Links ist gut, rechts ist schlecht. Doch warum?

Man empört sich privat und öffentlich, wenn von rechtsextremistischen Gewalttaten zu hören oder lesen ist. Der Verfassungsschutz zählte 990 im Jahr 2014. Darunter waren 512 fremdenfeindliche Gewalttaten, 139 gegen (vermeintliche) Linkextremisten, 60 gegen sonstige politische Gegner, ferner ein versuchtes Tötungsdelikt (im Vorjahr: vier). Das motiviert zum „Kampf gegen rechts“ und zum Beifall für jene, die ihn führen.

Im gleichen Jahr zählte der Verfassungsschutz 995 linksextremistische Gewalttaten. Darunter waren 623 gegen Polizei und Sicherheitsbehörden, 367 gegen (vermeintliche) Rechtsextremisten sowie sieben versuchte Tötungsdelikte (im Vorjahr: drei). Wieviel öffentliche Empörung löste das aus? Wie viele bemerkbare Aufrufe zum „Kampf gegen links“? Deutlich weniger. Warum?

Nicht wenige empfinden, über Gewalt von links werde seltener und weniger eindringlich berichtet als über Gewalt von rechts. Befunde systematischer Medieninhaltsanalysen dürften solche Wahrnehmungen bestätigen. In Einzelfällen, wie im Januar zu Berlin in der Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg, lässt sich sogar nachweisen, dass politisch verhindert wurde, Linksradikale als Urheber von Gewalttaten zu benennen. Obendrein stelle man sich vor, wie die Berichterstattung über die Frankfurter Krawalle bei der Eröffnung des EZB-Gebäudes ausgefallen wäre, hätten da Pegida-Anhänger oder Rechtsradikale zur Gewalt gegriffen.

Wie also kommt es, dass – bei etwa gleich vielen Gewalttaten auf beiden Seiten – die Gewalttätigkeit von Rechten als ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem gilt, die Gewalttätigkeit von Linken aber eher nicht?

Der tiefstliegende Grund scheint zu sein: Es gilt Rechtes grundsätzlich als schlecht, Linkes aber als im Prinzip gut. Das hat damit zu tun, dass die Linke im Kampf gegen die Ungerechtigkeiten des Manchester-Liberalismus und Kapitalismus entstand sowie sich um eine aus den entstehenden Sozialwissenschaften gespeiste Weltanschauung etablierte. Sie vertrat ein objektiv gutes Anliegen in intellektuell anziehender Weise und obendrein politisch erfolgreich – wenigstens im Westen. Von den Diktaturen der Linken (von der sowjetischen über die maoistische und die der Roten Khmer bis zu jener in Nordkorea) schweigt man freilich lieber – gerade so, als ob diese mit linken Visionen nicht das mindeste zu tun (gehabt) hätten. In einer dann so licht wirkenden Tradition zu stehen, prägt bis heute das Lebensgefühl von Linken – und ebenso, wie sie ihre Gegner wahrnehmen, bewerten und behandeln. Oft gelten sie ihnen als Reaktionäre, d.h. als Leute, die den Aktionen derer in die Quere kommen, die intellektuell überlegen sind, sachlich recht haben und für das politisch wirklich Gute stehen. Also setzen sich Rechte gleichsam „von Natur aus“ ins Unrecht. Und die faschistischen Diktaturen taten das ja auch wirklich.

Gewalt ist damit noch nicht gerechtfertigt. Doch sie findet sich nun in besondere Zusammenhänge gerückt: Rechte Gewalttätigkeit steht im Dienst einer stets schlechten Sache und ist deshalb unbedingt abzulehnen; linke Gewalttätigkeit hingegen dient dem objektiv Guten – sei es als Protest gegen schlimme Zustände, sei es beim „Kampf gegen rechts“. Aufs klarste fand sich dies einst im kommunistischen „Lied von der Partei“ formuliert: „Denn wer kämpft für das Recht, / der hat immer recht / gegen Lüge und Ausbeuterei. / Wer das Leben beleidigt, / ist dumm oder schlecht, / wer die Menschen verteidigt, / hat immer recht.“

Tatsächlich beleidigen rechtsradikale Gewalttäter sehr oft „das Leben“, gerade bei ihren derzeit häufigen fremdenfeindlichen Reden oder Aktionen. Deshalb beschert es Linken tiefe moralische Befriedigung, wenn sie gegen Rechte zu Felde zu ziehen und so „die Menschen verteidigen“ – gleich ob ausgebeutete Proletarier oder unwillkommene Refugees. Und weil nicht wenige Regime „Lüge und Ausbeuterei“ gegen traditionell linke Werte wie Gerechtigkeit und Gleichheit setzten, wurden Polizei und Sicherheitsbehörden zu nachgerade „natürlichen Gegnern“ von Linken. Solche Feindbilder aber wirken nach, selbst wenn ein Staat – wie der unsere – sich ausdrücklich ehedem als „links“ geltenden Werten verpflichtet hat. Ulrike Meinhof, Kernfigur der RAF, brachte das 1970 so auf den Punkt: „Wir sagen: Natürlich, die Bullen sind Schweine, … der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch. … Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, … und natürlich kann geschossen werden.“

