sich erneut die faktische und von seinen Partnern auch gerne für Dienstleistungen genutzte Ausnahmestellung Deutschlands – und lässt germanophobische Reaktionen neu entstehen. Auch für unser Land ist offensichtlich kein „Ende der Geschichte“ gekommen, sondern es hat sich seinen geopolitischen Herausforderungen neu zu stellen.

Viertens ist da die innenpolitische Kehrseite jener außen- und europapolitischen Herausforderung: Was lässt sich gegen die unübersehbare innere Distanz so viele Deutscher gegenüber unserem politischen System unternehmen? Ein großer Teil des Volkes scheint unserem Gemeinwesen innerlich gekündigt zu haben. Viele gefallen sich im Protestwählen und im lautstarken Schimpfen auf unsere Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung – während nur wenige bereit sind, kontinuierlich an der Gestaltung und Verbesserung all dessen mitzuwirken. Obendrein gibt Rekrutierungsdefizite unserer allzu früh sich professionalisierenden politischen Klasse. Was ist da zu tun? Wie verbindet man das Bewahren der guten Grundstruktur unseres politischen Systems, gekennzeichnet durch liberale demokratische Verfassungsstaatlichkeit samt parlamentarischem Regierungssystem, mit Neuerungen, die es responsiver und legitimationsfähiger machen könnten: von klugen plebiszitären Instrumenten über Vorwahlen für Kandidaten um Parlamentsmandate bis hin zu Veränderungen bei Planungsverfahren für Großprojekte?

Und fünftens: Wie lässt sich angesichts des Reizes neuer Medien und ihrer allenthalben nutzbaren Verfügbarkeit überhaupt eine Nische für jene kontinuierliche politische Bildung sichern, die es braucht, um aus mehr oder weniger angenehm lebenden bourgeois solche citoyens zu machen, auf die sich die res publica auch in schweren Zeiten verlassen kann? Wie bekommen wir für die Welt der Politik jene Aufmerksamkeit, die es erlaubt, solche kognitiven Strukturen aufzubauen und stabil zu halten, in die hinein ein Bürger das Schüttgut der ihn erreichenden Einzelinformationen ordnungsstiftend einfügen kann – und ohne die er überhaupt keine Chancen hat, unsere politische Wirklichkeit in ihren Strukturen und Dynamiken halbwegs tatsachenentsprechend zur Kenntnis zu nehmen?

IV. Was tun?

Das alles sind wirklich keine geringen Herausforderungen. Durchaus gibt es keine Garantie, dass sie bestanden werden können. Doch ist das alles nun wirklich verstörender als jene Zeitdiagnostik, die in der europäischen Nachkriegszeit zu machen war? Als nämlich Europa zerstört, der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt war und die atomare Abschreckungslogik das ganz plausible Kürzel MAD – nämlich wie engl. mad, d.h. verrückt – bekam? Und wie steht es gar erst mit jenen Zeitdiagnosen, die zu machen waren, als Theodor Litt 1938 seine Schrift über „Deutschen Geist und Christentum“ verfasste, Friedrich Meinecke 1946 seine „Deutsche Katastrophe“ – und gar erst, als genau dazwischen, nämlich im Jahr 1942, die nationalsozialistische Macht in Europa noch als ziemlich unanfechtbar erschien?

Gerade wer historisch denkt wie Theodor Litt, wird akzeptieren, dass über anstehende Probleme zu klagen wenig hilft, sondern man sie einfach durchstehen muss – und sei es auch ohne Aussicht darauf, sie gut zu überstehen oder zu lösen. Durchwursteln – feiner: „muddling-through“ – ist meist das Bestmögliche. Es ist auch das Geschäftsprinzip der Evolution – der sozialen und kulturellen nicht minder als das der biotischen. Ohnehin steht es einem historisch Denkenden sogar gut an, auch mit der Möglichkeit des Endes einer Epoche gerade während der eigenen Lebensspanne zu rechnen – so dass er als politischer Bildner und Erzieher dann recht daran tut, das Gute an den vergangenen Zeiten in Erinnerung zu halten und weiterzugeben, doch die ihm Anvertrauten eben auf eine neue Zeit mit anderen Selbstverständlichkeiten vorzubereiten. Nun weiß ich nicht, ob Theodor Litt je so resignativ geklungen hat wie ich in diesem Augenblick. Doch tatsächlich habe ich gar nicht resigniert – sondern pflanze gerne auch heute wieder einen neuen Baum, wie das einst Luther sogar am Tag vor dem Weltuntergang tun wollte. Vor dem aber stehen wir gar nicht, sondern nur in einer Zeit, die sich eben schnell wandelt und uns von den bisher bekannten Bahnen wegführt. Gerade dann aber gibt es keine bessere Wegzehrung als eine breite – gerade auch politische – Bildung.

 

[1] Siehe hierzu – mit weiteren Verweisen – Werner J. Patzelt, Evolutionstheorie als Geschichtstheorie. Ein neuer Ansatz historischer Institutionenforschung, in: Jochen Oehler, Hrsg., Der Mensch – Evolution, Natur und Kultur. Beiträge zu unserem heutigen Menschenbild, Heidelberg u.a. (Springer), 2010. S. 175-212.

 

Bildquelle: https://www.archiv.uni-leipzig.de/geschichte/wp-content/uploads/sites/4/2015/10/online_litt_teaser.png