Deutscher Patriotismus und sein Wert

Werner J. Patzelt

 Deutscher Patriotismus und sein Wert

Festrede zum „Deutschen Burschentag“ auf der Wartburg, 8. Juni 2006

 

Patriotismus kommt vom lateinischen Wort ‚patria’. Es bezeichnet das Vaterland, die Heimat. Dort wächst man auf, schlägt Wurzeln, fühlt sich zugehörig. Und wer eine solche ‚patria’ besitzt, der möchte dort meist auch ein gutes Gemeinwesen bestehen sehen. Nicht selten will man selbst zu dessen Gedeihen beitragen. Genau das meint Patriotismus. Die Frage, ob es ihn brauche, stellt sich in gewisser Weise gar nicht: Es gibt ihn einfach.

 

I. Das Thema und sein Hintergrunddiskurs

Doch bei unserem Thema geht es um den auf die Nation bezogenen Patriotismus: Soll man zu seiner Nation ein freundschaftliches inneres Verhältnis nicht nur haben, sondern auch pflegen und zeigen? Auf viele Deutsche wirkt bereits diese Denkfigur befremdlich: Gehört man seiner Nation nicht einfach an, selbst gegen seinen Willen – und darum ohne Anlass, das auch noch für gut zu finden? Sicher ist eine Nation auch ein Abstammungsverband. Trotzdem kann eine Nation auch mehr sein: nämlich eine kulturelle Gemeinschaft, der man nicht nur durch Geburt, sondern auch kraft eigenen Wunsches angehören kann, aus deren Traditionen man für sich selbst Gutes zu gewinnen vermag und auf deren einende Grundwerte man sich darum einlässt – bis hin zum politischen Eintreten für sie.

Doch selbst die Vorstellung von einer so gearteten Nation ändert nichts an der Verstörung vieler Deutscher, sobald die Rede auf nationalen Patriotismus kommt. Der Debatte um ihn liegt nämlich eine Hintergrundannahme zugrunde, die zwar meist unausgesprochen bleibt, von deren trotzdem unterstellter Vernünftigkeit aber die ganze Plausibilität der Diskussion abhängt. Die sie tragende Vermutung geht dahin, dass in Deutschland, und eigentlich nur oder vor allem in Deutschland, Patriotismus etwas potentiell Gefährliches sei, sozusagen ein wildes Tier, das man besser schlafen lasse. Im Grunde gäbe man diesem wilden Tier mit ‚Patriotismus’ auch den falschen Namen: Um Nationalismus gehe es im Grunde, der – vom Schlafe aufgewacht – sich hierzulande recht unwiderstehlich zunächst in Chauvinismus verwandele und dann in Rassismus. Diesbezüglich gebrannte Kinder wie die Deutschen sollten nun aber das Feuer scheuen – und darum denn doch, anders als andere Nationen, sich ernsthaft die Frage stellen, ob es ohne Patriotismus nicht auch gehen könne. Der Hintergrunddiskurs kreist also um die Frage, ob die Deutschen ihre Nation nicht besser loswerden sollten, um anschließend, gewissermaßen wie vor dem Sündenfall von Bismarcks Reichseinigung, einesteils wieder Bayern und Sachsen, Pfälzer oder Hanseaten zu sein – und andernteils, auf der nächsten wichtigen politischen Integrationsstufe, eben Europäer. Dergestalt streiften die Deutschen im sich einigenden Europa ihre unglückliche Nation und schlimme Nationalität wieder ab, falls sie sich nur ehrlich genug auf den Weg in die postnationale Republik machten.

Es braucht nicht viel vergleichende Bemühungen, um sich das phantastisch Einzigartige eines solchen Sonderweges klarzumachen. Ist Frankreich, ist Italien auf dem Weg in eine postnationale Zukunft? Und wie antworteten wohl die intellektuellen Eliten Tschechiens, Polens oder gar der wieder entstandenen baltischen Staaten auf die Frage, wozu es im Rahmen der Europäischen Union denn Nationen überhaupt, und zumal die ihre, fortan geben müsse? Doch bestimmt mit der Gegenfrage, ob man noch bei Trost wäre! Tatsächlich fühlt sich auch Deutschlands Bevölkerung von ihren Eliten oft dort im Stich gelassen, wo diese die Inhalte und Geltungsansprüche der in unserem Land gelebten Kultur verständlich formulieren, klar erkennbar vor Augen führen und in redlicher Wertschätzung halten könnten.