Zwar nicht gleichermaßen gewaltlüstern, doch auf ebenso hohem Ross moralischer Überlegenheit reiten gar nicht wenige Linke auch heute noch kampfesmutig auf freiheitliche demokratische Staaten wie den unseren zu – und kampfesfroh auf Rechte. Selbst wo Bessermenschentum nur eine jugendtypische Pose ist, macht das aus ihr folgende Handeln zum „Täter mit gutem Gewissen“. Agieren Angegriffene – gleich ob politische Gegner oder die deren Rechte schützende Polizei – dann objektiv falsch, oder reagieren sie auch nur mit Übermaß, so findet sich das gute Gewissen der Angreifer bestätigt: Der Gegner wurde als Faschist oder Rassist entlarvt, der Feind als „dumm oder schlecht“ bloßgestellt. Derlei sieht man mit Sympathie – zumal dann, wenn man selbst klug und gut sein will.

Letzteres – nämlich klug und gut zu sein – gerade jungen Leuten nahezubringen, ist ein wichtiges Erziehungsziel. Untersuchungen zeigen, dass es am besten an Gymnasien, am schlechtesten an Hauptschulen und berufsbildenden Schulen erreicht wird. Die Folge: Bald steht nicht nur „gut“ gegen „schlecht“, sondern auch „akademisch gebildet“ gegen „bloß ausgebildet“, eines Tages gar „vom Leben begünstigt“ gegen „recht kurz gekommen“. Unterm Strich sind die Linken die Besseren, Klügeren, Stilvolleren – und die Rechten die Schlechteren, Dümmeren, Groben. Die gilt es dann auszugrenzen, gerade eines „guten Gemeinwesens“ willen. Dafür eignen sich Praktiken zwischen Auslachen, Herabsetzen, ums Wort Bringen, Verscheuchen. Wird es obendrein handgreiflich, so gehören Zwillen und Steine, auch Buttersäure und Brandsätze, einfach in die richtigen Hände; dann nämlich rechtfertigt der Zweck das Mittel. Und falls bei alledem die Polizei die Rechten schützt, so handelt sie „objektiv falsch“ und wird selbst zum „legitimen Ziel“.

So wird das auch oft berichtet: Rechte provozierten allein schon durch ihr „freches Auftreten“; deswegen habe es gegolten, derlei Präsenz zu beenden oder wenigstens „protestierend zu relativieren“. Rechte akzeptierten das leider nicht; also hätten sie sie sich über die legitime Zurückweisung ihrer Gegenwehr nicht zu beklagen. Ebenso klingen die Argumente, wenn Rechte nicht mehr tun, als gesetzlich in Ordnung ist – etwa: einen Demonstrationszug zu veranstalten. Linke nämlich wissen, dass diese Demonstration falschen Zielen dient, von den falschen Leuten angeführt wird oder falsche Bilder liefert. Dann gilt erst recht, was Herbert Marcuse, Theoretiker der Studentenrevolution, schon in den 1960er Jahren ausführte: Toleranz darf nicht unparteiisch sein; und zumal gegenüber „rückschrittlichen Bewegungen“ ist sie einfach falsch. Linke Gewalttätigkeit, so unschön sie ist, kann also nötigenfalls toleriert werden; doch rechte Gewalttätigkeit, ja allein schon Präsenz: niemals!

Und die Journalisten, ihrerseits „Schleusenwärter der Öffentlichkeit“? Deren Tradition ist die Durchsetzung von Aufklärung, die Kritik der Obrigkeit, die Sicherung von Freiheit und Demokratie. Das macht sie zu natürlichen Verbündeten der Linken. Empirische Untersuchungen zeigen denn auch, dass Journalisten in westlichen Ländern durchschnittlich weiter links stehen als die Bevölkerung. Gerade wenn sie entlang ihrer eigenen Maßstäbe fair berichten, kommt deshalb die Linke meist besser weg als die Rechte. Gewalttätigkeit bei Linken erscheint dann nicht selten wie das Fehlverhalten eines Familienmitglieds, bei Rechten aber als Vorbote echter Gefahr. Also geht man damit unterschiedlich um: So solidarisch wie möglich im einen Fall, alarmbereit im anderen.

Es ist kein Missstand, dass diese geschichtlich gewachsene „moralische Asymmetrie“ zwischen links und rechts wahrgenommen und ausagiert wird. Sehr wohl aber führt es zu Missständen, wenn dies selbstgerecht und überheblich geschieht. Und es ist gar nicht in Ordnung, wenn jene Asymmetrie rein taktisch zur Beschneidung politischer Rechte Andersdenkender ausgenutzt wird, ja als Lizenz zur Anwendung von Gewalt dient. Dem sollten wir abhelfen: durch Aufklärung, Kritik und gutes Beispiel.

 

 

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