Hartmut Rosa und die Tiefenschichten von PEGIDA

Werner J. Patzelt

Unter dem Titel „Fremd im eigenen Land?“ erschien heute, am 20. April, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Nr. 91, auf S. 6 ein vorzüglicher Artikel des Kollegen Hartmut Rosa, Professor für Soziologie an der Universität Jena. Er behandelt jenen Teil des PEGIDA-Phänomens, den zur allgemeinen Aufmerksamkeit zu bringen ich mich seit Dezember bemühe: Bei PEGIDA geht es nicht einfach um „Rassismus und Xenophobie“, sondern um tiefgreifende Störungen im Verhältnis von Bürgern und politischem System.

Den Katalysator des sich „PEGIDA“ nennenden Dresdner Vulkanausbruchs – nämlich jene Verteilungs- und Kulturkonflikte, in die sich eine nicht-expandierende Einwanderungsgesellschaft unvermeidlicherweise hineinbegibt, und zwar zumal unter den Bedingungen einer rein passiv hingenommenen Einwanderung – schiebt Rosa zwar, wie mir scheint, allzu achtlos zur Seite. Er tut dies aber, weil sein analytisches Interesse nun einmal ganz und gar jenen Tiefenschichten der Entfremdung zwischen – zumal ostdeutscher – Bürgerschaft und politischem System gilt, von denen her sich die Energie des PEGIDA-Phänomens in der Tat speist. Diesbezüglich halte ich seine Analyse für sehr treffend.

Zwar würde ich selbst das, was Rosa in Begriffen einer soziologischen „Resonanztheorie“ betrachtet, in den Begriffen einer politikwissenschaftlichen „Repräsentationstheorie“ ausdrücken. Dieser Unterschied läuft aber letzten Endes nur darauf hinaus, ob man sich über denselben Gegenstandsbereich „auf Mathematisch“ oder „auf Fachchinesisch“ verständigt. Alltagssprachliche Übersetzungsherausforderungen stellen sich in beiden Fällen; und fachwissenschaftliche Perspektivenunterschiede, nützlich für differenzierende Einblicke in den Gegenstand, sind ohnehin der Reiz mannigfaltiger Abbildungen desselben Phänomens.

Die Lektüre von Rosas Aufsatz sei jedem empfohlen, der das PEGIDA-Phänomen von seinen systemischen Tiefenstrukturen her verstehen möchte. Der Text verschleudert die aus ihm zu gewinnenden Einsichten allerdings nicht, sondern verlangt einiges an intellektueller Spannkraft und an mitdenkendem Durchhaltevermögen. Wer beides aufbringt, der wird am Ende wichtige Antriebskräfte von PEGIDA gut verstanden haben. Neugier auf sie setzt allerdings voraus, dass man sich mit den Fastfood-Erklärungen aus Packungen mit Aufschriften wie „Rassismus“ und „Xenophobie“ nicht mehr zufrieden gibt, sondern sich – sozusagen – statt zu McDonalds in die gehobene Gastronomie begibt.

Ich will im Folgenden keine Zusammenfassung von Rosas analytisch sehr reichem Artikel geben, sondern nur auf die wichtigsten Schnittstellen zu meinen eigenen Analysen verweisen.

Am deutlichsten sind – neben dem am Ende dieses Beitrags zitierten letzten Abschnitt aus Rosas Text – sie in der folgenden Passage:

„Sofern diese [= die im Text vorgetragene] Analyse richtig ist, appellieren latent oder offen fremdenfeindliche Organisationen wie die AfD oder Pegida gar nicht unmittelbar an xenophobe oder rassistische Instinkte: Sie knüpfen an durchaus rational begründete oder begründbare Entfremdungserfahrungen an und instrumentalisieren sie für ihr rechtspopulistischen Zwecke, wobei sie freilich an durchaus vorhandene, tiefsitzende Vorurteilsstrukturen anzudocken vermögen“.

Abgesehen davon, dass in Rosas Text allenthalben klärungsbedürftig bleibt, was denn genau mit „Fremdenfeindlichkeit“ gemeint ist und ob dieser Begriff dem mit ihm zu erfassenden Phänomen wirklich gerecht wird, scheint mir genau das der Zusammenhang zwischen den von PEGIDA-Gegnern vehement aufs Korn genommenen „Oberflächenerscheinungen“ PEGIDAs und dessen politisch-kulturellen „Tiefenstrukturen“ zu sein.