Denn es zerfällt deutscher Patriotismus, ebenso der Diskurs über ihn, entlang der Milieuübergänge zwischen den ‚einfachen Leuten’ und den Gebildeten oder Intellektuellen dieses Landes. Auf der einen Seite lebt da ein ziemlich ungebrochener alltagspraktischer Patriotismus, reichend vom immer noch ernstgemeinten Lob ‚deutscher Wertarbeit’ in Technik und Wirtschaft bis hin zur besonderen Freude am Erfolg deutscher Sportler. Auf dieser Seite will man aber oft wenig von jenen schlimmen Folgen wissen, zu denen deutscher Nationalismus einst ja wirklich führte. Umgekehrt ist vielen Intellektuellen allein schon die Zugehörigkeit zum deutschen Volk vergällt und ist ihnen jede Rede von deutscher Kultur peinlich sowie der Umgang mit Symbolen Deutschlands höchst verdrießlich. Sie wittern vor allem Deutschtümelei, Schlußstrichmentalität und Revisionismus, wo von Deutschen gut über ihr Land, seine Geschichte und Kultur gesprochen wird. Hingegen sehen viele aus dem einfachen Volk in den Reihen der Politik- und Bildungseliten vor allem vaterlandsvergessene Nestbeschmutzer. Spiegelbildlich erkennt die linksliberale Intellektuellen- und Politikerschar, wo überhaupt ein Verlangen nach Patriotismus aufkommt, vor allem verstockte Ewiggestrige. Dergestalt verharrt man in einer Art kulturellem Bürgerkrieg. Der zeitigt aber so viele Verletzungen und Verluste, dass es wünschenswert wäre, ihn zu befrieden.

 

II. Hypotheken des deutschen Patriotismus

Warum Deutschland beim Patriotismus so eigentümlich ist, liegt auf der Hand: Diese Nation ist zutiefst traumatisiert. An einem Völkermord nicht – was schlimm genug wäre – als das Volk der Opfer, sondern gar als jenes der Täter beteiligt gewesen zu sein, ist eine seelische Last und schwere moralische Hypothek auch für die Nachgeborenen. Nicht viel leichter ist die Bürde einer Nation, die in keinen vierzig Jahren zwei Niederlagen in zwei als Existenzkämpfen geführten Weltkriegen erlitten hat – und eine davon in einem Weltkrieg, der in Europa allein von der deutschen Regierung aus verbrecherischem Mutwillen angezettelt wurde und weit über Europa hinaus allergrößtes Unglück brachte.

Schwere Lasten sind es auch, die der nach Deutschland heimkehrende Krieg dem deutschen Volk auferlegte: Millionen von Kriegs- und Vertreibungsopfern; die Zerstörung seiner Städte und gleichsam eines Großteils seiner Seele; den endgültigen Verlust eines Viertels seines Siedlungsgebiets und der dort einst lebendigen deutschen Kultur; die jahrzehntelange Spaltung des Landes samt dem wirtschaftlichen Ruin seines östlichen Teils; die Verlängerung der Diktatur der Nationalsozialisten durch die der Kommunisten. Obendrein beruhten die deutschen Verbrechen auch auf viel aufrichtigem Glaubenwollen und widerlich ausgenutzter Opferbereitschaft. Wenn nun aber das Ergebnis all dessen doch nur der Holocaust, der Ruin des Landes und die Zerstörung so vieler Ideale war: Wie sollte da nicht der Wunsch aufkommen nach einem Schlußstrich unter das 1871 begonnene Experiment deutscher Nationalstaatlichkeit? Wie nicht die Hoffnung, Europa werde die Deutschen von ihrer unglücksstiftenden Nation wieder erlösen – und unsere Nachbarn von einem überstarken Deutschland in Europas Mitte?

