Zuwanderung: Guter Wille reicht nicht!

Am letzten Samstag (21. November 2015, Nr. 272, S. 8) erschien in der – in Soltau, Lüneburger Heide – erscheinenden „Böhme-Zeitung“ ein Pro- und Contra-Stück mit dem Titel „Bietet der Zuzug vor allem Chancen?“ Die Pro-Seite vertrat unter dem Titel „Investition in die Zukunft“ der Tübinger Juniorprofessor für Soziologie Boris Nieswand, die – etwas irreführend so genannte – Contra-Seite vertrat ich selbst unter dem Titel „Guter Wille reicht nicht“.

Unter folgendem Link ist die entsprechende Zeitungsseite erreichbar: http://docdro.id/MWsteiY. Und wer meinen Beitrag gleich hier lesen will, findet ihn nachstehend.

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Guter Wille reicht nicht.

Die Träumereien der Politik untergraben das Vertrauen in den Staat

Es ist gut, dass unser Land weltoffen sein will, Schutzsuchende aufnimmt und vielen das Angebot macht, Teil unserer Gesellschaft zu werden. Das kann auch uns selbst nutzen: Bürgersinn wächst in praktizierter Willkommenskultur; Einwanderer schließen Lücken in den Reihen von Auszubildenden, Facharbeitern, Ingenieuren, Pflegern und Ärzte, die wir durch allzu häufigen Verzicht auf Kinder entstehen ließen; neue Mitbürger brechen verkrustete Strukturen auf und öffnen neue Entwicklungspfade. Doch es reicht nicht, sich Chancen nur auszumalen. Man muss sie auch praktisch entstehen lassen und dann nutzen. Beides stellt vor Herausforderungen, die sich mit gutem Willen allein nicht bestehen lassen.

Erstens dürfen wir den Fortbestand unserer Willkommenskultur nicht gefährden. Doch dazu wird es kommen, wenn sich die Zahl der aufzunehmenden und zu beherbergenden Schutzsuchenden nicht verringert, aller gute Willen also absehbar nicht ausreicht, unseren eigenen Maßstäben beim Umgang mit Geflüchteten gerecht zu werden. Dazu wird es auch kommen, wenn Lasten und Nutzen der Zuwanderung sich unfair verteilen. Solche Ungerechtigkeit aber entsteht, wenn private Sicherheitsunternehmen, Caterer, Bauunternehmer, Vermieter und auf Flüchtlingsrecht spezialisierte Anwälte schöne Profite machen, Steuermehreinnahmen aber – vielleicht mehr noch als den Geflüchteten – vor allem ihnen zugutekommen, und außerdem in absehbarer Zeit die Steuern und Sozialabgaben erhöht werden müssen, um die Folgekosten für in unseren Arbeitsmarkt nicht integrierbare Flüchtlinge zu tragen.

Zweitens dürfen wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land nicht gefährden. Dazu aber wird es kommen, wenn zu viele Einwanderer in zu kurzer Zeit in Gegenden gebracht werden, wo es an für menschenwürdig erachteten Wohnungen, an Arbeitsplätzen und an Leuten fehlt, die beim Sichbeheimaten helfen. Dazu wird es auch kommen, wenn Zuwanderer anfangen, gegen ihre ganz unerwartet schlechten Lebensumstände in Deutschland zu protestieren, und wenn sie – wie durchaus zu erwarten ist – damit beginnen, aus den Herkunftsländern mitgebrachte Konflikte hier auszutragen. Und dazu wird es kommen, wenn sich die deutsche Gesellschaft über den Schwierigkeiten ihres Wandels zu einem Einwanderungsland zutiefst zwischen „Guten“ und „Bösen“, zwischen „Anständigen“ und „Rassisten“ zerstreitet – statt einen wechselseitig respektvollen, ergebnisoffenen und pragmatisch gesinnten Diskurs zu führen.

Drittens dürfen wir den Glauben an die Wirksamkeit unserer Demokratie ebenso wenig gefährden wie deren Stabilität. Dazu aber wird es kommen, wenn die politisch-mediale Klasse weiterhin solche Bürger wie üble Charaktere oder Dummköpfe behandelt, die sich ob eines ungedrosselten Einwanderungsgeschehens Sorgen machen und darüber empören, dass ausgerechnet unser auf sein Verwaltungskönnen so stolzer Staat sich jetzt nicht mehr in der Lage sieht, die Anzahl, Aufenthaltsorte und beruflichen Qualifikationen der seit dem letzten Herbst so unglaublich vielen Zugewanderten ausfindig zu machen. Erst recht untergräbt das Vertrauen in unseren Staat und fördert das Aufkommen wenig staatstragender Parteien, wenn dessen Politiker dennoch nicht müde werden zu behaupten, Gefahren für die innere Sicherheit gingen ausgerechnet von jener Einwanderung nach Deutschland nicht aus, die zu drosseln sie sich gleichzeitig für außer Stand erklären.

Stellen wir uns diesen Herausforderungen – auch wenn sie uns aus manchen Träumen wecken!

 

Bildquelle: http://www.p-stadtkultur.de/wp-content/uploads/2015/02/IntegrationMenschen.jpg