Jene „Entfremdungserfahrungen“ haben verschiedene Ursachen. Diese sind – gerade so, wie auch ich das seit langem vertrete – in den neuen Bundesländern sowohl besonders als auch besonders stark ausgeprägt. Das tiefenstrukturelle Zentralphänomen, grundsätzlich quer über Deutschland demoskopisch messbar, beschreibt Rosa so: „Die Befragten fühlen sich fremd im eigenen Land“. In eigenen Analysen (etwa in einem mehrfach verwendeten Vortragstext, publiziert auf meinem Blog wjpatzelt.de am 1. März als „Was ist PEGIDA – in Dresden und anderswo?“) habe ich das, was Rosa in seinem Text ausführt, unter den Überschriften „Ohnmachtsempfindungen“ und „Veränderungsängste“ abgehandelt. In anderen Zusammenhängen erörtere ich das gleiche als „Heimatverlust“.

Rosa bringt die folgenden Entfremdungsgründe vor: Zumal ältere Mitbürger – bei PEGIDA besonders oft unterwegs – fühlen sich durch unseren raschen sozialen, technischen und kulturellen Wandel entheimatet; in Ost und West empfinden Bürger die (ihnen oft eher mit der Behauptung einer „Alternativlosigkeit“ des politisch Gewollten als mit „Zuhörenwollen“ kommenden) politischen Institutionen bzw. Akteure als „nicht responsiv“, als „resonanzverweigernd“, als „hinter ihrem Rücken wirkend“; und in den neuen Bundesländern wird obendrein die „westdeutsche Demokratie“ wie ein übergestülptes Institutionensystem empfunden, das heute nicht minder als in den Jahren nach der Friedlichen Revolution „Selbstwirksamkeitserfahrungen“ verweigert.

Tatsächlich steckt genau dies alles, von mir seit Langem gerade so erklärt, hinter Empörungsrufen wie „Wir sind das Volk!“ und „Volksverräter!“. Deshalb stimme ich mit Rosa auch völlig überein, wo er zu formulieren beginnt: „Dass Bürger auf die Straße gehen und gegen entfremdende politische Verhältnisse demonstrieren, ist weder bedenklich noch verwerflich. Sie sollten nur aufhören, die Fremden für jene Verhältnisse verantwortlich zu machen. Sie sind nicht nur die falsche Projektionsfläche eines berechtigten Unbehagens, sondern könnten sogar eine höchst wirkungsvolle Hilfe dafür sein, den kollektiven Anverwandlungsprozess [von Bevölkerungswillen durch die politische Klasse] wieder in Gang zu bringen“.

Mit diesem letzten Satz stimme ich wieder völlig überein, und aus genau diesem Grund habe ich selbst von Anfang an öffentlich gefordert, es müsse sowohl seitens von PEGIDA-Anhängern als auch seitens der politischen Klasse ein breiter, öffentlicher Kommunikationsprozess über die integrationspolitischen Herausforderungen unserer Einwanderungsgesellschaft in Gang gesetzt werden. Von Rosa unterscheide ich mich hingegen beim zweiten zitierten Satz, nämlich bei der Bewertung der Rolle „der Fremden“. Während nämlich Rosa dafür hält, die Folgen von Einwanderung seien nur eine „Projektionsfläche“, halte ich die Einwanderungsfolgen für einen Katalysator (ja leider auch ganz im Wortsinn: für einen Brandbeschleuniger) beim Ausbruch all jener Spannungen, welche die entstandene Entfremdung zwischen politischer Klasse und Bevölkerung zeitigt. Dass große Teile von politischer Klasse und Öffentlichkeit versuchen, diese einwanderungsbezogenen Spannungen recht bequem dadurch aufzulösen, dass sie von der Bevölkerung einfach „mehr guten Willen“ verlangen, scheint mir nur ein weiterer jener vielen aus der Geschichte bekannten und unvermeidlich scheiternden Versuchen zu sein, vor realen Problemen ins Gefilde idealistischer Projektionen zu flüchten.