Tatsächlich wünschen sich viele Deutschland lieber als einen geographischen Namen denn als einen politischen und emotionalen Rahmen ihres Handelns. Wessen Herz für ein eher geographisch denn national bestimmtes Deutschland schlägt, kann dafür auch gute Gründe vorbringen – zumal wenn er zweifelsfrei ein Demokrat ist. Denn das Kreuz mit dem deutschen Patriotismus begann so recht mit dem Misslingen einer Verbindung von Nation und Demokratie im 19. Jahrhundert. Deutschlands Patriotismus war seither meist mit dem Obrigkeitsstaat verbunden, eine über den Nationalstaat hinausweisende internationale Orientierung hingegen oft mit dessen demokratischer Kritik. Es entstand der deutsche Nationalstaat ja nicht gemeinsam mit der Demokratie, sondern – seit dem Scheitern der Revolution von 1848/49 – gerade ohne sie. Also identifizierte sich der deutsche Patriot vor allem mit Volk, Fürst und Kaiser; von Demokraten hingegen fühlte er sein Land gefährdet und später, im Untergang des Kaiserreiches, gar verraten. Für die Weimarer Republik war das eine niederdrückende Erblast der mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg verbundenen Revolution von 1918. In diese misslungene Hülle der Haltung einesteils zur eigenen Nation, andernteils zur Demokratie trat dann der Nationalsozialismus. Er setzte gar eine Identifikation von Nation und Diktatur ins Werk. Seither klingt in Deutschland Patriotismus vielen nach Faschismus und soll demokratische Gesinnung oft genau das überwinden, was ihr doch – nach allen bisherigen geschichtlichen Erfahrungen – allein den Gestaltungsrahmen gibt: nämlich den Nationalstaat als politische Organisation von Leuten, die sich selbst regieren wollen.

Um dem vergifteten Zusammenhang von Nation und Patriotismus zu entgehen, ersann man in der Bundesrepublik Deutschland sogar eine Aushilfskonstruktion: den Verfassungspatriotismus. Denn Patriot im guten Sinn des Wortes wollte man schon sein. Nur sollte die ‚patria’ nicht geographisch definiert werden, nicht bezogen auf ein bestimmtes Volk, sein Siedlungsgebiet und seine kulturellen Besonderheiten. Festlegen wollte man sich allenfalls auf gemeinsame politische und rechtliche Grundsätze, unter denen dann auf dem gleichen Gebiet zusammenleben sollte, wer immer sie zu akzeptieren bereit war. Analoges geschah in der DDR: Dort erfand man eine neue, sozialistische Nation, die mit der bürgerlichen Nation im Westen nichts Wichtiges mehr gemein haben sollte. Das konnte die dauerhafte Existenz zweier Staaten auf jenem Gebiet rechtfertigen, wo sich einst eine deutsche Nation mit deutscher Kultur erhoben hatte. Beides führte zum Doppelversuch einer gleichsam ‚postnationalen’, das gemeinsam Deutsche an Deutschland loswerdenden Staatsbegründung.

Attraktiv war am westdeutschen Verfassungspatriotismus vor allem, dass er der Bonner Republik einen Bezugsrahmen neuen, besseren Typs zu geben versprach, als ihn die so unbestreitbare wie ungeliebte nationale Kontinuität zwischen dem Deutschem Reich und der Bundesrepublik Deutschland anbot. Obendrein stellte er in Aussicht, wirklich alle Volksgruppen, Minderheiten und Zuwanderer zu einer postnationalen multikulturellen Bevölkerung zu integrieren. Denn als in der Bundesrepublik Deutschland wirklich angekommene Mitbürger wünschte man sich gleichsam nicht türkische Deutsche, sondern demokratisch gesinnte Türken mit Deutsch als Zweitsprache.

 

III. Stärken und Grenzen von Verfassungspatriotismus

Nun zeigt sich aber mehr und mehr, dass dieser normative Bezugsrahmen von Patriotismus nicht mit jenem faktischen Bezugsrahmen von Patriotismus identisch ist, der sowohl von den lange schon Ansässigen als auch von den Zuwanderern tatsächlich verwendet wird. Zum einen lässt sich mit Verfassungspatriotismus, wie ihn die deutschen Bildungs- und Politikeliten verfechten, der alltagspraktische Patriotismus der meisten Deutschen ohnehin nicht beseitigen. Genau auf ihn treffen also die meisten Zuwanderer. Ihrerseits wollen sie meist ebenfalls nicht nur die bundesdeutschen Verfassungsprinzipien und die deutsche Sprache zum Angelpunkt ihres kulturellen Selbstverständnisses machen. Mehr aber bekommen sie an verbindenden Gemeinsamkeiten von Verfassungspatrioten nicht angeboten. Im Grunde läuft das entweder auf eine Zurückweisung kultureller Integrationswünsche hinaus – oder auf die Hinnahme einer Multikulturalität, die von Parallelgesellschaftlichkeit nicht mehr zu unterscheiden ist.

Nun ist gegen eine gemeinsame Sprache ebensowenig einzuwenden wie gegen die wertvollen Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Bloß hat sich ein allein hierauf ausgerichteter Patriotismus klar vom Bezugsrahmen einer Nation gelöst. Dann muss allerdings nicht wundern, wenn derart verwaistes nationales Denken anschließend Wege nimmt, auf denen ihm Verfassungspatriotismus nicht mehr folgen kann. Wünschenswert wäre das nicht: Verfassungspatriotismus hat sich als Patriotismus auch von Deutschen ja aufs engste mit der Idee freiheitlicher Demokratie verbunden, was einem großen Sprung unserer politischen Kultur hin zu neuen, zu besseren Zuständen gleichkommt.

Trotzdem ist die Integrationsleistung allein von Verfassungspatriotismus recht schwach. Er ist zwar ethisch und intellektuell höchst attraktiv. Doch seinem Empfindungsspektrum fehlt jene emotionale Bindung an die Leute im Land, die für zusammenhaltenden Gemeinsinn so wichtig ist. Verfassungspatriotismus allein reicht weder aus, um Zuwanderern mehr entgegenzubringen als an Vorbedingungen geknüpfte Toleranz, noch dafür, dass auch unter den Zuwanderern eine innere Bindung an jene Mitbürger entsteht, in deren Mitte sie doch leben. Und nachgerade zu einer Ausgrenzungsdoktrin wird Verfassungspatriotismus, wenn etliche seiner Prinzipien wichtigen Gruppen von Zuwanderern als unvereinbar mit jener Kultur gelten, in der sie nun einmal den Kern ihrer Identität finden und von welcher sie auch im neuen Heimatland nicht lassen wollen. Das alles erleben wir derzeit und sehen vielerlei Illusionen zusammenbrechen.

Muß es aber wirklich so sein, daß Deutschtum und demokratische Verfassungsstaatlichkeit nicht zusammenpassen? Lange war da sehr wohl eine offene Wunde, an die man besser nicht rührte. Doch die Wiedervereinigung mit dem Ende jeder deutschen Diktatur erlaubt es nun, diese Wunde vernarben zu lassen. Denn jetzt gibt es wieder einen gemeinsamen Staat der Deutschen; er ist ein demokratischer Staat; und wir haben die Chance, Demokratie und Nation schließlich doch noch zur Deckung zu bringen. Patriotismus bleibt dabei stets demokratischer Verfassungspatriotismus; doch er bezieht sich auch auf eine kulturell zusammenzuhaltende Bevölkerung in einem festen, uns zur Bewahrung und Gestaltung anvertrauten Gebiet.

 

IV. Aufgeklärter deutscher Patriotismus

Was aber wären die Inhalte eines aufgeklärten deutschen Patriotismus? Erstens muss er wirklich ein auf die freiheitliche demokratische Grundordnung bezogener Verfassungspatriotismus sein: eine offen bekundete und allem politischen Handeln zugrunde gelegte Zuneigung zu jener politischen Ordnungsform, die Deutschland unter allen Staatsformen, mit denen es unser Land je versucht hat, nun wirklich am besten bekommen ist. Verfassungspatriotismus ist somit kein ‚linkes Gegengift’ zu einem gleichsam rechten nationalen Patriotismus; er ist vielmehr des letzteren wesentlicher Mitbestandteil. Zweitens äußert sich deutscher Patriotismus im politischen Handeln und Sprechen aus einem Gesamtverständnis der deutschen Geschichte und Kultur heraus. Es wird es fruchtbar sein, unser Geschichtsdenken aus der Fixierung auf den Nationalsozialismus zu lösen: Deutschlands Geschichte und deren Lehren umfassen einfach mehr als die zwölf Jahre des deutschen Faschismus. Sie umfassen ebenfalls mehr als die vierzig Jahre der SED-Diktatur. Also ist es Zeit, wieder das Ganze in den Blick zu nehmen: das sächsisch-salisch-staufische Deutschland ebenso wie das auf eine friedliche Streitbeilegung ausgerichtete System des nachwestfälischen Reiches, den Kosmopolitismus der deutschen Klassik nicht minder als die Leistungskraft deutscher Wissenschaft und Technik. Wie lächerlich mutete es jeden Kenner an, wenn da einer die Musik von Schütz oder Bach als für Deutschlands heutige Kultur belanglos hinstellte oder umgekehrt zum Ausdruck allein einer Weltkultur erklärte, oder wenn jemand sich daran machte, die Werke Haydns, Mozarts und Beethovens von Erbstücken deutscher Kultur zum Teil einer exklusiv österreichischen Kultur zurechtzudeuten – und das beim Blick auf eine Zeit, in der die deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg kamen und im Anschluss an welche Österreich die Präsidialmacht des Deutschen Bundes war! Wie albern wäre es auch, die Frankfurter Paulskirche und das Brandenburger Tor, das Münchner Olympiastadion und die Dresdner Frauenkirche nicht einer deutschen Kultur zuzurechnen, sondern allenfalls hessischen, preußischen, bayerischen und sächsischen Teilkulturen – oder gleich einer Universalkultur! Und natürlich dürfen Deutsche auf das alles ebenso stolz sein wie Nachkommen auf die Lebensleistung tüchtiger Eltern und Großeltern. Wer es hingegen ausschlägt, sich mit freudigem Respekt in solche Traditionen zu stellen und aus ihnen Ansporn oder Maßstäbe für eigenes Handeln zu gewinnen, der wirkt so sonderbar wie ein Kind aus gutem Hause, das keine Gelegenheit auslässt, sich von seinen Eltern zu distanzieren und für wenig schätzenswert zu erklären, was diesen einst wichtig war. Doch so sind, so wirken wenigstens, viele Deutsche von heute.