Völlig in Übereinstimmung mit Rosa befinde ich mich wieder dort, wo er Grundprobleme politischer Repräsentationsbeziehungen analysiert, in seiner Sprache: „resonanztheoretisch“. Ich drücke das Gemeinte zunächst einmal in meinen eigenen Begriffen aus:

Tatsächlich ist Politikverdrossenheit mitsamt ihrer ostentativen Kultivierung Ausdruck von Repräsentationsmängeln. Insbesondere ist das europaweit verbreitete Aufkommen rechtspopulistischer Parteien ein doch nur schwer zu übersehender Hinweis darauf, dass die Europas „goldenen Jahrzehnte“ heraufführenden christ- und sozialdemokratischen Parteien, ihren mehr und mehr gemeinsamen Idealen folgend, eine „Repräsentationslücke“ am rechten Rand des politischen Spektrums haben entstehen lassen. Diese Lücke wird nun seit langem rechtspopulistisch gefüllt. Zum entsprechender Erfolg rechtspopulistischer, rechtsradikaler, ja auch rechtsextremer Bewegungen trägt verstärkend bei, dass die etablierten politische Klasse – vom linken Rand bis zur rechten politischen Mitte – sich partout nicht davon überzeugen lassen will, sie müsse wieder offensiv die diskursive Lufthoheit über der Grenzmark zwischen rechter Mitte und rechtem Rand erringen. Stattdessen genügt sie sich darin, unsere politische Kultur rein defensiv gegen die in dieser Grenzmark aufwachsenden Bewegungen abzuschotten. Das aber wird auf Dauer ebenso wenig gelingen wie der Abwehrkampf des (west-) römischen Reiches gegen die herandrängenden germanischen Völkerschaften.

Rosa diskutiert das alles höchst zutreffend in den Begriffen seiner „Resonanztheorie“. Die anzustrebende „Resonanzbeziehung“ (in politikwissenschaftlicher Sprache: „Repräsentationsbeziehung“) „entsteht nur und erst dort, wo sich zwischen den Beteiligten eine Beziehung des antwortenden Sprechens einstellt. Sie setzt voraus, dass die eigene Stimme des jeweils anderen vernehmbar wird“. Genau so verhält es sich.

Eben die Entstehung dieses anzustrebenden Zustands wird aber von vornherein unterbunden, wenn man – wie im Streit um PEGIDA – Diskursverbote mit Andersdenkenden verhängt oder praktiziert. Doch wichtig ist bei der Führung von Diskursen solcher Art freilich auch, dass man – in Rosas Ausdrucksweise – „ein identitäres Echo-Konzept von Resonanz“ vermeidet, d.h. – nun in meiner Sprache – einfach den Andersdenkenden nach dem Munde redet und somit – im Endeffekt – bloß „pathologisch verstärkt“, was da populistisch, ja vielleicht auch radikal oder gar extremistisch von Andersdenkenden in den politischen Diskurs eingebracht wird.

Gerade hier setzt nun die Forderung nach dem ein, was Ernst Fraenkel einst die – von Intellektuellen und Politikern zu leistende – „Veredelung des empirisch vorfindbaren Volkswillens“ nannte. Darüber habe ich selbst, bezogen auf das PEGIDA-Phänomen, ausführlich am 21. Januar in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ geschrieben‘; der Originaltext ist zugänglich über meinen Blog wjpatzelt.de als „Was brodelt unterhalb von Pegida?“ Zwar fehlt hier der Platz, die Deckungsgleichheit dieser repräsentationstheoretischen Überlegungen mit Rosas resonanztheoretischen Ausführungen vor Augen zu führen; doch vergleichendes Lesen beider Texte lässt sie leicht erkennen.

Und somit ist festzuhalten:

Rosa und ich kommen im Grunde zur gleichen Erklärung des PEGIDA-Phänomens, wenngleich wir die Rolle der Probleme unserer Einwanderungsgesellschaft beim Akutwerden dieses Phänomens anscheinend unterschiedlich einschätzen. Und diese Erklärung lautet im Wesentlichen so: „Das Problem, auf das Bewegungen wie Pegida oder neue Parteien wie die Piraten oder die AfD reagieren und das ihren Nährboden bereitet, sind … nicht die Flüchtlinge oder die Muslime, selbst wenn deren Anhänger das glauben mögen und deren Organisatoren das geschickt vorgaukeln. Das Problem liegt darin, dass die Resonanzachse zwischen der etablierten Politik und weiten Teilen der Bevölkerung gebrochen ist, dass ihnen [d.h. vielen Bürgern, darunter zumal auch gutwilligen und besorgten] die Politik nicht mehr zu antworten scheint“.

Wem also PEGIDA missfällt, sollte sich ans Reparieren dieser „Resonanzachse“ machen. Bloß – die wertvollen Grundsätze unserer Demokratie mit schönen Reden und guter Musik feiernd – voller Empörung dabei zuzusehen, wie Deutschlands Gesellschaft auseinanderdriftet, ist hingegen keine angemessene Haltung. Im Grunde ist sie sogar unpolitisch – und somit nicht die Haltung, zu der sich ein wirklich „guter Bürger“ durchringen sollte.

 

 

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