Man versteht auch, warum: Das praktisch-politisch wichtigste Verhältnis zu unserer Geschichte und Kultur betrifft nun einmal auf unabsehbare Zeit den Nationalsozialismus als die zentrale, bis heute nachwirkende Katastrophe unseres Volkes. Darum muss es gerade hier unter deutschen Patrioten völlige Klarheit nicht nur in der inneren Überzeugung geben, sondern auch in der privaten wie öffentlichen Rede. Grundsätzlich sind die Verbrechen des Nationalsozialismus – darunter Diktatur, Völkermord und Angriffskrieg – weder zu rechtfertigen noch zu relativieren. Sie werden auch nicht deshalb kleiner, weil sie schon lange zurückliegen; weil keiner, der heute Verantwortung trägt, an ihnen schuld ist; oder weil die Kommunisten – wie im Schwarzbuch des Kommunismus nachzulesen – noch mehr Millionen Menschen auf dem Gewissen haben als die Nationalsozialisten. Es gibt aber auch keinerlei Grund, nicht traurig zu sein und Trauer zu bekunden über das, was Deutschland aufgrund der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus widerfahren ist: von der Verarmung seiner Kultur durch die Vertreibung und Ermordung insbesondere auch der jüdischen Deutschen über die Vernichtung der Leistungskraft so vieler Kriegsopfer an der Front und in der Heimat bis hin zur Flucht und Vertreibung so vieler Deutscher aus ihren angestammten Siedlungsgebieten und zur Zerstörung des Glaubens überhaupt an das Bestehen oder gar den Wert einer deutschen Kultur. Die jahrzehntelange Unfähigkeit, alle diese Verluste zu betrauern, auch öffentlich zu betrauern, ist bestimmt ein weiterer Grund, warum es so überaus verklemmte Beziehungen der Deutschen zu ihrer Nation gibt. Und freilich sind beide Gruppen von Tatsachen stets in ihrem Verursachungszusammenhang vor Augen zu führen: Was den Deutschen an Unrecht geschah, ist Folge des Unrechts, das die Nationalsozialisten zuerst taten. Darum sind mit aller Kraft Wiederholungen jener falschen Weichenstellungen zu verhindern, die einst den Nationalsozialismus entstehen, groß werden und an die Macht gelangen ließen. Das dreifache ‚Nie wieder’ zu Diktatur, Angriffskrieg und Völkermord muss also ein Anker deutscher Kultur bleiben.

Drittens gehört zum Patriotismus der Deutschen die Verbundenheit mit ihrer jeweiligen Heimatregion, die innere Bindung an deren Mundart, Landschaft und Bräuche. Unter den Zuwanderern wird das auf lange Zeit die innere Bindung an ihre Herkunftsländer einschließen. Vor allem in solcher Heimatliebe, die unter Zuwanderern hoffentlich mehr und mehr die neue Heimat einschließen wird, wurzelt jener alltagspraktische Patriotismus der einfachen Leute, denen der intellektuelle Zugang zum Patriotismus über Verfassungsprinzipien oder Lehren aus unserer Geschichte fremd und gesucht erscheint. Diesen regionalen Patriotismus sollte man aber nie vom auf die Nation bezogenen Patriotismus abkoppeln lassen. Schließlich werden die Zuwanderer in unser Land ja nicht zunächst einmal Schwaben oder Thüringer werden, sondern eben Deutsche. Das verlangt dann aber auch eine klare Vorstellung von dem, was es über den Besitz eines bundesdeutschen Passes hinaus bedeuten mag, ein Deutscher zu sein: Zugehörigkeit zu einer auch in kulturellen Gemeinsamkeiten lebenden Bevölkerung – oder nur Teilhabe am gemeinsamen Siedlungsrecht von einander fremd bleibenden Ethnien auf deutschem Staatsgebiet?

Viertens gehört zu deutschem Patriotismus eine nicht nur tatkräftig ins Werk gesetzte, sondern immer wieder auch in ganz selbstverständlicher Weise bekundete Zuneigung zum eigenen Land und zu dessen Leuten, zu Deutschlands Kultur und zu seinen Geltungsansprüchen als freiheitliche, demokratische und friedliebende Nation. Dem gesellschaftlichen Zusammenhalt wäre in der Tat viel geholfen, würde Vaterlandsliebe dieser Art nicht nur empfunden, sondern auch immer wieder zum Ausdruck gebracht. Soll Integration gelingen, muss nämlich Mal um Mal vor Augen geführt und diskursiv ebenso wie symbolisch in Geltung gehalten werden, was einen mit den anderen verbindet und zum gemeinsamen Handeln im Dienst des Gemeinwohls antreibt.

Gut über das eigene Land und seine Bevölkerung zu sprechen, ist die eine Weise, gerade auch in schwierigen Zeiten Motivation für tätigen Gemeinsinn zu stiften. Die Pflege nationaler Symbole ist die andere. Auch sie sollte darum zum praktizierten Patriotismus gehören. Im bundesrepublikanischen Deutschland könnte das im Grunde so leicht sein. Die Fahne steht seit dem 19. Jahrhundert für die – am Schluss doch noch siegreiche – Auflehnung gegen Autoritarismus und Partikularismus; und der Text der Hymne, eindeutig festgelegt nach der Wiedervereinigung, fordert völlig klar zum guten Tun für eine gute Ordnung auf. Bloß kennen diese Worte allzu wenige Deutsche, zumal es immer wieder als nationalistischer Unfug hingestellt wird, sie schon Schülern zu lehren. Doch wem soll es wirklich schaden, wenn er als Aufforderung für sein Handeln vernimmt: „Einigkeit und Recht und Freiheit / für das deutsche Vaterland! / Danach lasst uns alle streben / brüderlich mit Herz und Hand! / Einigkeit und Recht und Freiheit / sind des Glückes Unterpfand. / Blüh im Glanze dieses Glückes, / blühe, deutsches Vaterland!“ Es braucht ja schon ein gerüttelt Maß an bösem Willen, um aus diesen Versen abzuleiten, nur ums eigene Land und dessen Glück solle es den Deutschen gehen …

Obendrein eignen sich die neuen Staatsbauten in Berlin vorzüglich, wichtiges Erbe deutscher Geschichte samt deren freiheitlicher Neuausrichtung vor Augen zu führen und in emotionale Tiefenschichten, in gemeinsame Bilderwelten einzubringen. Da ist der Reichstag mit seiner inzwischen so populären Verbindung von Historismus und Moderne; da sind die Parlamentsbauten mit ihrer Balance aus Wucht und Leichtigkeit; da ist das Bundeskanzleramt mit seiner ganz und gar nicht vergangenheitsorientierten und trotzdem die Tradition europäischer Herrschaftsarchitektur klar wahrenden Machtgeste; und da ist das Holocaust-Denkmal, wo es ganz unmittelbar in die Abgründe unserer Geschichte hinabzusteigen gilt und jeder für sich, ohne Schutz und Kontrolle eines Kollektivs, mit den Ermordeten mitfühlen, mit den Mördern ins Gericht gehen und über seine persönlichen Aufgaben ins Klare kommen kann.

Natürlich wird deutscher Patriotismus nie wieder so flach sein dürfen, wie er früher einmal war, oder wie der Patriotismus in anderen, selbst unzweifelhaft freiheitlichen Staaten heute noch zu sein pflegt. Er muss vielschichtig sein und Dinge umschließen, die sich nicht von allein zusammenfügen. Das verlangt nicht wenigen Konservativen im von ihnen aufrichtig empfundenen Patriotismus die Füllung intellektueller Leerstellen ab, während es bei vielen Linken wieder die Liebe zum eigenen Land zu erwecken gilt. Wenn ein reflektierter, in sich stimmiger deutscher Patriotismus entstehen soll, wird also jede Seite dazulernen, wird sie Mängel an Herzensbildung und an Verstandesbildung beheben müssen.

Immerhin hat die Rückgewinnung deutschen Selbstbewußtseins inzwischen begonnen – vordergründig-aufgesetzt in der Außenpolitik der rot-grünen Koalition, viel länger schon in den deutschen Städten und ihrer Architektur, und seit der Wiedervereinigung auch in der geschichtlichen Erinnerung und politischen Kultur. Die Härte so vieler Deutscher gegen die eigene Nation beginnt sich zu mildern, vielleicht auch die Selbstgerechtigkeit und Fühllosigkeit der Nachgeborenen. Trauer über das eigene Land und Volk kann man allmählich zeigen ohne Vorwürfe zu erregen, man wolle die Geschichte revidieren oder das Leid derer relativieren, die deutschen Verbrechen zum Opfer fielen. Bertolt Brechts Verse mag man neu entdecken, die nichts beschönigen und trotzdem mit Wärme von unserem Land sprechen: „O Deutschland, bleiche Mutter! / Wie sitzest du besudelt / Unter den Völkern. / … / Wie haben deine Söhne dich zugerichtet / Dass du unter den Völkern sitzest / Ein Gespött oder eine Furcht!“ Eben aus Trauer darüber, wie Deutsche und ihre provozierten Gegner unser Land zugerichtet haben, kann Mitleid erwachsen – und dann auch Zuneigung zu einem Volk, das ganz ohne Zweifel die Lehren aus seiner Geschichte gezogen und ein neues Deutschland auf guten Wertgrundlagen errichtet hat. In unserer Nation Patriot zu sein, meint darum: mitwirken, dass dieses alte Land weiter blühen kann im Glanz des Glücks von Einigkeit und Recht und Freiheit. Was soll daran schlecht oder gefährlich sein – und was spricht dagegen, dergleichen einen deutschen Patriotismus zu nennen und zu ihm alle einzuladen, die in diesem Lande leben?

 

V.  Die einende Kraft von deutschem Patriotismus

Sollte es denn wirklich keine Gemeinsamkeiten geben, zu denen man andere einfach deshalb einlädt, weil man sie selbst als so gut und schön empfindet, dass man sie gerne mit anderen teilt? Aber anscheinend glauben viele Deutsche wirklich, überhaupt nichts an ihrer Kultur sei liebenswert oder wenigstens so, dass andere es mögen, sich gar von ihm bereichert fühlen könnten. Vielleicht sind es auch genau diese Deutschen, welche Multikulturalität nur als Bereicherung des eigenen Landes, nicht aber auch als ein solches Reichermachen von Zuwanderern begreifen können, das sich durch Mitteilen und Teilen unserer eigenen Kultur vollzieht. Vielleicht sind es ja wirklich in erster Linie Bildungsmängel, die so vielen die Rede von einer deutschen Kultur als ganz inhaltsleer erscheinen lassen. Denn wer jenseits alltagspraktischer Fertigkeiten und fachlichen Spezialwissens eben nichts von deutschen Kultur weiß, wem also Großteile der deutschen Literatur, Musik, bildenden Künste, Gebräuche und Geschichte fremd sind, der mag tatsächlich vermuten, da gäbe es eben auch nichts. Er täuscht sich aber und merkt es nur nicht – obwohl ihn die seit Jahrhunderten so große Anziehungskraft deutscher Hoch- und Alltagskultur leicht eines besseren belehren könnte.

Wie anders könnte es auch sein! Kaum ein Bürger der US-amerikanischen Zuwanderernation wird vermuten, Zweifel am Bestehen und am grundsätzlichen Wert der US-Kultur wären vernünftig, oder zurückhaltender Umgang mit der US-Kultur sei angebracht. Eher wird er sich darüber wundern, dass die Deutschen ihren Zuwanderern materiell oft Ansehnliches bieten, doch ideell ihnen ein höchst dürftiges Angebot machen: Keinerlei Kulturinhalte werden aufgewiesen, mit deren Aneignung die Perspektive auf ein wirkliches und nicht nur formales Dazugehören zu den im Land geborenen Deutschen verbunden wäre – oder gar irgendwelche Hoffnungen auf ein Stolzseindürfen! Deutschsein wird statt dessen in Aussicht gestellt wie Zahnweh oder Mundgeruch.

Doch auch für unser Land wird gelten: Dass Deutsche nicht nur weiß oder braun, sondern ebenso schwarz, rot oder gelb sein können, wird erst dann zum gelebten Alltag werden, wenn den Deutschen – den lange schon ansässigen ebenso wie den vor kurzem zugewanderten – wieder in großer Selbstverständlichkeit das Bestehen einer vielgestaltigen, immer schon vieles Mitgebrachte verlässlich integrierenden deutschen Kultur bewusst und auch erwünscht sein wird, einer Kultur, die nicht nur die Verfassungsprinzipien, sondern auch das Alltagsleben umfasst und in die wirklich jeder eintreten kann, der ihre Werte und Praxen teilen und seine eigenen Traditionen mit den ihren verbinden will. Gerne darf man eine solche Kultur auch eine ‚Leitkultur’ nennen. Schon sehr absichtsvoll und kunstfertig muss man ja diesen Begriff missverstehen, um sich von ihm auf Abwege geleitet zu fühlen. Doch tatsächlich wird nicht jener den Weg zur kulturellen Ausgrenzung von Zuwanderern oder gar in einen neuen Rassismus einschlagen, der den Begriff der Leitkultur verwendet. Viel eher dürfte der einen solchen Weg gangbar machen, welcher ‚ethnische Deutsche’ von ‚eingebürgerten Deutschen’ trennen und in dauerhaft unterschiedlichen Kulturen festhalten will.

Also kann schon vom Ansatz her der Einwand nicht überzeugen, mit der Pflege von deutschem Patriotismus betreibe man das Geschäft fremdenfeindlicher Rechtsextremisten. Es verhält sich genau anders herum: Wer deutschen Patriotismus nicht pflegt, lässt die mächtigen mit ihm verbundenen Gefühle in den Bannkreis der Rechten ziehen. Dort droht ihnen nur neuer Missbrauch – wie in der anfangs so populären Diktatur der Nationalsozialisten, die ja gerade kein Höhepunkt praktizierter Vaterlandsliebe, sondern deren schlimmstmögliche Entstellung war. Müsste es, solche Zusammenhänge vor Augen, nicht eine zentrale Aufgabe aller deutschen Verfassungspatrioten sein, auch nicht den geringsten Teil von deutschem Patriotismus je wieder exklusiv den Rechtsradikalen zu überlassen?

Ja, genau das ist unsere Aufgabe: Deutscher Patriotismus gehört fest in die Hand deutscher Demokraten! Bleiben wir also nicht länger in der Position von Beobachtern, die sich zu mehr nicht aufraffen als zur Forderung nach einer Debatte über deutschen Patriotismus. Sagen wir einfach, was da an Patriotismus sein sollte: erstens ein auf die freiheitliche demokratische Grundordnung bezogener Verfassungspatriotismus; zweitens ein Gesamtverständnis deutscher Geschichte und Kultur, aus dem wichtige Lehren zu ziehen sind – wie das dreifache ‚Nie wieder’ zu Diktatur, zu Angriffskrieg und zu Völkermord; drittens die Verbundenheit mit der jeweiligen Heimatregion, die innere Bindung an deren Mundart, Landschaft und Bräuche; und viertens eine nicht nur tatkräftig ins Werk gesetzte, sondern immer wieder auch in ganz selbstverständlicher Weise bekundete und obendrein in der Pflege der Staatssymbole zum Ausdruck gebrachte Zuneigung zum eigenen Land und zu dessen Leuten, zu Deutschlands Kultur und zu Deutschlands Geltungsansprüchen als einer freiheitlichen, demokratischen und friedliebenden Nation. Hält man sich diese Inhalte von deutschem Patriotismus vor Augen, mag sich auch jede weitere Diskussion erübrigen: Es ist doch zu offenkundig, um wie Sinnvolles und völlig Unanfechtbares es bei deutschem Patriotismus geht.

Ihn sollten wir darum wirklich zu einer lebendigen Kraft in unserem Volk und in unserer Bevölkerung machen. Diese Kraft würde – anders als der mißbrauchte Patriotismus des Kaiserreichs oder gar der nationalsozialistischen Diktatur – nichts als Glück über unser Land bringen: ein Glück, dessen Unterpfand Einigkeit bei aller Verschiedenheit wäre, desgleichen Recht und Freiheit. Und wirklich werden wir uns von dieser Ausprägung von deutschem Patriotismus wünschen dürfen: „Blüh’ im Glanze dieses Glückes – blühe, deutsches Vaterland!“

 

 

 

Bildquelle: http://www.fotos-aus-der-luft.de/Thueringen/Wartburg_04.html?g2_imageViewsIndex=1